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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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projectid0681f866
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Achtzehntes Kapitel

Eine bedeutsame, beinah symbolische Erscheinung jener Zeit bürgerlicher Umgestaltung ist der Ästhet FRIEDRICH THEODOR VISCHER. Man könnte ihn den Erschaffer des Spießbürgers wider Willen nennen, eines Typs, der alle angeht.

Sein Buch «Auch Einer» stellt den geistigen Menschen in den Kampf mit den Nichtigkeiten und läßt ihn hier Opfer werden. Trotz aller Gegenanstrengungen unterliegt der Hochstrebende «der Tücke des Objekts»; das faustische Problem von den «zwei Seelen in einer Brust» tragikomisch auf den Alltag übertragen. Ein Typ, der jedem Zeitgenossen sein Ebenbild vorhielt, denn wer damals nicht Spießbürger mit Genuß war, der mußte es wider Willen sein.

Theodor Vischer fing seine Bahn sehr munter an. Ein Bänkellied auf eine wirklich tragikomische Begebenheit («Leben und Tod des Josef Brehm, gewesten Helfers zu Reuthlingen, eine Morithat») machte ihn als Student schon geradezu berühmt. Das Blatt wurde überall verkauft, brachte ihm sogar Moneten ein und schon viel Für und Wider der öffentlichen Meinung. Auf seinem ganzen Wege war Vischer von einer großen Anhängerschaft gefolgt als Vortragender Professor in Zürich, Tübingen und Stuttgart. Zu seinem 80. Geburtstag war die Stadt Stuttgart, wo Vischer damals wirkte, geflaggt. «Ich bin doch kein König?» fragte er verwundert.

Vischers ästhetischer Standpunkt ist im 20. Jahrhundert überwunden. Es macht nachdenklich, daß, obwohl Vischer humoristisch den «Durchschnittsmenschen» in Schrift und Wort zu verspotten liebte und in seinen Vorlesungen sehr gern ein Lob für Vagabunden und Fahrende anbrachte, er doch eigentlich selbst die Anschauung des Spießbürgers hatte. Er liebte Böcklin, aber gerade so, wie ihn die große Menge verstand, gerade die genialen Momente dieses Meisters störten ihn. Er liebte Mörike, aber er bedauerte doch, daß dieser Sensible «mit der Zeit nicht hausgehalten, so viel gebastelt und getöpfert habe», als wenn diese Schwäche Mörikes es nicht eben gerade ausmachte, daß es Mörike war.

Vischers Ästhetik machte trotz des hohen geistigen Niveaus jene Unwichtigkeiten literaturfähig, die dem Spießbürger glattweg Inhalt des Privatlebens sein konnten, die in früheren Zeiten wohl als ein nicht zu ertötendes Nebenbei hier und da auftauchten, auch in Briefen oder Berichten, jetzt aber zum erstenmal, wenn auch humoristisch, wissenschaftlich zusammengestellt, zum anerkannten Lebensbestand erhoben wurden.

Vischers «Auch Einer», von seltenem Reichtum bizarrer Gedanken, ist im Grund der seltsame Versuch eines lehramtlichen Professors, sein eigenstes Ich von diesem dozierenden Professor zu befreien.

«Ich» beginnt eine italienische Reise. Im ersten Gasthof schon wohnt er Wand an Wand mit «Auch Einer». Er kann nicht einschlafen. Er hört, daß es dem Wandnachbarn nicht anders geht. Er hört dessen Selbstgespräch. Er klopft schließlich an seine Tür und geht hinein zu ihm:

«Mit zornsprühenden Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der Bewohner auf mich zu, er schien mich an der Kehle packen zu wollen; plötzlich aber faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit durchdringendem Blick an und sagte streng:

‹Mein Herr, Sie führt ein Bildungsbedürfnis hierherein.›

Es war mit meinem Gewissen nicht sonderlich bestellt, denn ich hatte doch eine Formverletzung begangen; dies machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: ‹Ja›, und fragte nun, was er denn aber um's Himmels willen eigentlich habe. A. E. – so wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der Kürze halber nennen – fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand und schrie mit Donnerlaut: ‹Meine Brille, meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal verkrochen – vom Schlüssel, dem kleinen Teufel, vorerst nicht zu reden!›

‹Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt es wert, daß man in solche Wut gerate? Kennen Sie denn auch gar keine Geduld?›

Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber auch diesmal wieder, sah mich an und sagte: ‹Schraubenschlüssel? Pfropfenzieher?›

‹Was soll das?›

‹Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich habe eine Frau; ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung unaufgeschnitten lese und jahrelang eine Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Übung dieser Tugend an meinen Rock statt Knopflöcher und Knöpfe Schrauben und Schraubenmütter tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe, und ich könnte jedesmal, wenn ich den Rock öffnen wollte, jene mit einem Schraubenschlüssel, diese mit einem Pfropfenzieher aufmachen. – O was! Ein Weib ist fähig, über einen Schrank einen Teppich so zu legen, daß er über die oberste Schublade überhängt und sooft diese gezogen und geschlossen wird, sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat Zeit für den Kampf mit dem Racker Objekt, sie lebt in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein Mann darf und soll keine Zeit hierfür haben, er braucht seine Geduld auch für das, was der Geduld wert ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie können doch wissen, daß die elenden Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas fertigzubringen, was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder Knäuel eines Bändels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste eilt, einen klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine Zeit für euch! Und wenn ich tausend Blutegel an die Ewigkeit setze, sie ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch heraus!›

‹Was nützt aber die Wut?›

‹Oh, geistlos! Hat es Luther nichts genutzt – falls von Nutzen die Rede sein soll –, wenn er den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen liegt?›

Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille. Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch in einem Bretterspalt; ich glaubte darin etwas schimmern zu sehen, strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und die Entdeckung war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten Mann leicht am Arm und deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte die vermißten Gläser und begann: ‹Sehen Sie recht hin! Bemerken Sie den Hohn, die teuflische Schadenfreude in diesem rein dämonischen Glasblick? Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!›

Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand wirklich im Mißverhältnis zum Werte des Gegenstandes, endlich war es gelungen, er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit feierlicher Stimme: ‹Todesurteil! Supplicium!› hob den Fuß und zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub umherflog.

‹Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille›, sagte ich nach einer Pause des Staunens.

‹Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens hat ihre Strafe für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. Kommen Sie, da, sehen Sie!› Er zog seine Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der Tat gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz Zwiebel. ‹Statt dieses redlichen, treuen Wesens›, fuhr er fort, ‹fungierte eine goldene Repetieruhr, die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus, jahrein mit Tücken jeder Art, ging nie recht, benützte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich zu verstecken, Gläser zerbrachen so viele, daß es mich bald an den Bettelstab gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit den Haken der goldenen Uhrenkette in Einverständnis, in Verschwörung. Mit den Haken, mein Herr, hat es nämlich eine eigene Bewandtnis. Das Tendenziöse, was im Objekt überhaupt liegt darüber wäre einiges zu sagen, mein Herr, aber das ist von langer Hand – das Tendenziöse spricht sich so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im Umgang mit diesen hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man denkt: dich kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; eben darüber wird man im Gegenteil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so manchen anderen Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen Knopf seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich folgenden Possen gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich bemerkte nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie trug, Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit, rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten, schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße Hochzeitskleid der Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin rechts heftig auf die Zehen; ein anderer, der helfend eingreifen will, stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter sein Glas um – oh, es war ein Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz, ein echt tragischer Fall: die zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen zu wollen; mich ergreift die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, schwinge sie empor, der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich, es gibt bös Blut, die Braut war ohnedies halb ohnmächtig, kurz, – ich mag nicht weitererzählen, denn nun wurde die Sache komisch.›

‹Ernst, wollen Sie sagen?›

Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle gesunden Begriffe verwirrt; ich verzichtete auf weiteres Eingehen und bat ihn, das Trauerspiel von Haken und Uhr zu vollenden.

‹Ja, so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht über das Tischchen, worauf ich die Uhr achtsam gelegt, leise hinüber nach dem Bett, nestelte sich in eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir überflüssig, ich hob es rasch auf und warf es an das Fußende des Bettes, die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte Maus, ich kann schwören, daß es ein Laut war, der nicht im Umfange der physikalischen Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin der Zeit um niederträchtig geringes Geld gekauft; betrachten Sie die Gute: bemerken Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir – unberufen, unberufen! – treu und ehrlich, ja ich kann sagen, nicht einen Verdruß hat sie mir bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken wurde zu schmachvollem Tod in der Kloake verdammt, und ich trage meine redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; Johann, der muntere Seifensieder.›

A. E. war während dieser Darstellungen deren Breite er sich zu gefallen schien, ganz ruhig geworden und fuhr gelassen fort:

‹Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser schwarzen Morgenstunde!

Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen ab, da ich sie anziehen will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf; ich weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen hundertjährigen Eichbaum kann ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber der Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebensosehr gar nicht anwenden, sondern ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten, und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, töte, das Widersprechende zu leisten – o lustig! – springt die Schmachcanaille erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, wahrheitsliebenden und besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann ist es erst recht nichts damit. – Weiter! – Nur im Vorbeigehen will ich anführen, daß mich zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges Armloch gute fünf Minuten lang insultiert hat, – dabei blieb ich aber noch ganz ruhig – denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber sehen Sie diesen Schlüssel!› – er zog einen kleinen Schlüssel hervor, der wohl zu seiner Reisetasche gehörte – ‹und sodann diesen Leuchter!› er hielt mir den metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß ich in die Höhlung seines Fußes sah; – ‹was glauben, was denken, was sagen Sie?›

‹Ja, was weiß denn ich?›

‹Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute morgen diesen Schlüssel gesucht, – es war zum Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen Sie, so!› Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett, stellte den Leuchter darauf; der Schlüssel fand just, wie ausgemessen, Platz unter dem Leuchterfuß.

‹Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung kommen, wer so übermenschliche Vorsicht üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden! Und dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine arme, kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen und wieder suchen! Man sollte nicht sagen: so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein: gesucht! – Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir das!›»

 

Damit war die Präzisierung von der Tücke des Objekts in die Welt gesetzt. Der wundeste Punkt des Spießbürgertums sozusagen in ein feststehendes System von beinah wissenschaftlicher Würde gebracht. Alle Einzelheiten des Kampfes mit der Bagatelle und seinen zahllosen Möglichkeiten waren Urstoff aller bürgerlichen Witzblätter, ausreichend für zwanzig Jahre. Im zweiten Teil des Buches muß sich das erste Ich mit dem Tagebuch des zweiten auseinandersetzen. Hier werden die «Bagatellen» schon «Teufel» genannt. Humorvoll, aber professional gründlich, pedantisch klar werden sie registriert und expliziert:

Hauptarten der Teufel

A. Innere Teufel

Schleimhäute. Zunge. Kehle. Lunge. Zwerchfell. Magen. Gedärme. Blase. Gelenke. Sehnen. Nerven. Gehirn. Augen. Nase. Ohren. Haut. Hals. Rücken. Arme. Finger. Kreuz. Beine. Zehen. Nägel.

Es fällt sehr auf, wie wenig dies ist. A. E. hätte ja eigentlich alle empfindungsfähigen Stellen unseres Körpers, selbst die mikroskopisch kleinste, aufführen müssen. Er wollte sich auf die vorzüglich gefährdeten beschränken und diese nur in Bausch und Bogen angeben, wurde an diesem Verfahren irre, fing an, mehr ins einzelne zu gehen, führte unter anderem die einzelnen Teile des Auges auf, z. B. Lid und Wimper (offenbar, um nachher das peinliche Einstrupfen von Wimperhaaren anzubringen), er sah im Fortgang ein, daß er ins Unendliche geriete, strich wieder aus, schrieb doch wieder, strich wieder aus und so fort. – Merkwürdig verloren steht zwischen dem übrigen das Gehirn, doch begreift man die Verlegenheit des Anordners; denn von der einen Seite wird freilich jeder Eindruck im Gehirn erst empfunden, und demgemäß müßte eine klare Einteilung zeigen, daß hier alles im Mittelpunkte sich sammelte; von der anderen Seite gibt es aber doch auch lokale Leidenszustände des Gehirns, und insofern war dies Zentralorgan unter andere einzureihen. Ersichtlich ist übrigens, daß er unter Gehirn auch die geistigen Funktionen in der Weise mitinbegriff, daß er an Durchkreuzungen eines Gedankenzusammenhangs durch Vorstellungen dachte, die in denselben nicht gehören, an Zerstreutheiten, Gedächtnisirrungen und dergleichen, wie solche sich dann im Sprechen äußern, da die Zunge aufgeführt ist, so haben wir allerdings das Material beisammen, um erwarten zu können, daß nachher in der betreffenden Rubrik der entsprechende Zufallsakt, also z. B. närrisches Vernennen, nicht fehlen werde.

B. Äußere Teufel

a) Unorganische und abgestorbene organische Stoffe.

Luft. Wind. Licht. Finsternis. Nebel. Wasser. Regen. Schnee. Eis. Erde. Morast. Pfützen. Staub. Sand. Steine. Gruben. Holzpflöcke. Strohhalme. Dorne. Härchen. Schreibfedern. Sägemehl. Eisenfeilspäne.

b) Artefakte

Brillen. Haken. Nägel. Uhren. Zündhölzchen. Kerzen. Lampen. Münzen. Stiefelknechte. Schnüre. Bändel. Beinkleider. Hosenträger. Knöpfe. Knopflöcher. Rockhängeschleife. Hut. Armlöcher. Schuhe. Stiefel. Galoschen. Messer. Gabel. Löffel. Teller. Schüssel mit Suppe und anderem. Papier. Tinte. Böden, besonders Parkettböden. Treppen. Türen. Schlösser. Wände. Fenster. Kandeln. Fußbänke. Wagen, speziell Eisenbahnwagen.

c) Pflanzen

Blatt. Stengel. Zweig. Ast. Stamm. Wurzeln. Kirschen-, Trauben- und andere Kerne. Erbsen. Bohnenfasern. Spitzgras. Brennesseln.

d) Tiere

Insekten. Vögel. Mäuse. Rind. Pferd. Hunde. Katzen. Hasen. Rehe. Hirsche. Roß. Elefant. Würmer. Fische. Gräten.

e) Menschen

Kinder. Frauen. Männer. Greise. Stände: besonders vornehme.

An dieser Stelle wimmelte es von Korrekturen und Durchstrichen. Man sah in eine wahre logische Verzweiflung hinein. Der Verfasser fing an, aufzuzählen, nämlich die Organe, vermittels welcher uns von außen durch Menschen verdrießliche Störungen bereitet werden, sichtbar aber erkannte er, daß er dadurch in Wiederholungen geriet, teils mit I. A., teils mit der folgenden Rubrik: Aktionen.

Immerhin war denn nun eine – freilich sehr mangelhafte – Übersicht der Leidensquellen und Leidensstellen gegeben. Nun mußten die Leiden selbst aufgezählt werden, die im Zusammenstoß aller dieser Dinge den leidensfähigen Teil mehr oder minder empfindlich treffen. Dies bringt die nächste Haupteinteilung:

II. Aktionen

A. Der inneren Teufel

Kratzen. Kitzeln. Niesen. Husten. Schleimen überhaupt. Tröpfchen an der Nase. Rasseln. Orgeln. Pfeifen. Raspeln. Schnarchen. Sich verschlucken. Lachkrampf. Kolik. Rheumatismen. Hexenschuß. Dumpfheit. Schlafdruck. Schwindel. Stechen. Glühen. Brennen. Toben. Brausen. Jucken. Beißen. Bohren. Rutschen. Stolpern. Fallen. Anstoßen. Danebengehen. Sich verwickeln. Fehlgreifen. Fehlschlagen. Fehltreten. Hühneraugenstich. Überschlagen (der Stimme). Fehlsprechen. Sich verrennen. Bock schießen. Vergessen. Mit sich reden. Im Schlaf sprechen. Verwechseln.

B. Der äußeren Teufel

Hier hat es denn, wie wir vorbereitend schon bei I. bemerkt haben, dem Verfasser große Schwierigkeiten gemacht, daß er vieles, was der Rubrik I. B. a. (unorganische und abgestorbene organische Stoffe) entspricht, bereits unter II. A. gebracht hat, als z. B. Rutschen, Stolpern, Fallen: Ereignisse, die allerdings öfters ohne erkennbares Einwirken eines äußeren Teufels vorkommen, am öftesten aber doch durch solche herbeigeführt werden, die sich in Schnee, Eis, Steine, Holzpflöcke, Strohhalme verstecken. Auch was die weiteren Einteilungen unter I. B. betrifft, so konnte er in gegenwärtiger Rubrik nicht mehr mit ihnen zurechtkommen, wenn er in dieser letzteren Einteilungsfelder ziehen wollte, die den I. B. a. b. c. d. e. logisch entsprächen; denn es ist doch klar, daß z. B. Sich verstecken eine Tücke ist, welche von der Schreibfeder, die unter I. B. a. vorkommt, ebenso häufig verübt wird als von der Brille, die unter I. B. b. auftritt. Er ließ also in dieser jetzigen Rubrik alle Untereinteilung weg und schrieb getrost ohne symmetrische Ordnung nieder, was ihm eben gerade einfiel, als z. B.: Sich verstecken. Einhaken. Fallen. Fliegen. Flattern. Knotenbilden. Zu weit, zu eng sein. Fortrollen. Gleiten, mitgehen (ein Randzeichen verweist hier auf ein Beiblatt, das Belege enthält, als z. B.: Ein Jahr lang wird in der Registratur der letzte Bogen eines Aktenstoßes verzweifelt und vergeblich gesucht, endlich findet er sich auf dem Grund eines anderen Faszikels; er war beim Verpacken mitgegriffen worden. Der Leser wird sich erinnern, daß A. E. dieses hochwichtige Ereignis auch in Brunnen erwähnt hat. Folgt noch eine Reihe ähnlicher Trauerspiele). Klemmen. Ankleben. Ein Loch kriegen. Umstrupfen (z. B. Regenschirm, Handschuh). Verlöschen. Ausgehen. Dazwischenrennen, Dazwischenreden usf.

Nun fügte er zu den Aktionen A. der inneren, B. der äußeren Teufel noch eine Rubrik, und zwar:

C. Kombinierte Aktionen oder Häufungen

Man versteht, daß hier das Zusammentreffen von zwei oder mehreren Unfällen an die Reihe kommt. Hier war denn aufzuführen z. B. Husten und Hexenschuß vereinigt (Beisatz: «so daß bei jedem Hustenstoß ein Schmerz durchs Kreuz geht, als führe ein glühendes Bajonett hinein»). (Der Verfasser hatte hier im Zorn einen Fluch beigesetzt, doch sich fassend, ihn wieder gestrichen.) Hier ferner: Katarrh und Kolik (Beisatz: für letzteres roter Wein verordnet, für ersteren verboten); Kolik auf der Eisenbahn. Hut vom Wind fortgerollt, gleichzeitig eine Galosche vom Fuß verloren, auch summiert mit Umstrupfen des Schirms, etwa überdies mit Hinunterfallen der Brille. Merkwürdigerweise steht unter anderem ahnungsvoll, als hätte er vorausgesehen, was ihm auf der Fahrt nach Luzern widerfuhr: Stimme überschlagen, Hängenbleiben, Fallen vereinigt. Welche Schwierigkeiten sich hier einer den anderen Teilen parallel entsprechenden Anordnung entgegenstemmten, werden wir sehen; erst müssen wir alles Material beisammen haben ...

 

Humorvolle Ästhetik – einer Spießbürgerepoche.

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