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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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projectid0681f866
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Siebzehntes Kapitel

Die Mitte des Jahrhunderts war überschritten. Revolutionen waren explodiert. Der «Bürgerkönig» Louis Philippe war nach England ins Exil geflohen. Die Republik war wieder auf dem Anmarsch und diesmal zur Dauerhaftigkeit.

Der Preußenkönig hatte alle Schriftsteller, die sich durch eigene Gedanken unbeliebt gemacht hatten, verbannen lassen. «Nieder mit den Literaten, nieder mit den Demokraten», war die Melodie am Hofe und auf dem Hofe gewesen.

Der Bürger, der ein halbes Jahrhundert zuvor die Aristokratie hatte überwinden müssen, hatte nun den Kampf gegen das Proletariat zu bestehen gehabt. Er war wieder Sieger geblieben.

Seine Glanzzeit begann, wenn auch erst in allmählicher Entwicklung, die sich im letzten Viertel des Jahrhunderts mit gleichmäßig beschleunigter Geschwindigkeit steigern sollte. Immerhin, man begann es immer weniger zu verhehlen: Geld war Verstand. Frieden sicherer als Freiheit. Sattsein besser als das Gegenteil. Beim Biertisch grübelte man:

Richard Wagner, 1882.
Von links nach rechts: Daniela von Bülow, Marie von Groß, Cosima Wagner, der russische Maler Paul Jukowsky, Richard Wagner, Blandine von Bülow.

Herr Wagner: For was hawwe mer jetzt eigentlich e Revolution gehabt? Was tu ich mit all ihrer Freiheit, wenn mer nix mehr z'fresse hat?

Herr Klein: No – 's isch doch immer etwas: Deitschland isch immer hinter de andre Velker z'rickg'wese, 's wär e rechte Schand for de Franzose gewese, wenn mer net emol aa Revolution ghatt hätte.

Herr W.: Was hat's g nutzt? Jetzt sehn Se nor emol, wie do drüwe e Lump sitzt mit eme große Bart, wie wann er e Prinz wär! (Fliegende Blätter, 1849).

Ein welliger Vollbart wurde die äußerliche Würde des Vollbürgers, er maskierte die Geldmacherfalten, die das Lächeln berechneter Behäbigkeit bildete.

In dem mutigen Witzblatt «Eulenspiegel» finden wir eine heitere Umwertungstabelle von Geld und Verstand:

 

0 fl. Vermögen = ein dummer Teufel,
0 – 500 fl. Vermögen = ein einfältiger Kerl,
500 – 1000 fl. Vermögen = beschränkten Verstandes,
1 000 – 2 000 fl. Vermögen = nicht ohne Einsicht,
2 000-- 5 000 fl. Vermögen = ein gescheiter Mann,
5 000 – 10 000 fl. Vermögen = ein sehr gescheiter Mann,
10 000 – 20 000 fl. Vermögen = sehr klug und weise,
20 000 – 100 000 fl. Vermögen = intelligent,
100 000 – 1 000 000 fl. Vermögen = unvergleichlich gescheit und
  Ein Millionär = ein Mann, der alles weiß.

Man versuchte also instinktiv, durch Spott das Anwachsen der Spießbürgermacht noch zu hemmen.

Man gab das Rätsel auf:

«Wißt Ihr wohin das noch allens kommen wird? Seht mal, wenn Rothschild erst allens Jeld haben wird, wat jarnich mehr lange dauern kann, so is die Erde sein und der liebe Jott muß se ihm abkoofen, um wieder von Jottes Jnaden neue Könige einzusetzen. Denn die Könige sind alle von Jottes Gnaden un nich von Rothschilds Jnaden, det werd't Ihr oft jelesen haben. Also muß der liebe Jott Rothschild die Welt abkoofen. Wahrscheinlich hat nu aber der liebe Jott bei die schlechten Zeiten nich so viel bares Jeld disponibel und muß daher uff Zinsen schuldig bleiben, det jeht nu so fort un läppert sich wieder so ran wie bei uns in Europa, un ehe dausend Jahre verjehn, is das Haus Rothschild Mitbesitzer des Himmels un sämtlicher Welten. Ob denn beide des Jeschäft unter die Firma Jott un Rothschild oder Rothschild un Co. fortsetzen werden, weeß ick nich, nur soviel weeß ick, det der Mond und de Sonne nich mehr umsonst scheinen werden, un det denn keener mehr ohne viele Jroschens selig werden kann!»

Und doch verriet auch dieser harmlose Scherz, wie weit die Freigeisterei gekommen.

Die Rothschilds als sichtbarste Repräsentanten des Kapitals hatten es in dieser Gärungszeit nicht leicht «im Umgang mit Menschen». Viel Geld zu zeigen, war gewiß nicht gut, Knausern aber erregte Hohn und Spott. Ein derber, aber nicht humorloser Beweis davon war ein drastischer Vorgang, der sich um jene Zeit in Frankfurt a. M. abspielte. Rothschild (den man den Juden der Könige und den König der Juden nannte) hatte zu einer Geldsammlung für Schleswig-Holstein nur zehn Gulden beigesteuert, anstatt eine glanzvolle Summe, wie die Allgemeinheit erwartet hatte. Die Frankfurter Bevölkerung zeigte ihr Mißfallen darüber in folgender Weise:

«Man wechselte die zehn Gulden in Kupfergeld um, mit diesem füllte man zwei Säcke, die man auf einen Esel lud. Mit diesem Esel zog man, Tausende von Menschen vorauf und Tausende hinterher, zu Rothschilds Haus, um ihm auf diese Weise seine zehn Gulden zurückzubringen. Eine schauerliche Musik von verstimmten Blasinstrumenten, Trommeln und Pfeifen begleitete den Zug. Dazu ließ die Menge ein fürchterliches Geheul, Gequiek, Katzenmiauen und Hundegebell ertönen, als man vor dem Rothschildschen Haus Halt machte. Der Esel wurde vor die Tür geführt, die Tür eingeschlagen, der Esel feierlich in das Haus geleitet, um seine Schätze dort abzuladen.»

Allmählich begann der verengende Kastengeist der Beschränkung sichtbar zu werden. Die «Spitzkugel» bringt zum erstenmal eine satirische Auseinandersetzung über die Klassengliederung:

Aristokratie – Bürgerstand – Volk.

Sonst wie jetzt bestand und besteht die gesamte Bevölkerung aus drei gesonderten Hauptklassen. Wir wollen versuchen, sie hier mit kurzen bezeichnenden Worten zu charakterisieren.

Die Aristokratie trägt: Schlafrock und schwarzen Frack,
der Bürgerstand trägt: Überrock und Paletot,
das Volk trägt: Jacke, Kittel, Bluse.
Die Sprache der Aristokratie: Heuchelei unter der Maske der Höflichkeit,
die Sprache des Bürgerstandes: Persönlicher Vorteil unter dem Deckmantel der Gemütlichkeit,
die Sprache des Volkes: Freimütige Offenheit.
Die Aristokratie verspeist fette Kapaunen, Truthähne (Indians), Trüffeln und Wildpret aller Art,
der Bürgerstand nährt sich von Kalbsbraten und Rindfleisch, allenfalls von Rostbraten oder Schnitzeln und höchstens von Backhändeln und Gänsebraten,
das Volk nagt an den Knochen.
Die Aristokratie greift durch Mißbrauch der Gewalt an, um sich zu rächen,
der Bürgerstand ist gleichgültig und schläfrig aus dem Verlangen heraus, das, was er besitzt, zu erhalten,
das Volk verteidigt sich, um sein Recht zu retten.

 

Auch über das Steuerzahlen, einen der wundesten Punkte des Spießbürgerdaseins, finden wir schon einige unbequeme Wahrheiten:

Es zahlt:
die Aristokratie das, was sie will,
der Bürgerstand das, was er kann,
das Volk das, was man ihm abverlangt.
Was macht also die Aristokratie aus? Der Reichtum!
Was macht den Bürgerstand aus? Die Wohlhabenheit!
Was macht das Volk aus? Not, Mangel und Elend!

Die Romantik hatte abgewirtschaftet. Geld begann auch in Herzensangelegenheiten immer ungenierter als Faktor aufzutreten.

Besonders die Offiziere begannen auf die Mitgift zu sehen. Die Anfrage nach dem Vermögen eines jungen Mädchens hieß in der kameradschaftlichen Unterhaltung: «Ist sie auch religiös?», was zugleich ein Spott über die heuchlerische Frömmelei war, die mit der Freigeisterei um die Wette blühte.

Wie selbstverständlich hatte sich auch die Wissenschaft ins Bürgerleben einrangiert. «Dünnflüssige» Vorträge wurden gehalten, sie zu besuchen, wurde Mode. Alexander von Humboldt war einer der ersten, der in Berlin in der Singakademie öffentliche Vorlesungen hielt über «Psykalische Geographie».

Die Gräfin Bernstorff schrieb damals entrüstet:

«Ein Baron, ein Kammerherr, ein wirklicher Geheimrat achtete sich nicht zu gering, vor einem gemischten Publikum zu reden!»

Aber der Saal war voll, das Gedränge fürchterlich, aber das Kollegium unendlich interessant. Und nun machten das andere Gelehrte nach. Eine Dame hatte keine Karte mehr bekommen können und wandte sich an den Professor selbst unmittelbar. «Jetzt ist es nicht mehr möglich», antwortete er, «aber im Februar hoffe ich, Ihnen ein Billet besorgen zu können.» – «Dann nutzt es mir nichts mehr», antwortete die Dame, «dann ist die Sache längst aus der Mode!»

Das war ein verzeihlicher Irrtum. «Die Sache» blieb Mode. Sie entwickelte sich schnell zu der weit verbreiteten Unverdaulichkeit: Allgemeinbildung.

Mit beschleunigter Geschwindigkeit modelte sich das «Solide» ins «Wohlfeile», auf allen Gebieten. «Billig und schlecht» war das Spottwort der Handwerker gegen die Fabrikation, die jedoch nicht mehr zu besiegen war. «Wohlfeilheit» wurde das Losungswort für alles. Die Maschinen wurden besser, das Material schlechter. Der Käufer wohlhabender, der Geschmack gewöhnlicher. Das Wort «billig» erscheint bald auf jeder Preisankündigung, bis es sich im letzten Viertel des Jahrhunderts selbst übersteigert in dem Zusatz: «Enorm billig».

Diese Entwicklung ging nicht «langweilig unpünktlich wie in der Natur» vor sich, sondern mit der «zeitgemäßen» Maschinengeschwindigkeit.

Der «Luxus» wurde «populär».

Luxus ist ein weiter Begriff im Wandel der Zeit. Das wird uns klar, wenn wir in alten Zeitungen angekündigt finden:

«Garderobes sans odeur. Diese nach hydraulischem System eingerichteten geruchlosen Commoditées empfiehlt unter Garantie der Selbstverfertiger.»

oder:

«Transportable Water-Closets, größtes Lager eigener Fabrik und völlig geruchlos.»

Auch auf anderen Gebieten war die «Commodität» im Wachsen. Wir lesen (1872):

«Verkehrserleichterungen und Zeitersparnisse gehören unter die großen Tagesfragen. Seitdem wir Eisenbahnen, Telegraphie, Stenographie, Nähmaschinen, Schnellpressen usw. haben, regt sich's allerwärts, alte schwerfällige Formen abzuwerfen und neue Einrichtungen zu schaffen, welche den gesteigerten Anforderungen der Gegenwart entsprechend den Weg zu den verschiedensten Zielen ebnen und abkürzen. Daß der Umgestaltungsprozeß in allen Gebieten so ungemein lebhaft geworden, ist aber die Ursache, daß vom Publikum viel Einzelnes, obwohl fast jeder Nutzen darauf ziehen könnte, unbeachtet bleibt, und eine Reihe von Jahren nötig ist, um es allgemeiner einzubürgern. Hier nur ein Pröbchen aus dem Postgebiete:

Lange hat es gedauert, bis man sich daran gewöhnte, die Frankierung der Briefe nicht durch Einzahlung am Schalter, sondern durch Aufkleben von Freimarken zu bewirken. Auch der Gebrauch von Postanweisungen für kleinere Geldsendungen sowie von offenen Korrespondenzkarten für kurze Nachrichten fängt bereits an, sich weiter auszubreiten. Sehr selten benutzt, ja fast ganz unbekannt im großen Publikum, ist aber zur Zeit noch die seit Jahr und Tag bestehende Form dieses Vehikels mit angebogener Karte für die Antwort. In jeder Postanstalt sind zusammengefaltete Karten zu haben, auf deren oberer für die Adresse bestimmter gedruckt steht: ‹Korrespondenzkarte (Rückantwort bezahlt)›. Darunter die Gebrauchserklärung. Die Rückseite dieses Blattes dient, wie bei der einfachen Postkarte, für die Mitteilung seitens des Absenders. Die angebogene untere Karte, (bezahlte Rückantwort) überschrieben, kann der letztere mit seiner eigenen Adresse versehen, um seinem Korrespondenten die Mühe zu ersparen. Beide Karten, die obere wie die untere, werden jede mit einer halben Groschenmarke beklebt.

Der Hauptvorteil dieser Einrichtung liegt nicht sowohl darin, daß beiden Teilen die Mühe und das Porto zweier Briefe erspart wird, als vielmehr in dem Umstande, daß der Adressat in einer sanften, aber unwiderstehlichen Art zu einer Antwort, und zwar zu einer raschen, kurzhändigen, bewogen wird. Referent hat nicht nur selbst in dieser Weise viele glückliche Versuche gemacht mit hartnäckig säumigen Briefschreibern, von denen die Welt wimmelt, sondern auch mehrfach Bekannten, die gesprächsweise über ausbleibende Antworten verzweifelten, den Rat gegeben, jenen Modus anzuwenden, und – nicht ein einziges Mal blieb derselbe ohne Erfolg!»

Alles, was den Alltag anging, stieg zu ernsthaftester Wichtigkeit. Der Witz zeigte sich immer gemütlicher und nicht selten unfreiwillig. Statt der Empfindsamkeit kam die Rührseligkeit. Die Verbesserung des Lichtbildes wurde dazu benutzt, um Herrn und Frau Jedermann und die Ihren in Dutzendbildern aufzunehmen. «Bitte recht freundlich», pflegten die Photographen zu sagen. Oder: «Geben Sie Ihrem Blick ein gewisses Etwas.»

Johann Erdmann Hummel: Schachpartie im Palais Voß, 1820.
Von links nach rechts: der Architekt Christian Genelli, H. v. Ingenheim, der Maler Bury, der Maler Ersmann, J. E. Hummel und Friedrich Wilhelm Graf von Brandenburg.

Alles wurde «dutzendweise» billiger.

Neben den Eigendünkel kam die Untertänigkeit anstatt des Bürgerstolzes.

Was den Spießbürger beglückte und unterhielt, beweist ein ernsthafter Bericht aus der GARTENLAUBE, der beliebtesten Familienzeitschrift jener Jahre:

«Kaiser Wilhelm in seinem Hühnerhof. Wer zu früher Morgenstunde in die Vorhalle des Schlosses Babelsberg tritt, kann Zeuge einer Szene sein, welche ihm den hohen Schloßherrn, den die Welt als einen der Mächtigen Europas kennt, von der rein menschlichen Seite und als schlichten, einfachen Privatmann zeigt: KAISER WILHELM IN SEINEM HÜHNERHOFE. Wie sollte er, der bekanntlich auch für die kleine Welt ein warmes Herz hat, beim Baue seines Landhauses den Hühnerhof, diesen Repräsentanten deutscher Gemütlichkeit, vergessen haben! Und der Kaiser ist ein treuer Pfleger, ein freundlicher Ernährer seiner geflügelten Schutzbefohlenen.

Jeden Morgen, wenn er seinen Kaffee eingenommen hat, pflegt er von dem Reste des ihm servirten Brodes ein Klüpfel zu nehmen und auf den überwölbten offenen Gang hinauszutreten, der unmittelbar aus seinem Zimmer in den Garten führt. Von hier aus hat er einen herrlichen freien Blick über den Park, die Glienicker Brücke, den ganzen Heiligen See, bis zu den fernen bewaldeten Ufern desselben. Wendet er sich um, so liegt unter ihm der Hühnerhof. Dort herrscht schon eine große Aufregung; die gackelnde Bevölkerung desselben hat ihren Gebieter, ihren Wohltäter bereits erblickt, und eilig kommt sie aus allen Ecken und Enden des Hofes herbeigelaufen, um aus seiner Hand den begierig erwarteten Morgenimbiß zu empfangen.

Wir sehen, daß sich echte Herrscherwürde mit schlichter Bürgerlichkeit auch in der Person eines Kaisers vereinigen kann.»

Wilhelm Marstrand: Familienbildnis.

Auch die eigene Meinung wurde für die große Masse «außer dem Haus verfertigt». Man begann sie durch die Zeitungen zu beziehen, die plötzlich in großer Zahl da waren und überall zu raschem, schnellem Aufblühen kamen, genau wie plötzlich überall «Kaffeehäuser» dastanden und beliebte Versammlungsorte wurden. Kamen die Kaffeehäuser in Mode um der Zeitungen willen oder die Zeitungen der Kaffeehäuser wegen?! Der Zeitungsmarder war in der Zoologie der menschlichen Geschichte erschienen. «Stundenlang warteten die Geheimräte, die Ministerialbeamten, die Kunstfreunde, die Journalisten, die Studenten, bis die Reihe an sie kam und sie das gewünschte Blatt in Händen hatten.»

Die Macht der Presse war da.

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