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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel

England, der Markt aller Rohstoffe, gab das Vorbild für den Seemann, modellierte den Kaufmann, es züchtete auch den Edelspießbürger. Ganz von selbst. Ohne Revolution. Nur in der geruhsamen Fortentwicklung vom Rohstoff bis zum Kapital. England schuf die vorbildlichen Umgangsformen der äußeren Korrektheit, es brachte System in die Mischung von Grausamkeit, Eigennutz, Prüderie und schließlicher Selbstbeherrschung und fabrizierte daraus die gutbürgerlichen Umgangsformen als Allgemeingut der bürgerlichen Gesellschaft.

Jene Korrektheit Englands, die es für selbstverständlich hielt, sich des Galgens zu bedienen, wenn man es für notwendig erachtete, die aber dem Gehenkten oben am Galgen ein reines Hemd anziehen ließ, wenn hohe Herrschaften an dieser Richtstätte vorüberkommen mußten.

Man sagt noch heute von England, daß es fünfzig Religionsarten hat, aber nur eine Sauce. Ebenso kann man hinzufügen: es hatte fünfzig Phasen der Entwicklung, aber immer denselben Edelspießbürger als Hauptelement. Jeder Säugling brachte den Ichstolz, ein Engländer zu sein, mit auf die Welt, und das Bewußtsein, das, was ein Engländer macht, ist richtig. Aber auch noch etwas: den Humor. Der englische Spießbürger ist sich vollkommen im klaren über sich. Nicht aus Zufall besitzen alle seine bedeutenden Schriftsteller die Säfte: Humor und Satire. Die große Gegensätzlichkeit des englischen Spießbürgerlebens zwischen Prüderie, Frömmelei, Ehrbarkeit und Laster brachte es von selbst mit sich, daß das Paradox hier seinen Ursprung hatte und zur Meisterschaft gelangte.

Die Urgroßväter der heutigen Generation waren noch recht rauhe Herren. Jeder Chronist weiß zu berichten, daß unmäßiges Trinken in jedem Stand zum geordneten Leben gehörte. Das Klima war die Urheberin dieses feuchten Brauchs, die Gewohnheit die Erhalterin. In den einfachen Ständen teilte die Frau dieses für Stunden das Leben erwärmende Laster. In den vornehmen Kreisen setzten sich die Herren allein zum Trunk vor den Kamin der Diele. Wenn die Damen zur Nachtzeit ihre Schlafzimmer aufsuchen wollten, waren sie häufig genötigt, aus dem Fenster zu klettern, um den Dienstbotenaufgang zu gewinnen und als Weg zu benutzen, um nicht die trunkene Schar passieren zu müssen.

Das hinderte nicht, daß es zu gleicher Zeit Bücher der Etikette für jeden Stand und jedes Alter gab, wonach sich äußerlich alle Welt zu richten schien.

 

Das «Diamantene Buch der Etikette» schreibt vor: «Es ist nicht üblich, Wein zu nehmen, ohne daß man einer anderen Person zutrinkt. Wenn du dein Glas hebst, siehst du den, dem du zutrinkst, fest an, neigst den Kopf und trinkst dann mit großem Ernst. Die Höflichkeit verlangt, einen nach dem anderen auf diese Weise zum Trinken aufzufordern, und wenn es nötig ist, muß ein Diener von einem Ende des Tisches zum anderen geschickt werden, um B mitzuteilen, daß A mit ihm trinken möchte, worauf der andere die Zeremonie des erwähnten Nickens mit großer Förmlichkeit auszuführen hat ...

Ein guter Gesellschafter lasse die Unterhaltung nie ermüden, besonders nicht vor dem Essen. Er führe keinesfalls das Essen mit dem Messer zum Mund oder zerteile gar Früchte mit dem Messer. Eine gute Hauswirtin sorge dafür, daß zahlreiche Löffel auf dem Tisch vorhanden sind. Nach dem Essen müssen gute Wirte sich beständig umsehen, ob sich ihre Gäste unterhalten, und darauf achten, daß sich niemand in den Ecken langweilt.»

Es gibt ausführliche Abhandlungen darüber, ob Geflügelknochen abgenagt werden oder nicht. Überall wird eine Dame der Gesellschaft mit Namen erwähnt, die ihre Geflügelknochen abzunagen beliebte und für die eigens kleine silberne Klammern erfunden waren, mit denen sie die Geflügelknochen halten konnte, ohne sich die Finger zu beschmutzen. Sie pflegte zu sagen: «Auch die Queen Viktoria macht das so, und was gut genug für die Königin ist, ist auch gut genug für mich.»

Als ihr wohlerzogener kleiner Enkelsohn sie jedoch einmal bei dieser Art zu essen überraschte, rief er entrüstet: «Oh, Großmutti Schweinchen.»

Schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts war der Five o'clock tea eine unentbehrliche, «allgemein beliebte» Einrichtung. In allen Familien war es Sitte, daß sich die Mitglieder, die zu Haus waren, im Wohnzimmer um den Teetisch versammelten. Die jungen Mädchen hatten sich dann schweigend zu verhalten. Die gute Erziehung verlangte, daß sie gesehen, aber nicht gehört wurden. Es kam von selbst, daß sich Besucher um diese Stunde einstellten, von der sie wußten, sicherlich nicht ganz vergeblich kommen zu können.

Denn ebenso war auch das Klubleben damals schon eine längst bestehende Einrichtung. Der Hausherr hatte seinen Klub und die Dame den ihren. Für alle Stände galt das gleiche. Ihr Haus war zwar ihre Burg, aber sie waren nicht die Gefangenen darin; brauchten sie Zerstreuung, andere Gesichter, andere Umgebung, war der Klub da. Die muffige Spießbürgerlichkeit der Unentrinnbarkeit der eigenen vier Wände kannten diese Edelspießbürger niemals. Sie saßen am Kamin und nicht am Ofen.

Steifheit und Beherrschtheit waren immer zur Schau getragene Eigenschaften der englischen Umgangsformen.

Eine kleine Anekdote glossiert diese gesellschaftliche Seelenruhe. Bei einer Tischgesellschaft in einem eleganten Londoner Hause verspätete sich Mrs. X. Y., die zu den angesehensten Gästen gehörte. Die Gesellschaft wartete, die Unterhaltung begann immer stockender zu werden. Schließlich sagte die Wirtin: «Haben Sie irgend etwas Neues von Mrs. X. Y. gehört?» Einer der Gäste rief: «Haben Sie das noch nicht gehört? Sie ist gestern gestorben.» «Dann brauchen wir nicht länger zu warten», sagte die Wirtin und klingelte.

Die gesellschaftliche Höflichkeit verlangte keine Grenzen. Sie galt selbst in der Kunst. Eine überdicke Dame wurde von einem berühmten Porträtmaler ihrer Zeit einfach gertenschlank gemalt und das Bild von jedermann ohne Wimperzucken für vollkommen ähnlich befunden ...

Nirgends anders hätte die Eisenbahn erfunden werden dürfen. Es ist kein Zufall, daß Stephenson ein Engländer gewesen ist. Die Engländer waren überall die ersten Reisenden. Noch heute heißt jeder Fremde in Italien bei der einfachen Bevölkerung glattweg: «Inghlese». Sie reisen ohne Überschwenglichkeit, aber mit ernsthaftem Genuß, und nie ohne die körperlichen Bequemlichkeiten, wie Badewanne, Wärmflasche, Picknickkorb, Fernglas, Schirm und Wolldecke. Diese Utensilien kommen vor der Begeisterung.

Englands Kunstkritiker und Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts, JOHN RUSKIN, dessen Beschreibungen trotz aller fühlbaren Leidenschaft für Natur, Reisen, Künstler und Kunstgegenstände stets in pedantischer Ordnung die Genüsse aufreihen, ist ein Beweis dafür.

Die Gemäßigtheit des Charakters war ebenso sein Erbteil wie die Wohlhabenheit seiner Vorväter.

Er schreibt selbst von seinem Vater, daß sich dieser seine Lebensgefährtin, John Ruskins Mutter, «mit der gleichen Ruhe und Sicherheit wählte, mit der er später seine Angestellten aussuchte».

Sehr bezeichnend für die Tradition englischer Lebensauffassung im Bürgertum ist auch der famose Brief, den jener Vater John Ruskins als Sechzehnjähriger, also schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts, von seinem Lehrer als Wegweiser erhielt. Vieles könnte heute wieder seine Gültigkeit haben als Erziehungsmoment für den Großkaufmann:

 

«Sie scheinen es zu bereuen, so viel Zeit auf schöne Literatur verwendet zu haben; ich muß jedoch gestehen, daß ich es nicht bedauern kann für Sie. Sie werden ohne Zweifel die verfeinernde Wirkung solcher Studien auf das ganze Benehmen sowohl als auch auf das Herz selbst bemerkt haben, und für alle, die nicht gerade Leute der Wissenschaft sind, liegt darin der Hauptwert der Literatur. Sie müssen sich auch den großen Unterschied vor Augen halten, der zwischen einem Brotstudium und einem Studium zur Erholung und Liebhaberei besteht.

In der Gesellschaft, in welcher sich zu bewegen Sie künftig berufen sind, werden die Schriftsteller der schönen Literatur fünfzigmal genannt werden, ehe abstraktere Wissenschaft nur einmal zur Sprache kommt; und der Vorteil dieser Art von Kenntnis liegt darin, daß, wenn man sie nicht sehr unbescheiden an den Tag legt, es einem nie als Pedanterie angerechnet wird, während die Entfaltung anderer geistiger Errungenschaften leicht Gefahr läuft Tadel zu ernten.

Eine Gefahr liegt ja allerdings im Lesen von Poesien und anderem leichten Lesestoff, nämlich die, daß man versucht ist, des Guten zu viel zu tun und Zeit darauf zu verwenden, die man dem Geschäft widmen sollte; aber auf Sie kann ich mich verlassen, Sie werden Ihre Zeit nicht schlecht anwenden, – dessen bin ich sicher!

Es gibt jedoch eine Wissenschaft, die erste und größte aller Wissenschaften für Männer im allgemeinen und für Kaufleute insbesondere, die Nationalökonomie; sie ist es, auf welche Ihre Hauptaufmerksamkeit gerichtet sein sollte. Das ist in der Tat die eigentliche Wissenschaft Ihres Berufes und bildet ein Gegengewicht zu engherzigen Gewohnheiten, welche dieser Stand zuweilen hervorbringt, und kommt fortwährend in jeder Beratung über Handels- und Finanzgeschäfte in Betracht. Ein Kaufmann, der in Volkswirtschaft unterrichtet ist, muß imstande sein, gelegentlich die geistige Führerschaft bei seinen Kollegen zu übernehmen; kann er's nicht, so ist er, wie die andern, nur ein Handelsmann. Säumen Sie deshalb keinen Tag, sich den ‹Reichtum der Nationen› von Adam Smith anzuschaffen und lesen Sie das Werk immer wieder; ich weiß, daß Sie es mit Vergnügen tun werden. Diesen Rat gebe ich Ihnen als einem Kaufmann, denn da dies Ihr Lebensberuf werden soll, so muß das Kennzeichen für die Wichtigkeit eines Fachs, das Sie studieren wollen, das sein, ob und wie weit es imstande ist, Sie zu einem angesehenen und hervorragenden Kaufmann zu machen; eine Stellung von hoher Wertschätzung in unserem handeltreibenden Lande ...

Es bleibt mir noch übrig, darauf hinzuweisen, daß Sie keine der Sprachen, welche Sie gelernt haben, vergessen sollten. In bezug auf die modernen Sprachen ist diese Gefahr geringer, da Ihre Handelsbeziehungen sie bis zu einem gewissen Maße lebendig erhalten werden. Aber ein Kaufmann hat nicht in Latein zu korrespondieren, und so könnten Sie es vergessen, ohne zu wissen, wie. Selbst wenn man von den großen Schriftstellern, deren Sie sich dadurch berauben würden, absieht und die Kenntnis der Sprache nur als ein Zeichen des gebildeten Mannes betrachtet, so ist ihr Wert zu groß, als daß man sie achtlos aufgeben sollte ...»

Was den englischen Spießbürger zum Edelspießer macht, ist seine Schweigsamkeit. Er vermag um die Welt zu reisen, ohne ein Gespräch mit einem Mitreisenden geführt zu haben, im Gegensatz zu allen Spießbürgern anderer Nationen, die geradezu erkenntlich sind an ihrer Redelust, ihrer Mitteilungssucht und Fragewut, die immer Auskunft haben wollen oder selber Rat geben müssen.

Diese goldene Schweigsamkeit wurde ihnen merkwürdigerweise von jeher als Hochmut ausgelegt. Beweis dafür ist der Verteidigungsbrief CARLYLES an Varnhagen von Ense:

«Wir sind ein seltsames Volk, wir Engländer. Ein Volk, wie ich manchmal sage, mit mehr unvernehmlicher und weniger vernehmlicher Intelligenz als irgendein Volk, das die Sonne bescheint. Sprechen Sie zu einem von uns, ja zu einem jeden von uns, und Sie werden sprachlos sein über die Beschränktheit, vielleicht auch den Cimmerischen Stumpfsinn des WORTES , das er erwidert; doch blicken Sie auf das HANDELN des Mannes, auf das vereinte Handeln von achtundzwanzig Millionen solcher Männer. Nach Jahren beginnen sie, durch ihre äußerliche Stummheit, zu sehen, wie diese Dinge ihnen möglich gewesen sind; wie sie wirklich in engster, andauernder Verbindung mit manch einer Naturkraft stehen und klarste Einsicht darin haben; wie vielleicht gerade ihre Stummheit eine Art von Kraft ist! Überhaupt wird meine Bewunderung für eure SPRECHENDEN Völker immer geringer. Die Franzosen sind ein sprechendes Volk und überreden viele Leute, daß sie groß sind; aber wenn sie es mit der wahrhaftigen Natur versuchen wollen, dem Ozean zum Beispiel, Kanada, Algier oder ähnlichem, dann antwortet die Natur: ‹Nein, Messieurs, Sie sind klein!› Rußland dagegen, ist das nicht etwas Großes, noch Sprachloses? Von Petersburg bis Kamtschatka antwortet die Erde ‹Ja›. Ich liebe die Engländer auch und alle Teutonen um ihres Schweigens willen. Wir KÖNNEN auch sprechen, – durch einen Shakespeare, einen Goethe, wenn die Zeit gekommen ist. So ein beständig wedelnder ‹Wissenschaftshund› dünkt sich ein weit begabteres Geschöpf als der große gelassene Elefant oder das edle Pferd, aber er irrt sich gar sehr!»

Die Prüderie lag damals so im Blut, daß selbst dieser große Historiker Bemerkungen machen konnte, die eher einer alten Dame zuzutrauen gewesen wären. Bei der Lektüre von «Goethes Briefe an Frau von Stein» schreibt er:

«Goethe und Frau von Stein: das ist ein Kapitel für sich! – Goethe ist ganz wertherisch – und die Frau von Stein, eine vollendete Kokette, scheint ein erbauliches Leben geführt zu haben. Was sagte wohl der arme Herr von Stein dazu?»

Jeder Mensch ist sich selbst etwas Unbekanntes. Darin liegt vielleicht wieder ein Pünktchen des Rätsels: Wo beginnt der Spießbürger, wie bekämpft man ihn in sich?

Carlyle predigte in seinen Werken Mäßigung, unendliche Ergebung in Arbeit und Pflicht, Verachtung des Geldes, Geduld und Demut in allen Lebenslagen.

In Varnhagens «Tagebüchern» finden wir eine Beschreibung dieses vorbildlichen Engländers, die ihn nicht geistig, sondern körperlich veranschaulicht im Unterwegs des Tagegetriebes.

«Besuch von Herrn Neuberg, der gestern mit Carlyle angekommen ist und mir diesen ankündigt. Ich komme seinem Besuch zuvor und gehe zu ihm, Hotel de l'Europe, Taubenstraße. Herzliche Bewillkommnung; er sieht seinem Bilde sehr ähnlich, hager, langer Leib, schmale, doch rote Backen. Er spricht das Deutsche gebrochen, doch geläufig genug. Er klagt, er jammert; er kann nichts vertragen, ist peinlich in allen Dingen, will Alles bequem und schnell ausbeuten, war in Dresden nur einen Tag, will in sechs Tagen alles einernten, was er hier über Friedrich den Großen erfahren kann. Er hofft, noch heute durch Neuberg's Sorge eine ruhige Schlafstube zu erlangen, will schreiben und sich ausruhen, morgen zu mir kommen. Das düstere Regenwetter verstimmt ihn sehr.»

Diese Beschreibung erweitert ein Brief Amely Böltes an Varnhagen:

«Hier war Carlyle, in Folge schlafloser Nächte, etwas aufgeregt. Sonst wäre er auch länger geblieben. Die hiesigen Archive enthalten kostbare Manuskripte für seine Zwecke, die er hätte benutzen sollen. Selbst die Localität hat er kaum gehörig in Augenschein genommen. Indessen – er war in fieberhaftem Zustande und nicht zu halten. Mir tat das nicht nur seinetwegen, sondern besonders noch meinetwegen leid; denn ich habe ihn sehr lieb, und die Freude wurde mir so verkürzt, daß sie einem Traume glich. – Ein Tag ist gar wenig. Am Morgen war er auf der Galerie, wo er an der Madonna vorbei eilte (Rafaels Madonna della Sedia), weil es STINKING FISH für ihn sei. Das Wort fiel gar herbe in die Ohren seiner Begleiter. Am Abend kam er zu mir, um ein paar Menschen zu sehen, die ihm etwas sagen konnten. Da war aber erstlich der arme Vehse (der bekannte Historiker), den er entsetzlich schalt, weil er ihm keine Schriftsteller nennen konnte, die den Dreißigjährigen Krieg beschrieben. ‹There are so many›, wiederholte Vehse, und auf Carlyle's ‹please, so name one› konnte er keine Antwort finden. Capt. Noel wollte ihn belehren, was Demokratie sei; das ging aber ebenso wenig, weil Carlyle die Menschen in Dumme und Kluge einteilt, deren Endbestimmung Hölle und Himmel ist, und mit Herrn Motley zankte er sich über Amerika, bis endlich die ganze Gesellschaft verstimmt auseinander lief. Gutzkow war gar nicht gekommen. Er hatte noch Thackeray's Auftreten zu lebhaft in der Erinnerung und mochte gar kein zweites Exemplar englischer Literaten sehen, das den Deutschen gegenüber nicht mal die Regeln gewöhnlicher Höflichkeit zu beachten geneigt war. Ich konnte für nichts Bürge sein und ließ ihn daher gewähren. – Mit Klemm war Carlyle noch am besten zufrieden; aber obwohl Klemm kein Mann der Form ist, so sagte er mir doch: mein Carlyle sei ein curioser Kauz, der auf ihn losgefahren wäre, als ob er es wer weiß mit wem zu tun. – Carlyle kann aber höflich sein und ist höflich, wo er es notwendig hält. Ich bedaure, daß er in Deutschland diese Notwendigkeit nicht anerkannte und dadurch einen üblen Eindruck zurückließ.»

Echt englisch ist auch die Episode, die wir Varnhagens handschriftlichen Notizen verdanken:

«Kränklich, müde und wunderlich, sehnte sich Carlyle schon am frühen Abend nach Ruhe. Der englische Kapitän Noel, der dem müden Reisenden eine große Rede hielt, ihn zu demokratischen Ansichten bekehren wollte, wurde ihm sehr unbequem. Carlyle antwortete gemessen ablehnend und ziemlich ausführlich, meinte damit aber die Sache nun abzuschließen. Als wider sein Erwarten aber Noel aufs Neue begann und sich zu großen Entwicklungen anließ, nahm Carlyle seine Uhr in die Hand, sah geduldig auf dieselbe nieder und achtete des Redenden nicht; kaum aber war die Frist, die er sich im Stillen gesetzt, abgelaufen und der Zeiger auf neun Uhr, so stand Carlyle auf, steckte die Uhr ein, und mit den Worten: ‹Good night, Mr. Noel› ging er in sein Schlafzimmer.»

Hier ist schon angedeutet, wie die Zivilisation das angeborene Herrschergefühl dieser Nation sanft und allmählich zu der charakteristischen Bürgereigenschaft ummodelte, die man Spleen nennen sollte.

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