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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Wir ahnen, welche Blockade dieser Ring von Bedeutenden, Unalltäglichen, Großzügigen noch gegen das immer näher rückende Philistertum bedeutete. Wie es schon an der Peripherie der Geistigkeit aussah, wird uns bewußt, wenn wir nachsuchen, wie der «Plauderton» der Allgemeinheit damals beschaffen war.

In einem vergilbten Büchlein aus den Regalen jener Jahrzehnte finden sich «Leichte Gespräche über das Leben junger Mädchen», das in einem «Kursus zur Erlangung der französischen Sprache» gebräuchlich gewesen.

In der heiteren Hochsommerzeit plauderte man natürlich auch damals über das Baden:

«Ich werde heute baden.» – «Wo baden Sie?» – «Bei Pohl.» – «Haben Sie denn ein Abonnement?» – «Wir bezahlen jedes Mal den Eintritt.» – «Werden Sie auch heute baden?» – «Nein, heute habe ich keine Zeit.»

Auch über intime Kleidungsstücke plaudert man:

«Wer hat dir dieses Schnürleib gemacht?» – «Unsere Näherin; es ist sehr gut gemacht, aber das Blankscheit taugt nichts.» – «Ist das Blankscheit aus Stahl oder Fischbein?» – «Es ist aus Stahl.» – «Die aus Fischbein sind besser, glaube ich.»

War man vielleicht nicht weltweise, so war man jedenfalls höflich:

«Dürfte ich Sie bitten, mir Ihren Stickrahmen zu leihen?» – «Sehr gern.» – «Ich werde ihn Ihnen am nächsten Sonnabend wiedergeben.» – «Das eilt nicht, liebe Adelheid; da ist er.» – «Sie sind sehr gütig.» – «Ich kann Ihnen nichts abschlagen.» – «Sie erweisen mir viel Ehre.» – «Ich leihe ihn Ihnen mit Vergnügen.» – «Tausend Dank.» – «Keine Ursache.»

Harmlose Proben bürgerlicher Mentalität. Wenn auch vielleicht nicht so unschädlich für die Gedankenkraft kommender Generationen, wie der heitere Anschein glauben machen will.

Sichtbarer ist die Unterminierung der geistigen Höhen in den Büchern von Friedrich Nicolai, der mit einem heftig gesträubten Gänsekiel gegen Goethe und alles, was den Kopf hoch über dem Alltag hatte, loskritzelte. Goethe selbst nahm ihn schon so humoristisch, wie wir ihn heute nehmen. Er nennt ihn ohne Zorn einen «braven verdienst- und kenntnisreichen Mann, der nur bemüht war, alles niederzuhalten und zu beseitigen, was nicht zu seiner Sinnesart paßte, die er, geistig sehr beschränkt, für die echte und einzige hielt». (Übrigens eine vorzügliche Definition jedweden Philisters.) Diese Auseinandersetzung befindet sich in Goethes «Dichtung und Wahrheit», als er bei der Erwähnung des «Werther» und seines großen und sofortigen Erfolges nicht ohne Schmunzeln den ersten Angriff Nicolais verewigt. Nicolai hatte Werthers Freitod aufs heftigste empört. Er hatte eine ganze Broschüre gegen das Werk losgelassen. «Das Machwerk war aus der rohen Hausleinwand zugeschnitten, welche recht derb zu bereiten der Menschenverstand in seinem Familienkreise sich viel zu schaffen macht», sagt Goethe darüber. Nicolai verbesserte in seinem Werk des Dichters Institution in der Weise, daß «als der wüste Mensch sich zum tödlichen Schritte vorbereitet, der einsichtige psychische Arzt seinem Patienten eine mit Hühnerblut geladene Pistole unterzuschieben versteht, woraus ein schmutziger Spektakel, aber glücklicherweise kein Unheil hervorgeht. Lotte wird Werthers Gattin und die ganze Sache endet sich zu jedermanns Zufriedenheit».

Erheiternd ist hier auch, nebenbei gesagt, daß Goethe solches «Machwerk» nicht etwa wütend zerknüllte, sondern, daß ihm «die höchst zarte Vignette von Chodowiecki», mit der es geziert war, höchste Freude machte, er sie sich ausschnitt und zwischen seine liebsten Kupferdrucke legte. Dichterisch entledigte er sich der Angelegenheit durch ein kleines Spottgedicht: «Nicolai auf Werthers Grabe», auch schrieb er einen «prosaischen Dialog zwischen Lotte und Werther», die der große Sammler aber verlor, obwohl er für die «kleine Produktion» eine besondere Vorliebe hatte. Wirklich und im ganzen Glanz der Dünkelhaftigkeit des Philisters und überhaupt des Philisters an sich zeigt sich Nicolai in seinem zweibändigen Buch: «Italien, wie es wirklich ist. – Bericht über eine merkwürdige Reise in den hesperischen Gefilden, als Warnungsstimme für Alle, welche sich dahin sehnen.»

Kein Humorist könnte einen reisenden Philister amüsanter und trefflicher darstellen, als Nicolai es selbst tut in ernster Empörung.

Der Anstoß zu Reise wie Buch ist wieder Goethe, dessen «Italienische Reise» nicht nur dem Dichter selbst, sondern allem, was sich zu ihm bekannte, Unvergleichliches geschenkt hatte. Darum schreibt Nicolai schon in seiner Vorrede unter anderen Vorentrüstungen, daß man vielleicht schon früher über die «verfaulte Herrlichkeit» Italiens aufgeklärt worden, wenn nicht Goethe «über Italien seine Stimme erhoben, und weniger die Wahrheit, als die Schönheit der darstellenden Farben vor Augen gehabt. Es konnte auch ihm, der überall nur an sich selbst dachte, nicht darauf ankommen, ob er im Interesse seiner Landsleute schrieb».

Wie anders dagegen Nicolai. Er sagt es uns selbst:

«Ich meinerseits habe dagegen Alles, was irgend dazu beitragen kann, eine genauere Kenntnis von Italien zu verschaffen, in die nachfolgenden Blätter aufgenommen, und selbst Kleinigkeiten aus dem gewöhnlichen Leben in der Staffage meines Gemäldes angebracht, wenn sie mir charakteristisch und diesem Zwecke entsprechend erschienen. Hierher gehören auch die Mitteilungen über die jedesmalige Anzahl von Extrapostpferden, welche uns vorgelegt worden sind, wonach sich überdies künftige Reisende in Italien richten können. Niemand wird hoffentlich in meinem Buche etwas Wesentliches vermissen, es sei denn, daß es nicht im Umfange meiner Reise gelegen; aber auch Niemand soll mir den Vorwurf machen können, daß ich nur das hundert Mal Gesagte wiederholt hätte.

Wenn ich der Unannehmlichkeiten, an denen Italien so überreich ist, stets wiederkehrend in jedem Tagesabschnitte gedenke, so ist dies mit reiflicher Überlegung geschehen. Die Zudringlichkeit der Bettler, das täglich mehrmals sich wiederholende Abfordern der Pässe und der Zahlung dafür, die Habsucht der Menschen überhaupt, die scheußlichen Speisen, der Unflath, die Schaaren von Flöhen und anderem Ungeziefer, die schlechten Lagerstätten machen den Aufenthalt in Italien zur Pein. Hätte ich dies am Schlusse des Werkes, oder blos hier in der Vorrede einmal angeführt; so würde die Wirkung, die ich beabsichtige, ganz verloren gehen. Nein, theure Leser, Ihr sollt selbst empfinden, was wir in den hesperischen Gefilden empfanden, so widerlich der sich täglich, ja stündlich erneuernde Eindruck jener Qualen in Italien ist, so soll auch die stete Wiederholung derselben in den einzelnen Kapiteln meines Buches auf Euch wirken. Wenn ich das Ungeziefer bei seinem rechten Namen genannt habe, so that ich nur, was selbst der begeisterte Kephalides gethan, und wenn Ihr Ekel über das Wort empfindet, so glaubt mir, daß unser Ekel über die Sache in den hesperischen Gefilden noch größer gewesen ist, und daß Ihr dann doch erst zur Hälfte das Gefühl empfindet, das Euch in dem Zauberlande nicht einen Augenblick verläßt. Ich würde unwahr gewesen sein, wenn ich das Ekelhafte durch eine mildere Bezeichnung zu beschönigen gesucht hätte.»

 

Nicolai ist nun auf der Reise. Wir überschlagen die ersten zweihundert Seiten voll beständiger Schimpfereien, von denen schon allein die Überschrift eines einzigen Kapitels den saftigen Extrakt gibt:

«Padua. Finstere und schlechte Bauart der Stadt. Die St. Antoniokirche. Die Reiterstatue des Generals Gattamelata. Rovigo. Der Postmeister daselbst. Die Grenze des lombardisch-venetianischen Königreichs. Die päpstliche Grenze. Paßzoll. Schreiende Bettler. Ferrara. Der unzufriedne Postillon. Elende Mittagsmahlzeit. Einförmigkeit des gepriesenen Weinfestons. Malalbergo. Capo d'Argine. Bologna. Aufenthalt am Thore, veranlaßt durch einen betrunkenen Beamten. Ein italienischer Teller Suppe. Der flegelhafte Fachino. Die Flöhe Bologna's. Gestank zum Frühstück. Italienisches Brot. Artigkeit der Polizei. Nochmals Paßzoll und Trinkgeld.»

Nicolai ist nun in Rom. Mancher, der einmal in der Campagna wanderte, vor Roms Toren, zur Stunde des Aveläutens, mag sich sein Lebelang danach sehnen müssen. Davor ist Nicolai bewahrt. Er äußert sich darüber:

«Gebimmel. Dies ist eigentlich der richtigste Ausdruck, um das Geläute der Glocken in Italien zu bezeichnen. In der Regel sind die Glocken nur von mittlerer Größe, daher sie einen mehr hellen, als tiefen Klang haben; auch hängen sie meist unbeweglich in der Luft, daher sie nicht, wie dies in Deutschland geschieht, beim Läuten hin- und herbewegt werden können. Der Glöckner fährt vielmehr mit einem Klöppel in der Glocke schnell hin und her, oder er bewegt von außen eine mit einem Doppelklöppel versehene Kurbel so dicht an derselben, daß die Klöppel schnell hinter einander anschlagen. So entsteht ein Gebimmel, welches fast so klingt, als wenn man einen eisernen Stab in einem Kessel schnell hin- und herbewegt und gegen die Seitenwände desselben anschlägt. Höchst eigentümlich, obwohl nicht angenehm, klingt dies Gebimmel weit hin über die Felder, wenn wir uns zur Zeit des Ave Maria noch auf der Landstraße befinden.»

Über die Vegetation Italiens belehrt Nicolai ebenfalls:

«Daß Italien nichts desto weniger ein fruchtbares Land ist, kann und will ich nicht bezweifeln; allein mit gutem Gewissen darf ich behaupten, daß wir auch jetzt noch nicht üppige Vegetation bemerkt haben. Wo eine solche Statt findet, erwartet man hochaufschwellende Getreidefelder, grüne Wiesen voll duftender Kräuter, Feldgärten mit Gemüse und saftigen Küchengewächsen aller Art, oder meilenweite Wälder mit himmelanstrebenden, dicht belaubten Bäumen zu sehen; allein von dem Allen ist uns noch keine Spur vorgekommen. Mit größter Gewissenhaftigkeit und Freude habe ich jede Schönheit Italiens, die sich uns darstellte, verzeichnet; wir möchten ja gern noch immer ein Land schön finden, welches, wie andere behaupten, mit so zauberhaften Reizen prangen soll. Was ich schon in Florenz aussprach, muß ich auch heute wiederholen: Das Land ist furchtbar in Erzeugung von Unkraut und Schmarotzerpflanzen. Insbesondere zeigt sich häufig auf den Seiten der Landstraßen ein undurchdringliches Gewirr von Gesträuchen und Schlingpflanzen verschiedener Art; auch sieht man hier und da wirkliches Schilfrohr, welches in dichten Gruppen aus der Erde hervorwuchert.»

Nicolai hat endlich den Golf von Neapel erreicht. Das italienische Volkslied singt: «Sieh Neapel und stirb.» Das passiert Nicolai leider nicht. Auch hier wieder sieht er das Meer vor Zöllnern und Flöhen nicht:

«Schlaflosigkeit veranlaßt durch Ungeziefer. Trübe Luft der hesperischen Gefilde. Der Kapuciner und sein Kurrikel. Bauart von Neapel. Die Toledostraße. Höhlenhafte Kramläden. Handwerker arbeiten im Freien. Wechsler und Notare. Brüllende Kleinhändler. Köche. Macaroni. Zwiebelgestank. Saure Apfelsinen. Limonadenbuden. Grunzende Schweine. Halbnackte Lazzaroni, die sich das Ungeziefer absuchen. Weltgeistliche, Bettelmönche, Hausnonnen und gottgeweihte Kinder. Neapolitanische Barbierläden und italienische Barbiere überhaupt in dem königl. Palast. Die Kirche des heiligen Franz von Paula. Das Albergo de' poveri. Neapels Kastelle. Fontainen. Die Sorbettobottega. Scheußliches Bettlergesindel. Dessert. Fahrt nach Pompeji. Elende Umgegend Neapels ...

Was hilft der spiegelblanke Estrich unserer Zimmer, was der luftige Gazehimmel über unseren Betten, was nützt es uns, daß es auf der Chiaja in der Nacht so ruhig ist, als in einer kleinen deutschen Landstadt! Der Landplage Italiens, den Flöhen, entgehen wir nirgend, und so kommt kein Schlaf in unsre Augen. Zu den Flöhen gesellen hier sich auch noch die Mücken, weil wir so nahe am Golf wohnen. Haben wir uns matt und müde aus dem Bette erhoben, so summen uns im Salon von unserm Frühstück schwarze Fliegenschaaren entgegen. Auch hier ist das Frühstück stets schon aufgetragen; Zuckerdose, Semmel und Butter sind mit Weinlaub bedeckt, um die ersten Angriffe des Ungeziefers abzuhalten. Nimmt man aber die Hülle weg, so zeigt sich Alles von Fliegenunflath dick besudelt. Die Semmel ist übrigens hier zu genießen ...

Über die entzückende Lage von Terracina ist viel gefaselt worden. Der Blick auf das azurblaue Meer, aus dem einige Inseln, namentlich Ischia, Procida und Vandolena auftauchen, ist allerdings angenehm; aber diese Inseln liegen mit undeutlichen Umrissen in zu weiter Entfernung. Wir stiegen in der großen, neuerbauten Locanda, welche dicht am Meeresufer gelegen ist, ab. Augenblicklich verlangte man unsere Pässe. Der Einwand, wir würden hier der Mittagsmahlzeit wegen nur eine Stunde verweilen, blieb unbeachtet. Ein Kerl nahm die Pässe in Empfang und entfernte sich damit. Wir gingen eine Treppe hinauf und gelangten in einen schmutzigen Saal und aus diesem in ein kleines Gemach, welches nach dem Meere führte. Das ganze Ameublement des Stübchens bestand aus einem Tische, Stuhl und zweischläfrigen Bette. Kaum eingetreten, fühlten wir den Biß wützigen Ungeziefers; Einer von uns setzte, nachdem er buchstäblich nur drei Schritte gemacht hatte, seinen Fuß auf den Stuhl und nahm sich siebenzehn Flöhe ab, während unzählige andere davon sprangen. Wir flüchteten daher auf den Tisch, und betrachteten von da aus das spiegelglatte Meer. Während die Mahlzeit bereitet wurde, gingen wir hinab und gelangten durch einen Berg von Kehricht und Unflath ans Ufer, wo nur ein Paar elende Fischerbarken lagen und einige gelbbleiche Kinder sich badeten.

Unsere Mahlzeit war abscheulich. Man setzte uns gebackne Gurkenschalen, stinkende Seefische verschiedener Art, frischgeschlachtete Hühner, unreife Aprikosen und halbfaule Feigen, im Ganzen, wie gewöhnlich, 12 Schüsseln vor, die sämmtlich fast unberührt wieder abgenommen wurden. Dazu gab es schlechten Landkrätzer. Verachte mir noch Jemand unsern Oestreicher, Meißner, Grünberger oder Potsdamer Rebensaft! Mit weniger Ausnahme sind die italienischen Landweine schlechter. Während der Mahlzeit mußten wir die Füße an den Leib ziehen, um unsererseits nicht Speise des Ungeziefers zu werden. Die Pässe wurden für den gewöhnlichen Doppelzoll (an die Polizei und den Überbringer) zurück gegeben, und bald saßen wir wieder im Wagen, vor dem wir jetzt vier Pferde und zwei Postillone erblickten. Kaum hatten wir Terracina verlassen, als man uns an der päpstlichen Grenzwache schon wieder das stereotype I passaporti! zurief und wir abermals gerupft wurden. Man wird in Italien wirklich nicht einen Augenblick seines Lebens froh.»

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