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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Ganz ohne Gespenster und doch schon viel nervöser, deutliche Übergangslinien verratend, schattiert sich die gleiche Zeit in dem, wie man schon damals allgemein sagte, «modernen Berlin». Hier war Mittelpunkt aller Zeitströmungen der Salon der RAHEL LEVIN, dieser «Gesprächskünstlerin», der späteren Gattin VARNHAGENS.

Rahels Temperament und Wesen glich in vielem schon der Kompliziertheit des «gnädigen Fräuleins» kommender verwöhnter Generationen. Man kann sie das erste moderne junge Mädchen nennen. Sie schildert sich selbst sehr gründlich als Vierundzwanzigjährige in einem Brief an ihren Freund David Veit:

«Ausruhen will ich mich auf'm Lande; ich ziehe acht Meilen von hier bei Zehdenik mit irgendeiner Freundin oder meiner Line allein, so bald als möglich, und fange die andre Woche schon hier zu baden an, bade dort, geh' im Juli nach Freienwalde, dann wieder zurück nach Zehdenik, und bleibe, so lange man's auf'm Lande aushalten kann. Baden will ich ein ganzes Jahr. Ausruhen muß ich mich; hier töten sie mich; und erst recht, wenn sie sich's einfallen lassen, mir helfen zu wollen.

Ich geh' fast gar nicht aus; weil keine Luft mir gut genug ist, alle Gesellschaft, wo ich hinkommen kann, verhaßt, die Komödie eklig ist, und das Konzert auch. In Gesellschaft, bekomm' ich unmittelbar vom Zuhören Ennuis- und Anstrengungsschmerzen, im Theater dasselbe; und vom Zug, im Konzert dasselbe; zu Haus von Lesen, Schreiben oder was ich tue, wobei der Körper nur zehn Minuten lang in einer Richtung sein muß: zu dicke, zu dünne, zu warme, zu kalte Luft, und jeder Affekt macht mir ein Erbrechen, wie jeder Schmerz, der nur ein bißchen solide wird. Dabei vergeh' ich für Überdruß, – nun, das halt' einer aus! Die Reizbarkeit und Empfindlichkeit kann nicht höher steigen. Und doch! – Ich geh' aufs Land. ‹Der Erde näher, den erdgebornen Riesen gleich.›»

 

Aber es war mehr in Rahel als diese Reizbarkeit. Ihre Sensibilität zeigte sich auch im Geistigen, vor allem im Geistigen, und machte sie zu einer einmaligen wertvollen Erscheinung. Rahels Salon galt als «Spiegel und abgekürzte Chronik» ihrer Zeit. Alles, was an bedeutenden Persönlichkeiten durch Berlin flutete, versuchte in diesen Salon eingeführt zu werden, der als besondere Sehenswürdigkeit gewertet wurde.

Die äußere Einrichtung beschreibt Max Ring: «Die hohen Zimmer zeigten eine wahrhaft überraschende Einfachheit, einen Mangel an jeder Eleganz und dem gewöhnlichsten Komfort, wie man ihn in jeder einigermaßen wohlhabenden Bürgerfamilie zu finden pflegt, imponierten aber trotzdem durch die Erinnerung an den hier waltenden Geist. Mit blaugrauer und grünlicher Farbe gestrichene Wände, hohe Bücherschränke, alte Möbel von Fichtenholz, verschossene Überzüge verrieten nicht die geringste Spur von Luxus. Den einzigen Zimmerschmuck bildeten einige Kupferstiche, darunter das Porträt Mirabeaus, das Reliefbild Rahels in Bronze von dem Bildhauer Tieck und eine Gipsstatue Kants, ein Geschenk des berühmten Rauch. In diesen Räumen empfingen Rahel und Varnhagen ihre Gäste: hohe Staatsmänner und Offiziere, Gelehrte und Künstler, Fürsten und Grafen, die Aristokratie des Geistes und der Geburt.»

Und über die Bewirtung finden wir in Paul Heyses Jugenderinnerungen:

«Wenn der unvorhergesehenen Gäste einmal so viele wurden, daß das Wohnzimmer wie ein gefüllter Bienenkorb schwärmte – für die Bewirtung mit Tee, Butterbrot und kalter Küche reichte der häusliche Herd immer noch aus. Niemand kam um eines Soupers willen, sondern um unter liebenswürdigen Menschen ein paar Stunden lang plaudernd und scherzend sich's wohl sein zu lassen.»

Unter die Gäste aus der Aristokratie der Geburt gehörte auch Prinz Louis Ferdinand. Rahel war ihm schwesterliche Freundin, sein «Beichtvater» in seinen Lebensnöten und Leiden um die holde, charmante, gewissenlose Pauline Wiesel. Rahel hatte schon die Gabe, auch die ganz anders geartete Frau gelten zu lassen, mehr sogar, sie zu verstehen, mehr noch als dies, ihre Anziehungskraft voll begreifen zu können. Wir wissen das durch ein Dankschreiben des Prinzen:

«Sie sahen sie so gut, so liebend, wie es in ihrem Innersten aussieht.»

Rahel war ein Beweis dafür, was die «zweite Gesellschaft» bedeuten konnte, in der man «bessere Lebensart, erfreulichere Fülle und anziehendere Gespräche findet als in der ersten». Ihre Persönlichkeit (zusammen mit der Bettines) hob die Stellung und das Ansehen der Frau, ohne jede Gewalttätigkeit, wie sie beispielsweise in England gleichzeitig und später von Frauenrechtlerinnen angewendet wurde. Sie bewies als eine der ersten mit Charme und Geist, daß die Frau auch in den «eigenen vier Wänden» eine andere Würde haben konnte, als «Strümpfe zu stricken und zerrissene Pantalons auszubessern», was als das «Schillerideal» damals aufgestellt worden war. Vielleicht könnte hier eingefügt werden, daß auch Schiller gegenüber nur die zeitgenössische Kurzsichtigkeit den Philister wittern konnte, während sich doch gleichzeitig bürgerliche Klatschsucht lebhaft damit beschäftigte, daß seine begabte Schwägerin Karoline, der zuerst seine Zuneigung gegolten, Mitglied seiner Häuslichkeit wurde. Eine Angelegenheit, der Dämonie vielleicht viel näher als dem Philistertum, die wir zart angedeutet finden in einem Brief WILHELM VON HUMBOLDTS.

«Das war ein eigentümlicher Zustand. Schiller wurde in den ersten Stunden vertraut, das heißt er genierte sich nicht. Aber die Art, wie sie untereinander sind, drückte mich oft. Wenn ich Karoline ansah, über ihn hingelehnt, das Auge schimmernd in Tränen, den Ausdruck der höchsten Liebe in jedem Zuge, – ach ich kann's Dir nicht schildern, wie mir's dann ward. Denn es war kein freies Äußern, kein Hingeben in die Empfindung, alles gehalten, gespannt. So viel Fähigkeit, zu geben und zu genießen, und die gehemmt ...

In Schiller fand ich sehr viel, und doch waren unsre Gespräche meist scherzend und nicht wenig leer oder doch von sehr kaltem Interesse. Aber auch da so viel Geist, und dann manchmal ein Blick von Karoline von so tiefem, allumfassendem Gefühl. Ich, glaub ich, kam ihm noch eben nicht nah. Ein paar ernsthafte, nicht unwichtige Gespräche, das war alles. Ich hasse alles, was sich nicht selbst macht, und darum sucht ich nichts. Vielleicht wird's in Jena anders. Lotten gibt auch die Liebe kein Interesse; sie war an seiner Seite wie fern von ihm. Er gegen beide? Hast Du ihn nie Karoline küssen sehen und dann Lotten?»

Es gibt auch heitere Beweise, wie sehr man sich am Schillerschen Familientisch gegen das Philistertum wehrte. Hufelands «Makrobiotik oder die Verlängerung des Lebens» war Schiller stets eine höchst ärgerliche Sache, obwohl er Hufeland als Mensch wie Freund schätzte. Er verhehlte in keiner Weise seine Abneigung gegen diese prosaische Art der Lebensverlängerung. Sein Widerspruch gegen das Philistertum ging sogar so weit, daß er, wie der junge Voß berichtet, sogar bei Tisch in Gegenwart seiner Kinder von diesen sagte: «Sie haben auch gar keine Poesie, es sind rechte Philisternaturen.»

«Da hättest Du die Kinder sehen sollen», schildert Voß diese Szene. «‹Papa, ich bin kein Philister, ich will kein Philister sein›, hieß es. Nun fragte ich den Ernst: ‹Was ist denn ein Philister?› ‹Es ist ein garstiges Ding›, antwortete er mir mit Heftigkeit. Da rufte ihn Schiller zu sich, drückte ihn an sein Herz und küßte ihn ...»

Bewundernswert ist, wie Rahel schon damals das tiefgehendste Verständnis für Schiller sowohl wie Goethe bewies. Sie hat ohne Frage viel dazu beigetragen, daß sich das Verständnis für beide Dichter und ganz besonders für Goethe weiter und weiter dehnte. Schon damals vermochte sie die Gegensätzlichkeit beider dichterischer Erscheinungen klar zum Ausdruck zu bringen:

«Von Schiller hab' ich einen Teil, den ich von Ferdinand geliehen, eine Lebensskizze dieses lieben Mannes von Körners Vater entworfen, mit Auszügen von Schillers Briefen verherrlicht, und am Ende desselben mit sechzehn Zeilen von Goethe. Heiliger Gott! Welche bronzene Worte! ‹Es glühte seine Wange rot und röter von jener Jugend, die uns nie verfliegt.› Sie sind aus dem Gedicht, mit dem er die Glocke aufführen ließ. Ich vergötterte Schiller, weil er eine lehrsame Seele war, und all seinen Geist dazu gebrauchte; vortrefflichen Treffer hatte, – darin bestand für mich sein Talent; dies vergötterte ich z. B. in einem Gedicht: die Schlacht. Fast antik in modernster Form, und Stoff: tief ergreifend, weil die Sache in ihrer Einfachheit erfaßt, eben dadurch ihren Graus, die Unabänderlichkeit zeigt. Undenklich schön! So liebt' ich, ‹Melancholie an Laura›, alle an Laura; eines, wo er den Frühling ‹Lieber Jüngling› anredete. Ich liebte ihn ganz: war voller Freude, ihn so liebenswert und würdig zu finden. Aber da kommt Goethe mit seiner Macht, seinen Zeilen, seiner Vollendung und Vorstellung, Denken, Reife, Vollendung und Gewalt des Ausdrucks, kampfgekämpfter Weisheit, beschauender überschauender Melancholie, weiser ausgerungener Heiterkeit, mit seiner vue d'oiseau, mit seinem Sternenblick, auf deutsch, – von einem Stern herab –, mit der Götterbrust, an der man nicht allein ruht, sondern Ruhe findet, – und allen anderen Dichtern fehlt etwas; – Großes.»

Parteilos wie im Kreislauf der Zeit selbst, drehte sich alles durch den Zirkel um Rahel, was Grundstoff war für die Zukunft. Rahel galt eine der letzten Nachrichten Heinrich von Kleists. Kurz vor seinem Freitod schrieb er ihr:

«Obwohl ich das Fieber nicht hatte, so befand ich mich doch, infolge desselben, unwohl, sehr unwohl; ich hätte einen schlechten Tröster abgegeben! Aber wie traurig sind Sie in Ihrem Brief – Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck, als in Ihren Augen. Erheitern Sie sich; das Beste ist nicht wert, daß man es bedauere!

Ihr H. v. Kleist.»

Ein Brief, in dem sich Rahel über Kleists Tod äußert, zeigt ihre Größe ebenso wie die Stumpfheit der Allgemeinheit:

«Gestern aber hätte ich Ihnen doch geschrieben, wenn mich nicht Heinrich Kleists Tod so sehr eingenommen hätte. Es läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht; es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen. – Sie wissen, wie ich über Mord an uns selbst denke: wie Sie! Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen, bis auf die Hefen leiden. Dem wahrhaft Großen, Unendlichen, wenn man es konzipiert – kann man sich auf allen Wegen nähern; begreifen können wir keinen; wir müssen hoffen auf die göttliche Güte; und die sollte grade nach einem Pistolenschuß ihr Ende erreicht haben? – Unglück aller Art dürfte mich berühren? Jedem elenden Fieber, jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? Siechen auf Krankheits- und Unglückslagern sollt' ich müssen, und wenn es hoch und schön kommt, zu achtzig Jahren ein glücklicher, imbécille werden, und von dreißig an schon ekelhaft deteriorieren? Ich freue mich, daß mein edler Freund – denn Freund ruf ich ihm bitter und mit Tränen nach – das Unwürdige nicht duldete: gelitten hat er genug. – Keine von denen, die ihn etwa tadeln, hätte ihm zehn Taler gereicht; Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt' er sich ihm nur zerstört zeigen können. Den ewigen Kalkul hätten sie nie unterbrochen, ob er wohl Recht, ob er wohl nicht Recht zu dieser Tasse Kaffee habe! Ich weiß von seinem Tod nichts, als daß er eine Frau und dann sich erschossen hat. Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene inkorrigible Leben, wenn er die dunklen Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete; uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon. Dies von denen, die sich nichts zu erfreuen haben; forsche ein jeder selbst, ob es viele oder wenige sind.»

Anton Graff: Henriette Herz, (1764 - 1847)

Man hatte Rahel als bedeutend und geistreich schon zu Lebzeiten gefeiert. Aber erst nach ihrem Tode, als Varnhagen, ihr Gatte, ihre Briefe hatte drucken lassen, erkannte man voll und ganz «die originelle, von allem Bisherigen verschiedene Auffassung der Dinge, die sich hier kundgegeben. Dies gewaltige Ringen nach Wahrheit, dies Verschmähen aller gewöhnlichen Mittel, deren man sich sonst bedient, um zu gefallen, die ganz neuen Wendungen und Ausdrücke und ebenso die neidlose Bewunderung, mit welcher Rahel sich an jeder bedeutenden Erscheinung auf den allerverschiedensten Gebieten menschlichen Schaffens und menschlichen Denkens erfreute, ihre glühende Vaterlandsliebe, ihre Duldsamkeit gegen die Schwächen derer, welche in irgend einer Beziehung sich ausgezeichnet hatten, und auf der anderen Seite ihre tiefe Verachtung für alles Kleinliche und sittlich Gemeine.»

Nicht durch Rahel allein begann sich der jüdische Geist durch verwandtschaftliche Bande und freundschaftliche Beziehungen ins Bürgertum zu schmuggeln, vorerst noch im besten Sinn. Mit Rahel befreundet war HENRIETTE HERZ, die ebenfalls eine große Anziehungskraft ausübte und eine Art Salon führte. Auch zu ihren Freunden gehörte die ganze Kulturwelt der damaligen Zeit, sie war Freundin Humboldts und Schleiermachers und vieler hervorragender Aristokraten der damaligen Zeit. Witwe geworden, wurde sie unterstützt aus der Privatschatulle des Königs.

Wilhelm Hensel: Rahel Varnhagen von Ense (1771 - 1833) im Jahre 1822.

In den selbstgeschriebenen Erinnerungen von Henriette Herz lebt plastisch auf das strenge jüdische Bürgerleben von damals. Henriette schreibt von ihrem Mädchentum, ihrer Verlobung und Heirat. Sie wird mit fünfzehn Jahren einem Dreißigjährigen verbunden, den ihre Eltern für sie bestimmt hatten und den sie «nur einige Mal» gesehen hatte:

 

«Ich mochte wohl sechs Monate in die Nähschule gegangen sein, als mir die Mutter sagte, ich solle wieder bei der Tante nähen lernen, und wie sehr erstaunte ich nicht, als diese mir im Vertrauen sagte, ich solle Braut werden; ‹mit wem?› fragte ich sie, und sie nannte mir den Mann; er war angehender praktischer Arzt, ich hatte ihn einige Male bei meinem Vater und auch wohl an seinem Fenster gesehen; er wohnte in unserer Nähe, und ich mußte vor seinem Hause vorüber gehn, wenn ich mir Bücher aus der Leihbibliothek holte; da begegnete es mir auch einmal, daß ich an einem Wintertage, mit einem schauerlichen Roman in der Hand, vor seinem Hause gleitete und fiel; meine Beschämung war groß, denn er war am Fenster. Ich freute mich kindisch dazu, Braut zu werden, und malte es mir recht lebhaft aus, wie ich, von meinem Bräutigam geführt, nun spazieren gehen würde, wie ich bessere Kleider und einen Friseur bekommen würde, denn bis jetzt machte mir die Tante das Haar mit Talg geschmiert, nach ihrem eigenen Geschmack zurecht; ferner hoffte ich auf ein größeres Taschengeld, das jetzt in zwei Groschen monatlich bestand, und von den kleinen, etwas feineren Gerichten, die zuweilen für meinen Vater bereitet wurden, etwas zu bekommen. Mit Ungeduld erwartete ich den Tag der Verlobung, den mir die Tante im Vertrauen genannt und mir dabei gesagt hatte, daß mein Vater mich fragen würde, ob ich zufrieden mit seiner Wahl für mich sei. Der ersehnte Tag erschien, der Morgen verstrich, und mir ward nichts gesagt; beim Mittagessen fragte mich mein Vater, ob ich lieber einen Doktor oder einen Rabbiner heiraten wolle. Mir klopfte das Herz mächtig, und ich antwortete, daß ich mit allem zufrieden sei, was er über mich beschließen würde. Nach dem Essen sagte mir meine Mutter, daß ich am Abend mit dem Doktor Markus Herz verlobt werden würde, und hielt mir eine lange Rede, die mir im Augenblick langweilig und unangenehm war, von der ich mich aber in späteren Zeiten manches Guten erinnerte. Sie sagte mir, wie ich mich gegen meinen Bräutigam betragen und ihre Ehe zum Muster meiner künftigen nehmen sollte, – und wahr ist es, daß es nie eine glücklichere gegeben.

Die Gesellschaft versammelte sich, ich war in einem andern Zimmer; es war damals nicht Sitte, daß die Braut in dem Zimmer, in welchem die Eltern und die Notarien waren, sich aufhielt, und erst, nachdem sie förmlich um ihre Einwilligung gefragt worden und der Ehekontrakt unterschrieben ist, kam sie zur Gesellschaft. In banger Erwartung saß ich geputzt da, glühend vor Angst, ich wollte nähen, die Hand zitterte mir aber, ich ging im Zimmer auf und ab, kam zufällig am Spiegel vorbei und erschien mir zum ersten Male mehr als hübsch; ein apfelgrün und weiß gestreiftes, seidenes Kleid, ein schwarzer Hut mit Federn standen mir sehr gut, mein dunkles Auge glänzte durch die Röte der Wangen, und der kleine Mund war freundlich. Viele Jahre sind seitdem vorübergegangen, das jugendliche Gesicht jenes Augenblicks steht aber so lebhaft vor mir, daß ich es malen könnte. Ich wollte ruhig erscheinen, als ich die Tür öffnen und den Notarius und zwei Zeugen hereintreten sah; sie fragten mich, ob ich meine Einwilligung zu der Verbindung gäbe, und ich stammelte das Ja. Bald darauf kam Markus, küßte mir die Hand und führte mich zur Gesellschaft. Meine Eltern waren sehr vergnügt und zärtlich und liebevoll gegeneinander wie immer; eine Nachbarin machte Markus aufmerksam darauf und sagte, daß es eine Freude sei, eine solche Ehe zu sehen; ‹gedulden Sie sich ein paar Jahre›, antwortete er, ‹und Sie wollen eine zweite sehn.›

Ich wußte wenig von meinem Bräutigam, er war fünfzehn Jahre älter als ich, klein und häßlich, hatte aber ein geistreiches Gesicht und den Ruf eines Gelehrten; er war geliebter Schüler Kants und hatte sowohl Arzneiwissenschaft als Philosophie in Königsberg studiert; auch hatte er schon einige scharfsinnige kleine philosophische Schriften herausgegeben. Seine frühe Jugend war ihm in sehr gewöhnlicher Umgebung verflossen, seine spätere in bloß wissenschaftlichem Umgang. So lernte er weder Menschen noch Welt kennen, und so ward sein Geist gebildet, ohne daß es sein Charakter ward. Mein Leben im väterlichen Hause blieb sich gleich, so wie auch das Betragen meiner Mutter gegen mich. Man gab mir nicht besser und nicht mehr zu essen als sonst, und was immer weniger war, als ich essen mochte, doch bekam ich statt zwei Groschen sechs Groschen wöchentlich und wurde zweimal in der Woche vom Friseur frisiert. Ich durfte fast gar nicht ausgehn, nur selten mit dem Bräutigam, und war ich einmal allein ausgegangen, so ward ich früh abgeholt, weil Markus gewöhnlich einen Abend um den andern kam und Karten spielte, was mich entsetzlich langweilte, da ich kaum eine Karte kannte und immer neben ihm am Spieltisch sitzen mußte. Oft ward ich aus sehr vergnügter Gesellschaft zu dieser Langweile geholt. Allein war ich fast nie mit Markus, denn ich hatte kein eigenes Zimmer. Wenn er fortging, begleitete ich ihn, und war dann alles still im Hause, so blieben wir im Hausflur, seine Liebkosungen taten mir dann wohl, doch verstand ich manche in meiner Unschuld nicht, denn trotz allem, was ich gehört und gesehen hatte, war mein Sinn doch völlig rein geblieben. So fragte ich einmal eine junge Frau in unserm Hause, auf welche Weise man ein Kind bekäme, und sie antwortete mir, wenn man sehr oft an denselben Mann denke; das tat ich oft und viel an Markus, und ich ängstigte mich, daß ich so Schande über meine Eltern bringen würde. Ich freute mich mit der Aussicht, bald Frau zu werden, um ausgehen und essen zu können, soviel und was ich wollte. Markus behandelte mich meistens wie ein Kind, was ich denn auch war, doch verdroß es mich, wenn man mich so nannte, und bittere Tränen weinte ich, als Markus mich kurz nach unserer Verlobung fragte, ob ich lesen könne. Ein leises Ja war meine Antwort; er bat mich, ihm etwas vorzulesen, und bei der ersten Zeile sagte er, ich könne wohl ablesen, aber nicht lesen, er wolle es mich lehren und las mir vor. Jetzt verstand ich erst, was er gemeint hatte, und mußte mir nun den unangenehmen Unterricht wohl gefallen lassen, der mich aber sehr bald dahin brachte, gut und später sehr gut vorzulesen. Markus führte mich nun in mehrere ihm befreundete Häuser ein, wo es mir aber gar nicht gefiel. Sie gehörten alle zu den vornehmeren und erschienen mir unerträglich steif. Zu einer Familie mußte ich besonders oft hingehn, und Markus hätte es bald sehr bedauern müssen, mich dort eingeführt zu haben, da einer der Söhne, mit welchem ich mich zufällig allein im Zimmer befand, so zudringlich ward, daß nur mein lautes Geschrei mich rettete. Die Zeit, die zu meiner Hochzeit bestimmt war, näherte sich; meine Schwester Hanne und ich nähten emsig an meiner Ausstattung. Die Wirtschaft war auch größer geworden, denn meine Mutter hatte Zwillinge geboren. Meine Mutter zankte fortwährend mit mir, und nur die Abende waren gegen die Zeit der Hochzeit angenehm, wo mehrere junge Leute, Markus' Freunde, kamen und viel gescherzt und gelacht wurde. Unangenehmes fehlte aber auch nicht. Markus und mein Vater hatten oft harte Gespräche über einige Artikel des Ehekontrakts, und das war mir sehr schmerzlich; doch war das nur sehr vorübergehend in mir, denn alle die schönen neuen Kleider und der Putz, der vor mir ausgebreitet lag, und die nahe Aussicht zur Freiheit erfüllten mich mit jugendlichem Entzücken.

Der Hochzeitstag erschien endlich, und obschon viele, viele Jahre seitdem verstrichen sind, so ist mir der Morgen und der ganze Tag fast in jedem Moment erinnerlich. Mit unbeschreiblicher Wehmut erwachte ich, der Gedanke, meinen Vater zu verlassen, tat mir unendlich weh, und unter tausend Tränen ließ ich mir das Brautkleid anziehen, das von weißem Atlas war, mit roten Rosen besetzt. – Der Bräutigam kam, und die Gäste versammelten sich; kurz vor der Trauung suchte ich meinen Vater allein zu sprechen; ich bat ihn mit heißen Tränen, mir in diesem Augenblick der Trennung alles zu verzeihen, wodurch ich ihn je gekränkt und geärgert hätte, und mir seinen Segen zu geben. Er tat es, umarmte mich mit Tränen und sagte: ‹Kind, brich mir das Herz nicht!› Bis zu meinem letzten Atemzuge werden diese Worte mir unvergeßlich bleiben. Sein Segen ist von Gott erhört worden, denn ich ging einem schönen, reichen Leben entgegen.

Es war 1. Oktober des Jahres 1779, glaubte ich. Es lag hoher Schnee auf dem Hofe, auf welchem der Baldachin stand, unter welchem ich, nach jüdischem Gebrauche, getraut ward. Mehrere Vornehme, die Herz kannten, waren gegenwärtig. Ein Mittagsmahl, das bis spät am Abend dauerte, beschloß den Tag. Herz's Freund F. und seine Frau begleiteten das neue Ehepaar nach Hause ...

Herz's Friseur war der erste Mensch, der die fünfzehnjährige Frau am Morgen nach der Hochzeit sah. Wie viele Jahre auch seitdem verstrichen, so weiß ich doch noch, wo ich saß, und wie ich in einen, nach damaliger Mode, reizenden Morgenanzug gekleidet und wie stolz ich auf meine neue Würde als Hausfrau war, da der alte Friseur ins Zimmer trat. Eine Köchin, die gleich am Morgen meine Befehle zum Mittagessen einholte, und eine alte, etwas betrunkene Frau, die Herz schon früher in seinem Dienste hatte, machten meinen Hausstand. Den Abend war Ball im Hause meiner Eltern. Ich zog mich an, ich gefiel mir nicht, änderte und änderte am Putz, und ich gefiel mir nicht besser. Die Ursache war, weil, nach jüdischem Gebrauch, ich mein Haar als Frau völlig verbergen mußte, und das Kopfzeug, mit Perlen und Blumen geziert, mir nicht gut stand. Ich kam etwas später als einige Gäste, und meine Mutter empfing mich mit Unwillen und schalt, daß hie und da etwas von meinem Haar unter dem Kopfzeug hervorsah; wie bald war das aber vergessen, als mein geliebter Vater mich zu einem Menuett aufforderte und den Ball mit mir eröffnete! Herz tanzte nicht. Mein Vater war schon in den sechziger Jahren und tanzte noch mit vieler Anmut und Festigkeit, daß er die Bewunderung der zahlreichen Gesellschaft vermehrte; mir ist wenig mehr von dem Abend erinnerlich, als daß ich Langweile hatte und froh war, als ich das Fest geendigt sah. Die nächsten Tage vergingen mit Besuchemachen und -empfangen; das eigentliche neue Leben fing erst einige Wochen später an. Alle jungen Leute, die mein väterliches Haus besuchten, und die meistens Studenten waren, kamen nun auch zu mir, und nicht einer war unter ihnen, den ich besonders interessiert hätte; ich fand auch keinen unter ihnen interessanter als den andern. Heiter und unbefangen ging ich mit ihnen um, und mein Mann sah sie gerne in seinem Hause. Meine Mutter besuchte mich und war meistens mit allem unzufrieden, was sie mich tun sah; ach, sie hatte wohl gewiß recht. Mein Vater kam seltener; es war aber immer ein Fest, wenn er kam. Freitag mittag aßen gewöhnlich einige jener jungen Leute und meine Mutter bei uns. Wir waren oft im elterlichen Hause, wo Herz spielte und ich mich langweilte ...

Ich war glücklich, liebte mit der fünfzehnjährigen Liebe einen dreißigjährigen Mann. Ich hatte viele Romane gelesen und sie in mich aufgenommen. Herz lachte mich aus, wenn ich schwärmte; tanzte ich um ihn her, hing ich mich an seinen Hals, wies er mich zur Vernunft ...»

Ein Brief des Gatten an Henriette zeigt die Auffassung einer Ehe ohne Romantik:

«Soeben war mein lieber Salinger bei mir, die Menschen bleiben nur bis Freitag hier, und sind morgen und übermorgen Abend in der Comödie um die von ihnen bestellten Wallenstein und Picolomini zu sehn. Ich esse nebst Lemos heute Mittag bei ihnen und bedarf Deines Essens nicht. Meine Anordnungen sind nun folgende:

Morgen Mittag essen die Leute bei uns draußen en Familie, ich kann Dir nicht helfen. Du mußt es schon machen, es bedarf keiner Traktirung, wenig und gut und weich. Des Abends verlassen sie uns und ich wünsche dann wohl eine Parti zu haben. Bestelle bei Loewen was Du nicht selbst haben kannst.

Donnerstag Mittag aber diniren wir bei Loewen. Bestelle, denke ich für fünfzehn Personen zum Thaler und vier Gr. Lade die Ephraims dazu ein, auch die Salomon und Mendelssohn. Die übrigen besorge ich, ich werde auch eine Parti zum Abend behalten, wo wir kalt bei Loewen oder bei uns speisen werden.

Ich habe die Idee heute nicht zu Dir zu kommen, das Wetter ist zu elend, ich will mancherlei zu Hause tun und dann vielleicht bei Halles sein.»

Die schöne und geistig lebendige Frau, anziehend bis zur Tollheit für so viele andere, war für den Ehemann vor allem nur Haushälterin und Mittel zur Bequemlichkeit. Wenige Jahre später schon begann diese Art des familiären wie gesellschaftlichen Lebens als «unzeitgemäß» und «veraltet» zu gelten. Da war die schöne Frau Therese von Bacheracht. Sie verspottete das Teetrinken und das Butterbrötchenessen, bei ihr gab es «Cotteletts zu verspeisen» und «Bier zu trinken». Aber vor allem brachte die schöne Therese hier und da eine Zigarre zum Vorschein und steckte sie zwischen die Lippen unter ungeheurem Applaus der Männer, die dieses Neue reizend fanden. Die alten auf ihrem guten Recht bestehenden Teezirkel nannten diese neue Geselligkeit: «Die Cottelettenbrüderschaft».

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