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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Das Märchen und das Idyll waren bürgerlich geworden. Die Heilige (Katharina Emmerich) hatte in Clemens Brentano ihren Sekretär und Biographen gefunden.

Nun wurden die Gespenster und Träume gebraucht.

Justinius Kerner (1786 - 1862)

JUSTINUS KERNER sorgte dafür, indem er durch seine «Blätter von Prevorst» und durch seine Geschichte von der «Seherin von Prevorst» sozusagen auch die Magie für «Söhne und Töchter gebildeter Stände» zum Hausgebrauch zubereitete.

Dabei ist Kerners äußerliches Leben ganz Idyll. Er baute sich im Schwabenland, am Fuß der Burg von Weinsberg, dem Symbol der Weibertreue, sein Haus mit Garten. Er war es, der dafür sorgte, daß die historische Trümmerstätte sich umwandelte in harmonische, freundliche Blumenanlagen. Er schrieb das wunderbare Buch voll phantastischer Träumerei und persönlichem Humor: «Die Reiseschatten», das noch heute dem Lesegourmand von Bedeutung geblieben. Die Welt dankt ihm viele der meistgesungenen Volkslieder.

Es gehört zu den schönen Unverständlichkeiten des Lebens, daß dieser Dichter, der außerdem auch praktischer Arzt war, auch «Magus» genannt werden wollte und sich selbst dafür hielt. Was trieb ihn zur Magie und Dämonie? Leicht faßlicher scheint uns, daß er sich als praktischer Arzt und gemächlicher Hausvater lange Zeit mit der «Beobachtung über die Vergiftung durch Würste» beschäftigte.

Eine der berühmten «Klexographien» des Dichter mit dem Text:
«Aus Dintenflecken ganz gering
Entstand der schöne Schmetterling
Zu solcher Wandlung ich empfehle
Gott meine fleckenvolle Seele.»

Das Unheimliche an Kerners Gespenstern für uns heute ist ihre Trivialität. Alle seine Gespenster verwandeln sich in ihre früheren Gestalten zurück, nur um der banalsten Kleinbürgerangelegenheit willen. Auch die Seherträume bringen nur Bilder solcher Art hervor. Auch die Einteilung der Geister, richtig sortiert in dreierlei Arten – weiße mit langem Faltenrock und einem Gürtel um die Lenden, graue Nebelgestalten und schwarze in gewöhnlicher Kleidung –, und die Beschreibung ihrer Äußerlichkeiten mahnen mehr an die Klatschkritik eines kleinstädtischen Kaffeekränzchens oder eine Biederberatung beim Weinschöppchen. Von Dämonie keine Spur.

Eduard Gärtner: Die Parochialstraße in Berlin um 1831.

Die «Seherin von Prevorst» war eine Patientin Kerners, eine Bauernfrau, namens Friederike Hauffe. Sie lebte einige Wochen in Kerners Hause, in seiner ärztlichen Behandlung. Also auch die Seherinnen aufzuspüren, bedurfte es keiner Mühe. Trotzdem ging diese Gespensterwirkung damals sehr weit. Man kannte Kerner und seine prevorstischen Mitteilungen in allen Ländern. Und sicher sind sie die Vorläufer des Spiritismus und anderer okkulter Bewegungen im Bürgertum, wenn sich Kerner gegen manchen Vorwurf der Trivialität und des Köhlerglaubens auch schon damals wehren mußte. Er verteidigte seine Gespenster damit, daß ihre Unvollkommenheit nur die Folge der Unzulänglichkeit der Menschen wäre, die eben durchaus nicht immer das Ebenbild Gottes darstellten, sondern im Gegenteil, es sehr häufig entstellten. Er meinte, man könnte dann ebensogut verlangen, «daß sich die Menschen auch in dieser Welt entweder gar nicht zeigen oder nur so, daß sie sich und ihrem Schöpfer Ehre machen.» – Die anmutigste Darstellung Kerners und seines Gespensterkreises gibt eine Beschreibung Alexander von Ungern-Sternbergs:

«Kerner sprach von den Gespenstern wie andere Leute von ihren guten Bekannten in Hamburg oder Wien. Es war ein kordialer Ton alter Bekanntschaft und Duzbrüderschaft. In meinem Beisein erzählte ihm einst ein Landsmann von einem Gespenst, das sich im Kellergewölbe habe sehen lassen in Gestalt eines in eine graue Kutte gehüllten Mönchs. Sieh mal einer! rief Kerner in seiner derben schwäbischen Aussprache, den Kerl kenn ich, der ischt mir schon einmal in den Weg gekommen, und ich habe ihm verboten das Wandern. Aber er kann's nicht lasse. Der hat vor vierhundert Jahren gelebt und war der Pater Guardian im Kloster, hat die Klosterkasse bestohle und hat das Geld im Keller vergrabe.

Kerner hatte, wenn er seine Geschichten erzählte, einen schalkhaft treuherzigen Ton, der, fern von der Ironie des Skeptikers, den guten Köhlerglauben vortrefflich darstellte. Dabei wirkte sein gutmütig ehrliches Gesicht mit den lichtbraunen Augen mit hinzu. Man wurde mit fortgerissen, man mochte wollen oder nicht. Der kälteste Verstandesmensch fühlte, wenn der ‹Magus› sprach, einen Hauch aus einem fremden Lande an sich heranwehen. Nur liefen so viele pöbelhafte Geschmacklosigkeiten mit unter, daß es mir manchmal vorkam, als sei ich zwar unter Geistern, aber doch dabei in sehr schlechter Gesellschaft. Kerner sagte mir lachend: Ja, Sie müsse nit verlange, daß a dummer Teufel, sobald er stirbt, gleich ein gescheites Kerlchen wird, er treibt als Spukgeist seine alberne Posse weiter fort!

Einst fuhr ich mit ihm in einem kleinen offenen Wagen von Weinsberg nach Heilbronn. Es war spät abends, und eine tiefe Dämmerung lag über der Gegend. Kerner, der eine Weile tiefsinnig geschwiegen hatte, machte mich plötzlich auf den Hufschlag eines Pferdes aufmerksam, der durch die Stille hinter uns erklang. Es wird ein Reiter sein, der des Weges kommt, sagte ich. Ja – aber was für ein Reiter! Geben Sie mal acht, wenn er an uns vorbeireitet. Es geht gewaltig schnell. Das Pferd hat nur drei Beine, und er, der Reiter – sehen Sie sich ihn genau an, er trägt einen Rock, wie ihn niemand jetzt trägt, und das ist in der Ordnung, denn er ischt auch nit von heute. Vor hundert Jahren lebte er als Pächter auf einem Edelhofe in der Nähe und hat, ich weiß nicht, welch ein Verbrechen zu verbüßen. Ganz genau kenne ich den Burschen noch nit, aber ich werde ihn schon kennen lernen. Ich bin ihm schon oft auf diesem Wege begegnet. – Als diese Worte kaum gesprochen wurden, jagte in sausender Eile ein Reiter an unserm Wagen vorbei. Ich konnte natürlich nicht beobachten, ob sein Pferd drei Beine hatte, aber ich hätte in diesem Augenblicke, aufgeregt durch Kerners hingeflüsterte seltsame Erzählung, darauf schwören wollen, daß es ein gespenstischer Reiter war, den ich sah, das zu uns hingewendete Antlitz erschien mir ungewöhnlich bleich, und der Hut, den er trug, zeichnete sich in seltsamer Form gegen den hellen Abendhimmel ab. Ein Gespensterschauer überlief mich ...

Wie ich in Weinsberg anlangte, war die Seherin von Prevorst, jene mystische alte Bäuerin, die die wunderbarsten Dinge erlebte, bereits gestorben, aber ein dickes Buch wurde eben über sie geschrieben, und Professor Eschenburg gab sich Mühe, alles, was jene mit der Magenhöhle sah, in ein philosophisches System zu bringen. Es wurde zugleich eine Zeitschrift gegründet, MAGIRON , in welcher Kerner alle Gespenstergeschichten sammelte, die man ihm erzählt oder die er sich aus Süd und Nord schreiben ließ. Unsere alten Schlösser in Estland und Livland sind wahre Spuknester, und deshalb konnte ich manches dem alten Magus vorbringen, das er schmunzelnd und mit beifälligem Kopfneigen anhörte. Nichts setzte ihn in Erstaunen. Er hatte die grauen, weißen, schwarzen Geister alle in bester Ordnung in seinem Kopfe und verfuhr mit ihnen wie ein Obrist, der sein Bataillon besichtigt. In der Nähe seines Hauses, in einem alten verfallenen Turm, waren mehrere Windharfen angebracht, und die Sprache, die die Sturmgeister in dunklen Abenden hier miteinander führten, klang wirklich mehr den Begriffen angemessen, die wir uns von einem Reiche der Abgeschiedenen machen, als das Poltern, Werfen und Schimpfen der unsichtbaren Koboldstimmen, die sich Kerner zu vernehmen gaben. Ich war froh, als ich Weinsberg wieder im Rücken hatte, denn nichts ist unbehaglicher als das Atmen in einer Atmosphäre von ewigem Grauen, das wir hinwegleugnen und das doch immer wieder auf uns zufällt.»

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