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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Soirée bei Ludwig Tieck (1773 - 1853) in Dresden.
Links am Lesepult der Dichter, vor dem Bücherschrank die Frau Tiecks, neben ihr die beiden Töchter. Auf dem Sofa die Gräfin Finkenstein.
Holzschnitt aus dem jahre 1847.

Wir staunen voll Ehrerbietung und mit ein wenig Beschämung, wieviel Unbequemlichkeiten und Mühewaltung die einfachsten häuslichen Notwendigkeiten damals beanspruchten und wie man trotzdem mehr Zeit noch übrig hatte für alle großen Dinge des Daseins als in den späteren Jahrzehnten, wo man gelernt hatte, mit den Bruchteilen der Sekunde zu rechnen.

Von dem Jahrhundert der «Erhellung» und der «Überwindung der Dunkelheit» war in der ersten Hälfte noch wenig zu spüren. Zwei Talglichter am Abend anzuzünden war ein unerhörter Luxus.

Die Familien saßen um einen runden Tisch. Eine einzige Kerze war in seiner Mitte aufgesteckt, ihr Fett tropfte und tropfte auf die Tischplatte. Der Docht mußte mit der Lichtschere beständig in Ordnung gehalten werden, ein Instrument, das wir längst nicht mehr kennen, das damals aber so unentbehrlich war, daß man sogar Luxus damit trieb. Es gab Lichtscheren aus schön ziseliertem Stahl und sogar aus Silber. Eine derartige Erfindung, die es verhinderte, daß beim Putzen des Lichts das abgeschnittene Stückchen Docht nicht glimmend und versengend auf den Tisch fiel, erregte allgemeine Bewunderung.

Streichhölzer gab es natürlich auch nicht. Man benutzte sogenannte Schwefelhölzer, Holzspänchen, die eine Kuppe von Schwefel hatten. Diese wurden in ein mit Schwefelsäure gefülltes Fläschchen getaucht, wobei die Flüssigkeit oft Kleider und Möbel bespritzte.

Für die Küche galten diese Hölzer jedoch als zu vornehm. Hier wurde das Feuer mittels Zunders angemacht, alter Leinwand, die man hatte verkohlen lassen und in einer Blechbüchse aufbewahrte.

Die Tabakraucher benutzten den Feuerschwamm, der durch Stahl und Stein zum Glimmen kam und für die Nase kein Vergnügen war. Alte Männer boten diese Schwämme an den Straßenecken feil.

Man räucherte viel mit duftenden Essenzen, die von den Hausfrauen durch wohlriechende Salze konserviert worden waren. Die Zimmereinrichtung war meist sehr einfach. Auch die berühmt gewordene gute Stube besaß nur Flügeltüren, nicht aber parkettierte Fußböden. So etwas sah man nur in Schlössern und Palästen.

In den kleinen Räumen gab es nur Platz für das tafelförmige Klavier, nicht etwa für den Konzertflügel. Die Möbel – Mahagoni war das Modeholz – waren für gewöhnlich gegen Rauch und Staub sorgfältig eingehüllt, und bei festlichen Gelegenheiten wurden sie gezeigt. Zum unentbehrlichen Zierat der guten Stube gehörte allerdings die Servante, ein Glasschrank, wo auf verschiedenen Brettern übereinander Silbergeschirr und schön gemalte Porzellantassen aufgestellt wurden, in deren Menge und Art sich die Hausfrauen gegenseitig zu überbieten suchten. Das war für Freunde und Bekannte des Hauses ganz bequem; man wußte wenigstens, was man zu Geburtstagen und bei ähnlichen Gelegenheiten zu schenken hatte.

An den Wänden sah man vereinzelt schon die ersten Lichtbilder, diese vielbestaunte neue Erfindung von Daguerre in Paris. Die Silberplatte, auf welcher das Lichtbild zu finden war, war blauschillernd; man mußte sie geschickt nach allen Seiten zu drehen verstehen, bis man etwas unterscheiden konnte. Die Aufnahmen dauerten damals noch eine Viertelstunde, so daß zuerst nur leblose Gegenstände dargestellt werden konnten. Das erste Porträt zeigt ein Bauernmädchen, das Fürst Metternich eine Viertelstunde lang sitzen hieß. Das Bild wurde beim Kunsthändler ausgestellt.

Sie hatten Stilgefühl damals. Die Art der Moden war genauso umständlich wie alles andere, was zu ihrem privaten Leben gehörte.

Frauen und Mädchen trugen ganz enge Kleider, den Gürtel unmittelbar unter den Armen. Der Rock, faltenlos und kegelförmig, reichte bis an die Knöchel. Die Schuhe, deren Anblick erlaubt war, wurden durch Bänder kreuzweise über dem Spann befestigt. Die Hüte waren groß und beschatteten das ganze Gesicht.

Im Hause trugen ältere Frauen oft sehr große, puffige Hauben aus weißem Tüll. Die jüngeren trugen ganz hohe Frisuren, deren Höhe durch drei große Puffen erreicht wurde. Die Haare ragten dadurch so weit über den Kopf hinauf, daß das Gesicht ganz klein und gleichsam bekleidet erschien. Als diese sinnlose Mode 1836 verschwand und die Frauen nun im Gegenteil ganz flach frisiert gingen, fand man dies zuerst geradezu unanständig und schamlos.

Die Herren trugen die Stiefel über den Beinkleidern, etwa bis zur Höhe der Waden. Viele hatten an diesen Stiefeln einen breiten, gelben Überschlag, Stulpen genannt, oder trugen Puscheln als Verzierung.

Die Herrenkleidung hatte auch schon unbequeme Eigenheiten. Der Rockkragen reichte so hoch hinauf, daß er einen Teil des Hinterkopfes bedeckte. Die Zylinderhüte waren oben noch einhalbmal so breit als an der Krempe. Dazwischen saßen die steife Halsbinde und der aufrechtstehende Hemdkragen. Aber diese steife Kleidung hinderte nicht die innere Lebendigkeit. Wurde diese im bürgerlichen Lebensgang auch unterdrückt, so regte sie sich um so leidenschaftlicher im Schutz der Kunst. Der Taumel, den Paganini als Geiger und Henriette Sontag als Sängerin hervorriefen, steht einzig da. Es war ein Rausch hypnotischer Art. Alle Feinheit und Sensibilität, alles Empfindsame und Romantische, das die späteren gröberen Zeiten verschütten sollten, schien sich in diesem Tosen des Beifalls noch einmal austoben zu wollen. Wie ein Schrei der Angst um die Vergänglichkeit mutet dieser übertrieben bewiesene Enthusiasmus an.

Alles, was damals geistig, politisch, wissenschaftlich die Zeit vorwärtsschob, stand in Beziehungen zueinander wie eine ausgebreitete Familie. So gegensätzlich sich die Lebenden damals vorgekommen sein mögen, wir heute können übersehen, daß alle diese vielen Verschiedenheiten jener unruhigen Zeit doch eine synthetische Einheit waren auf dem Weg der Weiterentwicklung.

Der Kreis um Schiller und Goethe rundete sich weit in die Welt hinaus als Brücke in kommende Zeiten. Der Reichtum an erstmaligen, einmaligen Erscheinungen jener Zeit ist allerdings kaum zu bemeistern, möchte man dies zu beweisen versuchen.

Da ist die Familie Voß, die «Vossische Hausidylle». Wir erfahren Intimes von ihr durch die Briefe der Frau Ernestine: Das Leben, das HEINRICH VOSS mit den Seinen führte, Voß, dessen «Luise» das erste bürgerliche Epos ist und der damit das Philistertum sozusagen kunstfähig gemacht hat.

Es gibt verschiedene Vorstellungen von Voß. Geibel reimte: «Aus ird'ner Pfeife Wölkchen dampfend, Heinrich Voß im Schlafrock zwischen Fliederbüschen wandelte.»

Die Ehe dieses Voß mit seiner Ernestine, der Langbegehrten, wurde gewagt auf die Honorare eines neugegründeten Musenalmanachs, was einen Freund warnend zu schreiben veranlaßte, daß dies «die göttliche Fürsicht versuchen hieße». Aber diese Ehe zeitigte fünfzig glückliche Jahre, wir könnten also beinahe versucht werden, an das Märchen von der guten, alten Zeit zu glauben. Doch die Briefe der Frau Ernestine, in köstlicher Offenheit und Intimität geschrieben, beweisen, daß auch eine «Idylle» gelebt sein will.

Heinrich Voß war nicht nur behäbig veranlagt, er war reizbar, streitsüchtig, kampfbereit, wie ein echter Geistesritter, dabei privat mit allen Philisterleiden beständig der Reihe nach behaftet, wie da sind: Zahnschmerzen, Gerstenkörner, Rheumatismus, Magenweh und – nicht zum geringsten – dem stets zu knapp gefüllten Geldbeutel. Ernestine aber hatte, gleich einem verliehenen Talent, die Gabe, alldem zu parieren. Mit der Geschicklichkeit einer an Vollendung streifenden Simplizität wußte sie Haushalt, Kinder, Sorgen, Krankheit, Besucher (unter die Goethe, Schiller, Jean Paul harmlos gereiht sind), Politik, Dichtkunst, Blumenpflege einander die Waage halten zu lassen, in ahnungsloser Selbstverständlichkeit.

Da heißt es in den Briefen: «Der Regen tut meinen Blumen wohl. Die Adonis treibt schon Wurzel, drei Aurikel haben eine schöne Blume gezeitigt. Voß hat Schnupfen und Flußfieber.»

Immer stehen Blumenfreuden neben Krankheitsberichten, wie um sich selbst darüber hinwegzuhelfen. Zwischen der Mitteilung von gebratenen Rebhühnern und Hasen und saftigen Bergamotten wird vermerkt, daß man Vossen im Wielandschen «Merkur» lobende «Kratzfüße» über seine Übersetzung Homers gemacht hat.

Ein andermal wird bedauert, daß man nicht nach Weimar reisen konnte, weil dort «die Dame aus Paris» (das war Madame de Stael) aufgetaucht war. Man hätte gern den «Nathan» im Schauspiel gesehen. Aber nun hatte man statt dessen die Obstbäume gepflanzt und das auf einer Auktion billig gekaufte Sofa mit dem Kattun bezogen, der bisher als Vorhang einem Kinderbett gedient hatte.

Einblick in stille Stuben gibt auch die Mitteilung aus dem Jahr 1803: «Seit Voß seinen Zahn hat ausnehmen lassen, hat er sehr an Mut gewonnen, sich an die Luft zu wagen, den ganzen Sommer hat ihn der Zahn geneckt. Jetzt gehn wir ernsthaft damit um, auf einige Tage nach Weimar zu gehn. Voß bei Goethe, ich bei Schillers. Goethe ist jetzt oft in Jena und sehr heiter. Jetzt sitzt er gerade mit Voß am Tisch und sie lesen Horaz. Goethe ist ein gar angenehmer Mensch, er hat sehr viel frohe Laune und legt alle Steifheit ab, mit dem Mantel, in den er immer eingehüllt ins Zimmer kommt. Auch Schiller war neulich einige Tage bei uns, mit dem fühlt man sich aber viel herzlicher und wohler.»

Oder ein andermal: «Ich habe Vossens Zimmer geschmückt, damit es feierlich aussieht, wenn er mit seinem Theokrit anfängt.»

Und viel später aus Heidelberg, als man nach dort übergesiedelt ist, zu heftigem Bedauern Goethes, finden wir im heitern Nebeneinander: «Herrliche Gänse gibt es, die füllt man hier nicht mit Pflaumen und Äpfeln, sondern mit Kastanien. Gestern hat Voß angefangen, seinem Horaz die letzte Feile zu geben.»

Oder pfiffig: «Ich lese am offenen Gartenfenster. Muß mich im Jean Paul ein wenig mehr zu Hause fühlen, weil sein Antlitz uns bald leuchten wird.»

Eduard von Engerth: Garten, 1818.

Eine wundervolle Schilderung eines süddeutschen Biedermeiergartens ist der Bericht aus Heidelberg vom Mai 1818: «Alle Bäume haben schon geblüht. Jetzt kommt schon die Weinblüte hervor, in solcher Fülle, daß alles staunt. Und die Veilchen, wo sie blühen, war die Seite ganz blau. Und der Duft! Dann die herrlichen Hyazinthen, viel über tausend und alle groß mit gedrängten Glocken, und die Menge schöner Aurikel, keiner wußte, welche Farbe die schönste war. Dann die Tulpen in unendlicher Mannigfaltigkeit und die Iris, die blühen auch voll auf und so viel andres daneben und die vielen blühenden Sträuche, der Zitisos hat Blumenranken über eine Elle lang.»

Die Schreiberin war eine zweiundsechzigjährige, tüchtige Hausfrau.

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