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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Wie ich nach Haus kam, waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken Schokolade; sie fragten, wo ich geblieben war nach der Kirche; ich erzählte, daß ich im Küstergärtchen gewesen und hätte den lieben Prediger gesehen. Da war aber schon die Kritik drüberher gewesen und hatte die Unmöglichkeiten von unchristlicher Gesinnung drin gefunden; der Mann ist berühmt, und Leonhardis waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Engländer und die Lotte und der Voigt und noch ein paar Stiftsfräulein, die Leonhardis kennen; der Fritz lag auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad, aus dem er eben gekommen war; wenn das noch lange dauert, so wird er ein Mohr. Du hättest diesen Schnattermarkt mitanhören sollen, und der Niklas Voigt, der im Mainzer Dialekt sie alle auslachte, und die Lotte, mit der besten Weisheit versehen, und der Christian Schlosser; was jeder sagte oder vielmehr über die andern hinausschrie, das verstand ich nicht, also noch weniger, was jeder meinte, aber die Niklas Voigt, dem Lotte in Ermanglung eines besseren Auditoriums ihre Weisheit übermachte, taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der Disputierenden, bejahte alles, was sie sagten, und dann rief er wieder: »In meinem Leben hab ich kein ärger Kauderwelsch gehört, als die Narren da durcheinander schreien, hören Sie doch, Bettine, was die vor Zeug schwätzen«, und dann schrie er wieder drein, sie hätten ganz recht, so ein Prediger wäre ein eitler Narr, ich sagte: »Ei, Voigt!« – »Nun, was wollen Sie denn machen, wenn Sie mitten unter den Wölfen sind, so müssen Sie mitheulen, daß Dich, daß Dich, was vor kapitale Narren sind's! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr, der seine himmlische Weisheit so vor die Narren gibt« – und so zerrte er mich zum Zimmer hinaus auf die Terrasse, war ganz begeistert von der Predigt, »ein Mann ist's, wie's unter Hunderttausenden keinen wieder gibt! ein Mann, der seine individuelle Natur von Gott durchdringen läßt! ein lebendiger Mann, der leider die Weisheit den hölzernen Maulaffen vorpredigt. Kein Mensch hat Andacht, Geistesandacht hat kein Mensch! – Maulandacht, und eine Zucht und eine Sitte, wie man Hunde dressiert: so dressiert die ganze Menschheit ihr eigen Gewissen, sie verstehen's nicht besser, sie wissen nichts davon, daß der ganze Mensch gar kein Richter mehr über sich selber sein soll, sondern ein lebendiger Anger, wo kein Urteil mehr stattfindet, sondern lauter Seelennahrung, lauter Himmelsspeis der Weisheit; wahre Weisheit, die kann nur genossen werden, nicht beurteilt, denn die ist größer, als daß der geringe Verstand sie durchschaut – aber so geht's! – was hilft mich die christliche Religion, die Menschen sind Narren und werden's bleiben, und da hat's dem Herrn Christus auch nicht besser geglückt, daß er da heruntergekommen ist. Ein Narr, der sich Christ nennt, ist halt eben auch einer! – wenn er hundertmal vom Himmelsthron heruntergekommen ist, er hat tauben Ohren gepredigt, die es nach ihrem Behagen ausgelegt haben. – Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn nicht naß, das ist die ganze Geschicht mit der Frömmigkeit. Tu die Augen auf und werd gescheut, denn unser Herrgott kann keine Esel brauchen, aber Ihr werd Esel bleiben, und so tragt nur Euer schwere Säck von Vorurteil auf Euerm Buckel bis in alle Ewigkeit, Ihr seid doch zu nichts tauglich als die Mühl zu treiben, in der Euch der Kopf immer duseliger wird.« – Aber das war nicht alles, was der Voigt sagte, und dabei machte er Sätze links und rechts. Jetzt erzähl ich Dir wieder weiter, wie's noch mit dem roten Kammerherrn weitergegangen ist; alle Tage sind wir auf der Terrasse, da gibt bald eine Dame, bald die andere ein Gouté und dann wieder die Prinzeß, aber der Krebs ist immer wieder hinter mich gekommen; da hab ich mir eine Schawell aus unserm Zimmer geholt und dicht neben die Kurprinzessin gestellt und mich draufgesetzt; und nun ist das alle Tag mein Platz, und da darf er nicht mehr an mich streifen, und wenn wir spazierengehen über die Bergrücken nach dem Tee, da nimmt mich die Kurprinzeß immer bei der Hand; sie hat ein klein Blondchen weiß und rot, dem fliegen die Sonnenhaare so flammig um den Kopf, dem lieben Hessenkind; ich könnt recht gut mit ihm spielen, sie halten mich ja doch für ein Kind, weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab; Ballwerfen, um die Wett laufen – aber so einem Prinzeßchen ist nicht beizukommen; da ist eine Frau von Gundlach, die führt das Regiment, und Kammerfrauen, die begleiten es. Dann ist mir's auch nicht möglich, mit einem Kind Komödie zu spielen; ich muß mit ihm sein können unter Gottes Schutz, nicht unter Menschenaufsicht. – Prinzeßchen, in Gold sind Silber angetan – zu ihrer Geburt kommen gute Feen, die sie beschenken – das erfährt man in Feenmärchen. Was mögen sie dem feinen Kind alles geschenkt haben? – Gaben, die es noch nicht zu brauchen weiß, wer wird's ihm lehren? – Scheu! – aber keine scheinheilige – ich hab sie vor allem Kinderschicksal unentfaltet noch in so süßer Knospe verschlossen; man hat auch Scheu, eine junge Knospe zu berühren, die der Frühling schwellt. Ein Wiegenkindchen lallt so berührsam wie kein Gespräch mit Menschen. Nur allein mit Dir ist Sprechen lebendig, wo wir ohne Vor- und Nachurteil den Gedanken uns auf die Schwingen werfen und jauchzen und gen Himmel fahren. Um so ein Kinderschicksal möcht ich einen Kreis ziehn, das Erdenschicksal wollt ich aufheben von ihm, daß es ganz gleichgültig wär, ob ihm dies oder jenes zuteil werde, und nur sein himmlisch Weisheitsschicksal darf gelten. Lautere Güte, das ist der Erfrischungsquell für die Kindernatur, aus dem sie Gesundheit trinkt – und abends, wenn's schlummert, da haucht es Segen, wie die schlummernden Sträucher auch Segen duften, an denen man hingeht in der Dämmerung. – Ein Kindchen einwiegen bei Mondenschein, dazu würden mir gewiß schöne Melodien einfallen; was geht einem die Welt an, die verkehrt ist. Alles, was ich seh, wie man mit Kindern umgeht, ist Ungerechtigkeit. Nicht Großmut, nicht Wahrhaftigkeit, nicht freier Wille sind die Nahrung ihrer Seele, es liegt ein Sklavendruck auf ihnen. Ach, wenn ein Kind nicht innerlich eine Welt hätte, wo wollt es sich hinretten vor dem Sündenunverstand, der bald den keimenden Wiesenteppich überschwemmt. – Da sagen die Leute, ein Kind darf nicht alles wissen. – Wie dumm! – Was es fassen kann das darf's auch wissen, für was hätte es die Macht zu begreifen? – Der Geist langt wie eine Pflanze mit jungen Ranken hinaus in die Lüfte und will was fassen, und da kommt der Unverstand, an den kann er sich freilich nicht ansaugen, da muß der Kindergeist absterben; sonst, wie bald würde die Weisheit der Unschuld den Aberwitz der Unverschämtheit beschämen. Ungeduld und Zorn und Mißstimmung werden ihnen wie Autoritäten entgegengestellt; man schämt sich vor ihnen keiner bösen Regung, vor andern hütet man sich wohl, da versteckt man die böse Natur, aber vor Kindern nicht, man denkt, sie begreifen's noch nicht; man sollte doch lieber auf ihre Reinheit bauen, die das Böse nicht gewahr wird, oder auf ihre Großmut, sie verzeihen viel und rechnen es einem nicht an. Deswegen sind sie aber nicht witzlos und untüchtig für den höchsten Begriff. Aber die Menschen sind über sich selber so dumm, sie glauben in ihrem schmählichen Unrecht noch an ihre eigne Weisheit wie an einen Ölgötzen, dem sie Opfer bringen aller Art, nur die eigne Bosheit erwischen sie nicht bei den Ohren, um sie einmal zu schlachten. Der knospenvolle Lebenstrieb wird nichts geachtet, der soll nicht aufgehen, aus dem die Natur hervor ans Licht sich drängen will; da wird ein Netz gestrickt, wo jede Masche ein Vorurteil ist – keinen Gedanken aus freier Luft greifen und dem vertrauen – alles aus Philistertum beweisen und erfordern, das ist die Lebensstraße, die ihnen gepflastert wird, und wo statt der lebendigen Natur lauter verkehrte Grundsätze und Gewohnheiten es umstricken. Der Voigt sagte, ihm sei das Lachen und Weinen nah gewesen beim Examen in der Musterschule, wo der Molitor mit so großem Eifer die Judenkinder examiniert habe über die Großtaten der Römer und Griechen, wenn er dächte, welchen schmutzigen Lebenspfad sie wandern müßten; ›Zieh Schimmel, zieh, im Kot bis an die Knie‹, ja da mag einer noch so ein weißer Schimmel sein, er muß im Morast steckenbleiben; und das ganze Lehrgebäude ist bloß wie ein Fabelwerk, alles lehrt man durch Exempel, aber große Taten, die zeigt man nur wie die Schimäre aus dem Bilderbuch, da dreht jedermann um und läßt sie stehen ohne weitere Gebrauchsanweisung. Diese Bemerkungen sind alle aus Gesprächen mit dem Voigt, der mir gern seine Weisheit bringt aus dem Grund, weil ihn kein Mensch sonst anhört; er sagte, ich bin jedermann langweilig, aber ich kann Ihnen versichern, die Leute sagen, Sie wären auch langweilig; er sagte: aus einem Kind sollte lauter Weisheit hervorblühen, daß alles Denken freudige Religion in ihm würde, ohne ihm das Kreuzschlagen zu lehren oder Heiden und Christen zu unterscheiden, und seine Seele mußte aufblühen am Lebensstamm, ohne zu fragen nach Gutem und Bösem. – Weißt Du was – heut hat sich das zarte Kind in der Tür den Finger sehr arg geklemmt; und die Kurprinzeß war sehr erschrocken und ganz hinfällig geworden, denn es hat ihm sehr arg weh getan, mich hat's auch geängstigt, es hatte Fieber, jetzt liegt's im Bett und schläft; als es beruhigt war, ging die Kurprinzeß zur Erholung spazieren; sie nahm mich mit, ich lief von ihrer Seite, um ihr Blumen zu holen, die ich in der Ferne sah, die nimmt sie mir immer freundlich ab und zeigt mir wohl selbst, welche ich pflücken soll; ich brach aber so viele und kletterte jede steile Seite hinan; die Damen wunderten sich über meine großen weiten Sprünge und sagten, ich beschwere die Hoheit mit den vielen Blumen, ich band einen Strauß mit meinem Hutband und gab ihn ihr zu tragen; ich sagte, er sei für's kranke Kind zum Spielen, nicht ins Wasser zu stellen; sie trug den großen Strauß und wollte nicht, daß man ihn ihr abnahm. Die Gesellschaft wunderte sich über meine naive Art, damit meinen sie Unart, ich merkte es; sie halten mich für einen halben Wilden, weil ich wenig oder nie mit ihnen spreche, weil ich mich durchdränge, wohin ich will, weil ich mich ohne Erlaubnis an der Prinzeß Seite setze, als ob ich den Platz gepachtet habe, sagt Frau von B. R., weil ich so leise geschlichen komm, daß mich keiner merkt, weil ich davonlaufe und nur das Windspiel vom Herzog von Gotha sich mit mir zu schaffen macht, das mir nachsetzt und bellt, wenn ich ins Gebüsch spring; der L. H. sagte mir, daß man sich über meine Unart aufgehalten, den Hund so laut bellen zu machen; er erzählte mir aber nicht, was ich von der Tonie hernach hörte, daß die Kurprinzeß sagte: »Sie ist ein liebes Kind«, und daß der Herzog von Gotha sagte: »Ein allerliebstes Kind«. – Nun, ich gefall mir selbst gut. –

Lieb Günderödchen, über allen Wechsel und Zerstreuung von heute hinweg klingen noch immer die Worte der Predigt in mich hinein, als wär heut ein feierlicher Tag gewesen. – Es ist ja wahr, Du und ich sind bis jetzt noch die zwei einzigen, die miteinander denken; wir haben noch keinen Dritten gefunden, der mit uns denken wollt oder dem wir vertraut hätten, was wir denken, Du nicht und ich nicht; niemand weiß, was wir miteinander vorhaben, und wir lassen jetzt schon ein ganzes Jahr die Leute sich wundern, warum ich doch alle Tag ins Stift lauf. – Aber den Geistlichen – wär's in Frankfurt gewesen, den hätt ich angeredet, daß er mit mir zu Dir gegangen wär. – Der hat gewiß keinen Freund – sein Geist wird sein Freund sein müssen, der wird ihm antworten. Ich denk, ob einer mit seinem eignen Geist reden kann? – Der Dämon des Sokrates, wo ist der geblieben? – Ich glaub, jeder Mensch könnte einen Dämon haben, der mit ihm sprechen würde, aber worauf der Dämon antworten kann, das muß unverletztes Forschen nach Wahrheit sein; da mein ich mit, es darf sich kein andrer Wille dreinmischen als bloß die Begierde zur Antwort. – Frage ist Liebe und Antwort Gegenliebe. Wo die Frage bloß Liebe zum Dämon ist, da antwortet er, der Lieb kann Geist nicht widerstehen, wie ich nicht und Du nicht. Solang ich vom Sokrates weiß, geh ich dem Gedanken nach, wie er einen Dämon zu haben; er hatte wohl ein inneres Heiligtum, ein Asyl, wo der Dämon zu ihm kommen mochte; ich hab in mir gesucht nach dieser Tür zum Alleinsein, wo ich diesem Weisheitsgeist ins Gesicht sehen könnt, flehend um Lieb. Aber Du hast recht, ein mutwilliger Wind jagt meine Gedanken wie Spreu auseinander, ich werd fortgerissen von einem zum andern von meiner Zerstreutheit; dann ist's so nüchtern in mir und so beschämend öde, wenn ich mich sammeln will; wie soll da der Geist sich einfinden, wo es so leer ist; der Sokrates hatte wohl große Taten getan vorher und nie seinen Genius verleugnet, dann kam er zu ihm. – Ich sag als zu mir, laß nur ab, der Geist würde von selber kommen, könnt deine Natur ihn herbergen. Ich denk als, der Geist muß entspringen aus vereinigten Naturkräften, und ich hab so keine Feuernatur, die sich so konzentrieren kann, daß der Geist aus ihr entspringe; aber ich wollt es doch, ich sehne mich nach ihm. Ich hab ihn nicht, ich denk mir ihn aber und trag ihm alles vor in meinen Nachtgedanken, und manchmal schreib ich an Dich, als wärst Du sein Bote und er würde durch Dich alles erfahren von mir. Manchmal, wenn wir zusammen schwätzen im Dunkel bei dem verglommenen Feuer in Deinem Öfchen, wo der Märzschnee vom Baum vor Deinem Fenster herunterfiel, da dacht ich, was schüttelt doch den Baum? – und da war ich gleich so begeistert, als lausche was und reize mich an, und Du sagtest, es fülle sich unser Gespräch mit Gas, ein Gedanke nach dem andern stieg in die Wolken, und verglichst sie mit romantischen Lichtern, die hoch über uns sich in sanften Leuchtkugeln ausbreiten. Das Rasseln im beschneiten Baum, an der Wand das neugierige Mondlicht, das aufflammende Feuerchen, Du und ich, die mit Deinen Fingern spielte beim Sprechen, das war als so, daß ich dacht, der Geist wär nah bei uns und trenne uns von allem Unsinn; und das Leben war auch so weit ab, auf der Straße, wenn ich nach Haus ging, wenn mir da Menschen begegneten, so war's wie eine Scheidewand zwischen mir und ihnen und zwischen allem, was in der Welt vorgehe – ja, die Welt, die auch von Begeistrung leben sollte wie der Baum vom Tau, die strömt so viel Stickluft aus (Langeweile), daß der Geist nicht eratmen kann.

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