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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ich bin heut auf mancherlei Weise beglückt, erstlich hab ich heut wirklich einen Rosenstock in meinem Zimmer stehen, den mir einer heimlich hereingestellt hat, mit siebenundzwanzig Knospen, das sind Deine Jahre, ich hab sie freudig gezählt, und daß es grad Deine Jahre trifft, das freut mich so; ich seh sie alle an, das kleinste Knöspchen noch in den grünen Windeln, das ist, wo Du eben geboren bist. Dann kommt das zweite, da lernst Du schon lächeln und dahlen mit dem kleinen grünen, verschlossenen Visier Deines Geistes, und dann das dritte, da bist du nicht mehr festgehalten, bewegst Dich schon allein – und dann winkst Du schon mit den Rosenlippen, und dann sprechen die Knospen, und dann bieten sie sich dem Sonnenlicht, und dann sind fünf bis sechs Rosen, die duften und strömen ihre Geheimnisse in die Luft, und dieser Duft umwallt mich, und ich bin glücklich. – Wer hat sie mir wohl ins Zimmer gestellt? – Heut morgen kamen die Studenten herauf, und gleich war aller Blick auf den Rosenstock am Fenster gerichtet – denn es ist was Seltnes um diese harte Winterzeit hier in Marburg, denn ich glaube wohl nicht, daß Treibhäuser hier sind.

Der Ephraim war nicht da heute, wo sein Tag ist, den er sonst nicht versäumt, und als ich abends auf den Turm wollt, da kam sein Enkel, mir zu sagen, daß er unwohl ist – ich sag: »Was fehlt ihm?« – »Nur matt ist er«, sagte der Enkel, »sonst ist er ganz wohl.« – Ich sag: »Sieh den schönen Rosenstock.« – Er sagt: »Ich kenne ihn wohl, der Großvater hat ihn heute morgen durch mich geschickt, und weil es noch früh war, so hab ich ihn vor die Tür gesetzt.« – Ich frag: »Habt ihr ihn denn selbst gepflegt?« – »Ja, der Großvater hat ihn schon zum zweitenmal zur Blüte gebracht.« –

Es ist schön, daß der Rosenstock mein ist; wär doch der Ephraim wieder gesund, denn Du hast mir ja geschrieben, ich soll mit ihm von Dir sprechen, das letztemal konnte ich nicht, weil ich zu bang war; – vielleicht aber ist's, daß er meint, ich wär zum Lernen nicht aufgelegt, warum er sich's verbietet zu kommen, ich hab ihn aber bitten lassen, zu kommen, wenn er besser ist; ich hab ihm auch alten Madeira geschickt, er wird schon besser werden; es war sehr schön heut auf dem Turm, es ist Frühlingsluft, und die Abende sind heiter und rein; ich geh früher jetzt, schon immer, wenn die Sonne untergegangen ist, eh ich nach Haus geh, ist doch schon sternige Nacht; nun werd ich den Turm bald verlassen, die Lullu schreibt, am siebzehnten wird sie kommen, Du hast's gesagt, ich soll mit ihr gehen, und ich wollt ihr's auch nicht abschlagen – es war schön hier und vielbedeutend, und was soll ich mich fragen, was in mir geworden ist. Mein Geist ist voll geheimer Anregung, das ist genug, die Natur hab ich nicht beleidigt und meine innere Stimme auch nicht verleugnet.

Was den Geist verleugnet, das versiegt eine Geistesquelle – Buße ist ein Wiedersuchen, Wiederfinden dieser Quelle, denn echter Geist strömt Geist – Großmut verzeiht alles, aber duldet nicht, was gegen den Geist ist.

Großmut ist Stammwurzel des Geistes, durch die der Geist einen Leib annimmt, Handlung wird. Was nicht aus ihr hervorgeht, ist nicht Tugend.

Großmut dehnt sich willenlos aus über alles; wo sie sich konzentriert, da ist sie Liebe.

In der Liebe brennt Deine Seele in der Flamme der Großmut, sonst ist's keine Liebe. – Nur in der Großmut hat alles Wirklichkeit, weil in ihr allein der Geist lebt – so also nur kann die Liebe selig machen. –

Jede Liebe ist Trieb, sich selbst zu verklären. Wenn nicht dem Liebenden die Gottheit, die Weisheit das Haupt salbet und die königliche Binde umlegt, da ist's nicht die wahre Liebe.

Ein Liebender ist Fürst, die Geister sind ihm untertan; wo er geht und steht, begleiten sie ihn, sie sind seine Boten und tragen seinen Geist auf den Geliebten über. –

Das war meine gestrige Sternenlektion; seit die Rosen in meinem Zimmer blühen, sprechen sie als mit mir von Liebe. Heut morgen hab ich den Rosenstock wieder ans Fenster gestellt, eh die Studenten kamen, und hab hinter dem Vorhang gelauscht, ob sie wieder heraufgucken; sie haben sich bemüht, die Rosen zu zählen, einer zählte siebzehn, der andere fünfzehn, so viel sind grade zu sehen, die andern sind noch zu klein – könnt ich jedem eine hinunterwerfen, sie an seine Mütze zu stecken.

Heut war der Ephraim bei mir, er wußte, daß ich die andre Woche geh, wir sprachen von meinem Wiederkommen, denn ich bleib nur drei Wochen mit der Lullu aus. – Wir sprachen von Dir; er sagte so viel Gutes von Dir, er las auch meine letzten Blätter an Dich, er sagte, man müsse nicht fürchten, daß, was man liebe, einem verloren gehn könne, weil er wohl erkannte, etwas in Deinem Brief mache mir bang um Dich; er sagte, Du seist einzig in Deiner Art, Du habest eine große Bahn, und wer nicht andre Wege gehe als die schon gebahnten und angewiesenen, der sei nicht Dichter. Es sind nicht tausend Dichter, es ist nur einer, die andern klingen ihm nur nach – klingen mit. – Wenn eine Stimme erschallt, so weckt sie Stimmen. Dichter ist nur, der über allen steht. Der Dichtergeist geht durch viele, und dann konzentriert er sich in einem. Oft wird er nicht erkannt, und doch steht er höher als alle. – –

Wer nicht andre Wege geht als die schon gebahnten und angewiesenen, der ist nicht Dichter. Und wenn nicht auf eigenem Herd das Feuer brennt, das ihn erleuchte und wärme, der wird kein anderes dazu beraten finden. Lodert aber auf Deinem Herd die Flamme, dann wird jede Dir leuchten und alle Dich wärmen. – Man kann ruhen im Geist, man kann tätig sein im Geist; aber alles, was nicht im Geist geschieht, ist verlorene Zeit. – Es wird wohl selten dem Dichtergeist sein Recht getan, der kühne Adel jener Gedanken, die wir als Dichtung erfahren, sollte wie Helden uns wenig imponieren. – – – Und so schwätzten wir noch ein Weilchen, und nicht alles hab ich behalten, was sich da ergab – aber der Ephraim war blaß, und sein Enkel brachte ihm noch einen Mantel; einmal will ich ihn noch sehen. – Auf dem Turm gewesen, aber nichts aufgeschrieben; es tut mir leid, daß ich mich vom Turm trenne; wo wird's wieder so schön sein, und was hab ich den Sternen nicht alles zu verdanken? Sie haben mir Wort gehalten. Nicht wahr, sie haben uns beide zusammen gepflegt, und was sie mir sagten, das haben sie auch Dir gesagt – und wir waren beide recht verschwistert in ihrer Hut. – Wie wird's sein, wenn ich wiederkehre? – diese vier Monate meines Lebens, ich konnte sie nicht schöner zubringen. – Nicht wahr, Natur und tiefer Geist, die haben mich hier freundlich empfangen, die zwei Genien meines Lebens. Der Ephraim. – In was für einer Welt leb ich denn? – ich träume, jawohl, ich schlafe, und die großen Geister haben mich in den Traum begleitet und haben zwischen die irdische Welt sich gestellt und mich, und so hab ich ein himmlisch Leben geführt. Wenn ich in diese Zeit schau, so ist sie wie ein Diamant, der mir vielmal die Sonne spiegelt. – Du hast mir gleich gesagt, geh mit, und Du hast recht gehabt – so hast Du auch gewiß recht, daß ich mit nach Kassel geh, ich geh auch mit großem Zutrauen, nichts darf länger währen, als nur die leiseste Anregung es mochte gestatten.

Ihr guten Studenten! heut haben sie wieder nach den Rosen gesehen – ich möcht sie euch alle abbrechen, eh ich weggeh, und sie euch auf den Kopf werfen. –

Der Ephraim darf nicht mehr den Berg heraufkommen, es ermüdet ihn zu sehr; auf seiner Reise zu den Enkeln, da war's so kalt, da hat er sich zu sehr angestrengt, er darf nicht mehr herauf, vielleicht, wenn ich wiederkehr, ist er wieder gesund, einundsiebzig Jahr ist er alt, aber mir wird er gesund bleiben; – wenn wir dies Frühjahr zusammen auf dem Trages sind, Savigny meint, Du werdest hinkommen, dann wollen wir ihm zusammen Briefe schreiben, nicht wahr? – und recht heitere – dies wird der letzte lange Brief sein, den ich Dir von hier schreib.

Die Lullu hat mir viel Grüße von Dir gebracht und sagt, Du freust dich, aufs Trages zu kommen, und Dein kleiner Brief bestätigt es auch, sie sagt, Du bist recht heiter, so bin ich auch ganz glücklich; ach, was hab ich Dich doch gepeinigt mit meiner Ängstlichkeit, die mir sonst nicht eigen ist, Gott weiß, wo's herkam, ich bin ganz lustig, ich begreif's nicht, daß ich so dumm war. Ich glaub, der Winterwind und die Sterne haben mich im Kopf und Herzen verwirrt gemacht; übermorgen reisen wir ab. –

Weißt Du, was ich getan hab? – ich ließ dem Ephraim sagen, ich werde zu ihm kommen, gestern, und ich hab mich zu ihm führen lassen um dieselbe Stund, wo er gewöhnlich kommt, aber es war gestern Freitag, und wie ich kam, saß er fein gekleidet auf seinem Sessel, und eine Lampe mit vier Lichtern war angezündet auf dem Tisch. Er wollte aufstehen, aber er ist müde. Und wie ist es doch? – ob er wohl heimgeht zu seinen Vätern? – Ich brachte ihm zwei Goldstücke für meinen Unterricht; er machte ein kleines Kästchen auf, wo ein Paar Trauringe drin liegen und allerlei Schmuck, er sagt, es sei von seiner verstorbenen Frau und von seinen Kindern. Er legte die Goldstücke dazu, das alles ist so fein, so edel. Welch ein geistig Gemüt! O Ephraim, du gefällst mir unendlich wohl. Ich hatte ihm seinen Rosenstock zurückgebracht, er sollt ihn aufbewahren, die Rosen sind viel mehr aufgeblüht, wie schön standen sie bei der hellen Lampe zu seinem schneeweißen Bart. Ich sagte: »Die Rosen und Euer Bart gehören zusammen, und ist mir lieb, daß ich keine abgebrochen habe, denn Ihr seid vermählt zusammen mit den Rosen, sie sind Eure Braut. Ich war ein paarmal versucht, sie abzubrechen und sie den Studenten hinunterzuwerfen, weil sie so lüstern danach hinaufsahen.« Er sagte: »Oh, wenn Sie es erlauben, so will ich sie schon unter den Studenten austeilen, es besuchen mich alle Tage welche, und dann werden schon mehrere kommen, wenn sie wissen, daß es Rosen bei mir gibt.« Das war ich zufrieden, und ich freu mich recht darüber, daß meine Studenten noch meine Rosen kriegen.

Er hat mich aber gesegnet, wie ich von ihm ging, und ich hab ihm die Hand geküßt; und wie ist doch der Geist so schön, wenn er ohne Tadel reift. Sein Enkel mußte mich nach Haus begleiten auf seinen Befehl, weil ich nur eine Magd bei mir hatte. Ich schickte ihn aber bald wieder zurück und hab dem Enkel gesagt, er soll dem Großvater sagen, daß er alle Tage meiner gedenke, bis ich wiederkomm. – Als ich wegging vom Ephraim, legte er mir die Hand auf den Kopf und sagte: »Alles Werden ist für die Zukunft.«

Ich ging zu Hause gleich nach dem Turm, weil ich mich noch einmal recht deutlich besinnen wollt auf dieses mächtige und doch so einfache, friedenhauchende Geistesgesicht, so wie ich ihn eben verlassen hatte im Schimmer der hellen, polierten, vierfachen Lampe, die Rosen bis zu seinem weißen Bart sich neigend, so hab ich ihn zum letztenmal gesehen. Deutet dies nicht auf seinen Abschied vom Erdenleben, das er so mühevoll, so friedlich, so freudevoll durchführte? denn auch mir hat er beim Abschied gesagt: »Sie haben mir viel Freude gegeben.« – Und wie ich eine ganze Weile an ihn gedacht hatte, so besann ich mich auf seine Worte: ›Alles Werden ist für die Zukunft.‹ – Ja, wir nähren uns von der Zukunft, sie begeistert uns. – Die Zukunft entspringt dem Geist wie der Keim der nährenden Erde. – Dann steigt er himmelauf und blüht und trägt Erleuchtung. – Der Baum, die Pflanze ist der Geist der Erde, der aufsteigt zum Licht, zur Luft. Der Geist der Erde will sich dem Licht vermählen, das Licht entwickelt die Zukunft.

Alles echte Erzeugnis ist Auffahren zum Himmel, ist Unsterblichwerden.

Und die Schönheit dieses Mannes leuchtete mir da in der letzten Stunde auf dem Turm so recht hell auf, denn das Bild mit den Rosen, es war, als hätt es mein Genius bestellt, daß ich's recht fassen solle, wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von der Du weißt, daß inner ihren Mauern die Opferflamme lodert, der Tempel ist nur dann heilig, wenn er den Menschen, den eignen Leib darstellt – und des Gottes Lehre den eignen Geist. – Das hat er einmal gesagt zu mir. Und eben sah ich noch die Studenten ins Kolleg gehen, und sie waren recht verwundert, daß der Rosenstock nicht mehr da war. Ich sah's ihnen an, es war ihnen leid, sie hatten nun schon acht Tage hintereinander die Rosen gezählt. – Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten unter euch meine Rosen in der Weste tragen dürfen.

Bettine

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