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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Den ersten Tag, als wir ankamen, war's so heiß, daß es mehr wie unerträglich war; wir warfen unsere Nanking-Reisejacken aus und legten uns in den Unterkleidern, in Hemdsärmel, auf dem Gang vor unserer Zimmertür ins Fenster; von da kann man, versteckt hinter Bäumen, auf eine Terrasse sehen, wo sich die Gesellschaft zum Tee bei der Kurprinzessin von Hessen versammelt, die gerade unter uns wohnt. Das machte mir Spaß, man konnte manches verstehen, und ein Wort aus der Ferne, wenn's auch an sich unbedeutend ist, ist immer anregend wie eine Komödie. Doch hat das Vergnügen dran nicht lang gedauert; ein krebsroter Kammerherr, der mir im Anfang Vergnügen machte zu sehen, wie er hin und wider lief und den Frauen allerlei in die Ohren zischelte, und dann ein Herzog von Gotha mit langen Beinen, rotem Haar und sehr melancholischen Gesichtszügen und ein großes weißes Windspiel zwischen den Knien, der trägt einen lederfarbnen Rock; dann viele Damen mit überflüssigem Putz, die Hauben aufhatten, als wär's die Flotte vom Nelson mit aufgeschwellten Segeln und dann französische Schiffe, wenn so zwei miteinander parlierten, das war grad, als ob einzelne Schiffe handgemein würden, bald brüstete sich das Schiff, dann thronte es wieder, dann streckte es seinen Schnabel in die Höh, und Herren und Damen von besonderer Affektion gegeneinander; bald zerstreuten sie sich auf der Promenade, und plötzlich stand der rote Kammerherr hinter uns auf dem Gang. Die Tonie entsetzte sich und ging ins Zimmer, ich aber war gar nicht erschrocken und fragte, was er wünsche; er war verlegen und sagte, er wünschte der Dame Bekanntschaft zu machen; ich fragte: »Warum werden Sie denn so rot?« Er ward noch roter und wollte mich bei der Hand nehmen, ich sagte: »Nein!« und ging ins Zimmer; er drängte sich mir nach, ich rief: »Tonie, helf mir den Mann bezwingen«, sie war aber so voll Angst, daß sie sich nicht vom Platz regte, denk Dir nur, und ich lehnte mich mit aller Gewalt wider die Tür, und der rote Mann dazwischen, der durch wollte; ich rief: »Tonie, zieh an der Schelle«, denn unsre Bedienten waren alle noch am Packwagen beschäftigt, aber die Tonie fand den Schellenzug nicht; – der unartige Mann, immer wollte er doch noch herein, wo er doch sah, daß man ihn nicht wollte; ich konnt gar nicht begreifen, was er wollte, ich dachte einen Augenblick, er wolle uns umbringen; ich erwischte einen Sonnenschirm der an der Tür stand, und stach mit dem nach seiner Lunge oder Leber, ich weiß nicht – er zog sich zurück, und die Türe fiel ins Schloß; da stand ich wie einer, der über Berg und Tal gejagt war von einem Gespenst, ich konnte eine Viertelstunde keinen Atem kriegen; ich dachte wirklich, er sei ein Mörder, ich hatte schon allerlei Anschläge im Kopf, wie ich ihn erwürgen wollte. Die Tonie lachte und sagte: »Geh doch, ein Kammerherr und ein Mörder«, sie meinte, er sei nur ein boshafter und gemeiner Schelm, wie's deren am Hof die meisten seien. – Wir haben aber den Bedienten die Nacht vor der Schlafzimmertür schlafen lassen und die Lisette zu uns ins Zimmer genommen, ich konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen, mich störte es, daß der Diener vor der Tür lag. Es ist doch zum erstenmal in meinem Leben, daß ich Angst hatte; aber denk doch nur, am andern Tag meldet uns der Bediente den roten Herrn, er komme von der Frau Kurprinzessin mit einem Auftrag und ließ sehr bitten, ihn anzunehmen; ich rufe: »Nein! wir wollen von keiner Kurprinzessin was wissen«; die Tonie aber sagt: »Das geht nicht an, wir müssen ihn annehmen.« Ich bewaffnete mich mit dem Sonnenschirm, als er eintrat und uns zur Frau Kurprinzessin zum Tee auf die Terrasse einlud; zugleich machte er viele Entschuldigungen, er habe gar nicht geahnt, wer wir seien, weil wir in Hemdsärmel im Fenster gelegen haben; ich war still, aber ich war sehr ergrimmt über den roten Mann. Als wir bei der Kurprinzessin vorgestellt waren, die mich bei der Hand nahm und ins Gesicht küßte, da saßen wir alle in einem Kreis, und der Rote stellte sich hinter mich, daß ich seinen Atem fühlte; das kränkte mich sehr, ich sagte: »Gehen Sie fort hinter mir, Sie garstiger Mann«, da lief er weg; aber die Tonie sah mich sehr ernsthaft an, und wie wir wieder oben waren, da schmälte sie, daß ich so laut gesprochen habe; das ist mir aber einerlei, ich kann ihn nicht in meiner Nähe leiden; was liegt mir dran, ob's die Kurprinzessin merkt; wenn sie fragt, so sag ich, er hat uns wollen ermorden in unserem Zimmer, und dann kann er sich nachher verteidigen, wenn's nicht wahr ist, und kann sagen, warum er uns so mörderischerweise angefallen hat. – Die Tonie will auch nicht, daß ich abends allein spazieren geh, sie sagt, der Kammerherr könnte mir begegnen; so muß ich immer einen hinter mir drein laufen haben. – Es ist nichts schöner als so ein Spaziergang im Nebel, mit dem sich, wenn die Nacht kommt, alle Schluchten füllen und der in tausenderlei Gestalt im Tal herumtanzt und an den Felsen hinauf. – Aber einen hinter mir dreinlaufen zu haben, das ist mir verdrießlich. – Ich kann nicht dichten wie Du, Günderode, aber ich kann sprechen mit der Natur, wenn ich allein mit ihr bin; aber es darf niemand hinter mir sein, denn grad das Alleinsein macht, daß ich mit ihr bin. Auf der grünen Burg im Graben, im Nachttau, da war es auch schön mit dir; es sind mir meine liebsten Stunden von meinem ganzen Leben, und sowie ich zurückkomm, so wollen wir noch acht Tage zusammen dort wohnen; da stellen wir unsere Betten dicht nebeneinander und plaudern die ganze Nacht zusammen, und dann geht als der Wind und klappert in dem zappeligen Dach, und dann kommen die Mäuschen und saufen uns das Öl aus der Lampe, und wir beiden Philosophen halten, von diesen Zwischenszenen lieblich unterbrochen, große tiefsinnige Spekulationen, wovon die alte Welt in ihren eingerosteten Angeln kracht, wenn sie sich nicht gar umdreht davon. – Weißt Du was, Du bist dort auf die Burg verbannt, und ich bin Deiner liebster Freund und Schüler Dion; wir lieben uns zärtlich und lassen das Leben füreinander, wenn's gilt, und wenn's doch nur wollt gelten, denn ich möcht nichts lieber als mein Leben für Dich einsetzen. Es ist ein Glück – ein unermeßliches, zu großen heroischen Taten aufgefordert sein. Für meinen Platon, den großen Lehrer der Welt, den himmlischen Jünglingsgeist mit breiter Stirn und Brust, mit meinem Leben einstehen! Ja, so will ich Dich nennen künftig, Platon! – und einen Schmeichelnamen will ich Dir geben, Schwan will ich Dir rufen, wie Dich der Sokrates genannt hat, und Du ruf mir Dion. –

Es wächst hier viel Schierling in dem feuchten Moorgrund, ich fürchte es aber nicht, obschon's Gift ist; es ist mir ein geheiligt Kraut, ich breche es ab im Vorübergehn und berühre es mit meinen Lippen, weil der Sokrates den Schierlingsbecher getrunken. Lieber Platon, es ist meine Reliquie, die mich von bösen Schwächen heilen soll, daß ich vor dem Tod nicht verzagen muß, wenn es gilt. – Gute Nacht, mein Schwan, gehe dort schlafen auf dem Altar des Eros. –


Am Sonntag – Schlangenbad

Hier ist auch eine Kapelle und eine kleine Orgel, die hängt an der Wand, die Kapelle ist rund, ein mächtiger Altar nimmt fast den ganzen Platz ein, ein großer goldener Pelikan krönt ihn, der einem Dutzend Jungen sein Blut zu trinken gibt. Das Ende der Predigt hörte ich aus, als ich hineinkam; ich weiß nicht, war's der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben überflorten Zieraten und Kränze von Golddraht, die frischen Sträußer daneben von Rosen und gelben Lilien und die düsteren Scheiben, wo oben grad über dem Pelikan die dunkelroten und gelben Scheiben die Sonnenstrahlen färben. Der Geistliche war ein Franziskaner aus dem Kloster bei Rauenthal. »Wenn ich jetzt von Unglück sprechen höre, so fallen mir immer die Worte Jesu ein, der zu einem Jüngling sagte, der unter seine Jünger wollte aufgenommen werden: Die Füchse haben Gruben, die Vögel des Himmels haben ihre Nester, aber des Menschen Sohn hat keinen Stein, da er sein Haupt hinlege. – Ich frage Euch, ob durch diese Worte allein nicht schon alles Unglück gebannt ist? – Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen Gefährten, der ihm sein irdisch Leben heimatlich gemacht hätte, und doch wollen wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder aufrichten, finden es nicht der Mühe wert, ins Leben uns zu wagen, werden matt wie ein Schlaftrunkner. Sollten wir nicht gern die Gefährten Jesu sein wollen, wenn die Not uns trifft? sollten wir nicht Helden sein wollen neben diesem großen Überwinder, der ein so weiches Herz hatte, daß er aus liebendem Herzen die Kinder zu sich berief, daß er den Johannes an seiner Brust liegen hieß? Er war menschlich, wie wir menschlich sind; was uns zu höheren Wesen bildet, nämlich das Bedürfnis der Liebe, und zu selbstverleugnenden Opfern befähigt, das war die Grundlage seiner göttlichen Natur; er liebte und wollte geliebt sein, bedurfte der Liebe; weil nun die Liebe auf Erden nicht zu Hause war, so fand er keinen Stein, da er sein Haupt ruhen konnte, da verwandelte sich dieses reine Bedürfnis der Liebe in das göttliche Feuer der Selbstverleugnung, er brachte sich dar, ein Opfer für die geliebte Menschheit, sein Geist strahlte wieder himmelwärts, von wo er in seine Seele eingeboren war, wie die Opferflamme hinaufsteigt ein Gebet für den Geliebten, und dies Gebet ist erhört worden, denn wir fühlen uns allzumal durch diese Liebe geläutert, und wenn wir uns ihrer Betrachtung weihen, so werden wir göttlich durch ihr Feuer, und dieses ist wie der Odem Gottes, der alles ins Leben ruft, jeden Keim des Frühlings, so auch ruft nun die Liebe Jesu, die auf Erden nicht begnügt und beglückt konnte werden, zu sich alle, die mühselig und beladen sind, sie sind verschloßne, tränenschwere Knospen; die mächtige Sonne der göttlichen Liebe wird sie zum ewigen Leben der Liebe wecken, denn dies ist alles Lebens, alles Strebens Ziel auf Erden. Amen.« Diese schönen Worte waren die einzigen, welche ich von der Predigt hörte, aber sie waren mir genügend, um mich den ganzen Tag zu begleiten; sie klangen wie ein himmlisch Geläut in mein Ohr, wie ein schöner Sonntagmorgen; als alles zum Tempel hinaus war, ging ich von der Emporkirche herab in die runde Kapelle, ein andrer Priester hatte eben die Messe gelesen, es kam ein alt Mütterchen, die löschte die Kerzen und räumte auf; ich frug, ob sie Sakristan sei, sie sagte, ihr Sohn sei Küster, aber der sei heut über Land; ich frug, wo sie die vielen Blumen hernehme, da ich doch nirgend einen Blumengarten gesehen; sie sagte: »Die Blumen sind aus unserem Garten, mein Sohn pflegt sie alle«; ich hatte eine rechte Lust, mit in den Garten zu gehen, das war sie zufrieden; das ist ein Garten, so groß wie der Hof von unserm Haus, an der weißen Wand des Hauses wachsen Trauben, und ein paar hohe Rosenbüsche sind dazwischen verflochten, Rosen und Trauben, ich kann mir keine schönere Vermählung denken, Ariadne und Bacchus. Ein hölzern Bänkchen war da an der Mauer, ich setzte mich ganz ans End, und die Frau neben mich, es war kaum groß genug, daß wir Platz hatten, ich mußte recht dicht an die Frau heranrücken; ich legte meine Hand in ihre auf ihren Schoß, sie hatte eine so harte Hand; sie sagte: »Das sind Schwielen vom Graben im Land, denn hier ist ein felsiger Boden.« Du glaubst nicht, wie schön der Garten in der Sonne lag, denn jetzt ist grade die reichste Blumenzeit, alles ist doch so schön; wenn die Natur mit Ordnung bedient wird, gleich ist's ein Tempel, wo ihre Geschöpfe als Gebete aufsteigen, gleich ist's ein Altar, der voll kindlicher Opfergeschenke beladen ist. – So ist das Gärtchen mit seinen reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Felderteilchen; der Buchsbaum ist so ein rechter Lebensfreund, von Jahr zu Jahr umfaßt und schützt er, was der Frühling bringt; es keimt und welkt in seiner Umzäunung, und er bleibt immer der grüne treue, auch unterm Schnee; das sagt ich der alten Frau, die sagte: »Ja das ist wohl wahr, der Buchsbaum muß alles Schicksal mitmachen.« – Aber stell Dir doch das hübsche Gärtchen vor, links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin, gegenüber im Schatten eine recht dichte Laube von Geißblatt, der Eingang zum Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt. So viel Levkojen, so viel Ranunkeln, so viel Ehrenpreis und Rittersporn und Lavendel, ein Beet mit Nelken, ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern, geschützt gegen die kalten Winde, zwei Feigenbäume mit ihren lieben, rein gefalteten Blättern; ich war ganz erfreut, Kameraden von meinem Baum zu finden, unter denen springt ein Quellchen hervor in einen Steintrog, da kann die Frau gleich ihre Blumen begießen, und in den offnen Fenstern hing ein Käfig mit Kanarienvögel, die schmetterten so laut. Ach, es war recht Sonntagswetter und Sonntagslaune in der Luft und Sonntagsgefühl in meinem Herzen. Ich bitte Dich, sorg, daß mein Baum von der Lisbeth nicht versäumt werde, er muß bald reife Früchte haben, wenn er so weit ist wie die im Küstergärtchen, die brech Dir ab. – Die Frau schüttelte mir Maulbeeren ab, die sammelte ich auf einem Blatt, und einen Strauß von Nelken und Ehrenpreis und Rittersporn hatte ich mir auch gepflückt; und wie ich so dasteh ganz still in der Sonn, da kommt der geistliche Herr aus der Tür; er hatte da sein Frühstück genossen, was die Küsterfrau immer nach der Kirche bereithält. – Der Geistliche ist ein schöner, ganz stiller Kopf, und sanfte Augen, und noch jung. Mich strahlten die schönen Worte, die ich von ihm gehört hatte, noch einmal aus seinem Gesicht an, ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen; er sah mich aber freundlich an und sagte: »Ei wie! schon reife Maulbeeren«; ich reichte ihm die Maulbeeren, er nahm auch welche davon, und den Strauß nahm er mir auch ab und steckte ihn in seinen Ärmel, denn ich war so überrascht, als ich ihn kommen sah, daß ich nicht wußte, was ich tat, und ihm beide Hände entgegenstreckte; ich wußte gar nicht, daß ich ihm den Strauß geboten hatte, und erst als er ihn mir mit einem Dank abnahm, merkte ich's. Nun ging er weg, und ich blieb betäubt stehen, der Spitzhund aber begleitete ihn sehr höflich vor die Gartentür, ich hörte ihn noch vor der Tür freundlich mit dem Hund sprechen: »Geh nach Haus, Lelaps«, sagte er. – Ich war recht vergnügt, und mehr als all die Tage über auf der Terrasse, mit meinem Sonntagmorgen.

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