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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Ich mußte abreisen und konnte Dir nicht einmal ausführlich schreiben. Eine Schwester, die schon länger unwohl ist und jetzt nach mir verlangte. Das wird mich auch wohl so bald nicht dazu kommen lassen. Denke nicht, ich vernachlässige Dich, liebe Bettine, aber die Unmöglichkeiten, dem nachzukommen, was ich in Gedanken möchte, häufen sich, ich weiß sie nicht zu überwinden und muß mich dahintreiben lassen, wie der Zufall es will; Widerstand wär nur Zeitaufwand und kein Resulat, Du hast eine viel energischere Natur wie ich, ja, wie fast alle Menschen, die ich zu beurteilen fähig bin, mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, daß Dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte, Du mußt dies bei Deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken. Willst Du eine Lebensbahn mit mir wandeln, so wärst Du vielleicht veranlaßt, alles Bedürfnis Deiner Seele und Deines Geistes meiner Zaghaftigkeit oder vielmehr meinem Unvermögen aufzuopfern, denn ich wüßte nicht, wie ich's anstellen sollte, Dir nachzukommen, die Flügel sind mir nicht dazu gewachsen. Ich bitte Dich, fasse es beizeiten ins Aug und denke meiner als eines Wesens, was manches unversucht muß lassen, zu was Du Dich getrieben fühlst. Wenn Du auch wolltest, manches Recht, was Du ans Leben hast, aufgeben, um mit mir zusammenzuhalten, oder besser gesagt, Du wolltest von dem Element, das in Dir sich regt, nicht Dich durchgären lassen, bloß, um dich meiner nicht zu entwöhnen; das wär ja doch vergeblich. Es gibt Gesetze in der Seele, sie machen sich geltend, oder der ganze Mensch verdirbt, das kann in Dir nicht so kommen, es wird immer wieder in Dir aufsteigen, denn in Dir wohnt das Recht der Eroberung, und Dich weckt zum raschen, selbstwilligen Leben, was mich vielleicht in den Schlaf singen würde, denn wenn Du mit des Himmels Sternen Dich beredest und sie kühn zur Antwort zwingest, so würde ich eher ihrem leisen Schein nachgeben müssen, wie das Kind der schlummerbewegenden Wiege nachgeben muß. – Alle Menschen sind Dir entgegen, die ganze Welt wirst Du nur durch den Widerspruch in Deiner Seele empfinden und erfahren, keine andere Möglichkeit für Dich, sie zu fassen. Wo wirst Du je eine Handlung, weniger noch eine Natur treffen, die mit Dir einklänge? – es ist noch nicht gewesen und wird auch nie sein (von mir will ich Dir nachher reden). Was andern Menschen die Erfahrung lehrte, wozu sie sich bequemen, das ist Dir der Unsinn der Lüge. Die Wirklichkeit hat als verzerrtes Ungeheuer sich Dir gezeigt, aber sie hat Dich nicht gescheucht, Du hast gleich den Fuß draufgesetzt – und obschon sie unter Dir wühlt und ewig sich bewegt, Du läßt Dich von ihr tragen, ohne nur der Möglichkeit in Gedanken nachzugehen, daß Du einen Augenblick mit ihr eins sein könntest. Ich spreche von heute und mehr noch von der Zukunft; ich wollte Dir wünschen, es kämen Augenblicke in Deinem Leben, wo Dir dieses Zusammenströmen mit andern Kräften gewährt wär. Erinnerst Du Dich Deines Traumes auf der grünen Burg, den Du mir in der Nacht erzähltest, wo ich Dich weckte, weil Du sehr im Schlaf geweint hattest? Ein Mann, der zum Wohl der Menschheit – ich weiß nicht mehr, welche Heldentat – getan hatte, sei zum Richtplatz um dieser großen Tat willen geführt worden. Das Volk habe in seiner Unwissenheit darüber gejubelt, und in Dir sei große Begierde gewesen, zu ihm aufs Schafott zu gelangen, aber der Streich sei gefallen noch kurz vorher, wie Du eben glaubtest, oben zu sein. Du kannst den Traum nicht vergessen haben, Dein schmerzlich Weinen bewegte mich mit, so daß ich kaum wagte, Dich zu erinnern, daß es nur ein Traum sei, aber dies war eben, worüber Du untröstlich warst. Du meintest, nicht im Traum sei Dir's gegönnt, das auszuführen, was in Deiner Seele spreche, vielmehr noch verzweifelst Du an der Wirklichkeit. Damals, in der Nacht, habe ich gescherzt, um Dich ein wenig zu trösten, aber heute fühl ich mich bewogen, jene Frage, ob es nicht ein Verlust sei, nicht zusammen mit jenem Helden im Traum gestorben zu sein, wieder aufzunehmen; ja, es war ein Verlust, denn das Erwachen, das Fortleben nach so bestandner Prüfung Deiner tiefen, inneren Anlagen, die ja doch so selten in der Wirklichkeit sich bewähren und bestätigen, mußte Dir ein Triumph sein, einen Genuß gewähren, wenn es auch nur im Traum war; denn im Traum scheitert die edelste Überzeugung wie oft. – Und ich stimme mit Dir ein, daß es ein Streich war, den Dir Dein Dämon spielte, aber ein Weisheitsstreich; – wärst Du befriedigt worden im Traum, so wär Deine Sehnsucht, das Große getan zu haben, vielleicht auch befriedigt. Und was konnte daraus hervorgehen für Dich? – vielleicht jene nachlässige Zuversicht in Dich selber, was Savigny allenfalls Hochmut nennen würde? – nein, das wohl nicht, aber doch würde die Spannung wahrscheinlich nicht geblieben sein, die jetzt, ich wollt es wetten, bei der leisesten Anregung jener unerfüllten Sehnsucht sich wieder erneuen wird.

Ich wollte Dir wünschen, Bettine (unter uns gesagt, denn dies darf niemand hören), daß jede tiefe Anlage in Dir vom Schicksal aufgerufen würde und keine Prüfung Dir erlassen, daß nicht im Traum, aber in der Wirklichkeit Dir das Rätsel auf eine glorreiche Art sich löse, warum es der Mühe lohnt, gelebt zu haben. – Pläne werden leicht vereitelt, drum muß man keine machen. Das beste ist, sich zu allem bereit finden, was sich einem als das Würdigste zu tun darbietet, und das einzige, was uns zu tun obliegt, ist, die heiligen Grundsätze, die ganz von selbst im Boden unserer Überzeugung emporkeimen, nie zu verletzen, sie immer durch unsre Handlungen und den Glauben an sie mehr zu entwickeln, so daß wir am End gar nicht mehr anders können, als das ursprüngliche Göttliche in uns bekennen. Es gibt gar viele Menschen, die große Weihgeschenke der Götter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermögen, denen es genügt, über dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben, bloß weil der Buchstabe eines höheren Gesetzes in sie geprägt ist, aber der Geist ist nicht in ihnen aufgegangen, und sie wissen nicht, wie weit sie entfernt sind, jenen Seelenadel in sich verwirklicht zu haben, auf den sie sich so mächtig zugut tun. – Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens, darauf zu achten, daß nichts in uns jene Grundsätze, durch die unser Inneres geweiht ist, verleugne, weder im Geist noch im Wesen. Jene Schule entläßt den edlen Menschen nicht, bis zum letzten Hauch seines Lebens. Dein Ephraim wird mir recht geben und ist ein Beweis dafür. Ich glaub auch, daß es die höchste Schicksalsauszeichnung ist, zu immer höheren Prüfungen angeregt zu sein. – Und man müßte wohl das Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen können. – Du hast Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit, und zugleich bist Du die heiterste Natur, die kaum das Unrecht spürt, was an ihr verübt wird. Dir ist's ein leichtes, zu dulden, was andere nicht ertragen können, und doch bist du nicht mitleidsvoll, es ist Energie, was Dich bewegt, andern zu helfen. – Sollt ich Deinen Charakter zusammenfassen, so würd ich Dir prophezeien, wenn Du ein Knabe wärst, Du werdest ein Held werden; da Du aber ein Mädchen bist, so lege ich Dir all diese Anlagen für eine künftige Lebensstufe aus, ich nehme es als Vorbereitung zu einem künftigen energischen Charakter an, der vielleicht in eine lebendige regsame Zeit geboren wird. – Auch wie das Meer Ebbe und Flut hat, so scheinen mir die Zeiten zu haben. Wir sind in der Zeit der Ebbe jetzt, wo es gleichgültig ist, wer sich geltend mache, weil es ja doch nicht an der Zeit ist, daß das Meer des Geistes aufwalle, das Menschengeschlecht senkt den Atem, und was auch Bedeutendes in der Geschichte vorfalle, es ist nur Vorbereiten, Gefühl wecken, Kräfte üben und sammeln, eine höhere Potenz des Geistes zu erfassen. Geist steigert die Welt, durch ihn allein lebt das wirkliche Leben, und durch ihn allein reiht sich Moment an Moment, alles andere ist verflüchtigender Schatten, jeder Mensch, der einen Moment in der Zeit wahr macht, ist ein großer Mensch, und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind, so kann ich sie nicht zu den Wirklichkeiten rechnen, weil keine tiefere Erkenntnis, kein reiner Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt, sondern der Leidenschaft ganz gemeine Motive. Napoleon zum Beispiel. – Doch sind solche nicht ohne Nutzen fürs menschliche Vermögen des Geistes. Vorurteile müssen ganz gesättigt, ja gleichsam übersättigt werden, eh sie vom Geist der Zeit ablassen. Nun! welche Vorurteile mag wohl dieser aller Held schon erschüttert haben? – und welche wird er nicht noch bis zum Ekel sättigen? wie manches werden die zukünftigen Zeiten nicht mit Abscheu ausreuten, dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhängen. Oder wollte es möglich sein, daß nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der Zeit nicht gegönnt sei, sich zu besinnen? – Ich zweifle nicht dran, alles nimmt ein End, und nur was lebenweckend ist, das lebt. – Ich habe Dir genug gesagt hierüber, Du wirst mich verstehen. Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen, sich selbst als Entwicklung betrachtend, da unser aller Ziel das Göttliche ist, wie und wodurch es auch gefördert werde? – Ja, ich habe dir genug gesagt, um Dir nahzulegen, daß jene Anlagen des höheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren Anschauung sein müsse, daß es Dir ganz einerlei sein müsse, ob und wiefern Dein Vermögen zur Tätigkeit komme. Innerlich bleibt nichts ungeprüft im Menschen, was seine höhere ideale Natur hervorbringen soll. – Denn unser Schicksal ist die Mutter, die diese Frucht des Ideals unterm Herzen trägt. – Nehme Dir aus diesen Zeilen alles, was Deine angehäuften Blätter berührt, beschwichtige Deine Ängstlichkeit um mich damit. Lebe wohl, und habe Dank für alle Liebe, und auch den guten Ephraim grüße in meinem Namen, und schreib mir von ihm, und sprich auch mit ihm von mir.

Deine Schwester Lullu fragte mich, ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monate nach Kassel gehen werdest. Tu es doch, mir ist's, als würde eine Unterbrechung Deines Lebens Dir jetzt gesund sein, obschon ich sonst nicht dafür sein würde.

Karoline

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