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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Gestern hatt ich mich den ganzen Tag gesehnt nach dem Abend, weil ich auch am Tag keine Ruh hab. Wenn ich doch ein einzig Wort von Dir hätt nur, über Dich! – Ich hab nur lauter Halbgedanken, sie kommen tief ans der Brust, aber ich mag sie nicht prüfen. – Wenn Du mir das einzige schreibst: ›Bettine, ich bin dir gut› das wär genug! wär ich doch wie die Uferfelsen, die den stürzenden, verspritzten Lebensstrom wieder im ruhigen Lauf sammeln, und jede Welle, jeder Gedanke in Dir würde freundlich an mir vorüberbrausen, ich wollt sie nicht fesseln. – Ach, ich sag nicht, daß ich Dich liebe, aber doch mein ich, ich wollt gern Dir mein ganz Leben aufopfern, und ich kenn niemand, dem ich das wollt, aber Dir wollt ich's. Aber wenn Du mir auch nicht vertrauen kannst, darum will ich nicht bitten. Es ist mir alles eine große Schrift in Dir, es ist mir alles Geist! – Mein Gott! was hast Du getan, gedacht, was ich nicht mit vollen Sinnen genossen hätt! – Und so oft hab ich in Dir erkannt was ich in mir selber nicht zur Gewißheit bringen konnt! – wenn mir ahnte. Die ersten kühnen Gedanken, die zum ersten Male die engen Lebensgrenzen überbrausten, daß ich verwundert war, über Geist, und überrascht, wo hab ich sie doch gelesen? – sie standen auf Deiner Stirne geschrieben – wieviel sich kreuzende Stimmen hast Du doch entwirrt in meiner Brust und meine wilde Gedankenlosigkeit – Du hast sie so sanft eingelenkt und mir gelehrt, freudig mitspielen. – Der Sinn der Welt ist mir einleuchtend geworden durch Dich, ich hätt ihn nimmer geheiligt, ich hätt ihn immer verachtet. Denn früher dacht ich oft, zu was ich doch geboren sei? aber nachher, wie du mit mir warst, da hab ich nicht mehr so gefragt – da wußt ich, daß alles Leben ein Werden ist, und nur eine freudige Ungeduld hat mich zuweilen noch übermannt, ein übereilend Erharren der Zukunft, keine Trauer mehr, nein, ich weiß nichts mehr, was mich geschmerzt hätt seit dem Augenblick, wo ich Dich kenne. – Dort in Offenbach, der Tage erinnere ich mich; kann's dem Busen der Erde so üppig entkeimen als mir die Lebensfülle unter Deinem warmen, belebenden Hauch? – Oh, glaub mir's, ich taumelte oft im Geist, weil die Gedanken so weich sich mir unter das strömende Gefühl betteten, oft, wenn ich am Abend in die weite Purpur-Landschaft sah, dort, wo ich aufs Dach stieg, bloß um zu fühlen, wie's Leben doch tut in der Brust, es war mir ja noch so neu, da mußt ich denken, daß ich ganz alles mit sei, was ich sah – solche Purpurwogen durchwallten mich – und es war ein Reichtum, den ich in mir ahnte, und es war mir alles durch Dich geschenkt! – ja, ich zweifle nicht, es ist ein Kern, ein edler in mir, der wurzelt, und der mich mir selber wiedergibt. Du hast diesen Kern in mich gebildet; Mut! umsichtige Heiterkeit sind seine ersten Blüten gewesen, und jeden Tag will er mehr Blüten treiben wie der Baum inmitten wohltätiger Natur! – alles Schicksal nehm ich hin wie Wind und Wetter und kann's tragen, denn Du hast mich gesund gemacht – aber wenn ich nun ausgerissen wär aus dem Boden, das wird doch nicht sein? – nein, das kann niemals wahr werden. O kein Erdbeben! das den Berg verschlinge, dessen Gipfel den schwachen Stamm trägt – blühend weit hinaus in die Ferne! – und so wohl sich fühlt, weil er alle Güte der Sonne empfindet, weil ihm alle Echo erklingen von den weiten Bergen und weil er so weit umher die lachende Natur beherrscht, weil er so hoch steht, so einsam, so glücklich, und alles allein, weil er in Deinen Busen gepflanzt ist. – Dann bin ich schlafen gegangen, wie ich so weit geschrieben habe, und hab vergessen, auf den Turm zu gehen, wo ich doch den ganzen Tag unruhig danach war, und schlief so fest ein. Ach, war ich denn krank gewesen, daß ich wieder so ganz gegen meinen eigentümlichen Willen nicht traurig zu sein, so an Dich schrieb? – aber wie ich aufwachte, da besann ich mich, daß es zum erstenmal war, wo ich den Turm versäumte, sprang auf und warf einen Mantel um, so war ich oben angelangt, noch eh ich mich besann, ob's nicht die Geisterstund sein könne, meine Hast war zu groß, als daß ich mich hätt fürchten können – denn ich dacht, wenn nun schon Mitternacht vorbei wär, so hätt ich einen Tag versäumt. Nein, das will ich nicht, ich hab Dich da oben in der freien Natur allen guten Mächten hingegeben, die Sterne wissen von Dir, und mag's gehen, wie es will, ich will nichts versehen bei meinen Gelübden. Ich hab zu ihnen gesagt von Dir und sie in Pflicht genommen über Dich, ich bleib ihnen zugetan, und mein Gefühl ihrer Erhörung, ihres Bewußtseins meiner heißen Lebensbedürfnisse, das will ich nicht schwächen, indem ich nicht feierlich mein Versprechen achten sollt. – Es war auch schön dort oben, der reinliche Schnee bewahrte noch Deinen Namen unverletzt vom vorigen Tag, und ich setzt mich auf die Mauer und lauschte in die Stille, und da schreib ich Dir hin, was mir so im Geist ist aufgegangen, so wie ein Sternbild nach dem andern ist hell geworden.

›Ich trinke die Liebe, um stark zu werden; wenn ich denke, so bewegt mich heimliche Begeisterung für meine eigne Erhöhung – wenn ich liebe, auch. – Nur: in der Liebe fühl ich mich flehend wie im Tempel, wenn ich denke, kühn wie ein Feldherr.‹

›Alles von sich selber verlangen, ist der nächste und unmittelbarste Umgang mit Gott; dem Göttlichen geben die Sterne die sicherste Gewährleistung für die Erfüllung eines höheren Willens – die dreiste Überzeugung, daß wir unserer Forderung genugtun sollen.‹ – So raten uns die Sterne. – Günderode, drum sei ja mutig zu allem, und endlich kann auch kein falscher Trieb sich dazwischen durchwuchern, denn die Seele ist ganz erfüllt vom eigenen Geist und allein für ihn tätig.

Das haben mir die Sterne für Dich gesagt, als ich sie fragte um die tiefen Lebensgeheimnisse in Deiner Brust, sie wollen, Du sollst Deinen Schild tragen – kühn und frei über die Lebensgipfel weg. Alles ist Höhe, nichts ist Tiefe. Du sollst sie schauen, die so hoch sind, vor denen nichts Abgrund ist, was ihr Licht nicht entbehrt.

›Es gibt eine Zauberkunst, ihre Hauptgrundlage ist des Geistes fester Wille zum Mächtigen, der sich auflöst in die Übermacht dessen, was er im Geist erkennt.‹

So hast Du mir einmal gesagt, und die Sterne haben mich gemahnt, ich soll Dich dran erinnern.

›Nie muß man dem Höheren gegenüber selbst etwas wollen, sonst wehrt man sich gegen den eignen Willen.‹

Das haben die Sterne noch hinzugefügt und mich gemahnt, ich soll Dir das scharf und eindringlich wiedersagen. – Ich leg mir das so aus, der Mensch soll nicht dem eignen Schicksal nachgehen, denn es gibt kein Schicksal für den Geist als das göttliche – diesem gegenüber sollen wir alles als klein verachten. –

Noch sagen die Sterne: ›Ohne Zauber kann sich der innere Mensch nicht erscheinen‹ – oh, die Sterne sind gütig, sie sagen viel und Großes und bedeuten uns, daß wir selber groß sind.

›Ach, das Endziel aller Wahrheit ist, sie hinzugeben an höhere Wahrheit, sie ist Zauber, durch den der innere Mensch sich erscheint, sie ist Entwickeln der göttlichen Natur; der Himmel entwickelt sich aus der Sehnsucht, und aus des Himmels unendlichem Frieden wird höhere Sehnsucht sich entwickeln; die Wahrheit geht hervor aus der Wahrheit und geht über in Wahrheit.

Das höchste, was die Wahrheit vermag, ist sich auflösen in höhere Wahrheit; – ja, sie sagt nein! – verneint sich. – Nie darf der Geist sich am höchsten halten, sondern jene muß er höher halten, auf die er wirkt, denn die befördern ihn, entwickeln ihn.

Die Wahrheit, die Lieb ist Sklave, der ist Herr, den sie nährt.‹

So reden die Sterne, wenn ich mit ihnen von Dir spreche – sie lieben Dich, sie sind Deine Sklaven, die höhere Erkenntnis, die sie auf Dich herabblitzen, die entwickelt ihr Vermögen, auf den Menschengeist zu wirken, das Hohe auszusprechen, und sie werden mehr noch sagen, wenn's Dein Ohr trifft. – Oh, sie sagten es mir für Dich in der Neujahrsnacht – – und viel reicher war die Saat liebender Mahnungen, aber ich konnt's nicht alles tragen in meinem Geist was sie sagen; – vertrau ihnen, und Du wirst erleben – schwere Garben bring ich Dir heimgeschleppt; – da siehst Du, was Leben ist, Keime der Erkenntnis säen die Sterne Dir in Geist, und Du wolltest verzweifeln, weil Deine Füße am Boden wurzeln. – Ja, das ist's, Deine Seele hat Licht getrunken und will nun schlafen, so leg Dich doch und ruhe, ich will sorgen, daß Du schlafen kannst und wachen zugleich – und wart doch, was die Sterne endlich mit uns anfangen, bist Du nicht neugierig? – was gottgesandte Boten Dir zuflüstern, magst Du das nicht erlauschen, und kannst Du nicht alles andere darüber vergessen? –

O hör, denn als sie so gesprochen hatten, da bekräftigte der Schlag von Mitternacht, in die tiefe Einsamkeit hineinschallend, daß, so die Jahre hinabrollen, der Geist doch ewig blühend am Himmel steht und daß unsere Begeisterung dieser Jugend zuströme, das stürmte mir herauf aus der tiefen Stadt, wo alles lebend, jubelnd die verjüngte Zeit begrüßte. Warum rührten sie die Trommeln und schmetterten von den Kirchtürmen – die Trompeten! – und warum erfüllte das Jauchzen die Luft? als weil die ewig sich verjüngende Zeit alle kindliche Freudenstimmen weckt über die unsterbliche Jugend. – Mir war so selig dort auf der schwindelnden Höh, wo die Studentenlieder wie ein Meer um mich himmelan brausten und mich einhüllten in ihren Jubellärm wie in eine Wolke und aufwärts trugen. Oh, wie schön ist's in der Welt, denk doch, so viel junge Stimmen hier im kleinen Städtchen, alle freudebrausend! – wer wollte im Leben wohl etwas beginnen, was dieses heitere Jugendleben zu schwerem, innerem Verantworten niederbeugte! – O nein, schon wegen der Jugend heiligem Recht, in Fülle den Strom auszubrausen, möcht ich im eignen Busen die ewige heitere Lebenskraft nicht ablenken. – Sieh, junge Günderode, Deine Jugend ist die des heutigen Tages, Mitternacht hat's bekräftigt, die Sterne mahnen Dich und verheißen Dir, daß Du ihnen Deinen Geist sollst zuströmen, die auffahren voll jubelndem Feuer, in Chören ihre Begeisterungslieder herüberjauchzen ins neue Jahr! – sie begrüßen Deine Zeit! – daß sie Deiner Begeisterung geboren sind, das macht die junge Herzen jauchzen, oh, verlasse die Deinen nicht und mich nicht mit ihnen; verlasse Dich auf den Genius, daß er aufrecht stehe in Dir und groß walte zwischen Geist und Seele.

Was könnte Dich doch verzagen machen? – sieh doch, wieviel Leben verdirbt, aber doch ist's nur scheinbar, es steht mit verschwisterten Gewalten wieder auf und versucht's von neuem. Aber das muß nicht sein, daß Du Dich aus ihren Reihen loskettest, denn alle gehören einander, und das muß Dich nicht traurig machen, daß manches, was sie als Tugend preisen, nur glänzende Fehler sind. Ist doch oft auch Tugend, was Fehler ist.

Ich mag diesen Brief nicht schicken; ich bin nicht zu entschuldigen, schieb's aufs Wetter in meiner Brust. Es ist Gewitterzeit in mir, wie konnt es so angstvoll in mir aufsteigen sonst? – Gewitter sind's, die über mich hinstürzen und alle blühende Kraft niederdrücken, und das Gewölk hängt schwer über mir, und das Herz arbeitet und glüht und möcht sich Luft machen und zückt; denn sonst könnt ich nicht so schmerzvolle Augenblicke haben und immer so schwere Gedanken über Dich. Aber es ist auch traurig, heut erhalt ich erst Nachricht von der Claudine, daß Du sie beauftragt hattest, mir Deine Abwesenheit von Frankfurt zu schreiben, und daß Du bei der kranken Schwester bist. Mein Herz ist der brausende Brunnen, ein paar Tropfen Öl besänftigen ihn ja, ich war ganz verkehrt, ich erwache vom bösen Traum. Ach, Gott sei Dank, daß es anders ist. – Ich bin noch niedergeschlagen und seh die Träume unwillig dahinziehen am düstern Tag, sie hätten mich wohl länger noch gepeinigt. – Wie Du auch meine Briefe aufnehmen magst, ich will Dich der Mühe überheben, mich darüber zurechtzuweisen, und will's alles vor Dir aussprechen, was ich von mir denk. Ich hab Dir eine Reihe von Briefen geschrieben, ich weiß nicht mehr was; – sollt ich mir Rechenschaft geben, was ich damit wollte, enthielten sie selber eine Rechenschaft meines Seelenlebens? – ist ein einziger früherer Vorsatz drin nur berührt? – ist mir nicht alles fern abgeschwunden, was ich mir als heilig Gelübde auferlegte? hab ich nicht mir und Dir zugesagt, ich wolle mich streng den Bedingungen einer Kunst unterwerfen? hab ich nicht immer und immer aufs neue wieder alles Begonnene verfaselt? – und was konntest Du mit mir endlich anfangen? ich gestand Dir immer alles zu, ja, ich sagte mir täglich deine wahren, deine tiefen Begriffe vor, über die Anstrengung des Geistes in sich zu erzeugen, was noch ungeboren ist in ihm. Einmal sagtest Du: »Ich begreife aus dem Sehnen des Geistes, sich der Künste und Wissenschaften zu bemächtigen, daß die fruchtbare Erde nach dem Samen sich sehnt, den sie zu nähren vermag.« Und Du sagtest zu mir: »Deine ewige Unruh, Dein Schweifen und Jagen nach allem, was im Geist erwachsen könnt, selbst Dein Widerspruch dagegen beweist, daß Dein Geist fruchtbar ist für alles.« Und wolltest, ich sollte nur das eine Opfer bringen und eine Zeit mich einem ganz unterwerfen, dann werde sich zu allem Platz und Reife bilden. Und sagtest: »Was ist denn Zeit, wenn sie nicht ewiges Bilden der Kräfte ist? – Und ist eben die Mühe des Erwerbens nicht auch sein höchster Ertrag? – und keine Anstrengung ist umsonst, denn am End ist jede Anstrengung die höchste Übung des Erzeugens, und wer seinen Geist mit Anstrengungen nährt, der muß zum Erschaffen, zum Wiedererzeugen verlorner Geistesanlagen, nicht allein in sich, sondern in allen seiner Zeit geschickt werden.« Und Du sagtest noch viel, wo ich voll Feuer war, Dir allein zu folgen und alles mir zuzumuten, ich mußte mir sagen, daß ich allein in Dir Licht fand über das Leben und daß Dein Geist heilige Religion sei und daß ich eine Ahnung faßte, zu was der Mensch geboren sei; ja, und daß er immerdar vereinigt sein soll mit Gott, das heißt, immer in heiliger Anstrengung begriffen, ihn zu fassen. Ja, was ist denn Kunst und Wissenschaft? wenn es nicht die Anlagen sind eines geistigen Weltgebäudes. Was ist denn irdisch Leben, wenn nicht der sinnliche Boden, aus dem eine geistige Welt sich erzeugt – und Du sagtest: »Wär man nicht zornig, wie könnt einer sanftmütig werden, und wär die Lüge nicht, wie könnten wir zu Helden der Wahrheit werden?« – Und weil ich Dich nicht verstand, so sagtest du: »Hätte die Welt nicht widerstanden, wie konnte Cäsar ein Eroberer werden?« – Da war mir plötzlich alles deutlich, und ich war so glücklich, mein eignes Selbst meiner Anstrengung zu danken zu haben, daß ich wohl begriff: dies sei die einzige göttliche Gewalt in uns, uns zu freien Naturen zu bilden, nämlich, alles aus eigner, freier Anstrengung zu erwerben, und was ist Freiheit, wenn nicht: Gott sein? Alles aus freier Anstrengung erwerben, ist die erste Bedingung einer göttlichen Natur.

Und diesen Forderungen von Dir habe ich geschworen, wie einer auf die Fahne schwört, und war meiner eignen Begeisterung so gewiß und hätte mir's zugetraut, alles mit Ernst und Treue zu verwalten, was die innere Stimme mir auferlegte, und dieser geheime Trieb, göttlich zu werden, durchdringt mich noch. Und wenn ich hundertmal eins ums andre verlassen hab, so verzag ich nicht, wieder zu beginnen. Ich will zu Dir, in Deinem Schoß will ich lernen; ich weiß, daß es so sein muß, daß wir beieinander sind. Wenn ich Dir nicht jeden Tag enthüllen kann, was für Gedanken in mir aufsteigen, dann bin gleich weggerissen. Ja, das muß ich Dir auch noch von mir sagen, daß ich's oft nicht weiß, wie es kommt, daß ich oft plötzlich weit von dem, wozu ich mich ganz hingewendet hab, hinweggerissen bin – nicht mit meinem Willen, aber ich bin dann erfüllt und bestürmt vom Denken, dem muß ich folgen; und ermüdet bin ich dann – aber so ermüdet, wenn ich mich wieder zu dem finde, was ich erlernen oder mir aneignen will. Und das ist meine Sünde. Ich sollte diese Schwäche abweisen. Der Geist soll nicht ermüdet sein, er soll die Müdigkeit abweisen. – Weiß ich doch, daß ich im Rheingau bei langen Wegen, die oft vier bis fünf Stunden weit waren, mir sagte, ich will nicht müde sein, und dann, als sei ich neu geboren, den Weg wieder zurücklegte. Das vermag der Geist über den Leib, aber über den Geist selbst, da ist der innerliche Geist, der ihn zähmt oder weckt, noch nicht stark. Ja, vielleicht bin ich's selbst, der ihn verleugnet, aber Dich nicht. In Dir konnt er mit mir sprechen. Und es ist nicht aller Tage Abend, betrachte alles als ein Vorspiel, als ein Strömen noch verwirrter und verirrter Gefühle und Kräfte. Ach, verzweifelst Du, daß je das Gewölk in meinem Geist sich teile? und das Licht Ordnung herabstrahle? – Ich hab Zuversicht, ich verzweifle nicht, ein ewiger Trieb, zu empfangen, ein rasches Bewegen in meiner Seele, die sagen mir gut. – Und Du wirst mich nicht verwerfen. – Es wird ja schon wieder Tag! die Eos tritt aus der Dunstluft hervor, und mir ist wohl geworden über dem Schreiben; ich träume nicht mehr, daß der Donnerer mein Schiff zerschmettre und in die Wellen versenke – weil es gefrevelt ist, an ihm, der auf hephästischen Rädern die Rosse zum Sonnenmeer treibt, sie da zu baden. Nein! ich führ neben Dir her, am Strand die reinen Lämmer ihm entgegen; und ich gehöre zu Dir, wenn Du sein gehörst. –

Bettine

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