Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
Schließen

Navigation:

Mein Brief ist zerstreut geschrieben, das ist, weil ich Dich suche – sonst stehst Du vor mir, wenn ich Dir schreibe, da spreche ich mit Dir; die Hälft sind da meine Gedanken und die Hälft Deine Antwort, denn ich weiß allemal, was Du antwortest, wenn ich Dir was sage; so lerne ich immer das Tiefere, das Weise, das Bestätigende aus Dir. – Die Post geht ab – ich lasse den Brief noch liegen, vielleicht kommt ein Brief, dann bitte ich Dir gleich noch in diesem meine Beschwerde ab. – Ach, käm doch ein Brief. –

Nein, es ist kein Brief gekommen.

Ich bin böse – aber nicht auf Dich – auf mich bin ich böse, woher kommt mir die Krankheit? – ja, es ist Krankheit, und schon lange lag es in mir; – es ist ja, als ob ich nichts von Dir wisse, so verzage ich ganz; war ich denn im vorigen Jahr so bang? – da sind doch auch Zeiten vergangen, wo Du nicht schriebst. Du hast mich verwöhnt mit Deinen kleinen Briefen aus dem Rheingau; ich kenne ja doch Deine große Ruhe, in die Du manchmal so schweigsam versunken warst, daß ich oft stundenlang mit Dir war, und Du sprachst nicht, so wird's jetzt auch sein – der Nachhall Deiner stillen Begeisterung ist's, oder es wiederholen sich tiefe Melodien Deiner Seele in Dir, denen horchst Du zu. Ja! wie's in jener himmlischen zauberhaften Nacht war, auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der blühenden Orangerie auf dem Verdeck saßen. – Wie schön war's doch, daß die grade von Köln nach Mainz fuhr und daß wir beide auf dem Schiff die einzigen waren, die in der Nacht da oben blieben, die andern fürchteten die kalte Nachtluft, das war ein rechtes Glück. Wir freuten uns, als der letzte hinabgeflüchtet war, und wir waren ganz allein, und bloß der Steuermann und die Ruder und die große Stille – und meinen Pelz warf ich um Dich und saß zu Deinen Füßen, und der deckte mich auch noch, und wie schön war die Mondnacht, es sollte nicht ein Wölkchen am Himmel sein, der unermeßliche Luftozean, in dem allein der Mond schwamm. – Da warst Du auch so stille, und wenn ich ein Wort sagte, so verlor sich's gleich im tiefen Schweigen – daß ich auch nicht mehr reden mochte aus Ehrfurcht vor der stillen Versunkenheit der ganzen Natur! – und wer kann's je vergessen, der in so heller Nacht auf dem Rhein schifft, wenn beide Ufer sich im Mondglanz baden; – und dann kam der Wind und rauschte erst leise in den Kronen und dann stärker, und es fielen Blüten auf Dich und mich, und da sah ich mich um nach Dir, hinauf zu Dir, da lächeltest Du, weil es zu schön war, was uns da widerfuhr, aber wir beide schwiegen still, um nicht zu stören alles, was sich an Schönheit rund um uns ausbreitete, und wir fuhren um die stillen Inseln und kamen näher ans Ufer, daß die Weiden herüberhingen und verwickelten ihre Zweige in unsere Bäume, und schüttelte über Dir die Krone, daß sie all ihre Blüten Dir in den Schoß warf, da warst Du erschrocken aufgewacht, denn Du warst eingeschlafen grade – einen Augenblick. – Ja, ich auch schlaf gern, wo es grad mir am seligsten ist, da ist immer die Ruhe über mir, als wäre Seligkeit nur eine Wiege und schaukelte die Seele und wiegte sie aus einem Traum in den andern hin und her, wo es schön und schöner wär. – Ich dachte da, es war ein köstlich Wohlgefühl in mir und betete es vor Gott, ich wollte nicht glücklicher sein in der ganzen Fülle der Welt als so, wie es uns beiden da beschert war, und ich fühlte mich so gestärkt und knüpfte mich getreuer an Dich. – Und gelobte mir, meinen Geist waffenfähig zu machen, und da gingen in Eile viele große kühne Taten vor mir vorüber, da ich all im Geist entschieden hatte, und da war ich so heiß einen Augenblick vor raschem Lebensentschluß und reiner Begeisterung. Und daher hab ich verstanden, was Du in Deinem Brief sagst von dem einfachen Phänomen, wo tragische Momente uns durch die Seele gehen, die sich ein Bild unsrer Lebensgeschichte auffangen, und wo die Umstände sich so ketten, daß man ein Tiefschmerzendes oder Hocherhebendes im Geist miterlebt. – Mein Gefühl aber war nicht tragisch, es war glorreich, es war jubelnd, überall war ich Sieger; – ja, recht wie ein Adler, der sich aufschwingt über den Erdenballast von allen Geschicken und der nur fliegen will, und so bin ich da auch ein paar Minuten über jenen Gelübden eingeschlafen, als wenn der Schlaf die Bestätigung aller Geisteserhebung wär! – oder ist es vielleicht im Schlummer, daß der Geist in seinen Gelübden aufsteigt? – So war's mir nach jenem kurzen Schlaf, als sei ich im Port meines Lebens angelangt und als brauche ich keine fremde Wege mehr zu suchen. – Es war, daß ich immer Dir verbleiben wollt, daß alles Glück, was uns entgegenkomme, nur Dein sein solle und daß ich's nur durch Dich genießen wolle. Drum schieden wir auch am Morgen so leicht und heiter, ich stieg in den Wagen, der mich am Ufer erwartete, um nach Frankfurt zu fahren, und Du bliebst auf dem Schiff, und ich hatte dir nicht einmal die Hand gereicht und rief nur hinüber, adieu, Günderode, und Du riefst meinen Namen. Und es war, als ob die Welt uns nicht trennen könne. – Aber wie ich eine Weile vorwärts gefahren war und sah Dein Schiff mit seinem südlichen Garten noch von weitem, da fiel mir's auf einmal ein, daß ich Dir nicht die Hand gereicht hatte und Dich nicht geküßt hatte und Du mich auch nicht auf meine Stirn, was Du doch sonst immer tatst, und jeden Abend, wenn ich von Dir ging. – Und es war mir so angst drum, daß ich gern umgekehrt wär, wenn ich gedurft hätte. – Und jetzt, wenn ich an Dich denk und Du schreibst nicht, so fällt mir's ein und ängstigt mich. Aber doch ist es ja ein gutes Zeichen, ein so sicheres Gefühl, daß wir nicht getrennt seien, und wenn doch diese schönste idealische Nacht unseres Lebens die letzte war, die wir miteinander zubrachten, so wird uns auch der Genius wieder so zusammenführen – und hin durch heiße Länder, wo kein Sehnen ist und wo wir am Morgen nicht um den Abschied sorgen, weil wir uns nicht trennen werden. – Nur, daß ich jetzt in die beschneiten Felder sehe und daß mir der Winter so tot jetzt erscheint, wo mir eine italienische Sommerglut im Herzen wogt! –

Ja, wir wollen fort, Günderode, wir zusammen; – es war ein Schicksalsruf, jene himmlische Nacht unter südlichen Blüten – sie rief uns zu dem Land dort, wohin mein Sehnen geht, um das ich schon mit der Mignon meine Nächte verweint habe. – Das erste, wenn wir uns wiedersehen, soll es sein, daß wir einen festen und reifen Plan machen. – Es ist am End ganz lächerlich, wenn wir alles Schöne und Herrliche, von dem gesprochen wird, im Geist berühren und genießen, und wir sitzen in der Wirklichkeit wie eingefroren. Ich bin begierig, ob wir's nicht dazu bringen in der pappendeckelen Welt; das ist's eben, daß sie von Pappendeckel ist. – Da fällt mir wieder mein Kindertraum ein, wo ich auf einem backsteinernen Fluß auf der Reise war und die Ruderer vergeblich Wellen schlagen wollten, und nur mit den Stechstangen ging's langsam vorwärts – und das krachte so unangenehm, es pfiff, daß es mir zwischen den Zähnchen weh tat. Ach, und die Reisegefährten schnitten so fürchterliche Gesichter – da hab ich recht in natura gesehen und ohne Schleier, was ein Philister für eine fürchterliche Lebenslarve hat. – Der Trieb zur Schönheit ist doch wohl noch das einzige, was von einer höheren Natur übrig ist. –

Am Feiertag wollt ich, der Ephraim sollt mich besuchen, es war mein Lerntag, aber weil's Feiertag war, so konnt ich einmal die Stund verplaudern mit ihm, wozu ich so große Lust hatte, und mit meinen Tannenbäumen eine Laube um seinen Sitz gebaut, das hat mir groß Vergnügen gemacht, ich schenkte ihm auch Wein ein; da kam der Professor Weiß dazu, der hatte mit ihm zu reden wegen zwei Schüler, der sprach auch mit großer Achtung mit ihm, daß er so große Kenntnisse habe. Sein Enkel holte ihn ab und blieb noch eine Weile da, aber er setzte sich nicht vor seinem Großvater und blieb stehen, und von dem Wein nippte er nur – und ich will Dir gestehen, daß ich die ganze Zeit von Dir gesprochen hab, denn ich kann auch nicht gut von anderem sprechen, weil ich doch immer dran denk, ob ich bald einen Brief von Dir krieg. – Was soll ich noch von ihm erzählen, er hat eine eigne Art, es scheint nur Bescheidenheit, aber man fühlt, daß es Herablassung ist und Güte; ich möcht Dir auch gern noch manches von ihm sagen, aber weil ich gar nichts weiß von Dir, das bricht mir den Mut, ich weiß ja nicht einmal, ob Du es mit Anteil liest. – Er sagte mir, daß er bis nach den Feiertagen, bis nach Neujahr, eine kleine Reise zu den Seinigen machen wolle, weil seine Schüler alle fort sind. Es ist eine Reise von acht Meilen – bei Butzbach –, den Weg macht er zu Fuß in dem Wetter – es ist hier ein Sausen, davon hat man in der Stadt keinen Begriff; auf dem Turm kommt allerlei Gezweig vom Wald oder von unten aus der Allee angeflogen. Gestern setzte ich mich gleich an den Boden nieder, um nicht davongetragen zu werden. –

Ich fürchte mich für den Ephraim, oder ich wollt, ich könnt mit ihm gehen, so ein Stock in der Hand und immer vorwärts geschritten, in neue Lande, wo andre Luft weht, andre Bäume blühen – jetzt hat's aber noch eine Weile Zeit damit; – so ruhig sprechend – mit einem Weisen aus Morgenland. – Ich bin von Natur so neugierig, wenn ich nur in ein unbekannt Dorf komm, da kommt mir alles so sonderbar vor, und die kleinen Reisen, die ich bis jetzt gemacht hab – wie war mir alles so auffallend – wenn wir im Dunkel vor einem Posthaus hielten, wie sah mich da der halb erleuchtete Gang so seltsam an, als könnt er sprechen und erzählte mir: ja, hier gehen allerlei Geschichten vor! – und so eine Nacht, in unbekannter Gegend gefahren oder im fremden Nachtquartier, wenn man da aus dem Traum aufwacht und hört die Glock schlagen und noch eine und dann wieder eine. Da dacht ich als: da sind also viele Kirchen, wie mögen die aussehen? und dann der Nachtwächter, der ein ganz fremd Lied singt mit heiserer Stimme, und die Schellen an den Häusern, die man noch läuten hört, und dann am Morgen sieht alles wieder anders aus und ist wieder so neu und überraschend, als wär die ganze Welt wie ein Spielsachenladen, und Häuser und der Markt vor der Tür und die Leute, die da wohnen und laufen, das sei lauter Spielzeug, und die Hunde, die herumspringen, die Brunnen, wo die Leut Wasser holen, das kommt einem alles vor bloß wie zum Vergnügen, lauter Bilder, man freut sich, daß alles so niedlich eingerichtet ist und gar nichts vergessen. So fremde Orte, sie sind wie Feenmärchen. – Das alles möcht ich mit Dir genießen! Es ist ja nur der Eingang, aber Himmel und Erde, im Freien – in die Weite hinaus –, wo man stumm steht und sieht die Berge sich aufrichten und mit dem Morgenlicht sich küssen und alles Unendliche, was da vorgeht, was stumm macht und alle Weisheit überflüssig, denn wie's Kindchen, wenn ihm die Milch zuströmt aus der Mutter Brust, genug damit zu tun hat, sie zu schlucken, mit der Fülle fertig zu werden, so ist's auch mit der Natur, sie gibt so vollauf dem Blick, dem Herzen, daß es nicht zu Atem kommen kann. – Aber der Ephraim liegt mir am Herzen, daß der jetzt, wo die Natur schläft und nur aufrührische Träume hat, die eisige, bergige Straß wandert, wo es so früh Nacht ist und wo er in schlechte Herbergen kommt; aber er sagt, er habe einen Tag schon versäumt wegen dem Wetter, und seine Enkel warten alle auf ihn, die würden so schon in großen Sorgen um ihn sein, und das Sturmwetter werde er schon ertragen, er habe es schon mehr mitgemacht, und sein Enkel trägt den Bündel. – Er muß die Kinder sehen; da muß man ihn nicht abwendig machen, er sah auch gar nicht sorglich aus. – Dürft ich nur, wie ich wollt, so hätt ich einen bequemen Wagen ihm vor die Tür fahren lassen; und ich hatte Lust dazu, hätt ich's nur heimlich tun können, aber ich fürcht, man hätt geschrien, ich wär extravagant, ich wollt die Sonderbare spielen, und gelitten wär's doch nicht worden, denn von Verkehrtheiten muß ich abgehalten werden. – Außer dem Clemens, der hätt das gewiß recht gern gewollt. – Nun hab ich diese acht Tage Sorge um Dich und um den alten Mann. – Ich fürcht mich vor dem Turm. Ich will aber oder ich muß hinauf. – Das ist zum dritten Male, daß mir so was begegnet, daß mich so was fesselt, nächtlich und geheim an einen Ort zu gehen, wo mich die Geister hinbestellen.

Wie ich ganz klein war, der Vater hatte mich am liebsten von allen Kindern, ich kann kaum zwei Jahr alt gewesen sein, wenn die Mutter was von ihm zu bitten hatte, da schickte sie mich mit einem Billett zu ihm, denn sie schrieben sich immer, sie sagte, wenn der Papa das Billett liest, so bitte, daß er ja schreibt, und er richtete oft nach meinen Bitten seinen Beschluß. Er sagte, mein liebes Kind, weil du bittest, so sag ich ja, ja. – Alle Kinder fürchteten sich vor dem Vater, denn so freundlich er war, so hatten alle eine Ehrfurcht, die sie hinderte, ihrer Lustigkeit nachzugeben, und ein ernstes Gesicht vom Vater machte, daß sie alle vor ihm wichen; ich hatte viel mehr Lust, mit ihm zu spielen, und wenn ich wußt, daß er nachmittags allein auf dem Sofa schlief, wo niemand sich ins Zimmer getraute, da schlich ich auf den Zehen herein und konnt mich so geschickt um seinen Leib schmiegen und auf der andern Seite wieder heraus, das konnt ich so geschickt, da gab er mir allerlei italienische Schmeichelnamen im Schlaf und schlief dann weiter fort. – Er war niemals verdrießlich. – Wie die Mutter starb, da fürchteten sich alle Kinder vor seinem Schmerz, keiner wagte sich in seine Nähe. Abends war er allein im Saal, wo ihr Bild hing, da lief ich hinein und hielt ihm den Mund zu, wenn er so sehr schmerzvoll seufzte. – Ich besinn mich, daß ich als gern in der Karmeliter-Kirch war, wo niemand mehr hineinging, sie war immer leer, weil sie so düster ist und weil so viel Tote da begraben liegen; Vater und Mutter liegen auch da und viele Geschwister. Ich hab mich niemals gefürchtet vor traurigen Orten. – Wie manchmal, wenn die Sonn drauß schien, da ging ich hinein, da war's so feucht und so trüb, daß man glaubte, es sei der traurigste Herbsttag. – Ich erzähl Dir's – ich wollt Dir nur sagen, ich scheu mich nicht vor traurigen Orten und auch nicht vor traurigen Menschen, und wenn Du was hast, was Dich trübsinnig macht, so brauchst Du mir's nicht zu sagen, aber scheu Dich doch nicht vor mir, ich weiß so still zu halten.

 << Kapitel 75  Kapitel 77 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.