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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ein mathematischer Vergleich vom Jud: Begeisterung ist ein Reich des Seins, das wir zwar aus der Wirklichkeit verbannt haben, aber in dem wir seine Gewißheit fühlen. – Wie könnte dies Reich nicht wahrhaft sein, da der Geist die Wirklichkeit verläßt, denn wo soll der Geist leben als in der Begeisterung, da er immer nur lebt, wenn er begeistert ist. – Aus dieser Schlußfolge legte er mir nun aus, was er von mir gefaßt wollte wissen – und ich ergriff seine Hand und sagte: »Ach, Ephraim, jetzt weiß ich, wer Ihr seid, Ihr seid der Sokrates.« – »Ich bin der Sokrates nicht, aber er ist ein Stück von meiner Religion.« – »So?« sagt ich, »habt Ihr ihn studiert; wie seid Ihr denn dazu gekommen?« – »Da könnt ich ja wohl fragen, wie ist ein so junges Töchterchen dazu gekommen, von ihm zu wissen.« – »Ich hab ihn der Günderode stückweis vorgelesen, aber ich war zerstreut und weiß nichts von ihm als nur, daß er solche Schlußfolgen macht wie Ihr.« – »Wer ist die Günderode?« – »Meine Freundin, der ich alles von Euch erzähl, und auch, daß Ihr mich gefangen habt wie in einem Hamen, daß ich lernen muß, und daß Ihr der einzige Mensch seid, vor dem ich Furcht hab.« –»Wenn das nur wahr wär«, sagte er, »so wollt ich noch strenger sein.« – »Ach nein! zerreißt den Hamen nicht, er ist gar fein gewebt, laßt dem Fisch Platz, daß er ein bißchen schnalzen kann.« – Das macht ihm nun so viel Vergnügen, so ein Weilchen mit mir zu sprechen – er sagte: »Das ist alles gut, aber wir wollen einander nicht umsonst kennengelernt haben, und Sie sollen manchmal noch des alten Ephraim Spuren in Ihrem Geist verfolgen, wenn er schon lange nicht mehr lebt« – wahrlich, ich hatte auf der Zunge, ihm zu sagen, daß ich ihn unaussprechlich liebe und daß mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der ganzen Welt; aber ich schwieg still, was soll man so was sagen, er sieht's ja und fühlt's auch gewiß innerlich als Wahrheit. Ich frag ihn alles, was mir in den Kopf kommt, mir deucht gar nicht, daß es möglich sei, daß ihm sein Geist nicht alles klar und deutlich mache, – nur scheu ich mich, ihm zu sagen, wie sehr ich ihm vertrau; gestern sprachen wir vom Napoleon, ich sagte: »Mit euch wollt ich Schlachten gewinnen! – ich hab mir oft gedacht, wenn ich Feldherr wär und von meiner Gegenwart des Geistes alles abhing, daß ich alles verantworten müßt, ob ich da nicht zwischen Begeisterung und Furcht schwanken würde; aber wenn ich Euch an der Seite hätt, dann wollt ich meiner Entschlossenheit gewiß sein.« – »Warum? – trauen Sie mir so viel Mut zu? – hab ich ihn doch noch nie bewiesen und vielleicht noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn zu proben, denn des Juden Weg ist, sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen, mit denen der Christ ihm die Straßen verhackt, und er muß sich scheuen, daß die Hunde wach werden, die in die Dornen hinein ihn verfolgen, daß er nicht mehr vor- noch rückwärts weiß und oft im Schweiß seiner Mühen zugrunde geht und, was noch trauriger ist, seinen Gott nicht mehr im eignen Herzen findet«, und er faltete seine Hände und verfärbte sich – er ist eine fein organisierte Seele – es bewegte mich, ich sagte: »Ich hab nicht an Euren Mut dabei gedacht, aber mir deucht, in Euer Antlitz zu sehen, das würde meine zerstreuten Gedanken sammeln und meine Entschlossenheit festmachen wie einen Pfeiler, denn ich würde nie vor Euch beschämt stehen wollen; und dann fühl ich, daß Ihr in der Gefahr wachsen würdet, denn Ihr würdet gewaltig sein, wo es des Geistes bedürfte, weil böse Leidenschaften in Euch abwesend sind und Euren Geist nicht hindern, gegenwärtig zu sein, denn ich glaub, Gegenwart des Geistes hat man nur der Abwesenheit der Leidenschaften zu danken, die einem ins Handwerk pfuschen. Aber Ihr seid vollkommen ruhig und habt doch Euren Zweck im Auge und steht über den Vorteilen des Lebens und habt Jahre und seid so fest, so ernst, so gar nicht ermüdet von den strengen Prüfungen, Ihr klagt nicht, Euch ist das Leben gerecht, wie es Gott Euch gab; das ist Weisheit, mein ich.« – »Und doch ist der Ephraim nur ein Handelsjude«, sagte er. – »Ja, aber Ihr habt Euer Leben zum Tempel gemacht und seid hoher Priester darin.« – Das Gespräch führte noch weiter und endlich dahin – was ich mir für Dich aufschrieb: –

›Daß der Leib in sich begeistigt ist – einen Geist in sich habe, erkennen wir darin, daß er sich geheiligt empfindet im Denken. – Ein Denkender, ein geistig Erregter hat einen geheiligten Leib.‹

Dies war das letzte von unserem Gespräch, was dazwischen lag, weiß ich nicht mehr; – aber auf dem Turm in der kalten Winternacht plauderten die Sterne weiter mit mir: ›In der Liebe ist das erste, was wir weihen, der Leib – und dies ist die Wurzel und der Keim der Liebe – und ohne diese Weihe wird keine Liebe bestehen, sie welkt wie eine Blume, die man bricht, aber durch diese Weihe, mit ihr muß die Liebe bestehen, jede Erkenntnis des Höheren fängt mit dieser Weihe an; wenn der Geist göttlich empfindet, das heiligt den Leib.‹

›Jedes Annähern im Geist sucht den Sitz des Geistes im Innersten, und das empfindest du, umgeben vom Leib, wie du die Tempelhalle geweiht achtest, von der du weißt, daß inner ihren Mauern die Opferflamme lodert.‹

›Der Tempel stellt den eignen Leib dar und des Gottes Lehre den eignen Geist.‹

›Den Geist des andern empfinden, so wie der sich selber empfand, als er dachte, das befruchtet den Geist.‹ –

›Verstehen ist unmittelbares Berühren der Geister, und dies ist Lebendigsein, erzeugt selbständig Leben, und alles andre ist nicht Verstehen – und der geringste Keim, selbständig in der Brust, ist Offenbarung.‹

›Drum befruchtet das wahre Verstehen den Geist.‹

›Fürchte nicht, daß deine Liebe verloren sei, die Geister tragen sie hin, wo sie wirkt, wo sie erzeugt, wo sie ins Leben eindringt des Geistes. – Und das ist ja der Liebe einziger Bedarf, aufgenommen zu sein; und was nicht ihrer Empfängnis fähig ist, das ist auch nicht der Liebe Gegenstand, drum fürchte nicht, daß die Liebe ihr Ziel nicht fände, alles wahrhafte Leben hat ein Ziel.‹

›Also hast du eine lebendige, aus der Großmut entsprungne Liebe, so verfehlt sie nicht ihr Ziel, denn es liegt in ihr selber, wie der Atem in der Brust liegt.‹

›Alle Handlung, die nicht Großmut ist, ist Lüge, ist Scheinleben; alles, was nicht Geist ist, ist Lüge – Großmut muß Scheinleben in wahres Leben verwandeln.‹

›Was ist Großmut? – Geist! – Denken, Handeln und Fühlen zugleich. – Großmut muß aus dem tiefsten Geist sich entwickeln – Geist umfaßt alles, jede Regung fließt aus ihm. Je mehr du Geist ausströmst, je mehr strömt er dir zu.‹

›Großmut ist recht eigentlich sinnlicher Geistesstrom, alles, was die Großmut hemmt, ist geistlos.‹

Das waren so die Nachzügler von meinem Gespräch mit dem Juden. Bin ich nicht glücklich, Günderode, daß mir Gott einen solchen an die Tür geschickt hat in so verachteter Gestalt und daß seine Hoheit um so mehr drunter hervorleuchtet? – und der mir zu trinken gibt, wo mein Herz lechzt und nicht die Quelle finden konnt, denn gewiß, dieser Mann beschenkt mich fürstlich, und ich kann ihm nicht vergelten, und er hat mich gewiß auch so lieb wie seine Enkel, für die er mit Herz und Seele sorgt. Er gefiel mir gleich so wohl, wie ich ihn zum erstenmal sah, er zog mich an, und ich scherzte freundlich mit ihm, weil ich ihm wohltun wollte, da ich weiß, daß niemand freundlich mit solchen Leuten ist und nur ihrer spottet – jetzt aber denk ich jedesmal, wenn ich ihn seh, wie hoch er über mir steht und wie gütevoll und herablassend er gegen mich ist, er auch behandelt mich wie der Meister seinen Zögling, ich fühl jeden Augenblick seine Übermacht. – Während ich mit ihm rede, schreibt er immer kleine Sätze ins mathematische Heft, die er mir noch zuletzt anweist, wie ich sie herausfinden soll, das macht, daß unser Gespräch sich in Pausen einteilt und feierlich und langsam ist, das macht mir auch so viel Freud. –

Wenn ich zu Savigny hinunterkomm, da bin ich immer ganz ausgelassen lustig vor heimlicher Freud, daß ich einen so liebenswürdigen Meister hab, dem ich so von Herzen zugetan bin, ich würde für ihn durchs Feuer laufen – für Dich auch – ich hab immer die Studenten drum beneidet, wenn ich mir dacht, daß sie so ein Verhältnis zu ihrem Professor haben, daß sie so stolz drauf sind, seine Schüler zu sein und ihm die Stange zu halten; damit mein ich, daß sie sich ihm widmen mit ihrem ganzen jugendlichen Enthusiasmus. – Es ist nichts Schöneres in der ganzen Welt als dies. Wär ich ein weiser Meister: wenn mir die Studenten aus vollem Herzen ein freudig Lebehoch brächten, wenn sie im Fackelzug anmarschiert kämen, ja, das wär mir am liebsten von allen Ehrenkränzen. – Der Ephraim hat so einen Charakter, der imponieren und die Schüler anziehen muß, wenn der Philosoph wär, was er doch eigentlich ist, so müßten die Schüler mit Leidenschaft an ihm hängen – er sagt: »Meine Schüler lieben mich auch, aber die Vorurteile liegen wie unersteigliche Berge zwischen uns.« – Savignys fragen als: »Nun, war dein alter Mathematikus bei dir, hast du wieder Judenweisheit studiert? – bist du heut wieder klüger wie die andre Menschheit, hat dich dein Jud eingeweiht?« – ich sag: »Ja« und lach mit und freu mich, daß ich allein alles weiß von ihm. – Ich will Dir was sagen, ich hab ihm die ›Manen‹ vorgelesen und ihn darüber gefragt manches, er hat mit Bleistift drunter geschrieben: ›Du solltest Geister rufen, und sie sollten deinem Ruf nicht folgen? – das glaub nimmer.‹

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