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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Du wirst mir doch nicht übel deuten, daß ich mich ein wenig vor Dir fürchte? – und machst mir auch Furcht vor mir selber! – und dann fürchte ich auch für Dich, nimm Dich um Gottes willen in acht, daß Du nicht fällst. Deine Turmbegeisterungen erfreuen mich, aber ich will gewiß sein, daß Du keiner Gefahr ausgesetzt bist, sonst machst Du mich krank; schreib mir gleich, daß Du nicht mehr auf der Mauer herumlaufen willst, sonst kann und will ich nichts mehr von da oben hören, mir war's wohltätig, Deine Stimme von da oben herab, so frei und leicht, wie Wolken jagen, zu vernehmen, aber wollt ich doch, der Turm fiel eines Morgens ein, lieber, als daß Du am End in der Nacht selbst herunterfällst. – Ich weiß nicht, bist Du das Spiel böser Dämonen? – oder sichern Dich die Guten, so gib ihnen wenigstens nicht so viel zu tun, die bis zu mir dringen, ich soll Dich mahnen, nicht zu freveln. Liegt darin nicht schon der Beweis, daß sie Dich nicht schützen können? – Nehme ich Deine Weissagungen in mich auf und ergrüble das Tonspiel Deines Geistes, in das der Zufall so oft eingreift wie der Wind, der alle Töne auseinandersprengt, und sammle gern, was Du zerstreuest in die Lüfte: so folg mir doch auch – und ich bitte Dich darum, sonst kann ich nicht ruhig denken an Dich; – aber wenn Du es nicht lassen willst, oder wie Du meinst, daß Du es nicht lassen kannst, dann schweig lieber ganz, oder wie soll ich's machen, daß ich die Furcht überwinde, Du möchtest elend und unwillkürlich da hinab ins Grab stürzen.

Du hast eine Bangigkeit um mich, als läge mir was Trauriges im Sinn; das solltest Du ja nicht – es war im Gegenteil ein ganz freier Augenblick, wo alle störende oder zerstreuende Bilder erblaßt waren, wo ich mit hellen Sinnen mein Inneres vor Dir aufschloß. –

Warum ich Dich mahnte, an den Clemens zu schreiben, das will ich Dir hier offenbaren. Du sagst, Du liebst den Clemens, der Idee nach kann ich ihm auch herzlich gut sein, allein sein wirkliches Leben scheint mir so entfernt von demjenigen, das ich ihm dieser Idee nach zumute, daß es mir immer ein wahres Ärgernis ist, deswegen kann ich auch nie eine feste Ansicht über ihn haben – aber in Deiner Liebe zu ihm fasse ich auch wieder Glauben zu ihm und habe eine Art Zutrauen zu einem inneren Kern in ihm, der nur durch allerlei Unarten verborgen und zurückgehalten ist, wie wenn ein gesunder und reiner Born sich teilweise im Schlamm und Sand versickert; nun, mein ich, Dein Schreiben an ihn räumt diese trübenden und schmälernden Hindernisse wohl hinweg, da Du so grade an sein Herz gehest, wo ich vielleicht zu ungeschickt bin, durchzufinden. Es ist nur der Wille, mich selbst besser zu ihm zu stehen und alles, was sich immer durch seine Briefe aufs neue zwischen uns drängte, zu überwinden, warum ich wünsche, daß Du ihn nicht versäumst; dann ist es auch mein Gewissen, was mich auffordert, daß Dich ihm nichts entfremde, denn wenn ich ihn je als treu und aufrichtig fassen kann, so ist's Dir gegenüber; um so mehr muß ihm dies erhalten bleiben, es ist die Quelle, aus der er verklärt aus dem Bad steigt. Hier hast Du seinen Brief an mich, was er von Dir sagt, ist so aufrichtig, natürlich, innig; aber das andre ist um so wunderlicher, daß es mir ganz seltsam vorkam. Ich bestrebe mich immer, wenn ich an ihn schreibe, sehr faßlich zu sein und ganz wahr, allein es ist, als müsse grad dies dazu dienen, die verkehrtesten Ansichten bei ihm über mich hervorzubringen, es war mir, als ich den Brief gelesen hatte, und ist mir noch so, als ob er gar nicht für mich geschrieben sei. – Aber wenn ich ihm das schreibe, so muß ich schon gewärtigen, daß er es für eine künstliche Anstalt halte, obschon ich ihm versichere, daß es ganz von selbst so gekommen, denn er kann sich wohl unmöglich denken, daß sein tieferes Eingehen auf meine Natur, wo er mich lobt und wo er mich tadelt, mir ganz fremd erscheine. – Ich verstehe nur den Augenblick, in dem er mir geschrieben hat; – ich bin überhaupt nie weitergekommen, als seine Augenblicke ein wenig zu verstehen, von dieser Augenblicke Zusammenhang und Grundton weiß ich gar nichts. Es kommt mir oft vor, als hätte er viele Seelen; wenn ich nun anfange, einer dieser Seelen gut zu sein, so geht sie fort, und eine andre tritt an ihre Stelle, die ich nicht kenne, und die ich überrascht anstarre, und die statt jener befreundeten mich nicht zum besten behandelt, ich möchte wohl diese Seelen zu zergliedern und zu ordnen suchen. Aber ich mag nicht einmal an alle seine Seelen denken, denn eine davon hat mein Zutrauen, das nur ein furchtsames Kind ist, auf die Straße gestoßen; das Kind ist nun noch viel blöder geworden und wird nicht wieder umkehren, darum kann ich ihm auch nicht eigentlich von mir schreiben; sein Brief an Dich, über Wahrheit, hat mir viel Freude gemacht, und zugleich seh ich hell, was mir vorher nur dunkel und schwankend war, ich kann ihn viel besser durch Dich verstehen und ihm gerecht sein und auch liebend, wie er es zu bedürfen scheint. Das alles macht mich wünschen, daß, was ich ihm liebend antun kann, durch Dich befördert werde, sprich ihm von mir, wie ich ihm recht natürlich vorkommen muß, daß es sich gut zwischen uns gestalte, denn durch unmittelbare Berührung kann nichts werden.

Savigny hat mir selbst geschrieben, tue mir doch den Gefallen und schicke mir gelegentlich die Übersetzungen ins Französische, von denen er mir gesagt und sie mir auch versprochen hat. –

Und nun möcht ich wohl diesen Raum an Papier hier mit etwas ausfüllen, was Du nicht erwartest, weil es etwas Altes und oft Wiederholtes ist; aber doch liegt es mir auf der Zunge und auch immer im Geist, wenn ich Deine Briefe lese, mit denen mir's freilich ganz anders geht wie mit denen von Clemens, wo ich nur nachsinne und überlege, während ich bei Deinen nur empfinde, und zwar so wohltätig, als käme mir ein Luftstrom aus dem Gelobten Land. Um so mehr wird Dich befremden, wenn ich frage, aber was wird bei Deinem Zwischen-Himmel-und-Erde-Schweben aus der Musik, aus dem Generalbaß, aus der Komposition? – ist es nicht dumm, daß ich so frage? – aber bedenk, wieviel Genuß es Dir schon in Offenbach gewährte, was Du Dir selber und dem, was Dir lieb war, schon zu Gefallen tun konntest, wie wohltätig wirkte es auf Dein Aufbrausen, wie oft beschwichtigtest Du es damit, wie schön versöhntest Du oft Deine Stimmungen in dem Unerreichbaren durch Dein Singen – und was hast Du mir alles selbst beglaubigt, wie tief Musik in Dich eingreife; sollte nun auf einmal dies alles verschwunden sein? oder hast Du nur versäumt, mir drüber zu schreiben? – Lebe wohl, Liebe, und ermüde doch nicht, mir zu schreiben.

Karoline
 

Deine Kolumbus-Ansicht erfreut mich ungemein und macht mich ganz scharfsinnig – schicke dem Clemens Deine rhythmische Vision, es macht ihm vielleicht Freude, ich empfinde darin mehr lebendige als gemalte Flamme, schon fließt die Abendschilderung und das Ganze aus lebendiger Erinnerung, die prophetischer Sang dem Untergang der Welt ist, und dem neu erblühenden tausendjährigen Reich erwartet. Prophezeit doch Apoll auch aus der Vermählung der Poesie und Philosophie. Ich erinnere mich noch des seligen Übermuts in dem Liede von Arnim: Wie der trunkne Pag' in warmen Nächten in geheimnisvoller Liebe Mantel wohl verkappt der Herrin Lager suchend, taumelnd in die Höhle war geraten, wo die Löwin ihre Jungen säugte.

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