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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Samstag

Der gestrige Abend war ein gedulderprobender, es war wieder Dämmerungsstunde, erfüllt mit allerlei Gaben der Muse. Schäfer, der ein feiner und geistreicher Mann ist, hörte mir zu; Savigny ist gar liebenswürdig mit seinen Freunden und Bekannten, die höchste Güte leuchtet aus ihm, so befindet sich alles kindlich wohl und heiter um ihn her. Es wurden Gedichte vorgelesen vom Autor; dies ist schwierig für den Leser und für den Hörer, da sind zwei Fragen: wo kommen die Gedichte her, und wo wollen sie hin, die meisten behaupten ihre Abkunft aus dem Feuergeist der Liebe und behaupten ihr Recht, ins Herz einzukehren. – Ich saß in der Ecke und hörte ein lang Gedicht mit den Ohren, die Seele sehnte sich hinaus in den Schnee, in die sternenhallende Luft; die Sterne haben einen Ton, einen sprechenden Laut, der viel vernehmlichen ist in klarer Winternacht wie im Sommer; – vernehmlich nicht hörbar, wie denn alles in der Natur vernehmlich ist, wenn's auch die äußeren Sinne nicht gewahr werden. Ich dachte mich hinaus in alle Welt während dem Rollen auf der Versechaussee; meinem Nachbar mochte es wohl auch schwer auf dem Herzen liegen, denn er seufzte mehrmals und holte endlich sein Taschenbuch, worin er mit dem Bleistift was einkritzelte – ich nahm's ihm aus der Hand und probierte, Verse zu machen im Takt des Lesenden, das Gelesene schoß Worte zu, wie eine Fabrik, wo einer dem andern in die Hand arbeitet, und so setz ich Dir's der Kuriosität halber hin. Der Dichter las nämlich klagende Gespräche im Minneliederstil zwischen zwei Liebenden, die nicht zu Rande kommen können mit ihrer Sehnsucht, in Frühlings- und Sommerzeiten.

Es waren nicht des Maien wilde Blüten,
Violen süß und Rosen überall,
In grüner Lind die freie Nachtigall,
Die mich vor Sehnsuchtschmerzen sollten hüten.

Ich klage nicht die lichte Sommerzeiten,
Den kühlen Abend nach dem heißen Tag; –
Der meiner Träume Sinn verstehen mag,
Der wolle ihnen Störung nicht bereiten.

Nicht, daß sich bald das grüne Laub will neigen,
In dem der Vöglein muntre Schar sich wiegt,
Daß Sonnenschein und Blumenglanz verfliegt,
Macht, daß mein Herz sich sehnt und meine Freuden schweigen.

Der rauhe Winter nicht, der alle Lust bezwinget,
Die lustgen Gauen überdeckt mit Schnee,
Mir seufzt die Langeweil im Herzen Ach und Weh,
Die mit dem Dichter stöhnt und in den Versen klinget.


Montag

Nun kam gestern ein Brief von Clemente an mich mit feierlichen Mahnungen, doch mein Leben nicht zu verscherzen, so innig, so herzlich, als wär ich eine Blumenknospe, die auf seinem Stamm wüchse, und der Stamm treibt sorglich alle Kräfte dahin, daß sie sich auftue, aber die Knospe ist so fest, daß nicht Regen und nicht Sonnenschein sie weckt – was kann ich da? – Der Christian straft mich mit Worten, es sei kein Ernst in mir, und wenn ich wollte nach Italien reisen, so sollt ich Winckelmanns Kunstgeschichte studieren und Italienisch lernen, das hab ich probiert, aber die Kunstgeschicht, wie sollt ich mit der mich abgeben, wenn ich dran denk, daß ich nach Italien reisen sollt. Ei, laß doch alles mit Augen sehen, und wenn ich trunken bin vor Seligkeit, daß dort andre Bäume, andre Blumen und Früchte sind, wenn ein schönerer Himmel über mir wogt, wenn Menschen, Knaben, Jünglinge, die mir verwandter sind im Blut, in der Faulheit als die kalten deutschen, fleißigen Brotstudenten, mir begegnen auf der Straß, mich sanft grüßen, umkehren, mich noch einmal grüßen, feuriger – ei, werd ich da noch das geringste von Winckelmann, von der alten Geschichte wissen? Wenn rings die Schönheit der Erde aufwallt, da wär ich wohl der närrische Pedant dazu? – Mit Dir, Günderode, möcht ich Arm in Arm dahinschlendern, kommst du heut nicht, so kommst du morgen, alle Zeit füllt sich ja so himmlisch, was sollen wir sorgen, wo wir hinkommen? – Sturm und Gewitter schreibt in die Brust Unvergängliches wie der heitre Tag; jeder Weg führt zu geheimen Reizen der Natur, warum sollen wir nicht, wenn's uns lockt, folgen dem strebenden Herzen, den Gestalten, dem Glanz der Fluren – irren hier und dort herum, wie die Lämmer weiden – warum nach einem Plan das Schöne aufsuchen? – am End ist doch der Zufall, der Reichen großmütigster; warum nicht ihm anhängen? – läßt sich Gott nicht in ihm an innigsten mit der Seele ein? befriedigt am liebendsten ihre geheimen Wünsche? Ich denk mich so oft mit Dir wandelnd, zum nächsten Tor hinaus, dem reizendsten Pfad entlang, der Clemens aber drängt mich an des Parnassus Stufen und will, ich soll hinauf, und so hab ich ihm geschrieben: ›Am Dichten hindert mich mein Gewissen, wenn ich denk, wie viel reiner, tiefer Sinn dazu gehört, um so weniger kann ich mir's zutrauen; manchmal wandelt es mich freilich an, ich sehne mich danach, wie ein eingesperrtes Kind nach dem Spiel in freier Luft, auf grüner Wiese im Sonnenschein; ja es schmerzt mich tief, daß ich nicht kann, wie ich will, und daß alle Sprache, mit der ich mein Sinnen festzuhalten versuche, nur wie dürres Holz in der Glut meines Herzens zuammenbrennt; wie oft hatte ich Momente, deren feierliche Mahnung mich auf etwas Ernstes, Tiefes vorbereiteten, die Poesie schien mir dann ein reifer Schmetterling, der mit dem leisesten Regen die leichte Hülle sprengte und auf in die Lüfte steigend, in den mannigfaltigsten Blüten meiner Seele schwelgend. Dann fühlt ich wie ein göttlich Unsichtbares, dem ich geboren, ich war stolz, und wenn die Natur rings mich mit feurigem Blick anglühte, dann war ich spröder und verschlossen gegen die Feuerkraft, und doch hätt ich mein Herz dargereicht dem ersten kühnen Augenblick, der mir die Sprache gelöst hätt, in der meine Lieder geflossen wären. Doch all dies Leben, dies innere Beben und Aufrauschen ging vorüber, ohne etwas festzuhalten oder zu erzeugen, und wird vielleicht noch tausendfach in mir erscheinen – und keine Spuren zurücklassen.‹

Das hab ich Dir abgeschrieben aus meinem Brief an ihn, weil's etwas Erlebtes ist, was sich mit unendlichen Modulationen mir im Geist wiederholt, ich hab Visionen, wenn ich die Augen zumache, ich seh nicht allein, ich hör auch entzückende Töne, wie wenn himmlische Empfindung zu Ton könnt werden; nun fehlt ja nur die eine Stufe, daß der Ton sich im Geist der Sprache übersetzte; aber in dies Inselland will's keine Brücke schlagen, im Gegenteil, alle Erscheinung zerfließt vor der Sprache. – Ich hab wohl einen dunklen Begriff, warum ich nicht dichte, weil eben das Tiefe, was mich gewaltig ergreift, so daß es elektrische Kraft auf die Sprache hätte, etwas ist, was sich in der Empfindungswelt nicht legitimiert, oder, um schneller und ohne Umweg mich auszudrücken, weil's Unsinn ist, was mir in der Seele wogt, weil's Unsinn ist, was meine Gedanken mir vorbeten, weil's Unsinn ist, der mich ahnend als höchstes Gesetz der Weisheit ergreift. – Wo ich hinsehe, wo ich hinspüre, darf ich nicht ankommen mit meinen Wahrnehmungen, ich weiß, daß, wenn der Dichterschwung mich ergriff, sich das Unendliche, das Ungeborne vor mir auftun würde, mich durchzulassen. – Ich seh! – und wenn ich was Wahres schaue, sei der Keim so klein noch, so in sich gedrängt, mich begeistert der ihm selbst bewußtlose Lichtweg, den er wandelt. – Du begeisterst mich, weil Dein einfaches Streben mir so deutliche Lehre gibt, Du seist der eignen Seele ewiger Wohllaut, der sie wiegt und schlummernd ihr die Gesetze der Harmonie einflößt. Ahnungen sollen dem Geistesblick Wahrheiten werden, soll eine Ahnung wirklich Dasein werden, so muß sich der Geist erst vermählen mit einem andern Geist – mit dem Genius – die Ahnung verwirklicht den Genius in uns. – Alles ist wirkliches Leben durch die Feier der Liebe mit dem Genius. – Alles verwirklicht sich durch Vermählung des höheren Lichts mit dem Geist – es strömt dem Geist herab, er darf's nur liebend wollen, es erfüllt ihn in tiefer Nacht gestaltlos, es strömt ihn an, es umschweift ihn ganz, oh, es ist kein zahmer Liebhaber, das Licht. – Und ist es ein Wunder, daß, wer ohne Grenze sich ihm ergibt, daß der dann sehe, wo andre nicht sehen? und sollt ich mich schämen vor Dir, die in manchen heiligen Augenblicken mir erschien, wie das Licht, zärtlich mit Strahlenkränzen sie umflocht, und krönte Dein Haupt mit doppelter Krone! – daß ich Dir sage, nicht die Sprache ist zwischen mir und dem Licht, nein, es ist das Licht unmittelbar, es nimmt meine Sinne auf – nicht durch die Sprache meinen Geist! – drum kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht nah genug, es besinnt sich zu sehr auf sich selber. – Ach, da red ich so, wo wir ausgemacht haben, daß Du niemals drauf eingehest, damit ich nicht vor der Zeit unsinnig werde – schweig, und ich will auch schweigen, der Dämon möcht mich sonst durch die Lüfte davontragen. – Dem Clemente hab ich geschrieben, daß ich hier sehr vergnügt bin, nicht sowohl um Savignys willen, dessen Gegenwart freilich einem Aufenthalt alle Reize verleiht, sondern um der reinen Einsamkeit halber, in der ich von aller Kleinheit entfernt lebe, die mich in Frankfurt immer bedrängte und meine Freiheit schmälerte, wenn ich so sagen darf. Hier kann ich doch leichtsinnig sein, ohne daß die Inkonsequenzen davon mich gleich erschrecken, und ruhig und ernsthaft, ohne daß man glaubt, ich sei verliebt oder krank, und verliebt in Himmel und Erd, die einzig und allein schön hier sind, ohne daß man mich der Koketterie beschuldigt. Da kommt Dein Brief, Du gibst ihn der Claudine, daß die ihn beischließe, und die hat ihn grad noch zwei Tage liegenlassen, denn so lang hat sie an ihrem Brief geschrieben – und nun schließ ich diesen, in dem keine Antwort steht, aber gleich würde ich antworten, wenn nicht es so in mir rumorte, was Du schreibst, ich mein, dieser Brief von Dir ist nicht an Deinem Schreibtisch, der ist an fremdem Tisch geschrieben, gewiß bei der Claudine. – Ich muß die Sonn untergehen lassen und mich besinnen auf morgen früh.

Bettine
 

Marburg. Dezember

Heut morgen bin ich aus dem Bett gesprungen, um das Eis mit meinem Hauch zu schmelzen. Um halb acht kamen die Studenten den Berg herauf gejubelt, es war noch dämmerig und der Nebel so dicht, daß sie wie Schatten bloß durchschimmerten. Die Meline und ich sehen jeden Morgen mit großem Gaudium, wie sie zu unserm Professor Weiß ins Kolleg marschieren – sie können uns nicht sehen, denn unsre Fenster sind hart gefroren, wir steigen auf den Tisch und hauchen an der obersten Scheibe ein Löchelchen ins Eis, wo grad ein Aug durchsehen kann; ein jeder hat ein verschiednes Abzeichen, treiben sich immer eine Viertelstunde herum, bis sie im Gang nach dem Kolleg verschwinden, den der Professor Weiß präzis acht Uhr aufschließt, indessen treiben sie lauter Übermut, wir dachten schon, daß sie vielleicht aus Ehren die großen Sätze machen von einer Trepp zur andern, einer über des andern Kopf weg, sie können uns zwar nicht sehen, weil die Fenster verhängt sind und jetzt auch gefroren, so leuchten ihnen doch unsre grünen Vorhänge ganz mystisch in die Augen, uns macht's tausend Spaß, die Liebschaft mit dem ganzen Kolleg ist im besten Gang, wir haben sie geteilt, die Meline sagt, der ist mein, und ich, der ist mein, so haben wir zwei Regimenter, und ihre Balgereien werden mit großer Freude und Triumph belacht, jede Partei hat einen Hauptmann, der eine mit der roten Mütze, die er nie auf dem Kopf hat, sondern immer auf einem dicken Stock (der Student nennt ihn Ziegenhainer) herumschwenkt, ist meiner, er ist immer der erste auf dem Platz, die andern versammeln sich um ihn und hören zu, was er sagt, er mag wohl das Haupt einer Burschenschaft sein; er ist so jung und schön, er ist der größte von allen, wenn er den Mund auftut, kommt eine große Duftwolke heraus, die setzt sich gleich als Reif an seinen kleinen Bart, mit dein er sehr großtut, denn er zieht ihn alle Augenblick durch die Finger. Wir nennen ihn den Blonden, er hat braunes Haar, er hat aber ein so blondsonnig Gesicht, das mit seinen roten Backen so freundlich durch den Morgennebel lacht, und dann hat er auch einen hellen Rock. Der Meline ihrer heißt der Braune, der ist ganz blond, aber er hat einen braunen Rock, dieser trägt eine blaue Mütze mit einer Quaste, die ihm auf der Nase herumspielt, er sitzt gelassen auf der Mauer und sieht zu, wenn die andern sich mit Schneeballen werfen, ringen, übereinander wegspringen, dazu ringelt er sich seine blonde, strahlende Phöbuslocke über die Finger; ich beneid ihn oft der Meline und wollt ihm mit einem Ansehnlichen aus meinem Regiment umtauschen, aber sie will ihn nur gegen meinen General, den Blonden, herausgeben, das will ich nicht. Früh ist's im Hof wie im Elysium, der dichte Nebel, von der Morgensonne angestrahlt, in dem die Gestalten sich bewegen, die allerlei miteinander hantieren. Wenn's Kolleg aus ist, sehen wir sie wieder abziehen, da ist ihr Übermut noch größer. Ach, hätt ich doch so ein Regiment, da wollt ich Dir schon antworten auf Deinen Brief mit Deinen unsinnigen Anklagen über den Napoleon. – Betet, und ihr werdet erhört werden. Ich bete ohne Unterlaß, daß mir doch Flügel wachsen, ich wollt über die Scharen wegfliegen und ihm in die Zügel fallen. Ach Günderode, Deine fatale Idee, als habe ich eine närrische Ehrfurcht vor dem Napoleon, peinigt mich, das Roß des Übermuts tobt unter ihm, er setzt in wildem Feuer über Abgründe und durchfliegt in stolzem Selbstgefühl die Ebne, um über neue zu setzen, dahin eilt er, an den Zeiten vorüber, die umgewandelt sich nicht mehr erkennen. Die Menschen schlafen ohne Ahnung vom Erwachen, aber unter seinem brausenden Huf reißen sie plötzlich die Augen auf, und seine Glorie blendet sie, daß sie sich selber nicht begreifen, ihr dumpfer Schlaf geht in Taumel über, sie umjauchzen ihn im Gefühl ihrer Trunkenheit.

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