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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Lieber Widerhall, ich hab Dir was zu sagen von meiner schmerzlichen Langeweil, die ich bei allem empfinde, weil ich immer noch nichts von Dir weiß, ich mein, wann ich nicht rufe, so mußt Du rufen, aber nein, Du bist der Widerhall, und ich darf nun nicht eher hoffen, als bis mein Rufen bei Dir angeschlagen hat. Gestern hab ich meinen Brief zugemacht, dem Bedienten mit auf die Post gegeben und siehe, er brachte ihn mit einem großen Paket angekommener Briefe wieder zurück, in der Meinung, ihn dort für mich empfangen zu haben, jetzt ging er erst heute um vier Uhr ab, dies Verzögern, dies Vor-mir-Liegen meines Briefes, dem ich Flügel angewünscht hätte und den ich gewohnt bin, nie eher zuzumachen, als bis er die Reise antritt, war mir sehr unheimlich, ich bin so gedächtnislos, daß wenn ich den Brief schließe, ich schon nicht mehr weiß, was er enthält; und nur ein Nachgefühl läßt mir die Ahnung zurück, wie er Dich berühren werde; aber bald fang ich an zu zweifeln, ob's nicht lauter Einbildung sei, daß ich mir denke, Dir tiefe innere Anschauungen mitgeteilt zu haben, und so fühl ich ermattende Zweifel, und ich denk, was soll doch das dicke Briefpaket, da kann doch unmöglich lauter Klugheit drin stehen, wo soll ich's her haben, ist's doch so leer mir im Kopf! – und dann tut mir's so leid, daß ich Dir nicht meine Seele konnt hingeben, nackt und bloß, wie sie Gott zu sich aufnimmt, daß ich statt ihrer Dir einen Schwall von Worten schickte, die suchen und suchen, Dir eine Flamme aus den Wassern dieses bodenlosen Ozeans, in dem wir alle schwimmen, entgegenzuhauchen; da möcht ich den Brief aufbrechen und nur einen Augenblick wahrnehmen, daß ich's Herz auf der Zunge hatte und doch kommt er mir so versiegelt vor, als sei er Dein Eigentum schon, was mich nichts mehr angeht, weil's immer Gott gleich von mir nimmt, sobald ich's in der Glut meines Angesichts hingeschrieben hab. Ja es ist ein paarmal geschehen, daß ich einen Brief von mir bei Dir gefunden hab, so war er mir ganz fremd, und die Worte und Gedanken wunderten mich recht. Heute hab ich also Deinen Brief unverletzt entlassen aus wahrer Pietät, weil er Dein gehört und weil ich mich nicht in die Geheimnisse eindringen will, die Gott Dir durch meine Hand vertraut, denn sonst würde er nicht so schnell das Gedächtnis von mir nehmen, um so mehr kannst Du an das drin glauben, was vielleicht Dich berührt.

Christian, der mir nach Frankfurt so ernste und liebende Briefe geschrieben hatte, vor denen ich mich oft schämte, weil sie viel höhere Kräfte mir zutrauten und wecken sollten, als je erwachen werden, der geht hier um mich herum und betastet mein Ingenium und entdeckt, daß die Fundgruben des Genies zum Teil leer sind und die Felder des Wissens steinichter Acker und das Licht der Begeistrung lauter Nebel, doch verläßt er mich nicht und sorgt für Lehrer. Der Schäfer sollte Geschichte mit mir treiben, da er aber sehr ernst und gründlich ist und durchaus will, daß der freie, aufgeweckte Mensch mit vollem Interesse dabei sei, so konnte er's nicht mit mir aushalten, es ging gegen sein Gewissen, er hat dem Christian bedeutet, es sei besser, mich auf andre Weise zu beschäftigen; da ich eine nervenangreifende Empfindung habe, wenn ich Zahlen wahrnehmen soll, wenn ich das Frühere vom Späteren unterscheiden soll, wenn ich Namen behalten soll, so sei es nicht möglich, bei gutem Gewissen mir Zeit und Geld zu rauben. Es tut mir leid, daß auch der mit Blindheit geschlagen ist über mich und von der närrischen Idee besessen, ich lerne, um was zu wissen, um Kenntnis zu sammeln; Gott bewahr, da könnte ich nur innerlichen Raum mit Dingen ausfüllen, die mir im Weg sind, wenn sich ein Reisender viel Besitztum anschafft, so hat er erst die Not, alles unterzubringen, und hat er sich an Überflüssiges gewöhnt, so muß er einen Bagagewagen hinter sich dreinfahren haben. Den Mantel umgeschwungen und damit zum Fenster hinaus und alles Gerümpel dahintengelassen, das ist meine Sinnesart, lernen will ich, wie Luft trinken – Geist einatmen, wodurch ich lebe, den ich aber auch wieder ausatme, und nicht einen Geistballast in mich schlucken, an dem ich ersticken müßt. Das will mir aber keiner zugeben, daß solche Unvernunft naturgemäß sei. Ich würde am End freilich nichts wissen, was ich ihnen gern zugebe, aber ich würde wissend sein, was die mir nicht zugestehen – aber durchgeistigt sein von des Wissens flüchtigem Salz, einen Hauch der Belebung durch es empfinden, einen Kuß, wenn Du's erlaubst, einen flüchtigen – dem ich eine Weile noch nachfühle, der in mir sich verwirklicht, verewigt.

Wissen und wissend sein ist zweierlei, erstes ist eine Selbständigkeit gewinnen in der Kenntnis, eine Persönlichkeit werden durch sie. Ein Mathematiker, ein Geschichtsforscher, ein Gesetzlehrer – gehört alles in die versteinert Welt, ist Philistertum in einem gewissen tieferen Sinn. Wissend sein ist gedeihend sein im gesunden Boden des Geistes, wo der Geist zum Blühen kommt. Da braucht's kein Behalten, da braucht's keine Absonderung der Phantasie von der Wirklichkeit, die Begierde des Wissens selbst scheint mir da nur wie der Kuß der Seele mit dem Geist; zärtliches Berühren mit der Wahrheit, energisch belebt werden davon wie Liebende von der Geliebten, von der Natur. – Die Natur ist die Geliebte der Sinne, die Geistesnatur muß die Geliebte des Geistes sein; durch fortwährendes Leben mit ihr, durch ihr Genießen geht der Geist in sie über oder sie in ihn, aber er führt kein Register über alles, er buchstabiert sich's nicht und rechnet's nicht zusammen. Nun, was liegt mir dran? – solang mir's so geht wie hier, kann ich nicht klagen, ich schwindel wie ein Bienchen herum, und wo ich ein offnes Kelchelchen find, da schwipp ich hinein und versuch und trink mich satt, wenn mir's schmeckt. Der alt Professor Weiß, bei dem wir im Haus wohnen, ist so ein kleiner Hausgarten, an dem mir allerlei Blüten noch offenstehen. Der gute Alte klopft an die Tür, da steht er mit der Zipfelmütze im Schlafrock und will gern seine Pfeife anzünden, weil bei ihm noch kein Licht brennt, ich spazier noch ein bißchen mit in den Garten, wo er die Pfeife raucht, er zeigt mir die Sternbilder am Himmel, der Orion, der Groß Bär und der Klein Bär, und pafft mir den Rauch ins Gesicht; so hat er mich die drei Wochen unterhalten, sooft gut Wetter war, von aller Planeten Tanz, und das hat grade mein Begehren, zu wissen, mäßig genährt; aber wissenschaftlicher Ansatz ist's nicht geworden, vielmehr Schleierlüften von geheimen Reizen des Geistigen. Und ich hab dann am Abend und in der Nacht noch Gedanken gehabt, Nachzügler – worüber ich beseligt einschlief. Weißt Du, was das ist, beseligt einschlafen? – das ist grad mit der Natur im süßesten Alleinsein sich befinden, wo sie allein den Blick auf Dich richtet und in Dich hineinschaut und Du in sie und eine Decke Euch umhüllt, wie zwei Kinder, die einer des andern Atem trinken. So ist's mit mir, wenn ich zufällig etwas von ihr gewahr werd; aber wenn's mir abgemessen wird, wenn ich Rechenschaft geben soll, dann fühl ich mich in der Seel beleidigt, denn ich mag nichts wissen, ich schäme mich und kränke mich, daß auf dem Spielplatz meiner Seele all das lustige, übermütige Springen und Schwingen nicht mehr sein soll, wo ohne Umsehens alles verfliegt, wie es gewonnen worden, und von keiner Aufspeicherung die Rede ist.

Da hab ich noch eine Lust – der alt Herr hat ein klein Treibhaus, eine Kammer mit zwei Fenstern, nach der Sonne hin, wo er selbsterzogne und Jahre lang gepflegte Gewächs bewahrt. Ich bin mit ihm gewesen und hab ihm helfen die Gewächse vom Staub reinigen, viele hab ich nicht gekannt, er sagte mir ihren Namen, ihr Vaterland, ihre Geschichte, wie er dazu gekommen, was er für Glück und Unglück mit ihrer Pflege gehabt, das alles ist lebendig und interessant, denn er ist alt und hat viel Kinder und also viel Sorgen und ist kränklich; und nun ist seine Freude aus der sogenannten Fülle dieses großen, weiten, wissenschaftlichen Lebens die paar südliche Pflanzen, die hier unter seiner Liebe Schutz ihr Leben im fremden Klima fristen, mit einer dürftigen Blüte ihn erfreuen; im Keim schon unterscheidet er, ob der Knospen bringen wird oder bloß Blätter, zählt alle, betrachtet alle Tage, wie sie vorrücken, da regt sich kein Blättchen, er sieht's und versteht's, Du solltest zuhören, wie er ihre Färbung, ihr Erschließen bemerkt, wie er ihnen das bißchen Licht ökonomisch austeilt, daß keins zu kurz kommt, und dabei geht als sein altes ledernes Kolleg, was er nun schon im einundzwanzigsten Jahr jährlich zweimal den Studenten vorträgt, mit herabhängenden Ohren den gewohnten Weg zur Mühle; ob ein gesunder Menschenverstand es aushält, dies immer und immer das Erlernte, Erstudierte durchzukauen? – Nein, einmal muß es aufhören, und einer möcht wohl lieber aufs ewige Leben verzichten, als ewig das Erlernte wieder den Nachkommen mitteilen; so muß man es denn einmal abdanken, nicht wahr! – sollte man den alten Satz mit in die Ewigkeit zu nehmen gedenken? mitnichten, sowenig wie den Tressenrock, die Staatsperück, die Ordensbänder, die Titel, die Ehrenämter; man fühlt recht gut, daß sich solches Zeug vor Gott nicht schickt, aber wie der Geist übereinstimme mit der Natur, die seine Freundin, seine Geliebte ist, wie er in ihr und durch sie sich entwickelt hat, das ist vor Gott alles. Wenn denn alles Wissen, Haben übergehen muß in Nichtwissen, Nichthaben, was hat's denn auf sich, daß ich gleich alles verdampfen lasse?

Wissen ist Handwerker sein, aber wissend sein, ist Wachstum der Seele, Leben des Geistes mit ihr in der Natur; Leben ist aber Liebe. – Sei nachsichtig gegen mich, ich muß Dir alles zurufen, lieber Widerhall, keine Sorge um mich, wenn Dir's nicht wie gesunder Menschenverstand vorkommt, man ahmt ja wohl den Vogel im Busch nach oder den Wind zum Vergnügen oder das Wild im Wald. – Der Weiß hat mir ein botanisch Buch gegeben, wie er sah, daß ich so viel Freud hab an Pflanzen, ich hab mir die Moose herausgesucht, weil man die unterm Schnee noch finden kann, ich hab eine Lupe, ich betrachte sie, ich entdeck eine Welt, alles läuft und stürmt durch wie durch einen Forst, es fehlt nur der Jagdhörnerschall, das Hundgebell und der Schuß; so könnt man denken, man wär auf einer königlichen Jagd; ich hab noch das Pläsier von oben herab, wie Gott vom Himmel da hineinzugehen; wenn ich's dem Weiß vorerzähl, wie mir alles vorkommt, das hört er an wie's Evangelium, es erquickt ihn, die Lügen und Fabeln meiner Einbildung zu hören, er sagt: »Wenn ich nicht im Pflug gehen müßt, so schwätzt ich den ganzen Tag mit Ihnen.« – Das ist gut für mich, sonst wär mir's zu viel.

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