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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Meine Abwesenheit von Frankfurt hat gedauert bis im Anfang dieser Woche, ich dachte sicher, Briefe von Dir zu finden, und bin etwas besorgt, doch sagt mir ein geheimer Geist, Du wirst nächstens in Fluten angeströmt kommen und mich wegschwemmen. Mein Aufenthalt in Heidelberg war angenehm und lehrreich, welches letztere Du wirst nicht gelten lassen, wenn ich Dir aber sag, es waren die alten Mauern und nicht die Menschen, die ihren Geist über mich ergehen ließen, da wirst Du gleich gläubig sein. Du hast bei Deiner Abreise Ostertags schlechte Übersetzung des Suetonius in meine Behausung geschickt, vermutlich soll sie auf die Bibliothek zurück, noch in keinem Buch fand ich so viel Spuren Deines fleißigen Studiums als in diesem; vier bis fünf Blätter mit Auszügen, wo Du alle Missetaten der zwölf Kaiser auf eine Rechnung gebracht hast. Was bewegt Dich zu solchen Dir sonst ganz fremden Forschungen? ich such mir's zu erläutern, denkst Du in Ansehung jener, die als große Männer nicht frei ausgingen von der Tyrannei Sünde, Deinen großen Mann zu absolvieren? – Ich scherze, aber ich möchte doch dabei in Dein Gesicht sehen, ob Du ganz frei von jener Begeisterung bist, die aus aufgeregtem Gefühl entsteht bei dem ewigen Gelingen aller Schicksalslösungen und die ich lieber Schwindel nennen möchte und den andere Weltpatriotismus nennen und sich leicht verführen lassen, eine Rolle zu spielen, wenn sie ihnen geboten würde, weil es heißt, er hat einen Glücksstern, und da fühlt man sich gedrungen, dem zu frönen aus astralischem Emanationsgefühl, und da tritt man bald von der reinen Einfalt zum Götzendienst über. – Aber ich will Deinen Zorn nicht auf mich laden, sondern Dir offenherzig sagen, woher mir die bösen Gedanken kommen. Sie kommen nicht aus mir, die Leute sagen nämlich, Dich habe alles so aufgeregt, als der Kaiser durchkam, und Du habest geweint und seist ganz außer Dir gewesen, als Du ihn gesehen hattest, das hat die Claudine mir gesagt; ist's wahr, so braucht doch das nicht wahr zu sein, daß Du von ihm hingerissen bist, denn man kann erschüttert werden ohne Begeisterung für das, was uns erschüttert, mehr will ich Dich nicht mit diesen mißlichen Worten peinigen, die nur Scherz sein sollen und auch Dich ein wenig strafen, daß Deine Briefe sich verspäten.

Von Offenbach ist mir ein Pack Schriften zugekommen für Dich, die Novelle wahrscheinlich – soll ich sie Dir aufbewahren oder zurückschicken? – Von Clemens hab ich Dir auch noch viel zu sagen, Gutes und Vergnügliches, heiße Anhänglichkeit an Dein Wohl; – es ist sein tiefer Ernst, wenn er sagt, Du gehest durch Deinen Leichtsinn der Zukunft verloren, und dieser Ernst gehet so weit, daß er im Eifer meint, ich sei mit dran schuld. Einen Brief hast Du ihm geschrieben, wo Du meine Ansicht über Dich als Zeugnis zitierst, daß es nicht in Deinem Charakter liege, zu dichten oder vielmehr etwas hervorzubringen. Dies hab ich büßen müssen, denn er zeigte mir Deinen Brief und meinte, wer so schreibe, der dichte auch, ich hab schweigsam und bejahend alles über mich ergehen lassen; tue, wie Du kannst. Dort in Marburg hast Du wahrscheinlich Zerstreuung, wer weiß, was Dir gelingt oder vielmehr einfällt, denn fiel es Dir ein, so fiel es Dir auch vom Himmel, aber dies schon so lang erharrte Phänomen will immer nicht sich ereignen. – Ich bitte Dich, schreibe bald, daß ich wieder ins Geleis Deiner Ereignisse und Erfahrungen komme; es ist mir ganz tot hier, meine Augen hindern mich sehr am Schreiben.

Karoline

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