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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Der Molitor hat mir einen Erziehungsplan geschickt von Herrn Engelmann, weil ich so gern mit ihm in die Musterschule ging, muß er glauben, Erziehung interessiere mich überhaupt; das war aber nur wegen der armen Judenkinder, die dort mit den Christen zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher Behandlung hatten, und wenn ich sagen soll, so schien mir dies eine Alleinerziehung; nämlich: Kinder gleichen Alters, gleicher Fähigkeiten früh dran zu gewöhnen, daß sie auch gleiche menschliche Rechte haben, sie mögen Juden oder Christen sein; sei also so gut und mache den Molitor mit dem bekannt, was ich hier über meine eigne Erziehung sage, daß ich's mit Klettern zu zwingen suche, mich vor bösen Fallstricken zu bewahren, die meinen Geist darniederwerfen, um ihn nachher zu knebeln; daß aber die ›Gedanken über Erziehung und Unterricht, besonders der Töchter‹ von Engelmann mir nicht einleuchten, da die beste Erziehung die ist, wenn er sie Gott anheimstellt, so sind 90 Karolin zu viel. – Hier lege ich Dir ein Blatt ein, das gib dem Molitor und sag ihm beiläufig, ich zähle es zu den Philistertorturen, einen mit so was zu behelligen, Leute, die solche Erziehungspläne aushecken, mögen ihre eigne Verkehrtheit dransetzen, sie zu beurteilen, sie würden sich von mir nicht bedeuten lassen, sie würden schreien, ich schütte das Kind mitsamt dem Bade aus, und das tu ich auch, denn das Kind ist ein garstiger Moppel und soll nicht im Bad sitzen wie ein Menschenkind. – Es tut mir ordentlich leid, daß ich hierüber hab an ihn schreiben müssen, ich mag nicht meine Feder mit philisterhaftem Zeug besudeln, es ist mir Sünde, ich hab's diesmal nur aus Gutmütigkeit getan, aber ich schreib nichts wieder, tu mir den Gefallen und sag's ihm, er soll mich ungeschoren lassen mit allem, was schon da ist und was noch kommen wird, aber die Sulamith soll er schicken, sooft sie herauskommt, wenn's auch ungefüges Zeug ist; ich muß alles wissen über die Juden, wenn ich nach Frankfurt zurückkomm, der Primas liest's auch. Für den Primas will ich Dir einen Auftrag geben, richt ihn ja pünktlich aus, ich hab an die Großmama geschrieben, daß sie an Dich die ›Drusen-Weihe‹ zurückschicke, packe beiliegenden Brief an den Primas dazu und schicke es an den Weihbischof ins Taxische Haus, mache eine doppelte Adresse, die oberste an den Weihbischof, der wird's ihm zurückgeben oder nachschicken, wenn er in Aschaffenburg ist, verschieb's nicht.

Bettine
 

Ich hab unwillkürlich meinem Brief da mit Aufträgen ein End gemacht und wollte Dir noch so viel anders sagen über Moose und über Pflanzen, die ich im Wald gefunden hab, reine architektonische Figuren. Sind Worte nicht einzelne architektonische Teile? sind sie nicht symmetrisch zu ordnen im Gedanken? – Ein Wort ist immer schön an sich, aber Gedanken sind nicht schön, wenn die schönen Worte nicht in einer heiligen Ordnung ihn aussprechen; es gibt aber eine gewisse romantische Unordnung oder vielmehr Zufallsordnung, die so was Lockendes, ja ganz Hinreißendes hat in der Natur; die einen so mit Lust und Lieb durchdringt, daß sie allen Luxus und alle Erhabenheit weit überwiegt in ihrer Verwandtschaft mit der Seele; so hab ich mir immer gedacht, wenn in Feenmärchen über Nacht ein prächtiger goldner Palast entstand gegenüber der Hütte von zwei Bettelkindern, wie traurig es sei, daß die nun die Mooshütte verlassen müßten, um in den stolzen Palast zu ziehen, und dann war mir bang, er könne die Gegend verstecken, und nichts deucht mir schöner, als wenn die Natur ihre Launen zärtlich durchflechten kann, wo der Mensch etwas einrichtet; sollte das nicht im Gefühl, im Gedanken auch sein? – sollte Poesie nicht so vertraut mit der Natur sein wie mit der Schwester und ihr auch einen Teil der Sorge überlassen dürfen? – so daß sie manchmal ihre geheiligten Gesetze ganz aufgäb aus Liebe zur Natur und alle sittlichen Fesseln sprengt und ihr sich in die Arme stürzt voll heißem Drang, ungehindert nur an ihrer Brust zu atmen. Ich weiß wohl, daß die Form der schöne, untadelhafte Leib ist der Poesie, in welchen der Menschengeist sie erzeugt; aber sollte es denn nicht auch eine unmittelbare Offenbarung der Poesie geben, die vielleicht tiefer, schauerlicher ins Mark eindringt ohne feste Grenzen der Form? – die da schneller und natürlicher in den Geist eingreift, vielleicht auch bewußtloser, aber schaffend, erzeugend, wieder eine Geistesnatur? – Gibt's nicht einen Moment in der Poesie, wo der Geist sich vergißt und dahinwallt wie der Quell, dem der Fels sich auftut? daß der nun hinströmt im Bett der Empfindung voll Jugendbrausen, voll Lichtdurchdrungenheit, voll Lustatmen und heißer Lieb und beglückter Lieb; alles aus innerer Lebendigkeit, womit die Natur ihn durchdringt? –

In Deinen Gedichten weht mich die stille Säulenordnung an, mir deucht eine weite Ebne; an dem fernen Horizont rundum heben sich leise, wie Wellen auf dem beruhigten Meer, die Berglinien, senken und heben sich wie der Atem durch die Brust fliegt eines Beschauenden; alles ist stille Feier dieses heiligen Ebenmaßes, die Leidenschaften, wie Libationen von der reinen Priesterin den Göttern in die Flammen des Herdes gegossen, und leise lodern sie auf – wie stilles Gebet in Deiner Poesie, so ist Hingebung und Liebesglück ein sanfter Wiesenschmelz tauichter Knospen, die auf weitem Plan sich auftuen dem Sternenlicht und den glänzenden Lüften, und kaum, daß sie sich erheben an des Sprachbaus schlanker Säule, kaum, daß die Rose ihren Purpur spiegelt im Marmorglanz heiliger Form, der sie sich anschmiegt; so – verschleiernd der Welt Bedeutung und geheime Gewalt, die in der Tiefe Dir quellen – durchwandelt ein leiser, schleierwehender Geist jene Gefilde, die im Bereich der Poesie Du Dir abgrenzest. – So ist mir immer, wenn ich mich erkühne, aus meinem kindischen Treiben hinaufzuschauen nach dem Deinen, als säh ich eine geschmückte Braut, deren priesterliche Gewande nicht verraten, daß sie Braut ist, und deren Antlitz nicht entscheidet, ob ihr wohl ist oder weh vor Seligkeit. – Mir aber liegt ein Schmerz in der Seele, den ich oft unterdrückte in deiner Gegenwart, und was mir schwer war; aber eine geheime Sehnsucht, Dich Dir selber zu entführen, Dich Dir selber vergessen zu machen, nur einmal jene Säulengänge, vor denen die Myrte schüchtern erblüht, zu verlassen und in meiner Waldhütte einzukehren, auf ihrer Schwelle am Boden sitzend in meines Gartens blühenden Kelchen, von den Tauben zärtlich umflattert, die unter mein Dach heimkehren am Abend und da mehr zu Haus sind, mehr Wirtschaft machen als Freundschaft und Liebe der Menschen, denn sie behaupten ihr Vorrecht, alle Gedanken zu übertönen mit ihrem Gegurre. Ja, so erschien ich mir im Geist gegen Dir über, Du, mein liebstes Gut! – so seh ich Dich dahinwandeln, am Hain vorüber, wo ich heimatlich bin; nicht anders als ein Sperling, vom dichten Laub versteckt, den Schwan einsam rudern sieht auf ruhigen Wassern, und sieht heimlich, wie er den Hals beugt, mit reiner Flut sich überspülend, und wie er Kreise zieht, heilige Zeichen seiner Absonderung von dem Unreinen, Ungemeßnen, Ungeistigen! und diese stille Hieroglyphen sind Deine Gedichte, die bald in den Wellen der Zeiten einschmelzen, aber es ist segenwallender Geist, der sie durchgeistigt, und es wird einst Tau niederregnen, der aufstieg von Deinem Geist. Ja, ich seh Dich, Schwan, ruhig Zwiesprache haltend mit den flüsternden Schilfen am Gestade und dem lauen Wind Deine ahnungsvolle Seufzer hingebend und ihnen nachsehend, wie er hinzieht weit, weit über den Wassern – und kein Bote kommt zurück, ob er je landete. Aber keinen Geist tragen die Schwingen so hoch, daß er die Weite erfasse mit einem Feuerblick, es sei denn, er fache das heilige Schöpfungsfeuer mit seinem Atem an; und so werden Flammen aufsteigen, bewegt vom Gesetz Deines Hauchs, aus Deiner Seele und zünden im Herzen jugendlicher Geschlechter, die, knabenhaft männlich sich deuchtend, nimmer es ahnen, daß der Jünglingshauch, der ihre Brust erglüht, niemals erstieg aus Männergeist. – Was denk ich doch? – Der Geist atmet, denk ich? – – ihn nähren die Elemente, er trinkt die Luft, dies feine Beben und Treiben in ihr. Auch in und unter der Erde zeugen Gesetze, sittliche und bürgerliche, der Natur. – Die Luft vermählt sich mit der Erde als Geist mit dem Wort; und daß des Windes Brausen, der Fluten Stürzen Lebensmelodien aussprechen und daß jedes Wesen in sich, auch jede Liebe, jede Sehnsucht und jede Befriedigung in sich trage und die Flamme die Pforte sprenge zu ewiger Verjüngung, das denk ich. – Dir mehr wie jedem gehört der goldne Friede, daß Du geschieden seist von aller Störung jener Mächte, die Dich bilden; und drum mein ich als, ich müsse Dich einschließen und Wächter vor Dir sein, und daß ich nächtlich möcht an Dein Lager treten und gesammelten Tau auf Deine Stirne tröpfeln – ich weiß nicht, was Du bist, es schwankt in mir, aber wo ich einsam gehe in der Natur, da ist es immer, als suche ich Dich, und wo ich ausruhe, da gedenk ich Deiner. – Es ist eine alte Warte hier am Ende des Berggartens, eine zerbrochne Leiter inwendig, die keiner zu ersteigen wagt, führt da hinauf, ich kann mich aber hinauf schwingen mit einigen Kunstsprüngen, da bin ich also ganz allein und sehe wie weit? – aber ich sehe nicht, ich trage mich hin, wo's in der Ferne nur nebelt und schwimmt, und fordere nicht Rechenschaft vom Auge, froh, daß ich allein bin und daß mein gehört, soweit ich mich fühle. Da oben bin ich mit Dir, da segne ich die Erde in Deinem Namen. Und leb wohl, bald schreib ich mehr und deutlicher, ich fühl in diesem Brief ein elektrisch Beben, wie wenn ein Gewitter sich unter den Wogen hebt, und doch weiß Jupiter Tonans noch nicht, ob er seinen Konsens dazu geben soll.

Bettine

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