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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Was Du von Arenswalds außerordentlichem Heißhunger nach der Natur schreibst, so daß er darüber sich selbst zu speisen vergißt, dauert mich sehr, versäum's nicht, ihm zu helfen, und schreib mir's, ob Du's auch nicht vergessen hast. Die Geschichte von den Bäumen ist höchst betrübt; war's Deine Schilderung, oder sind auch mir diese Stimmen, die so friedlich mitrauschten, wenn wir dort wandelten, so zu Herzen gegangen, ich kann mich auch nicht darüber trösten. Wir waren gestern auf dem Ostein, da rauschten die Eichen königlich. – Die Großmama und die Geschichten vom Großvater haben mich gefreut und gerührt, wenn ich auch nicht so viel Interesse an solchen erlebten Dingen hätte, als ich wirklich habe, so würde mir eine solche Beschäftigung, als diese Erzählungen aus der Großmutter Mund zu sammeln, für Dich sehr schön erscheinen und lieblich. – Alles, was das Gemüt anregt, erfrischt und erfüllt, ist mir heilig, sollte auch im Gedächtnis kein Monument davon zurückbleiben; hier aber, wo Du zugleich Dich üben würdest, etwas in konsequenter Ordnung zu behandeln, Deinen eignen Geist in seinen Anschauungen zu entwickeln, würde es noch mehr Wert haben. Ich hab immer Biographien mit eigner Freude gelesen, es ist mir dabei stets vorgekommen, als könne man keinen vollständigen Menschen erdichten, man erfindet immer nur eine Seite, die Kompliziertheit des menschlichen Daseins bleibt unerreicht und also unwahr, denn alle Momente müssen immer den einen bestimmen oder begreiflich machen. – Dein Verhältnis zur Großmama würde auch schön sein, Dein Sammeln von Deiner Mutter Kinderzügen, ein Werk der Pietät, was dir jetzt und vielleicht später noch ein großes Interesse gewährt, besonders wenn es Dir gelänge, es mit dem Dir so eigentümlichen Geist des unmittelbaren Mitfühlens niederzuschreiben, das alles sehe ich recht gut ein – aber ich bin dennoch nicht entschieden, ob ich Dir dazu raten soll; wenn ich überleg, welcher ungeheuren Zerstreutheit Du in Eurem Haus ausgesetzt bist, der Du unmöglich entgehen kannst; alles Durchreisende, was zu Euch kommt, der Primas, der dich vorzieht, und wo Du gar nicht ausweichen kannst hinzugehen – – was das alles die Zeit zersplittert, und wenn Du auch nicht selbst viel Umstände mit Deiner Toilette machst, so wirst Du in dem Nest voll schöner Frauen doch alle Augenblick Dich der gemeinsamen Beratung hingeben, und bei Deiner Lebhaftigkeit und Deinem Talent zum Malerischen seh ich schon den Winter vergehen, bloß mit Putz wählen und dergleichen, und die Großmama wird wenig von ihren Schätzen Dir mitteilen können. – Marburg ist im Gegenteil ein Nest, wo du ganz als Einsiedler wirst leben können, zum wenigsten kannst du keiner Zerstreuung dort ausgesetzt sein, die Briefe vom Christian versprechen so viel Gutes für Dich, Du hast lange nicht mit ihm gelebt; es ist doch auch schön mit ihm, der so viel großes Genie hat, so reine Begriffe von der Wissenschaft und so tief und so würdigend mit Dir spricht, wieder eine Weile zusammen zu sein; ein Bruder wird oft auch von der Schwester weggerissen durch allerlei Schicksale, sie begegnen sich vielleicht nicht zum zweitenmal, so muß man denn einen so glücklichen Zufall nicht leichtsinnig verscherzen, und im ganzen genommen, welche Lage deucht Dir edler: jene in der winterlichen Einsamkeit in Marburg in dem engen beschränkten Kreis, aber mit dem lieben Savigny, der so viel höher steht wie andre, der Dir dann so nah ist und Deine Gegenwart auch zu seinen freundlichen, erquickenden Momenten rechnet und Dich gegen Deine eignen Launen verteidigen wird, die so oft ins Träge und Melancholische spielen.

Und ich denke mir darin einen großen Genuß für Dich, daß Du die große weite Natur im Winterkleid vor Dir hast, denn die Gegend von Marburg ist sehr schön und lacht einem zum Fenster herein – oder, ist es dir lieber, in jener Zerstreuung bald dies bald jenes beginnend und endlich mit Verdruß an Dir selber verzweifelnd, daß Du zu nichts gekommen bist? – Ich glaub, daß du alle Deine guten Vorsätze sehr erleichtern könntest und Deine Zwecke erreichen, wenn du von Marburg aus einen korrekten Briefwechsel mit der Großmama führtest, deine Briefe würden ihr gewiß Freude machen, sie würde nicht versäumen, Deine Fragen nach der Jugend und dem Geist Deiner Mutter zu beantworten sowie nach Deinem Großvater, Du könntest Deine eignen Bemerkungen hinzufügen und brauchtest nur die Vorsicht zu haben, Deine Briefe von irgendeinem unschuldigen Kopist abschreiben zu lassen, so hättest du als Nebenarbeit und wahrscheinlich viel vollständiger und gelungener, wozu Du vielleicht vergebliche Anstalten in Frankfurt machen würdest – das ist meine Meinung, jedoch will ich nicht damit einen Machtspruch getan haben. Leb wohl.

Karoline

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