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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Der Großvater schrieb noch in einem andern Brief an den Kurfürst über den Mißbrauch der vielen Feiertage und Verehrung der Heiligen, er wollte, daß eine reinere Grundlage eine verbesserte Religion sei. – Statt so viel Heiligengeschichten und Wundertaten und Reliquien, alle Großtaten der Menschen zu verehren, ihre edlen Zwecke, ihre Opfer, ihre Irrungen auf der Kanzel begreiflich zu machen, sie nicht in falschem, sondern im wahren Sinn auszulegen, kurz, die Geschichte und die Bedürfnisse der Menschheit als einen Gegenstand notwendiger Betrachtung dem Volk deutlich zu machen sei besser, als sie alle Sonntagnachmittag mit Brüderschaften verbringen, wo sie sinnlose Gebetverslein und sonst Unsinn ableierten; – und schlägt dem Kurfürst vor, statt all dieses mattherzige, zeitversündigende Wesen unter seinen Schutz zu nehmen, so soll er doch lieber eine Brüderschaft stiften, wo den Menschen der Verstand geweckt werde, statt sie zu Idioten zu bilden durch sinnlose Übungen; da könne er ihnen mit besserem Gewissen Ablaß der Sünden versprechen, denn die Dummheit könne Gott weder in dieser noch in der andern Welt brauchen; aber Gott sei ein besserer Haushalter wie der Kurfürst, der lasse den gesunden Geist in keinem zugrunde gehen, aber in jener Welt könne nichts leben als der Geist, das übrige bleibe und gehöre zur Petrefaktion der Erde. – – Es ist eine einfache edle Korrespondenz, wo der Großpapa seinen Charakter nicht einmal verleugnet, der Kurfürst schreibt schön und edel, und schon das ist ein Verdienst, daß er ein Wohlgefallen an so tüchtigen Wahrheiten findet; – man hielt ihn wegen seinem dicken Leib für gar nicht besonders geistbeweglich. – Ich frug die Großmama, ob der Großvater denn Einfluß gehabt habe auf ihn. – Sie sagte: »Mein Kind, die geringste Luft hat ja Einfluß auf die menschliche Seele! warum sollte der reine uneigennützige Geist deines Großvaters keinen Einfluß auf den Kurfürst gehabt haben, der eben noch durch die Anerkenntnis des ganzen Landes auf einer so hohen Stufe stand, so daß der Kurfürst gegen sein eignes ungerechtes Verfahren es zugestehen mußte.« – Schon dies beweist auch, daß im Kurfürsten eine edle Grundlage war, es war auch gar nichts Geringes, was der Großvater aufopferte. – Er hatte in hohem Ansehen und Würden gestanden, hatte fünf Kinder, die noch so jung waren, und er vertauschte alles mit einer kleinen Hütte in Speier, wo er am Wasser ein kleines Gärtchen pflegte und in der Beschäftigung mit diesem sich gar glücklich fühlte; der Großvater war auch ein besonderer Liebhaber von dunkelroten Nelken, ich habe mich sehr gefreut, weil ich eine Ähnlichkeit mit ihm hab. Ich war zwei Jahr alt, als er starb. Er hatte einen Stock mit goldnem Knopf und ließ mich mit dem Stockband spielen, ich erinnere mich noch deutlich, wie er mich anlächelte und seine großen schwarzen Augen mich verwunderten, daß ich darüber den Stock fallen ließ und ihn anstarrte, das war das erste- und letztemal, wo ich ihn sah – denn noch an demselben Abend ward er vom Schlag gerührt. Von diesen Erzählungen der Großmama ward mein Gedächtnis so lebhaft geweckt, daß ich glaubte, mich aller seiner Gesichtszüge deutlich zu erinnern, er trug einen zimtfarbigen Samtrock und sogar einen kleinen dreieckigen Hut mit goldnen Borten, besinn ich mich, den er vom Kopf nahm und mir aufsetzte und mich damit vor den Spiegel trug, daran hatte ich niemals gedacht, und jetzt weiß ich diesen Umstand ganz genau. – Ist das nicht wie eine Geistererscheinung? – und mag die Liebe nicht Geister beschwören können? – denn in jenem Augenblick war ich so begeistert und voll Liebe für ihn, daß ich meinte, ich müsse einen Geisterumgang durch die Kraft meiner Einbildung möglich machen können, worin mir der Großpapa alles Gute, was mir wach würde im Kopf, einflüstern werde, und ich glaub es auch; sollte denn das Wirken so wahrhafter Gesinnung mit dem Tode für uns aufhören müssen? ich sagte dies der Großmama, die antwortete: »Der Geist deines Großvaters regiert mich ja jetzt noch, wie hätte ich den Schmerz meiner lieben Bäume so bald verwinden können, wenn ich mich nicht seiner Lehren erinnert hätte; darum hab ich ja das Wappen der Stadt Trier hervorgesucht und diese Briefe des Kurfürsten. Und besonders diesen, wo der Kurfürst ihn wegen seinem Unrecht um Verzeihung bittet und dein Großvater so wahrhaft großmütig und doch heiter antwortet. Denn er schrieb dem Kurfürsten, er werde nie vergessen, daß er der Gründer seines Glücks sei, er habe ihm hierdurch Gelegenheit gegeben, sich selber in seiner Gesinnung zu erproben, und da er sich glücklich durchgekämpft habe, so fühle er sich jetzt wohl und in besonderer Glücksstimmung.« Sie sagte: dies bewege sie zur Nachsicht gegen die, welche sie beleidigt haben; – es komme drauf an, wie hoch eine Beleidigung aufgenommen werde; man solle keine stärkere Schuld dadurch auf andre wälzen, Verzeihung sei aufheben der Schuld, und Gott sei versöhnlich durch menschliche Großmut. – Der Großvater habe gesagt: »Was dir geschieht, das rechne für gar nichts! keine Rüge gilt etwas, sie sei denn zum Besten dessen, den man straft, sonst ist jede Strafe unnütze Rache, nur um den elenden Sünder noch elender zu machen«, und nutzlose Rache sei eine viel ärgere Sünde am Verbrecher, der dem Menschen heiliger sein müsse, insofern er so gut seiner Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes, und Gott sei versöhnlich aus menschlicher Großmut, so müsse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen und alles verzeihen, wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere. – Und sie tue es ihrem Laroche zulieb, daß sie ohne Bitterkeit es ertrage. Die Bäume seien dies Jahr abgehauen, sie selber werde gewiß sie nur kurze Zeit noch vermissen und wolle durch den Verdruß, den sie dabei beweise, keine späte Reue veranlassen, denn sie wolle, daß alle Menschen so glücklich seien und am meisten die Ihrigen, für die sie so viele Opfer schon gebracht. – Vom Großvater erzählte sie mir noch, das ganze Land habe ihm Unterstützung angeboten, und er habe auf einem großen Fuß leben können, wenn er gewollt hätte, doch all diese Bezeigungen, die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung ausgingen, habe er ausgeschlagen von den Reichen, aber von seinen Bauern, denen er noch vieles geholfen, habe er angenommen, was ihm nötig war, denn, sagte er: »Das Scherflein der Witwe muß man nicht verschmähen.« – Sie hat mir noch manches zu erzählen versprochen von ihm, als ich so feurig danach war, so werd ich nächstens wieder zu ihr kommen. – Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor ihrem Tod noch schenken, ich hätte lieber den Briefwechsel gehabt. – Ich glaub, zu so etwas hätt ich Verstand, es einzuleiten und zu bereichern für den Druck, da wollt ich wohl noch viel hinzufügen; mir kommt immer nur der Verstand, wenn ich von andern angeregt werd, von selbst fällt mir nichts ein, aber wenn ich von andern großes Lebendiges wahrnehme, so fällt mir gleich alles dazu ein, als sei ich aus dem Traum geweckt, vielleicht könnt ich hierdurch dem Clemens ein Genüge leisten, der mich zu so manchem aufgefordert hat, was mich ganz tot läßt. Erfinden kann ich gar nichts. Aber ich weiß gewiß, wenn ich diese Briefe des Großpapa durchläse, es würde mir alles einleuchten, was dazu gehört, ich weiß noch so viel von ihm, und die Großmama würde mir noch manches erzählen, ich hab sie noch nie ordentlich ausgefragt, und besonders hab ich mich gescheut, sie über ihre religiösen Ansichten zu fragen, weil ich fürchtete, sie zu beleidigen, aber bei diesem Gespräch sagte sie von selbst: »Siehst du, mein Kind, so trägt die goldne Au der Vergangenheit die Ähren, ohne welche so mancher an Geistesnahrung Hunger sterben müßte, und rund um uns, wo die Sonne ihren Lauf öffnet und wo sie ihn schließt, wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt, allenthalben keimen Blumen, deren vereinter Strauß uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts. So gehört die Vergangenheit zum Tag des Lebens. Sie ist die Wurzel des meinen. Dein Großvater war guter Mensch und guter Staatsbürger, der hat als solcher auf Fürsten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau. Eine Vergangenheit ist also nicht für das wahre Gute, es wirkt ohne Ende, es kommt aus dem Geist, wie dein Großvater sagte, und alles andre, was vergänglich ist, das ist auch geistlos.« –

Es war Mittag, ich wär gern den ganzen Tag bei der Großmama geblieben, wenn man in Frankfurt gewußt hätte, wo ich war. – An der Gerbermühl begegnet mir Clemente mit meinem verlornen Parapluie, er war gleich hinter mir übergefahren und hatte ihn vom Schiffmann mitgenommen, war aber bei Willemers geblieben, jetzt fuhren wir zusammen im Sonnenschein unter aufgespanntem Baldachin auf dem Main zurück. Der Clemens geht morgen nach Mainz, er besucht Euch am End. – Beim Primas gestern große Parade, alle altadeligen Flaggen wehten. – Über die fünf Ellen lange Schleppen mußten die Herren mit hocherhobenen Beinen hinaussteigen, der Primas führte mich ins Kabinett, wo die Blumen stehen, und ließ zwei Sträuße binden für mich und die Meline, dies war als eine hohe Auszeichnung bemerkt worden, man hatte großen Respekt, der sich noch sehr steigerte, als mir der Primas beim Abschied ein Paket gab, sehr sauber in Papier eingesiegelt. Alle glaubten, es sei ein fürstlich Präsent, vielleicht ein Schnupftabaksdosen-Kabinettstück. Kein Mensch bedachte, daß der Primas zu witzig ist, um mir eine solche Albernheit anzutun. Nun wunderte man sich, daß ich mein Geschenk, so ohne Umstände, ohne mich zu bedanken, unter den Arm geklemmt habe; ich hatte tausend Spaß, die vielen Glossen zu hören, und konnte am End vor Vergnügen über die Neugierde nicht umhin, im Vorzimmer zu tanzen, während mich alles umringte mit Bitten, es zu öffnen, wozu ich mich nicht bewegen ließ, sonst wär der Spaß aus gewesen. Besonders quälte die Neugierde den Moritz, im grünen Sammetrock, der den ganzen Abend alle Spiegel mit der eignen Bewunderung seiner Person besetzt hielt. Sowie er die Überreichung dieses mystischen Pakets gewahr ward, lief er mir nach, dem hätt ich's aber grad nicht gesagt, im Paket war nichts, als was du wohl schon denken kannst, ein paar alte Judenjournale und die Drusenfamilie für die Großmama; ich soll's lesen, was mir eine harte Nuß ist. – Sagt ich's, so würde man den Primas wohl eher für einen Narren halten, daß er auf mein Urteil einen Wert legt, als mich für gescheit genug, dieser Auszeichnung Ehre zu machen, so mag's denn die Leut mir im Respekt halten; wüßten sie, es sei nur Papier und keine Dose, hielten sie mich zum Narren gehalten vom Primas.

Heut nacht fiel mir ein, daß ich meinen Kanarienvogel dem Bernhards Gärtner geben will, der hebt ihn gewiß gut auf, und macht ihm Freud, dann weiß er doch, daß er wieder was von mir erfährt, es waren doch liebe Tage, wo er mich pfropfen lehrte. Du weißt noch gar nicht alles, was ich da lernte, vom Fortpflanzen der Orangenbäume mit einem Blatt, von Nelken – und dann will ich ihm auch meine Granatbäume schicken und den Orangenbaum und den großen Myrtenbaum, er gibt sich gewiß Müh, daß er den zum Blühen bringt, ich hab so immer fürchten müssen, daß sie verdarben im Winter. – Das eine tut mir auch leid, daß ich von der Großmama weg muß, weil sie sich's in den Kopf gesetzt hat, sie werde nicht mehr lang leben wegen den Bäumen, sie sagt, sie wolle nicht erleben, diese Bäume, die sie so lange Jahre gepflegt habe, im nächsten Jahr im Ofen knattern zu hören. – Jetzt möcht ich gern noch so viel von ihr wissen, ich schäm mich, daß ich die ganze Zeit so leichtsinnig war, was hätte sie mir alles von der Mama erzählen können, von der ich so wenig weiß, als bloß, daß sie angebetet war. – Die Großmama sagte: »Sei versichert, hätte die Venus-Urania noch ein Kind gehabt außer dem Amor, so mußte es das Ebenbild deiner Mutter sein.« – Manchmal zweifle ich, ob ich noch nach Marburg mitgehen soll, meinst Du nicht auch, es wär besser, ich blieb hier? – Es ist doch auch schön, wenn ich noch das letzte Lebensjahr der Großmama recht freundlich mit ihr zubrächte, mich durstet nach dem Segen alter Leut; seitdem ich vom Tod weiß, so deucht mir die letzte Lebenszeit eines Menschen etwas Heiliges, und wie ich als Kind so gern Spielsachen, Dinge, die ich liebte, in die Erde vergraben hab, so möcht ich auch meine Geheimnisse, mein Sehnen, meine Gedanken und Ahnungen gern in die Brust legen von Menschen, die keine Forderungen mehr ans Irdische haben und bald unter der Erde sein werden, schreib mir doch darüber! Auf der andern Seite reizen mich die Briefe vom Christian auch sehr, er freut sich drauf, daß ich ein halb Jahr mit ihm zusammen sein werd, wir sind zusammen in unserer Kindheit gewesen und seitdem nicht wieder, er verspricht mir so viel von meinem Dortsein, und was und wie er mir alles lehren will; les die beiden Briefe von ihm an mich, und schreib mir, was du willst, das will ich tun. – Adieu, und schreib recht bald. Es ist hier alles beschäftigt mit dem Empfang von Bonaparte, es wird ein großer Triumphbogen erbaut auf dem Rabenstein, wo der Galgen gestanden hat. –

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