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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Heut morgen wach ich auf vom Rufen der Italiener, die Parapluies feiltragen, die wahre Lockstimme für mich – unwiderstehlich, ich denk gleich, der Italiener mag Regen wittern, denn sonst gehn sie nicht so früh herum, ich laß die Lisbeth den Mann heraufholen und lauf zur Meline – die liegt noch im Bett – ob wir nicht einen Parapluie wollen kaufen, mitzunehmen nach Marburg? die Meline kriegt einen Schrecken – sie glaubt, ich hab's Fieber, daß ich nach einem Parapluie frag, unterdessen war il signor Pagliaruggi vor der Tür und ein grünseidner Regenschirm gekauft, den ich auch gleich probieren wollt, so ging ich vors Tor in die Meß am Main, und so blieb ich bei den Klickerfässern stehen und kauft an dreißig Klicker, einer schöner wie der andre, von Achat und Marmor und Kristall, damit ging ich hinunter am Main, wo die Steinergeschirrleut halten, und besuchte die in ihren strohernen Hütten, und die Esel, die mit herzlichem Geschrei mich begrüßten, und die kleinen Hemdlosen, die da herumlaufen und klettern – und teilt ihnen meine Klicker aus, sie hatten keine Taschen, weil sie nackend laufen, so mußt ich ihnen meine Handschuh geben, daß sie die Klicker konnten aufheben, die banden sie sich mit Bindfaden um den Leib fest; das war kaum geschehen, so rief mich ein Schiffer an, ob ich nicht wollt überfahren – ich frag: »Es wird wohl regnen?« – »Nun, was schad's, Sie haben ja ein Wetterdach bei sich.« Wie ich drüben war so denk ich, ich will nach Oberrad gehn, zur Großmama ihrer Milchfrau und da Milch trinken, wie ich an der Milchfrau ihr Haus komm, so sagen die Leut, alleweil ist die Annemarie fort mit der Milch nach der Gerbermühl, wie ich auf die Gerbermühl komm, so läuft mir die Annemarie schon fort nach Offenbach mit der Milch, ich sag, ich will mit ihr gehen, sie hat ihre zwanzig Gemüskörb auf dem Kopf und ihre Milchkann am Arm, und so schlendert der groß Gemüsturm und ich als hintereinander durch die Hecken, sagt die Annemarie: »Es fängt schon an zu trepele, es werd gleich e dichtiger Schitel komme, warte Se, ich will Ihne ans von denen klene Körberchen gebe, des könne Se uf den Kop setze, do kommt Ihne ken Regen an.« – Nun fällt mir ein, daß ich doch das Wetterdach, den Parapluie, mitgenommen hab, wo ist der geblieben? entweder ich muß ihn haben bei den nackigen Büberchen lassen stehn, oder ich hab ihn im Schiff liegen lassen, beides ist gleich möglich, ich konnt ihn also die Wasserprob nicht halten lassen; so setzt ich der Milchfrau ihr rundes flaches Gemüskörbchen mit Blumenkohl auf den Kopf, sie sagt: »Sie sehn so schön drunter aus wie die schönst Pariser Madam.« – Es war recht lustig, es begegneten mir allerlei Leut, die dachten, ich wollt balancieren lernen, der Regen hatte bald wieder aufgehört, so war ich, ohne dran zu denken, bis Offenbach gelaufen, an der Kastanienallee nahm ich den Korb ab. In der Stadt war recht Sonntagswetter, alles voll Sonnenschein, und in der Domstraß lag auf jeder Haustrepp vor der Tür ein Jolie mit dem blauseidnen Halsband, alle Jolies kennen mich, sie kamen an mich herangebellt, und da kamen die Spitze auch und Bommer und endlich auch dem Anton Andree seine englische Dogge mit siebzehn Jungen, die schon ziemlich herzhaft bellen. Die Milchfrau blieb ein paarmal stehen, um das Springen und Toben der Hunde zu sehen, und auch aus Furcht, sie möchten ihr den Gemüsturm aus der Balance bringen. »Ei«, sagte sie, »der türkisch Kaiser kann nicht schöner begrüßt werden, die bleiben ja in einem Vivatrufen.« – So klingelten wir an der Haustür, die Cousine meldete, daß die Großmama noch schlief, in den Garten wollt ich nicht gehen, ich blieb vor der Tür stehen bei den Hunden, da kam mein guter Herr Arenswald vorbei, er nahm den Hut ab, ich sagte ihm nicht, daß er ihn wieder aufsetzen solle, denn ich hatte gesehn, daß ein Loch drin war, und wollte diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen. Er erzählte mir, er habe diesen Sommer eine Reise nach der Schweiz gemacht, weil er seinem Drang, die Natur dort zu betrachten, nicht habe widerstehen können, er bereue es auch gar nicht, obschon es ihm viel gekostet, ja er glaube, es sei sein letzter Heller drauf gegangen, ich war etwas beschämt und wollte ihm bei dieser vertrauten Mitteilung nicht grad ins Gesicht sehen, meine Augen fielen auf seine Stiefel, da präsentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm, sein großer Zehe, welchen Arenswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte, denn er drückte ihn unter den Absatz vom andern Stiefel, der leider wie ein schlechtgeschloßner Laden vom Wind auffuhr, wo sollt ich meine Augen hinrichten? – ich sah auf seinen Bauch, da fehlten alle Knöpfe, und die Weste war mit Haarnadeln zugeklemmt wo er die mag her erwischt haben, denn er trägt einen Caligula, welches bekanntlich die höchste geniale Verwirrung im Haarsystem ist, wozu man weder Pomade, noch Kamm, noch Haarnadel braucht, sondern nur Staub und Stroh, damit die Schwalben und Sperlinge immer Material für ihre Bauten da finden. Unterdes erzählte er mir, es sei ihm in der Schweiz was Sonderbares geschehen, man habe ihm nämlich erzählt, daß es in waldigen Berggegenden eine Art Schnecken gäb, die sehr schmecken, und daß es auf dem Weg von Luzern irgendwohin auf einem Berg sehr viel solcher schmeckender Schnecken gibt, er habe solche auch in Masse im Wald angetroffen und einen so starken Appetit danach bekommen, daß er ihrer mehrere gegessen und ganz satt davon geworden sei, als er ins Wirtshaus zurückkam, verbat er sich sein Mittagessen, weil er zu viel von den so gut schmeckenden Schnecken gefunden, und habe sie mit so großem Appetit verzehrt, daß er unmöglich noch was genießen könne. »Wie?« – sagte der Wirt, »Sie haben die schmeckenden Schnecken gegessen?« – »Nun ja, warum nicht, sagten Sie nicht selbst, daß die Schnecken sehr wohl schmecken und daß die Leute gewaltig danach her sind, sie zu sammeln?« – »Ja! sehr schmecken hab ich gesagt, aber nicht: wohl! – schmecken heißt bei uns stinken, und die Leute sammeln sie für die Gerber, um das Leder einzuschmieren.« – So hab ich also dieses Gerbemittel gespeist und mich sehr wohl dabei befunden, erzählte Herr Arenswald, während ich sehr errötet in die Luft guckte, denn es war kein andrer Platz da, ohne auf eine grobe Sünde des gänzlichen Mangels zu stoßen. – Die Schneckenmahlzeit mag nun wahr sein oder auch erfunden, um mir auf eine feine Art verstehen zu geben, daß ihn der Hunger dazu gezwungen. Die Cousine rief mich herein, und Arenswald nahm, wie bei hohen Potentaten, rückwärtsgehend Abschied von mir, woraus ich schloß, daß es von hinten auch nicht besser mit ihm bestellt sein möge. Also erst die Begrüßung bei meinem Einzug, der Jubel war türkisch-kaiserlich nach der Milchfrau, der Gemüskorb mit Blumenkohl war meine Kron, den Baldachin, den Parapluie, hatt ich im Schiff gelassen, die erst Audienz war auch mit allen kaiserlichen Ehrenbezeugungen vor sich gegangen, unterwegs hatte ich großmütige Geschenke gemacht an die nackigen Büberchen, Arenswalds Audienz war auch eine untertänigste Ansherzlegung des menschlichen Elends. Was will ich mehr? – immer hat's mir im Sinn gelegen, ich werde noch zu hohen Würden steigen. –

Ich werd auch geruhen, des schmeckenden Schneckenfressers außerordentliche Verdienste um die Selbsterhaltung zu belohnen, durch den Jud Hirsch, der morgen nach Offenbach geht; wenn mir's nur nicht bis morgen aus den Gedanken kommt wie der Parapluie, ein Fehler, den ich mit allen hohen Häuptern gemein hab. – Die Großmama war mir sehr freundlich, wir sprachen von Dir, sie will, daß Du sie besuchst, wenn Du zurückkehrst. Ich sagte ihr, daß ich, wenn sie es erlaube, nach Marburg gehen werde mit der Meline, diese kleine Ehrfurchtsbezeugung, um ihre Einwilligung zu bitten, schmeichelte ihr sehr, sie gab mir ihren besten Segen dazu, nannte mich ›Tochter ihrer Max, Kindele, Mädele‹, ringelte mein Haar, während sie sprach, erzählte im schwäbischen Dialekt, was sie nur in heiterer Weichherzigkeit tut und einem Ehrfurcht mit ihrer Liebenswürdigkeit einflößt, ihr Bezeigen war mir auffallend, da ich vor vier Tagen sie so tief verletzt, beinah erbittert fand über die Schmach, die ihrem gütigen Herzen widerfahren war. – Sie zeigte mir ein Wappen in Glas gemalt in einem prächtigen silbernen Rahmen mit goldnem Eichelkranz, worum in griechischer Sprache geschrieben steht: Alles aus Liebe, sonst geht die Welt unter, es ist dem Großpapa von der Stadt Trier geschenkt worden, weil er als Kanzler in trierischen Diensten sich gegen den Kurfürsten weigerte, eine Abgabe, die er zu drückend fand, dem Bauerstand aufzulegen; als er kein Gehör fand, nahm er lieber seinen Abschied, als seinen Namen unter eine unbillige Forderung zu schreiben; so kamen ihm die Bauern mit Bürgerkronen entgegen in allen Orten, wo er durchkam, und in Speier hatten sie sein Haus von innen und außen geschmückt und illuminiert zu seinem Empfang. Die Großmama erzählte noch so viel vom Stadionischen Haus, worin sie so lang mit dem Großpapa lebte, wenn ich's nur alles behalten hätt, doch vergeß ich die Beschreibung ihrer Wasserfahrten nicht auf dem See von Lilien, wo immer ein Nachen vorausfuhr, um in dem Wald von Wasserpflanzen eine Wasserstraß mit der Sense zu mähen, wie da von beiden Seiten die Schilfe und Blumen über den Kahn herfielen und die Schmetterlinge – und alles weiß sie noch, als wenn es heut geschehen wär. – Der Pappeln wollt ich nicht gedenken, die jammervolle Person des Arenswald, der so munter und grün über sein Elend hinaussteigt ins Freie, hatte mich aus den Angeln der Empfindsamkeit gehoben, ich will wetten, jetzt wo er Waldschnecken fressen kann, daß er noch viel mehr wagt, und wenn er nur so viel hat, daß er seine Beine reisefertig kriegt, so muß das andre mit und muß allerlei andre Dinge noch dazufressen lernen. Die Großmama fing aber von selbst von den Bäumen an, bei Gelegenheit des Wappens, sie erzählte, der Spruch sei wirklich Ersatz dem Großvater geworden, und er habe oft bei der Einschränkung, in der er später leben mußte, gesagt: »Besser konnt ich mir's nicht wünschen.« – Das Wappen hing über seinem Schreibtisch, und da er bei Bauer und Bürger in großem Ansehen stand, so kamen sie oft zu ihm in schwierigen Angelegenheiten, da hat er denn durch den Spruch vom Wappen manchen zur Gerechtigkeit oder zur Nachsicht bewogen, er sei dadurch so im Ansehen gestiegen, daß sein Urteil mehr wirkte wie alles Rechtsverfahren, und mancher, der dem Buchstaben des Gesetzes nach sich durchfechten konnte, hat, um nicht das Urteil des Großvaters gegen sich zu haben, sich verglichen, und der Kurfürst hat sich auch wieder mit ihm versöhnt und ihm vollkommen recht gegeben, aber der Großvater schlug seine Anstellung aus, die der Kurfürst ihm wieder anbot; er sagte: ›Hat mir Gott das Hemd ausgezogen und gefällt's ihm, mich schon auf Erden nackt und bloß herumlaufen zu sehen, so will ich mir keine Staatslivree als Feigenblatt für den menschlichen Ehrgeiz vorhalten, dem Herrn Kurfürst steh ich zu Diensten in allen gerechten Dingen, so wie mich Gott geschaffen hat, und der sich nicht vor ihm zu schämen braucht; ich mag nicht aus meinem Paradies heraus, denn ich mag mich mit keinem Feigenblatt inkommodieren; ich bin der unverschämteste Kerl von der Welt, und der Kurfürst ist die sittsamste Jungfer, die unter den geistlichen Würden zu treffen ist, er will keinen seiner Freunde nackt und bloß herumlaufen oder vor sein Angesicht kommen lassen; aber mir gefällt es besser, ganz nackend mit seinen Mummenschanzern herumzuspringen, denn da hab ich den Vorteil, daß sie sich selbst nicht mehr kennen, denn sie wissen so wenig, was das ist, ein Mensch sein, daß einer, der ohne Bemäntlung ihnen die Natur eines Menschen, wie sie vor Gott bestehen kann, darstellt, ihnen natürlich zeigen muß, daß sie selber Mißgeburten sind.‹ – In dieser Art hat der Großpapa auf des Kurfürsten Anträge geantwortet. – Die Großmama besitzt noch eine Korrespondenz, wo mehrere Briefe von des Kurfürsten eigner Hand dabei sind, mit den Abschriften vom Großvater; – der Großvater hatte ein Buch gegen das Mönchswesen geschrieben, was gar viel Aufsehen in damaliger Zeit machte, ins Französische übersetzt wurde, das hat mir die Großmama geschenkt; es war die erste Veranlassung zur Unzufriedenheit zwischen dem Kurfürsten und ihm, weil darin so viel Skandal der Mönche aufgedeckt ist, und war auch die erste Veranlassung zur Versöhnung, denn der Kurfürst gibt ihm in einem Brief sehr recht und sagt: ›Wir werden diesem Ungeziefer, das mich mehr plagt als den armen Larzarus, dem ich mich gar sehr vergleiche, seine Schwären, noch eine Umwälzung in unserer Religion zu verdanken haben, es vergehet keine Woch, daß nicht verdrießliche Berichte dieser unflätigen Mönche einlaufen; der Mantel der christlichen Kirche, unter dem sie alle ingekeilt stehn wie ein Ballen Stockfische, reicht nicht mehr zu, ihren Unflat zu bedecken.‹ – Schreibt der Großvater hierauf einen wunderschönen Brief über Religion und Politik, den ich nicht behalten hab, worin mir aber jedes Wort wie Gold klang. – Er sagt: ›In einem großen Herzen müsse die Politik bloß aus der Religion hervorgehen, oder sie müßten vielmehr ganz dasselbe sein, ein tätiger Mensch, der seine Zeit anwende, zu was sie ihm verliehen sei, habe sie nicht übrig, sie in verschiednes zu teilen, so müsse denn seine Religion als vollkommner Weltbürger in ihm ans Licht treten‹ – usw. – Dieser Brief ist so herrlich, so seelenrein, so über alles erhaben, wonach kleinliche Menschen zielen, aber auch so lebendig, daß ich glauben muß, aus einem lebendigen Herzen entspringt alle Philosophie, aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen fürs Gute, die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt, gesund macht wie ein Strom frischer, gewürzreicher Luft; – das tut doch die Philosophie nicht, die aufs Dreieck sich stützt, zwischen Attraktion und Repulsion und höchster Potenz einen gefährlichen Tanz hält, die dem gesunden Menschenverstand die Rippen einstoßen, und er als Invaliden-Krüppel sich endlich zurückziehen muß. Und einmal ist doch die natürliche Geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe, und ich denke, daß, wenn der Scharfsinn sich von Hoffart unbeleibter Spekulation losmachte und sich ganz auf den Zustand der sinnlichen Tagesgeschichte wendete: dann müßte kein Gedanke so tief oder erhaben sein, der nicht im irdischen Treiben sich Platz verschaffte und in sittlichem Sinn sich bekräftigt und aufwächst. – So wie der Großvater möcht ich sein, dem alle Menschen gleich waren, Fürsten und Bauern gleichmäßig auf den Verstand anredete, und nur allein durch diesen mit ihnen zurechtkam, dem nie eine Sache gleichgültig war, als läge sie außer seinem Kreis; er sagte: ›Was ich mit meinem Verstand beurteilen kann, das gehört unter meine Gewalt, unter mein Richteramt, und ich muß laut und öffentlich entscheiden, wenn ich mich vor Gott verantworten will, daß er mir den Verstand dazu gegeben, wer sein Pfund benützt, dem wird noch mehr dazu, und er wird Herr über alles gesetzt.‹ – Ja, das bin ich überzeugt, aber ich glaub nicht, daß die Philosophen dies Ziel erreichen werden, ich glaub eher, daß man auf dem Großvater seine Weise die tiefste Philosophie erwerbe, nämlich den Frieden, die Vereinigung der tiefsten geistigen Erkenntnis mit dem tätigen Leben. –

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