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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ich lese Deinen Brief und schäme mich vor Dir, wie Du so edel und einfach mein verwirrtes Denken zurechtrichtest, und ich kann nicht ans Antworten denken, weil ich so voll Unruh bin. Die Bäume kränken mich; ich kann's nicht begreifen, wie die Großmama sich nicht besser gewehrt hat, das ist ihre zu tiefe Empfindlichkeit, unterdessen hat man ihren Lieblingen den Hals abgeschnitten, man muß sich wehren für die Seinigen und dem Schlechten in den Arm greifen, der es antastet. Alles Erhabne und Schöne ist Eigentum der Seele, die es erkennt, und durch die Erkenntnis ist sie schutzverpflichtet. Alles ist der Teufel, es sei denn reine, freie Gewissenswahrheit, und ich weiß keine höhere Anweisung an den Geist als: frag dich selber! und wenn da einer nicht das Rechte findet, so ist er ein Esel, und alles, was sich Schreckendes dem inneren Willen entgegenwirft, das muß bekämpft und verachtet werden, er ist der Ritter, der das Wasser des Lebens zwischen feuerspeienden Drachen und eisernen Riesen schöpft, vor seiner Verachtung und seinem Mut werden sie ohnmächtig. In Feenmärchen ist die heiligste Politik und auch die mächtigste; ich wollt der größte Staatsmann werden und die ganze Welt unter meinen Fuß bringen, bloß daß die blaue Bibliothek mein geheimer Kabinettsrat wär; und die Leut würden sich erstaunen, was ich als für Weisheit besäß. – Der Großmama möcht ich's sagen, sie wird es ganz gut aufnehmen; und ich brauch sie auch nicht zu schonen. – Was ist? – die Großmama hat eine tiefe Seele – andre nennen's Empfindsamkeit; Tiefe ist allemal Gewalt, aber sie ist gebunden, und die Gewalt weiß nicht, wie leicht sie die Fessel abwerfen kann, hab ich mir doch manchmal den Atem fast ausgeblasen, wenn wir morgens im Wald uns ein Feuerchen wollten machen zu unserm Pläsier, und es ist immer wieder ausgegangen, und ich hab's immer am kleinsten Köhlchen wieder angezündt; ich will auch blasen in der Großmutter ihr Judizium, warum ist sie betrübt, wenn es nicht ist, daß sie dadurch begreifen lernt, was sie den Bäumen schuldig war, alle Kraft ist man der Welt schuldig, und dem, der uns am nächsten steht, am ersten. Alle Anregung ist ein Aufwühlen des inneren Herzgrund, und das Unkraut muß untergepflügt werden, daß es die Wahrheit muß düngen, ich weiß nicht, was ich sagen wollt; ich bin unruhig, verzeih mir's, ich kann Dir nicht auf Deinen Brief antworten, ich wär so gern heut wieder nach Offenbach, aber alles fuhr nach Rödelheim, und wir haben, im großen Himmelspurpurmantel mit eingehüllt, auf der Wiese uns amüsiert, bis es Nacht war, ich ging mit dem Franz zu Fuß nach Haus, die andern fuhren, der Franz hat mir allerlei Schönes und Gutes gesagt unterwegs, ich hing mich mit beiden Händen an seinen Arm und verhopste alles; wie wir an die Bockenheimer Wart kamen, sagte er, häng dich doch jetzt an den linken Arm, denn der andre ist mir schon eine vierter Elle länger gereckt, damit der doch auch so lang wird.


Am Montag

Die Meline geht mit Savigny nach Marburg und sagt, ich soll auch mit, ich sag nicht ja, aber die Meline sagt: »Wer soll für dich sorgen, wenn ich's nicht tu, du wirst hier alles verschlampen, alles vergessen, alles verreißen, alles verschenken, alles verderben, du mußt mit.« – Kommst du früher, als die gehen, so bleib ich hier, denn da hab ich einen Altar, an den ich mich festhalte, kommst du aber nicht, so weiß ich, daß ich auf dem Glatteis, wie mir's unter den Fuß kommt, dahinfliege ohne Widerstand, es führt mich ja auch ebenso schnell zurück zu Dir, aber der Savigny schreibt, ich soll Dir sagen, daß er in den Sternen gelesen habe, Du werdest nach Marburg kommen. – Da leg ich Dir noch ein Blatt aus meiner Pappelbaum-Korrespondenz bei, ich hab doch alle Pfingsten, der ich mich erinnere, unter diesen Pappeln zugebracht – dies schrieb ich ihnen am letzten Pfingstfest, die schönsten Tage im Jahr ist Pfingsten, der Frühling feiert gekrönt seinen Sieg. Wie war ich so seelenzufrieden an jenen Tagen, alles ging aus ins weite Feld spazieren, alles fuhr über Land in schönen Kleidern, ich war auch weiß geputzt, und die Haare schön gelockt und mit flatterndem Band und gelben Schuhen besucht ich schon früh den Baum; heut konnt ich nicht hinaufklettern, ich hätte Schuhe und Kleid verdorben, darum dauerte mich der Baum, so fuhr ich lieber nicht mit spazieren und hielt ihm Gesellschaft, und weißt Du, was mich der Natur so anhängig macht? – daß sie manchmal so traurig ist – andre nennen das Langeweile, was einem zuweilen so mitten im Sonnenschein wie ein Stein aufs Herz fällt, ich aber leg es so aus: plötzlich steht man, ohne es zu wollen, ihr, der Allgöttin, gegenüber, ein geheim Gefühl der unendlich zärteren Sorge, die sie auf uns verwendet, als auf alle anderen Geschöpfe, macht uns schüchtern; alles umher gedeiht, jed Stäudchen, jed klein Käferchen zeigt von so tiefer feingegliederter Bildung, aber wo ist auch nur ein Knöspchen in unserem Geist, was nicht vom Wurm angenagt wär; sind wir nicht vom Staub befleckt, und zeigt sich ein Blättchen unserer Seele in seinem glänzenden Grün? – Wenn ich einen Baum begegne, der vom Mehltau oder vom Raupenfraß erkrankt ist, oder eine Staude, die verkeimt, dann mein ich, das ist Sprache der Natur, die uns das Bild einer ungroßmütigen Seele zeigt – und wären alle Fehler des Geistes überwunden, wären seine Kräfte in voller Blüte, wer weiß, ob dann in der Natur noch solcher Mißwachs oder schädlich Unkraut wär, ob der Brand noch ins Kornfeld käm, ob noch giftige Dolden wüchsen, wer weiß, ob noch solche traurige Augenblicke in ihr wären, die einem das Herz spalten; und man wendet sich ab, weil man nicht ahnen will, was tief im Herzen schmerzlich mit wehklagt. Nein, sie findet kein Gehör, die Mutter, obschon ihre Vorwürfe so zärtlich sind, daß sie einen gleich in ihren Schleier hüllen möcht, und das Gift der Krankheit möcht sie mit ihren Lippen aussaugen und aus ihrem Blut Balsam mischen, uns zu heilen.

›Beweislos denken ist frei denken!‹ dies eine nur laß mich Dir mit einem Beweis noch bekräftigen zum Beweis, daß ich Dich versteh! – Denken selbst ist ja von der Wahrheit sich nähren, sonst wär's faseln und nicht denken; denken ist, jenen Balsam trinken, den die Mutter aus ihrem Blute mischt, der uns von Schwächen heilt, ist ja Gehör geben ihren zärtlichen Vorwürfen; und durch Beweis dem eignen Herzen die Liebe darlegen wollen, die so ohne Rückhalt sich uns ergibt, ist Beweis genug, daß sie das Herz nicht rührte. – Die Wahrheit rührt das Herz, ist Geist, der augenblicklich höher steigt im Empfangen der Wahrheit selbst und sich nach Höherem umsieht. Du bist höher gestiegen in dieser Erkenntnis der reineren Geistesform, Du hast seine Krücken weggeworfen. – Sie sagen: »Wie will der Geist fortkommen ohne Krücken? – er hat ja keine Füße! – er wirft des Anstands enges Wams auch noch ab.« – »Seht, ich habe Flügel!« und Deine Verteidigung, wie willst du die führen, wenn du keine Waffen hast, fragen die Philister. – »Ich bin Gottathlete, wer mit mir ringen wird, der mag meinen Triumph ohne Waffen um so tiefer fühlen; ich bin dann, und sie sind nicht mehr, die mit mir ringen; und wen ich nicht überwinde, der reicht auch nicht an mich heran, mich zu bekämpfen.« – Ja, ich fühl's deutlich, wie tief recht Du hast; es ist einzig reine und heilige Sprachquelle, die Wahrheit ohne Beweis führen. Sprach und Geist müssen sich lieben, und da braucht's keiner Beweise füreinander; ihr gegenseitigem Erfassen ist Liebe, die sich in ewigen Gefühlen zu den Sternen hebt – Du bist überwunden, Du bist ein Gefangener des Geistes – er besitzt Dich und tritt vor und spricht Dich aus. – Gute Nacht! schon sehr spät. –


Vor zwei Jahren geschrieben am Pfingstmontag

Bäume, die ihr mich bergt, mir spiegelt in der Seele sich euer dämmernd Grün, und von euren Wipfeln seh ich sehnend in die Weite.

Dorthin fließt der Strom und hebt nicht zum Ufer die Wellen, und es jagt nicht mit den Wolken, seinen fröhlichen Schiffen, der Wind.

Der hellere Tag flieht, und mein Gedanke lauscht, ob Antwort vielleicht ein sausender Bote von dir ihm bringe, Natur! O du! – du, der ich rufe, warum antwortest du nicht? – Immer gleich Herrliche! Allebendige!

Schauder über Schauder flößt mir, Herr! Herr! deine Natur ein. Da senkt sich der Wagen des Donnerers, die Berge hallen, es braust und duftet und weht! – Wohin, ihr Nebel? – ihr Rauchsäulen? – Wohin wandelt ihr alle? – Warum bin ich? – Warum mich an deinen Busen, Natur, wenn nicht erquickend mir's quillt aus deinen Tiefen, wie aus den Bergen quellen die rauschenden Wasser.

Ich hör dich, Donnerer, langsam ziehn am windstillen Tag übers Gebirg, in meiner Seele Saiten tönt's nach, sie bebt, die Seele, und kann nicht seufzen.

Lust und Hoffnung, ihr habt oft mich gewiegt wie die rauschenden Wipfel, ihr schienet endlos mir einst, wie jetzt mein düsterer Tag.

Da brechen die Wolken und strömen unter dir, Befreier! – und rings trinkt die Erde – und deine Donner – wohin? – Und ihr atmet wieder, Wiegengesang flüstert, wogt in eurem Laub, das mich umfängt.

Und ich will gern wieder leben mit euch allen, ihr Bäume, die ihr trinkt, segnende Ströme vom Himmel, und fröhlich wieder säuselt im Wind.

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