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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ich war heut draußen bei der Großmama, sie war allein, den ganzen Nachmittag, und wir sprachen erst von Dir; die Großmama war einen Augenblick beschäftigt, so lief ich in den Garten, um ihn nach langer Zeit wiederzusehen, aber wie war ich da erschrocken, wie ich auf die Hoftreppe kam, ich erkannte den Garten nicht wieder; denke! – die hohe, schwankende Pappelwand, die himmelansteigenden Treppen, die ich alle wie oft hinangestiegen bin, um der Sonne nachzusehen, um die Gewitter zu begrüßen; durchgeschnitten! – zwei Drittel davon in grader Linie abgesägt! – ich wußte nicht, wie mir geschah, und alles will ich gern begreifen und lernen, was soll mir das schaden, aber diese Pappeln, diese Zeugen meiner frühesten Spielstunden, die mich als Kind von drei Jahren mit ihren Blüten beregneten, in die ich hinaufstaunte, als ob ihre Höhe in den Himmel reiche. Ach, was soll ich da dazu sagen, daß die als Stumpfe mit wenig Ästen noch versehen nebeneinanderstehen, gemeinsamen Schimpf und Leid tragend. – Ach, ihr Baumseelen, wer konnte euch das tun? – nun ziehen alle frühen Kindheitsmorgen an mir vorüber, wo ich ihre Wipfel von weitem im Gold glänzen sah, und daß sie mir winkten, ich soll mich eilen und kommen, und wie hab ich oft ihre jungen Blättchen betrachtet und keins abgebrochen je! – ach, es schneidet mir ins Herz – es war, als könnten sie nicht mehr sprechen, als sei ihnen die Zunge genommen, denn sie können ja nicht mehr rauschen. So war ihr Stummsein eine bittere, bittere Klage zu mir, die ich ewig mit mir herumtragen werde und keinem sagen als nur Dir. Du weißt, wie Du oft sagtest, wenn wir da gingen, daß ihr Rauschen mitspreche, und wie sie uns absonderten von der ganzen Welt, und wie sie einen Dom über uns bauten, und gegenüber die hohe Rosenhecke, die über die Wand vom Boskett hereinschwankte, die steht jetzt auch ohne Schutz und die Nachtigallen, die das heilige Dunkel gewohnt waren; wie wird's da sein, wenn die im Frühjahr wiederkommen. – Ach, ich bin betrübt darüber. – Die Kindertage, wo ich dort mit dem reinlichen Kies spielte und mit rosenfarbnen Steinchen und schwarzen und gelben, bunte Reihen um ihre Stämme legte. – Und konnte so versteckt hinüberklettern ins Boskett, wie kann einem doch das Paradies, wo die Seele all ihren Zauber einpflanzt, so jämmerlich zerstört werden? – aber bedaure Du mich nur nicht, denn hör nur: – als ich zurückkam zur Großmutter – da sah ich blaß und zerstört aus, und sie sah wohl die Spuren von meinen Tränen. – Sie sah mich an ein Weilchen – und sagte: »Du warst im Garten?« – da reichte sie mir die Hand. – Was sollt ich sagen? – ich schwieg, und sie auch. – Sie sagte: »Ich werd wohl nicht mehr lang leben!« – ich wagte nichts zu sagen – aber bald darauf machte sie das Nebenzimmer auf, von wo man nach dem Garten sieht, und sagte: »Das Rauschen im Abendwind war meine Freude, ich werd's nicht mehr wieder hören; ich hätt mir's lassen gefallen, wenn ich unter ihrem Rauschen am letzten Abend wär eingeschlafen! sie hätten mir diesen feierlichen Dienst geleistet, die lieben Freunde, die ich jeden Tag besuchte, die ich mit großer Freude hoch über mir sah; – du hast sie auch geliebt, es war dein liebster Aufenthalt – ich hab dich oft vom Fenster sehen in ihrem Wipfel abends steigen und glaubtest, es säh es niemand – nimm meinen Segen, liebes Kind, ich hab an dich gedacht, wie man sie trotz der schmerzlichen Verletzung meiner Gefühle verstümmelte.« – Ich wagte nicht zu fragen, wer die Schuld trüge, denn das wär zu kränkend für die Großmama gewesen, und ich wußte auch gleich, daß nur aus grausenhaftem Philistersinn solche Untat geschehen konnt, denn der ahnt nicht die tiefsten Wunden, der hält alles für Empfindelei, was mit den geheimsten geistigen Bedürfnissen zusammenhängt; – wie könnte der eine wahrhaftige Liebe denken zu einem leblosen Ding, denn so nennt der Philister die Pflanzen, die Bäume, die ganze Natur – wie könnte der ahnen, daß ein höchst geistiger Umgang mit ihren schönen untadeligen Erzeugnissen stattfinden könne? – Ein Wechseltausch von Empfindungen, der eine reine Leidenschaft zu ihr nährt und beglückt; – wie könnte dem je begreiflich werden, daß ein innerliches Dasein sich in sie überträgt und daß, während die ganze Welt vergeblich unter Mitgeschöpfen herumschwärmt, von Liebe, von Freundschaft faselt, der beglückte Besitzer eines Baumes, der vor seiner Tür steht, in ihm den Freund gefunden hat. –

Die alte hundertjährige Bas kam mir vor der Tür auch damit entgegen: »Ist's nicht barbarisch? – und daß die Großmama stillschweigt dazu – wärst du nur hier gewesen, es wär nicht geschehen.« –

Ich bin noch einmal in den Garten gegangen, wie es dunkel war; denn am Tag hingehen schien mir beleidigend für die edlen Bäume; – ich hab Abschied genommen vom Garten, ich mag nicht wieder hineingehen. – Ich habe auch den Gärtner besucht im Boskett, der sagte mir, es habe ihn sehr betrübt, daß diese Bäume abgehauen wären, er habe so manches sich immer gedacht dabei, jetzt könne er nichts mehr von ihnen sehen und hätt auch die Lust verloren, die Rosenhecke zu pflegen. – »Nun!« – sagte ich, »aber in Gedanken können wir immer alles sehen, was wir lieb haben?« – das gab er zu – so gebt doch auch die Rosenhecke nicht auf, je höher sie wächst, je mehr könnt Ihr Euch dabei denken, daß im Gedächtnis alles Schöne fortblüht. – Das bewilligte er mir, und er meinte, ich solle gewiß nicht klagen, daß er sie versäumt hätte, wenn ich wiederkäm. – Im Gärtner liegt wahres Genie zu einem solchen Umgang mit seiner Umgebung in der Natur. – Noch kurz eh ich mit dir bekannt war, hab ich manchmal oben in den Baumwipfeln meine Stimmungen über die Naturerscheinungen aufgezeichnet; so kindisch und unvermögend mich auszusprechen, ich hab sie in einer Mappe aufgehoben, da schreib ich Dir eines auf zur Gedächtnisfeier.


Vor zwei Jahren geschrieben am Ostermontag.

O himmlisch Grün, das unter Eis und Schnee in brauner Hülle sich barg und jetzt dein glühend Haupt im Antlitz der Sonne krönt. Geliebter Baum! könnt ich umwandeln doch, in dein sanft rauschend Laub, jene flüsternde Sprossen, die mit glänzendem Finger die Muse bricht himmlischer Glorie voll, die Stirn zu umflechten dem Liebling, der mit Helm und Speer oder bogengerüstet, wo viel goldne Pfeile dahinfliegen, oder Rosse jagend oder mit leichtem Fuß zwölfmal umrennend das Ziel, oder aufleuchtend mit der Flamme des Lieds, um sie wirbt.

O Baum! dich umdrängt heut der Bienen Schar, sie ziehen dem Duft nach, der honigregnenden Blüte, sie sammeln ihren befruchtenden Staub und vermummen die Tagesglut in deiner Krone kühlem Rauschen. Aber dann würd in deinem Schatten ruhn, der König ist am Mahle des Geists, und nähren würde deine Wurzel die Flut, die den eignen Gott im Busen ihm begeistert zu alleroberndem Triumph.

Begegne dir nichts, was dich beleidigt, o Baum! den keiner der Unsterblichen umwandelt. Ich zwar träume den Frühling in deinem Schatten, und mir deucht von Unnennbarem widerhallen zu hören rings die Wälder und die Hügel.

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