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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Du führst eine heilige Sprache, Du bist heilig, wenn Du sprichst; in Dir fühl ich den Rhythmus, der Deinen Geist trägt zu höherer Erkenntnis; – und ich fühl, daß die Güte, die Milde die Erzeugerin ist all der reinen Wahrheit in Dir, wie Du ihr Abdruck bist; wollt ich doch nicht alles auf einmal sagen, so wär ich deutlicher, Du bist mäßig, drum ist alles so überzeugend, was Du sagst; wüßt ich doch noch, was ich Dir geschrieben hab, nur um Dich wieder zu hören, mag ich denken, nur daß Du aus dem Anklang meines Geistes Melodien bildest. Jeder Ton besteht für sich, aber er bildet durch den Anklang mit andern Tönen Melodien, Gedanken. Aus allen Melodien, aus allen Gedanken besteht die Geistesallheit, die Gottespoesie, die Philosophie. – Es ist Gottespoesie, Harmonie, die den Gedanken, die Melodie erzeugt, sie hebt sich aus dieser, wie aus den Frühlingselementen die Blüte steigt, der blühende Geist steht mitten im Frühlingsgarten der Poesie. –

Musik ist sinnliche Natur der Geistesallheit. Wir möchten wissen, was Musik ist, die so fühlbar und doch so unbegreiflich – das Ohr rührt und dann das Herz und dann den Geist weckt, daß der tiefer denke. Sie ist die sinnliche Geistesnatur; aller Geist ist sinnenbewegter Leib des Geistigen, ist also auch Musik, drum sind Gedanken in der Musik unwillkürliche, sie erzeugen sich in dieser Sinnenregung der Seele. – Ach, Worte fehlen – und zu allseitig dringt es auf mich ein – und es bangt mir um den Ausdruck von dem, was mir in der Seele blitzt – und hab Angst, der könne meinen Begriff umtauschen – und – ›o gib vom weichen Pfühle träumend ein halb Gehör!‹, so leiert's im langweiligen Hintergrund meiner schlummernden Denkkraft, und dann wühle ich mich ein bißchen aus meiner Faulheit heraus und lausch träumend dem Traum, und dann singt's wieder bei der Gedanken Spiele – ach schlaf, was willst du mehr. Wenn eine schlummernde Ahnung wach wird in der Musik, da breiten sich alle Gefühle mächtig aus, und jeder Ton spricht verstärkte Empfindung aus, und ein inneres Streben zum Höheren, zum Bemächtigen gewaltigerer Fähigkeiten begleitet den rhythmischen Gang, ja wird von ihm geleitet, ich hab's erfahren: Bei meinem Saitenspiele segnet der Sterne Heer die ewigen Gefühle. –

Und so wahr ist's, daß aller Geist sinnliche Musik ist, daß wie in der Harmonie jedes Bewegen eines Tons neue Wege öffnet, oder wenn ich in andern Beziehungen nur augenblicklich vorempfinde, so dringt die Harmonie wie durch neu geöffnete Bahn mächtig ein, so ist im Geist jedes Vorempfinden eines inneren Zusammenhangs mit Fernerliegendem ein ewiger Harmonienwechsel, und die Melodie der Gedanken weicht aus den engeren Schranken zu höherer Anschauung. Die ewigen Gefühle heben mich hoch und hehr aus irdischem Gewühle. –

Und so ist alles, was unabweisbare Wahrheit ist, in ewig wechselnder Lebensbewegung – und ich fürcht mich vor dem Denken so allein. – Wenn wir beisammen wären! da teilen wir eins, und durch Dein Begreifen gibst Du meinem Geist die Fassung, der muß nach dem sich richten, und dann hab ich auch Ruhe und Versichrung im Geist, daß ich mich ausdrücken lerne: Vom irdischen Gewühle trennst, du mich nur zu sehr, bannst mich in diese Kühle.

Und könnten wir doch immer zusammen sprechen, der lieblichen Unordnung entsteigt alles. – Ja, da fühl ich, wie das ist, daß der Geist aus dem Chaos aufstieg, nehmt's nicht zu genau. Gib nur im Traum Gehör, ach, auf dem weichen Pfühle schlafe! was willst du mehr.

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