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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Es kömmt mir bald zu närrisch vor, liebe Bettine, daß Du Dich so feierlich für meinen Schüler erklärst, ebenso könnte ich mich für den Deinen halten wollen; doch macht es mir viele Freude, und es ist auch etwas Wahres daran, wenn ein Lehrer durch den Schüler angeregt wird, so kann ich mit Fug mich den Deinen nennen. Gar viele Ansichten strömen mir aus Deinen Behauptungen zu und aus Deinen Ahnungen, denen ich vertraue, und wenn Du so herzlich bist, mein Schüler sein zu wollen, so werd ich mich einst wundern, was ich da für einen Vogel ausgebrütet habe.

Deine Erzählung vom Bostel ist ganz artig; nichts lieber tust Du, als die Sünden der Welt auf Dich zu nehmen, Du trägst keine Last an ihnen, sie beflügeln Dich vielmehr zu Heiterkeit und Mutwillen, man könnte denken, Gott habe selber sein Vergnügen an Dir. Aber dahin wirst Du es nicht bringen, daß die Menschen Dich als etwas Besseres achten, als sie selber sind. Doch wie auch Genie sich Luft und Licht mache, es ist immer ätherischerweise, und wär es selbst den Ballast des Philistertums auf den Flügeln tragend. In solchen Dingen bist Du gebornes Genie, darin kann ich nur Dein Schüler sein und trachte auch mit großem Fleiß, Dir nachzukommen; es ist ein spaßiges In-die-Runde-Laufen, daß, während Dich jedermann so oft über Deine sogenannte Inkonsequenzen verklagt, ich heimlich mir Vorwürfe mache, daß mein Genie hierzu nicht ausreicht. – ›Sorglos über die Fläche weg, wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du siehst‹ – immerhin, nur das einzige tue mir und fange nicht alles untereinander an; in Deinem Zimmer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestrandet war. Schlosser wollte zwei große Folianten, die er für Dich von der Stadtbibliothek geliehen hat und die Du schon ein Vierteljahr hast, ohne drin zu lesen. Der Homer lag aufgeschlagen an der Erde, Dein Kanarienvogel hatte ihn nicht geschont, Deine schön erfundene Reisekarte des Odysseus lag daneben, und der Muschelkasten mit dem umgeworfenen Sepianäpfchen und allen Farbenmuscheln drum her, das hat einen braunen Fleck auf Deinen schönen Strohteppich gemacht; ich habe mich bemüht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dein Flageolett, was Du mitnehmen wolltest und vergeblich suchtest, rat, wo ich's gefunden habe? – im Orangenkübel auf dem Altan war es bis ans Mundstück in die Erde vergraben; Du hofftest wahrscheinlich, einen Flageolettbaum da bei Deiner Rückkunft aufkeimen zu sehen; die Lisbeth hat den Baum übermäßig begossen, das Instrument ist angequollen, ich hab es an einen kühlen Ort gelegt, damit es gemächlich wieder eintrocknen kann und nicht berstet, was ich aber mit den Noten anfange, die daneben lagen, das weiß ich nicht, ich hab sie einstweilen in die Sonne gelegt; vor menschlichen Augen darfst Du sie nicht mehr sehen lassen, ein sauberes Ansehen erhalten sie nicht wieder. – Dann flattert das blaue Band an Deiner Gitarre, nun schon seitdem Du weg bist, zum großen Gaudium der Schulkinder gegenüber, so lang es ist, zum Fenster hinaus, hat Regen und Sonnenschein ausgehalten und ist sehr abgeblaßt; dabei ist die Gitarre auch nicht geschont worden; ich hab die Lisbeth ein wenig vorgenommen, daß sie nicht so gescheut war, das Fenster zuzumachen hinter den dunklen Plänen; sie entschuldigte sich, weil's hinter den grünseidnen Vorhängen versteckt war, da doch, sooft die Türe aufgeht, die Fenster vom Zugwind sich bewegen. Dein Riesenschilf am Spiegel ist noch grün, ich hab ihm frisch Wasser geben lassen, Dein Kasten mit Hafer, und was sonst noch drein gesäet ist, ist alles durcheinander emporgewachsen; es deucht mir viel Unkraut drunter zu sein, da ich es aber nicht genau unterscheiden kann, so hab ich nicht gewagt etwas auszureißen; von Büchern hab ich gefunden auf der Erde den ›Ossian‹, die ›Sakontala‹, die ›Frankfurter Chronik‹, den zweiten Band Hemsterhuis, den ich zu mir genommen habe, weil ich den ersten Band von Dir habe; im Hemsterhuis lag beifolgender philosophischer Aufsatz, den ich mir zu schenken bitte, wenn Du keinen besonderen Wert darauf legst, ich hab mehr dergleichen von Dir, und da Dein Widerwille gegen Philosophie Dich hindert, ihrer zu achten, so möchte ich diese Bruchstücke Deiner Studien wider Willen beisammen bewahren, vielleicht werden sie Dir mit der Zeit interessanter. ›Siegwart, ein Roman der Vergangenheit‹ fand ich auf dem Klavier, das Tintenfaß draufliegend, ein Glück, daß es nur wenig Tinte mehr enthielt, doch wirst Du Deine Mondschein-Komposition, über die es seine Flut ergoß, schwerlich mehr entziffern. Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich war neugierig, sie aufzumachen, da flogen zwei Schmetterlinge heraus, die Du als Puppen hineingesetzt hattest; ich hab sie mit der Lisbeth auf den Altan gejagt, wo sie in den blühenden Bohnen ihren ersten Hunger stillten. Unter Deinem Bett fegte die Lisbeth ›Karl den Zwölften‹ und die Bibel hervor und auch – einen Lederhandschuh, der an keiner Dame Hand gehört, mit einem französischen Gedicht darin; dieser Handschuh scheint unter Deinem Kopfkissen gelegen zu haben, ich wüßte nicht, daß Du Dich damit abgibst, französische Gedichte im alten Stil zu machen; der Parfüm des Handschuh ist sehr angenehm und erinnert mich und macht mir immer heller im Kopf, und jeden Augenblick sollte mir einfallen, wo des Handschuh Gegenstück sein mag; indes sei ruhig über seinen Besitz, ich hab ihn hinter des Kranachs ›Lukretia‹ geklemmt, da wirst Du ihn finden, wenn du zurückkommst; zwei Briefe hab ich auch unter den vielen beschriebenen Papieren gefunden, noch versiegelt, der eine aus Darmstadt, also vom jungen Lichtenberg, der andre aus Wien. Was hast Du denn da für Bekanntschaft? – und wie ist's möglich, wo Du so selten Briefe empfängst, daß Du nicht neugieriger bist oder vielmehr so zerstreut – Die Briefe hab ich auf Deinen Tisch gelegt. Alles ist jetzt hübsch ordentlich, so daß Du fleißig und mit Behagen in Deinen Studien fortfahren kannst.

Ich habe mit wahrem Vergnügen Dir Dein Zimmer dargestellt, weil es wie ein optischer Spiegel Deine aparte Art zu sein ausdrückt, weil es Deinen ganzen Charakter zusammenfaßt; Du trägst allerlei wunderlich Zeug zusammen, um eine Opferflamme dran zu zünden, sie verzehrt sich; ob die Götter davon erbaut sind, das ist mir unbekannt.

Karoline

Wenn du Muße findest, so schreib bald wieder.


Beilage zum Brief der Günderode

Ein apokalyptisches Fragment

  1. Auf hohem Fels im Mittelmeer stand ich, vor mir der Ost, hinter mir der West, und der Wind ruhte auf der See.
  2. Die Sonne sank, kaum war sie verhüllt im Niedergang, enthüllte im Aufgang sich das Morgenrot; Morgen, Mittag, Abend und Nacht jagten in schwindelnder Eile um des Himmels Bogen.
  3. Ich sah staunend sie sich drehen, mein Blut, meine Gedanken bewegten sich nicht rascher; die Zeit, indes sie außer mir nach neuen Gesetzen sich bewegte, ging in mir den gewohnten Gang.
  4. Ich wollte ins Morgenrot mich stürzen oder mich tauchen in die Schatten der Nacht, eilend mit ihr dahinströmend, um nicht so langsam zu leben, aber im Schauen versunken ward ich müde und entschlief.
  5. Da sah ich ein Meer vor mir, von keinem Ufer umgeben, nicht im Ost, noch Süd, noch West, noch im Nord; kein Windstoß bewegte die Wellen, aber in ihren Tiefen bewegte sich, wie von innerer Gärung gereizt, die unermeßliche See.
  6. Und mancherlei Gestalten stiegen auf aus dem tiefen Meeresschoß, und Nebel stiegen auf und senkten sich in Wolken, und in zuckenden Blitzen berührten sie die gebärenden Wogen.
  7. Und immer mannigfacher entstiegen der Tiefe Gestalten, mich ergriff Schwindel und Bangheit, meine Gedanken wurden hiehin und dorthin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch.
  8. Als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing, da besann ich mich nicht, ob ich Jahrhunderte oder Minuten geschlafen, denn in den dumpfen, verworrenen Träumen war mir nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert hatte.
  9. Es war dunkel in mir, als habe ich geruht in dieses Meeres Schoß und sei wie andere Gestalten ihm entstiegen. – Ich schien mir ein Tropfen Taues, ich bewegte mich lustig in der Luft hin und wider und freute mich, und mein Leben war, daß die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten.
  10. Ich ließ von den Lüften mich dahintragen in raschen Zügen; ich gesellte mich zum Abendrot, zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mit meinen Gespielen mich um den Mond, wenn er sich bergen wollte, und begleitete seine Bahn.
  11. Die Vergangenheit war mir dahin, nur der Gegenwart gehörte ich an, eine Sehnsucht war in mir, die ihr Begehren nicht kannte, ich suchte immer, und was ich fand, war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im Unendlichen.
  12. Einst ward ich gewahr, daß alle die Wesen, die dem Meer entstiegen waren, wieder zu ihm zurückkehrten und in wechselnden Formen sich wieder erzeugten. Mich befremdete diese Erscheinung, denn ich hatte von keinem Ende gewußt. Da dachte ich, meine Sehnsucht sei, auch zurückzukehren zu der Quelle des Lebens.
  13. Und da ich dies dachte und lebendiger fühlte als all mein Bewußtsein, ward plötzlich mein Gemüt wie mit betäubenden Nebeln umfangen. Aber sie schwanden bald, ich schien mir nicht mehr ich, meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewußtsein hatte ich überschritten, es war größer, anders, und doch fühlte ich mich in ihm.
  14. Erlöset war ich von den engen Schranken meines Wesens und kein einzelner Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehörte mir mit an, ich dachte und fühlte, wogte im Meer, glänzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen; ich fühlte mich in allem und genoß alles in mir.
  15. Drum, wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht Tausende, es ist Eins und Alles; es ist nicht Leib und Geist geschieden, daß das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist Eins, gehört sich selbst und ist Zeit und Ewigkeit zugleich und sichtbar und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

Bettine

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