Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
Schließen

Navigation:

An die Günderode

Frankfurt

Günderödchen, der Clemens läßt Dich tausendmal grüßen. Ich muß es zuerst schreiben, denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu; er spricht von einem Dompfaffen oder Blutfinken, der in Dich verliebt sei, und er sei so anmutig dumm, daß er Dir prophezeit, Du werdest ihm nicht widerstehen, denn die Dummheit sei Deine Schwäche; Du fallest drüber her wie ein Raubvogel über ein neugeboren Gänschen, und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem Blick über Dummheitsphänomenen, und die würdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen, und Du seist gewiß im Rheingau auf der Jagd danach, während hier die merkwürdigsten Exemplare Dir in die Hände laufen würden und auch mehrere für ein Geringes an Geld zu sehen sind.

Alleweil hat er den Hut genommen, um zu dem Puppenspiel Plätze zu bestellen; er will die Pauline hineinfahren, um ihr augenscheinlich zu machen, wie es in ihrem Magen aussieht. Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib, und wenn sie mit ihm spricht, so antwortet er dem Pantalon, dem Scaramutsch, dem Hanswurst, der Colombine etc. – und sooft sie was sagt, so oft antwortet er einer andern Person vom Puppenspiel und so passend, daß das Puppentheater, nämlich der Pauline Magen, am meisten vom Lachen erschüttert wird. Er ist unerschöpflich an Witz, und alles läuft ihm nach. Daß Du nicht hier bist, hat ihn merklich betroffen; er wollt, ich könnt Dich bewegen zu kommen, aber Du wirst die Gärten des Dionysos nicht verlassen, wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest, die der Gott Dir zum Fenster hinanreicht, um hier auf der schmutzigen Meß die Bären tanzen zu sehen. Hätt der Clemens nicht hier auf mich gewartet, so hätt ich mögen mit Dir im Rheingau bleiben, der Franz hätt's wohl erlaubt, ich hab mehrmals dran gedacht; wie schön wär's gewesen, da wären wir herumgeschweift – überall – wo andre Menschen nicht hinkommen; – oft ist ein klein verborgen Plätzchen, das niemand kennt, das schönste von der Welt. – Ich sag Dir, wir hätten Quellchen entdeckt tief im Gras und Gestein und einsame Hüttchen im Wald und vielleicht auch Höhlen – ich durchforsche gar zu gern die Natur Schritt vor Schritt. Ich dächt, wir sähen uns auch einstweilen um, nach einem Ort, wo wir unsere Hütten bauen wollen – Du auf dem Berg weit ins Freie hinaus, und ich im Tal, wo die Kräuter hoch wachsen und alles versteckt ist, oder im Wald, aber nah beisammen, daß wir uns zurufen können. Du rufst durchs Sprachrohr: »Bettine, komm herauf!« und da komm ich, und der Kanarienvogel fliegt voran, der weiß schon, wo's hingeht, und der Spitz kommt nachgebellt, denn im Tal muß man einen Hund haben. Hör! – und im Frühjahr nähmen wir unsre Stecken und wanderten, denn wir wären als Einsiedler und sagten nicht, daß wir Mädchen wären. Du mußt Dir einen falschen Bart machen, weil Du groß bist, denn sonst glaubt's niemand, aber nur einen kleinen, der Dir gut steht, und weil ich klein bin, so bin ich als Dein kleiner Bruder, da muß ich mir aber meine Haare abschneiden. – So eine Reise machen wir im Frühjahr in der Maiblumenzeit, aber da versäumen wir die Erdbeeren! Denn im Tal wär als alles übersäet, erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren, davon leben wir sechs Wochen; Kohl pflanzen wir nicht. – Im Herbst sind wir wieder da und essen die Trauben; ach, könnt's nur einen Sommer wahr werden! – mir kömmt's vor, als könnt man so immer und immer sein wollen. Denn wahrhaftig, mir strömt alle Weisheit aus Deinem Angesicht, ich hab mehr als zuviel, was in mich hineinspricht, wenn ich Dich seh, und wenn Du auch nur stillschweigst, so redst Du doch, Du bist ein groß Geheimnis, aber ein offenbares, aber ich schlafe in Deiner Gegenwart, Dein Geist schläfert mich ein, so träum ich, daß ich wache, und empfinde nur alles im Traum, und das ist gut, denn sonst würd ich verwirrt sein.

Wie der Clemens nach Haus gekommen war, hat er gleich nach meinem Brief gefragt, er wollt auch dran schreiben, ich hab ihn aber zerstreut durch allerlei, was ich von Dir erzählte, denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen, daß ich als Einsiedler mit Dir leben wollt, denn er hätt's gewiß im Puppenspiel angebracht; so erzählt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der Orangerie auf dem Verdeck, das machte ihm so viel Freude, er frug nach allem, was noch vorgefallen, nach jedem Wort, nach den Ufern, nach dem Mond; und ich erzählte ihm alles, denn ich wußte alles, jed Lüftchen, was sich erhoben hatte, und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert hat, und alles, und er frug auch, was wir gesprochen, ich sagte: nichts oder nur wenig Worte, denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen. – Und wie er alles ausgeforscht hatte, da ging er fort und sperrte mich ein und sagte, ich sollt ein Gedicht davon machen, grad so, wie ich's erzählt habe, und sollt es nur aufschreiben immer in kurzen Sätzen, wenn es sich auch nicht reime, er wolle mich schon reimen lehren, und so ging er hinaus und schloß die Tür ab, und vor der Tür rief er: nicht eher kommst Du heraus, bis Du ein Gedicht fertig hast. – Da stand ich – ganz widersinnig im Kopf. – Ans Aufschreiben dacht ich nicht. – Aber ich dacht an das Versmachen, wie seltsam das ist. – Wie in dem Gefühl selbst ein Schwung ist, der durch den Vers gebrochen wird. – Ja, wie der Reim oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist für das leise Wehen im Geist. Belehr mich eines Besseren, wenn ich irre, aber ist es nicht wahrscheinlich, daß Reim und Versmaß auf den ursprünglichen Gedanken so einwirke, daß er ihn verfälscht? – Überhaupt, was seelenberührend ist, das ist Musik, das hab ich schon lang in mir erfahren, denn es kann nichts die Sinne rühren und durch diese die Seele, als nur Musik; was Dich bewegt, gibt Klang, der weckt seine Mittöne, die rühren das Echo doppelt und allseitig, und die ganze Harmonie erwacht, – und zwischen dieser durch wandelt der Gedanke und wählt sich seine Melodie und offenbart sich durch die dem Geist. – Das deucht mich die Art, wie der Gedanke sich dem Geist vermählt. Nun kann ich mir wohl denken, daß der Rhythmus eine organische Verbindung hat mit dem Gedanken und daß der kurze Begriff des Menschengeistes, durch den Rhythmus geleitet, den Gedanken in seiner verklärten Gestalt fassen lernt und daß der den tieferen Sinn darin beleuchtet und daß wie die Begeistigung dem Rhythmus sich füge, sie allmählich sich reiner fasse, und daß so die Philosophie als höchste geistige Poesie erscheine, als Offenbarung, als fortwährende Entwicklung des Geistes und somit als Religion. Denn was soll mir Religion, wenn sie stocken bleibt? – aber nicht, wie Du sagst, daß Philosophie endlich Poesie werden soll, nein mir scheint, sie soll sein oder ist die Blüte, die reinste, die ungezwungenste, in jedem Gedanken überraschendste Poesie, die ewig neu Gottessprache ist in der Seele. – Gott ist Poesie, gar nichts anders, und die Menschen tragen es über in eine tote Sprache, die kein Ungelehrter versteht und von der der Gelehrte nichts hat als seinen eigen Dünkel. – So wie denn das Machwerk der Menschen überall den Lebensgeist behindert, in allem, in jeder Kunst, daß die Begeistrung, durch die sie das Göttliche wahrnehmen, von ihnen geschieden ist – und ich muß mich kurz fassen, sonst wollt ich mich noch besser besinnen.

Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist Musik, Gedanke ist Blüte der Geistesallheit, wie Melodie Blüte ist der Harmonie.

Alles, was sich dem Menschengeist offenbart, ist Melodie in der Geistesallheit getragen, das ist Gottespoesie. Es enthüllt sich das Gefühl in ihr, sie genießend, empfindend, keimt auf in der Geistessonne, ich nenne es Liebe. Es gestaltet sich der Geist in ihr, wird Blüte der Poesie Gottes, ich nenn es Philosophie. Ich mein, wir können die Philosophie nicht fassen, erst die Blüte wird in uns. Und Gott allein ist die Geistesallheit, die Harmonie der Weisheit. – Ach, ich hab das alles nicht sagen wollen, der Kopf brennt mir, und das Herz klopft mir zu stark, wenn ich will denken, als daß ich deutlich sein könnt. Ich wollt vom Reimen sprechen.

Mir kommen Reime kleinlich vor, so wie ich sie bilden soll, ich denke immer: ›ach, der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein, oder er will wo anders hinaus, und ich stör ihn nur – was soll ich seine Äste verbiegen, die frei in die Luft hinausschwanken und allerlei feinfühlig Leben einsaugen, was liegt mir doch daran, daß es symmetrisch verputzt sei. Ich schweife gern zwischen wildem Gerank, wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht, wo mich die alte Leier eingeschläfert hätt.‹ – Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhythmus, der die Sinne lenkt; und sollen wir dem nicht nachstreben? Nun kurz, aus meinem Gedicht ist nichts geworden, wie hätt ich unsre orangenblühende Nacht, unsre selige Alleinigkeit verpfuschen sollen, sie, die in jeder verlebten Minute jenes Gefühl aussprach, was ich da oben Gottespoesie, Weisheitsgefühl nenne. – Nein, ich wollt nicht ein so süß Dämmern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen. Laß es fortdämmern oder sich verflüchtigen, aber nicht in engherzige Verse einklammern, was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt, laß es fortblühen, bis es welkt; Du siehst, ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen (Ungeheuer) bloß in Beziehung auf mich, ich lieb die Poesie, sie erfüllt mich in Dir und in andern mit Begeistrung, aber nicht in mir.

Als der Clemens mich aus der Prison entließ, hatt ich das Märchen gereimt von der alten Frau Hoch, vom Hofnarren, der seinem König lehrt Fische fangen und ihn selber im Hamen fängt und ins Wasser taucht und sagt: so fangen die Narren Fische, aber der König im Hamen wird keinen fangen. Im Puppenspiel war Clemens von beseligtem Humor, die Witze echappierten ihm, wie wenn ein Feuerwerk ihm in der Tasche sich entzündet hätt, jeden Augenblick flog eine Rakete auf, bis endlich das Puppenspiel ihn übermannte, wo er vor Lachen nicht mehr witzig sein konnt.

Gestern wanderten wir durch die Judengasse, es liefen so viel sonderbare Gestalten herum und verschwanden wieder, daß man an Geister glauben muß, es ward schon dämmerig, und ich bat, daß wir nach Haus gehen wollten, der Clemens rief immer: seh den, seh da, seh dort, wie der aussieht, und es war, als liefen sie mir alle nach, ich war sehr froh, als wir zu Haus waren.

Leb wohl, es ist mir nicht geheuer hier, daß Du nicht da bist, wo ich mich erholen kann, wo ich zu mir selbst komme; es ist mir so fremd.

Bettine

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.