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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Zweiter Teil

Wenn Dich eine höhere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur, so zweifle nicht, daß dies die wahre sei, denn alle sind geboren zum Ideal, und wo Du es ahnst, da kannst Du es auch in ihm zur Erscheinung bringen, denn er hat gewiß die Anlage dazu.

Wer das Ideal leugnet in sich, der könnte es auch nicht verstehen in andern, selbst wenn es vollkommen ausgesprochen wär. – Wer das Ideal erkannte in andern, dem blüht es auf, selbst wenn jener es nicht in sich ahnt.


Die Günderode im Jahr 4

Mahomets Traum in der Wüste

            Bei des Mittags Brand
    Wo der Wüste Sand
Kein kühlend Lüftchen erlabet,
Wo heiß, vom Samum nur geküsset,
Ein grauer Fels die Wolken grüßet,
Da sinket müd der Seher hin.

    Vom tragenden Schein
    Will der Dinge Sein
Sein Geist, betrachtend hier, trennen,
Der Zukunft Geist will er beschwören,
Des eignen Herzens Stimme hören
Und folgen seiner Eingebung.

    Hier flieht die Gottheit,
    Die der Wahn ihm leiht
Der eitle Schimmer zerstiebet.
Und ihn, auf den die Völker sehen,
Den Siegespalmen nur umwehen,
Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.

    Des Sehers Traum
    Durchflieget den Raum
Und all die künftigen Zeiten,
Bald kostet er, in trunknem Wahne,
Die Seligkeit gelungner Plane,
Dann sieht er seinen Untergang.

    Entsetzen und Wut
    Mit wechselnder Flut
Kämpfen im innersten Leben,
Von Zweifeln, ruft er, nur umgeben
Verhauchet der Entschluß sein Leben!
Eh Reu ihn und Mißlingen straft

    Der Gottheit Macht,
    Zerreiße die Nacht
Des Schicksals vor meinen Blicken!
Sie lasse mich die Zukunft sehen,
Ob meine Fahnen siegreich wehen?
Ob mein Gesetz die Welt regiert?

    Er sprichts; da bebt
    Die Erde, es hebt
Die See sich auf zu den Wolken,
Flammen entlodern den Felsenklüften,
Die Luft, erfüllt von Schwefeldüften,
Läßt träg die müden Schwingen ruhn.

    Im wilden Tanz
    Umschlingt der Kranz
Der irren Sterne die Himmel;
Das Meer erbraust in seinen Gründen,
Und in der Erde tiefsten Schlünden
Streiten die Elemente sich.

    Und der Eintracht Band,
    Das mächtig umwand
Die Kräfte, es schien gelöset.
Die Luft entsinkt der Wolken Schleier,
Und aus dem Abgrund steigt das Feuer
Und zehret alles Irdsche auf.

    Mit trüberer Flut
    Steigt erst die Glut,
Doch brennt sie stets sich reiner,
Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,
Das lodernd zu den Sternen reichet
Und rein und hell und strahlend wallt.

    Der Seher erwacht
    Wie aus Grabesnacht,
Und staunend fühlt er sich leben,
Erwachet aus dem Tod der Schrecken,
Harrt zagend er, ob nun erwecken
Ein Gott der Wesen Kette wird.

    Von Sternen herab
    Zum Seher hinab
Ertönt nun eine Stimme:
»Verkörpert hast du hier gesehen,
Was allen Dingen wird geschehen.
Die Weltgeschichte sahst du hier.

    Es treibet die Kraft,
    Sie wirket und schafft
In unaufhaltsamem Regen;
Was unrein ist das wird verzehret,
Das Reine nur, der Lichtstoff, währet
Und fließt dem ew'gen Urlicht zu.«

    Jetzt sinket die Nacht,
    Und glänzend ertagt
Der Morgen in seiner Seele.
Nichts! ruft er, soll mich mehr bezwingen:
Daß Licht nur werde! sei mein Ringen,
Dann wird mein Tun unsterblich sein.

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