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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Anhang

Gedichte der Günderode

I
Darthula nach Ossian

                Nathos schiffet durch den Sturm der Wogen,
Ardon, Althos, seine Brüder mit,
Caibars, Erins König, Zorn zu meiden,
In geheimnisvolle Schatten kleiden
Dunkle Wolken ihren fliehnden Schritt.

Wer? o Nathos! ist an deiner Seite!
Traurig seufzt im Wind ihr braunes Haar,
Lieblich ist sie, wie der Geist der Lüfte,
Eingehüllt in leichte Nebeldüfte;
Schön vor allen Collas Tochter war.

Ach, Darthula! deine irren Segel
Eilen nicht dem waldgen Etha zu.
Seine Berge heben nicht die Rücken,
Und die seeumwogten Küsten bücken
Turas Felsen schon dem Meere zu.

Wo verweilet ihr, des Südes Winde?
Schwelltet Nathos weiße Segel nicht?
Trugt ihn nicht zum heimatlichen Strande?
Lange blieb er in dem fremden Lande,
Und der Tag der Rückkehr glänzt ihm nicht.

Schön, o König Ethas! warst du in der Fremde;
Wie des Morgens Strahl dem Angesicht.
Deine Locken, gleich dem Raben, düster,
Deine Stimme wie des Schilfs Geflüster,
Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.

Deine Seele glich der Sonne Scheiden,
Doch im Kampfe warst du fürchterlich.
Brausend wie die ungestümen Wogen,
Wenn vom Nord die stürmschen Winde zogen,
Stürztest du auf Caibars Krieger dich.

Auf Selamas grau bemoosten Mauern
Sah dich Collas Tochter, und sie sprach:
Warum eilst du so zum Kampf der Speere?
Zahlreich sind die düstern Caibars Heere.
Ach! und meiner Liebe Furcht ist wach.

Freuen wollt ich dein mich, deiner Siege,
Aber Caibars Liebe läßt mich nicht.
So sprachst du. Jetzt haben dich die Wogen,
Mädchen! und die Stürme dich betrogen,
Nacht umringt dein schönes Angesicht.

Aber schweiget noch ein wenig, Winde!
Überbraust Darthulas Stimme nicht!
Fürst von Etha! sind dies Usnoths Hallen?
Jene Ströme, die von Felsen fallen,
Sind es Ethas blaue Ströme nicht?

Hier empöret Erin seine Berge,
Ethas Felsenströme brüllen nicht.
Dennoch ruh hier an des Ufers Hügel,
Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel
Dich, du Liebliche, du schönes Licht.

Nathos: sagt das braungelockte Mädchen,
Niemand hat Darthula außer dich,
Denn die Freunde sind mir früh gefallen,
Laß um sie noch meine Klage schallen,
Hör der Trauer Stimme, höre mich.

Abend ward einst, in der Wehmut Schatten
Bargen meines Landes Ebnen sich,
Über hoher Wälder Wipfel schritten
Einzle Lüfte, die aus Wolken glitten,
Da umgaben Trauerschatten mich.

Die Gestalten meiner Freunde gingen
Traurig, Geistern gleich, an mir dahin,
Da kam Colla mit gesenktem Schwerte,
Seinen Blick geheftet an die Erde,
Brennend glühte noch die Schlacht darin.

»Collas letzte einzge Hoffnung«, sprach er;
»Braungelocktes Mädchen! Truthil fiel.
Siegreich kehrt dir nicht der Bruder wieder,
Zu Selama naht Erins Gebieter,
Mit ihm Tausende im Schlachtgewühl.«

Ist des Kampfes Sohn gefallen? seufzt' ich!
Hat der lange Schlaf sein Aug verhüllt?
Oh! so schütze mich der Jagden Bogen,
Glücklich oftmals meine Pfeile flogen,
Tödlich für das dunkelbraune Wild.

Freud umstrahlt den Greisen. Ja, Darthula!
Deine Seele brennt in Truthils Glut,
Geh, ergreif das Schwert vergangner Schlachten!
Also Colla: seine Worte fachten
Höher noch in mir des Kampfes Mut.

Wehmutsvoll verging die Nacht, am Morgen
Schimmerte im Stahl der Schlachten ich. –
Caibar saß zum Mahl in Lonas Wüste,
Als Selamas Waffenklang ihn grüßte;
Seine Führer rief er da zum Krieg.

Warum soll ich, Nathos! dir erzählen
Von des Kampfes schwankendem Geschick?
Ach! umsonst bedeckt von meinem Schilde,
Sank der Vater mir im Schlachtgefilde,
Und in heißen Tränen schwamm mein Blick.

Treulos zeigte da des Mädchens Busen,
Caibar mein zerrissenes Gewand;
Freundlich naht' er, sprach der Liebe Worte,
Führte mich zu meiner Väter Pforte,
Aber Trauer meine Stirn umwand.

Da erschienst du, Nathos! meinen Augen
Freundlich wie ein abendlich Gestirn.
Caibar schwand vor deines Stahles Sprühen
Wie der Nachtgeist vor des Morgens Glühen,
Doch es wölbte Trauer deine Stirn?

Meine Seele glänzte in Gefahren,
Eh ich dich, du schönes Licht! gesehn.
Aber unsre Segel sind betrogen,
Wolken kommen gegen dich gezogen.
Und du wirst in ihrer Nacht vergehn.

Oskar weilet noch an Selmas Küste!
Oskar schiffe durch das dunkle Meer!
Oh, daß Winde deine Segel schwellten!
Zittern würden dann Temoras Helden.
Friede wäre um Darthula her.

Wo wird Nathos deinen Frieden finden?
Wo, Darthula! wo ist für dich Ruh?
Geister der Gefallnen! sprach Darthula:
Truthil! Colla! Führer von Selama!
Winkt ihr mir aus euren Wolken zu!

Nathos! reiche mir das Schwert der Tapfern,
Vater! ich will deiner würdig sein,
In des Stahles Treffen werd ich gehen,
Nimmer Caibars düstre Hallen sehen,
Nein! ihr Geister meiner Liebe! nein!

Freude glänzt in Nathos bei den Worten,
Die das schöngelockte Mädchen sprach:
Caibar, meine Stärke kehret wieder!
Komm mit Tausenden, Erins Gebieter!
Komm zum Kampfe! meine Kraft ist wach!

Ja, er kommt mit Tausenden! rief Ardan;
Schreckbar tönet ihrer Schwerter Schall. –
»Laß zehntausend Schwerter sich empören:
Usnoth soll von Nathos Flucht nicht hören,
Ardan! sag ihm: rühmlich war mein Fall.

Winde! warum brausen eure Flügel?
Wogen! warum rauscht ihr so dahin?
Wellen! Stürme! denkt ihr mich zu halten?
Nein, ihr könnt's nicht, stürmische Gewalten,
Meine Seele läßt mich nicht entfliehn.

Wenn des Herbstes Schatten wiederkehren,
Mädchen! und du bist in Sicherheit,
Dann versammle um dich Ethas Schönen,
Laß für Nathos deine Harfe tönen,
Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht. –

Nathos blieb gestützt auf seinem Speere;
Schaurig pfiff der Nachtwind um ihn her,
Aber bei des Morgens erstem Strahle
Drang er vorwärts mit gezücktem Stahle,
Mit dem Führer eilt Darthula her.

Komm zum Zweikampf! ruft er, Fürst Temoras!
Für Selamas Mädchen! – Caibar spricht:
Stolzer, du entflohst mir mit der Schönen,
Wähnst du, Caibar kämpft mit Usnoths Söhnen?
Nein, er kämpft mit Unberühmten nicht.

In des königlichen Nathos Augen
Glänzen Tränen; und er wendet sich
Zu den Brüdern, ihre Speere fliegen
Rache dürstend und gewiß zu siegen,
Erins Reihn verwirren schwankend sich.

Da ergrimmet Caibars finstre Seele,
Und er winket, tausend Speere fliehn,
Usnoths Söhne sinken wie drei Eichen,
Die zur Erde ihre Wipfel neigen,
Wenn des Nordens Stürme sie umziehn.

Gestern sah sie noch der Wandrer blühen,
Ihre stolze Schönheit freute ihn,
Heute beugte sie der Sturm der Wüste,
Sie, die gestern noch die Sonne grüßte.
Sprachlos starret Collas Tochter hin.

Höhnend naht' ihr Caibar: »Mädchen, sahst du
Nathos Land, in fernes Blau gehüllt?
Oder Fingals dunkelbraune Hügel?
Ha! entrannst du auch des Sturmes Flügel,
Über Selma hätte meine Schlacht gebrüllt.«

Caibar sprach's. Da rauscht ein Pfeil, getroffen
Sinkt sie, und ihr Schild stürzt vor sie hin.
Wie des Schnees Säule sank sie nieder,
Über Ethas schlummernden Gebieter
Spreiten sich die dunklen Locken hin.

Da versammelten die hundert Barden
Caibars um Darthulas Grabmal sich,
Ihr Harfen rauschten um den Hügel,
Und es schwang sich des Gesanges Flügel
Für der Mädchen Erins Schönste! dich!

Trauer schreitet an Selamas Strömen,
Schweigen wohnet in den Hallen nun,
Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,
Oh, wann grüßest du den Morgen wieder?
Schöngelockte! wirst du lange ruhn?

Weit entfernet ist dein Morgen, nimmer
Stehst du mehr in deiner Schönheit auf;
Ach, die Sonne tritt nicht an dein Bette,
Spricht: »Erwach aus deiner Ruhestätte!
Collas schöne Tochter! steig herauf!«

II
Don Juan

                Es ist der Festtag nun erschienen,
Geschmücket ist die ganze Stadt.
Und die Balkone alle grünen,
In Blumen blüht der Fürstin Pfad.
Da kommt sie, schön in Gold und Seide
Im königlichen Prunkgeschmeide
An ihres neu Vermählten Seite.

Erstaunet siehet sie die Menge
Und preiset ihre Schönheit hoch!
Doch einer, einer im Gedränge
Fühlt tiefer ihre Schönheit noch.
Er möcht in ihrem Blick vergehen,
Da er sie einmal erst gesehen,
Und fühlt im Herzen tiefe Wehen.

Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze
Durch all der Tänzer bunte Reihn,
Erstirbet bald in ihrem Glanze,
Lebt auf im milden Augenschein.
So wird er seines Schauens Beute,
Und seiner Augen süße Weide
Bringt bald dem Herzen bittres Leiden.

So hat er Monde sich verzehret
In seines eignen Herzens Glut;
Hat Töne seinem Schmerz verwehret,
Gestählt in der Entsagung Mut;
Dann könnt er vorgen Mut verachten
Und leben nur im tiefen Schmachten,
Die Anmutsvolle zu betrachten.

Mit Philipp war, an heilger Stätte,
Am Tag den Seelen fromm geweiht,
Sein Hof versammelt zum Gebete,
Das Seelen aus der Qual befreit;
Da flehen Juans heiße Blicke:
Daß sie ihn einmal nur beglücke!
Erzwingen will er's vom Geschicke.

Sie senkt das Haupt mit stillen Sinnen
Und hebt es dann zum Himmel auf;
Da flammt in ihm ein kühn Beginnen,
Er steigt voll Mut zum Altar auf.
Laut will er seinen Schmerz ihr nennen
Und seines Herzens heißes Brennen
In heilger Gegenwart bekennen.

Laut spricht er: Priester! lasset schweigen
Für Tote die Gebete all.
Für mich laßt heiße Bitten steigen;
Denn größer ist der Liebe Qual,
Von der ich wen'ger kann genesen,
Als jene unglücksel'gen Wesen
Zur Qual des Feuers auserlesen.

Und staunend siehet ihn die Menge
So schön verklärt in Liebesmut.
»Wo ist, im festlichen Gepränge«,
Denkt manche still, »die solche Glut
Und solches Wort jetzt hat gemeinet?«
Sie ist's, die heimlich Tränen weinet,
Die Juans heiße Liebe meinet.

War's Mitleid, ist es Lieb gewesen,
Was diese Tränen ihr erpreßt?
Vom Gram kann Liebe nicht genesen,
Wenn Zweifelmut sie nicht verläßt.
Er kann sich Friede nicht erjagen;
Denn nimmer darf's die Lippe wagen,
Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen.

Nur einen Tag will er erblicken,
Der trüb ihm nicht vorüberflieht,
Nur eine Stunde voll Entzücken,
Wo süße Liebe ihm erblüht,
Nur einen Tag der Nacht erwecken,
Es mag ihn dann, mit ihren Schrecken,
Auf ewig Todesnacht bedecken.

Es liebt die Königin die Bühne,
Erschien oft selbst im bunten Spiel,
Daß er dem kleinsten Wunsche diene,
Ist jetzt nur seines Lebens Ziel.
Er läßt ihr ein Theater bauen,
Dort will die reizendste der Frauen
Er noch in neuer Anmut schauen.

Der Hof sich einst zum Spiel vereinet,
Die Königin in Schäfertracht
Mit holder Anmut nun erscheinet,
Den Blumenkranz in Lockennacht.
Und Juans Seele sieht verwegen
Mit ungestümem, wildem Regen
Dem kommenden Moment entgegen.

Es winkt, und Flamm und Dampf erfüllen
Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus;
Der Liebe Glück will er verhüllen
In Dampf und Nacht und Schreck und Graus;
Er jauchzet, daß es ihm gelungen,
Des Schicksals Macht hat er bezwungen,
Der Liebe süßen Lohn errungen.

Gekommen ist die schöne Stunde;
Er trägt sie durch des Feuers Wut,
Raubt manchen Kuß dem schönen Munde,
Weckt ihres Busens tiefste Glut.
Möcht sterben jetzt in ihren Armen,
Möcht alles geben ihr! verarmen,
Zu anderm Leben nie erwarmen.

Die eilenden Minuten fliehen,
Er merket die Gefahren nicht
Und fühlt nur ihre Wange glühen:
Doch sie, sie träumet länger nicht,
Sie reißt sich von ihm los mit Beben,
Er sieht sie durch die Halle schweben –
Verhaucht ist der Minute Leben.

Mit sehnsuchtsvollem, krankem Herzen
Eilt Juan durch die Hallen hin.
In Wonne, Gram und süße Schmerzen
Versinket ganz sein irrer Sinn,
Er wirft sich auf sein Lager nieder,
Und holde Träume zeigen wieder
Ihm ihr geliebtes, holdes Bild.

Die Sonne steiget auf und nieder;
Doch Abend bleibt's in seiner Brust.
Es sank der Tag ihm, kehrt nicht wieder,
Und sie, nur sie ist ihm bewußt,
Und ewig, ewig ist gefangen
Sein Geist im quälenden Verlangen,
Sie, wachend träumend, anzuschaun.

Und da, erwacht aus seinem Schlummer,
Ist's ihm, als stieg er aus der Gruft,
So fremd und tot; und aller Kummer,
Der mit ihm schlief, erwacht und ruft:
O weine! sie ist dir verloren,
Die deine Liebe hat erkoren,
Ein Abgrund trennet sie und dich!

Er rafft sich auf mit trüber Seele
Und eilt des Schlosses Gärten zu;
Da sieht er, bei des Mondes Helle,
Ein Mädchen auf ihn eilen zu.
Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet,
Eh er zu fragen Worte findet,
Er bricht die Siegel auf und liest:

»Entfliehe! wenn dies Blatt gelesen
Du hast, und rette so dich mir.
Mir ist, als sei ich einst gewesen,
Die Gegenwart erstirbt in mir,
Und lebend ist nur jene Stunde,
Sie spricht mir mit so süßem Munde
Von dir, von dir, und stets von dir.«

Er liest das Blatt mit leisem Beben
Und liebt's und drückt es an sein Herz.
Gewaltsam teilet sich sein Leben
In große Wonne – tiefen Schmerz,
Soll er die Teuerste nun meiden?
Kann sie dies Trauern ihm bereiten?
Soll er sie nimmer wiedersehn?

Er geht nun, wie sie ihm geboten;
Da trifft ein Mörderdolch die Brust.
Doch steigt er freudig zu den Toten,
Denn der Erinnrung süße Lust
Ruft ihm herauf die schönste Stunde,
Er hänget noch an ihrem Munde –
Entschlummert sanft in ihrem Arm.

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