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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Ich habe Deine Briefe erhalten, die Du seit meiner Abreise mir schreibst. Ich muß mich kalt machen, daß Deine Flammen mich nicht angreifen, doch such ich Dir nachzuempfinden, und meine Mühe ist nicht ganz umsonst – doch staun ich, wie gewaltig Dich alles ergreift und daß dies alles nicht Deine Gesundheit aufreibt; denn wie mir einleuchtet, so kannst Du unmöglich viel schlafen? – Und dabei dies unruhige Leben, wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt – ich glaub selber, daß Du einen Dämon hast, der Dich wieder stärkt, wie könntest Du sonst alles fassen? – und Dein Herz, ist es nicht voll zum Überlaufen, der Gärtner, der Moritz, der Franzose, der Clemens und ich doch auch – und Deine frühen Wanderungen im Boskett, Du schläfst nicht aus, es wird nicht lange so fortdauern können – ich selbst fühl mich hier anders wie sonst. – Die Zukunft leuchtet mir nicht helle, und ich hab so große Lust nicht mehr am Lebendigen, an der Märchenwelt, die unsre Einbildung uns damals so üppig aufgehen ließ, daß sie die Wirklichkeit verschlang, doch wird sich's ändern, gewiß, wenn wir wieder zusammen sind; diesen Winter denk ich ernstlich mich zu überwinden, ich hab mir einen Plan gemacht zu einer Tragödie, die hohen spartanischen Frauen studier ich jetzt. Wenn ich nicht heldenmütig sein kann und immer krank bin an Zagen und Zaudern, so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfüllen und meinen Geist mit jener Lebenskraft nähren, die jetzt mir so schmerzhaft oft mangelt, und woher sich alles Melancholische doch wohl in mir erzeugt. – Doch fürchte nichts für mich, es sind nur Minuten, wo mich's überfällt wie starker Frost, doch Deinen frühlingsheißen Briefen widersteht er nicht. – Heut und gestern war ein Grünen und Blühen in mir – und ich lese sie gern wieder, dann bin ich immer wieder glücklicher gestimmt, ich danke Dir dafür. – Auch von Clemens sagst Du mir, was mich freute. – Lebe wohl. – Dein Naturbrief besonders hat mir Freude gemacht, er ist wie das Zwitschern junger Vögel, die sich noch im Nest der Ätzung freuen, die die Mutter in Fülle ihnen gibt; sind sie erst flügge, dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausfließen, von der Natur gegründet für den Geist, der sie als göttlich zu fassen vermag, aber sie werden wohl nimmer im Buchstaben können gefaßt werden, zum wenigsten nicht in unserm Jahrhundert. –

Ist denn das alles von Gedanken, was Du in Dein Buch aufgeschrieben? o verliere nichts. Hier sende ich Dir ein paar Lieder; lese sie, wie man Gedichte liest, ohne zu großen Affekt. Denk, daß der Reim auch die Stimmung leitet, und glaub nicht gleich, ich sei zu traurig. – Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares im Leben; nach und nach verharscht es, und aus der Wunde, deren Blut den Seelenboden tränkte, hat der Geist schöne rote Blumen gezogen, die wieder einen Tag blühen, an dem es süß ist, der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen.

Die Pilger hab ich vor acht Tagen geschrieben, auf das letzte: Der Lethe Fluß, hatte Dein Emigrantenverkehr Einfluß; ich weiß nicht wie.

Ist St. Clair noch nicht zurückgekehrt? war er bei Dir? –


Beilage.

Die Pilger            

Der eine Pilger
              Ich bin erkranket
An Liebespein,
Möcht nur genesen
Wolltst mein Du sein.

Dein liebreich Wesen,
Dein Lippenrot
Hält mich gefangen
Bis an den Tod.

Mein Aug ist trübe,
Meine Jugend verdorrt,
Muß Heilung suchen
An heilgem Ort.

Ich greif zum Stabe,
Ich walle zum Meer,
Es brausen die Winde,
Es tobet das Meer.

Die Vöglein fliegen
So lustig voran,
Sie suchen den Frühling
Und treffen ihn an.

Es hält mich die Liebe,
Ich bliebe so gern,
Doch ziehet mich Wehmut
Zum Grabe des Herrn.

Mich sehnet, o süße
Geliebte, nach Dir,
Doch wähl ich das Grab mir
Des Heilands dafür.

Da knie ich nieder
Voll bitterem Schmerz,
Da kann ich Dich lassen,
Da bricht mir's Herz.

Lebt wohl denn, ihr Augen
Voll freundlichem Schein,
Mein Blick soll zum Himmel
Gerichtet nur sein.

             
Der andre Pilger
    Ich scheide froh vom Vaterland
Und suche den geliebten Strand,
Wo Jesus Christus wallte,
Wo er in Demut angetan
Des Erdenlebens schwere Bahn
Mit stillem Sinne wallte.

Was ist die Herrlichkeit der Welt
Und alles, was dem Sinn gefällt?
Ich will ihm froh entsagen.
Die irdsche Kette fällt von mir,
Und Jesu! nur zu Dir! zu Dir! –
Will ich mein Sehnen tragen.

Die Märterkrone windet mir
Und Seligkeit wohl für und für,
Wenn ich vollendet habe.
O süße Buße! himmlisch Leid!
In frommer Einfalt, Seligkeit
Ihr wohnt am heiligen Grabe.


Lethe

        Du rollst, o Bach, mit stillem Stolz die Flut,
Und düstergrün umhüllen dich Gesträuche,
In deiner Well erstirbt die Rosenglut,
Die lieblich glänzt vom fernen Geisterreiche.

Dir schmeichelt nicht die Gunst der Gegenwart
Mit Blütenduft, mit Zephirs kühlem Säuseln,
Kein Glück, das in der Zukunft Schleier harrt,
Wird deine Wog in holden Spielen kräuseln.

Erbebend schaut es die Vergangenheit,
Wann deine Flut der Schatten Heer umweben,
Wie die Gebilde der entflohnen Zeit
Zum öden Nichts auf deiner Well entschweben.

Du wallest stolz! des Helden Lorbeerkranz,
Die Myrte durch Cytherens Hauch erzogen,
Der Tugend Palm in des Olympos Glanz
Verlieren sich in deinen düstern Wogen.

Entführt durch sie dahin, wo Zeit und Raum
Verschwinden, wo in trüber Nebelferne
Dein dumpfer Fall ertönt, dein weißer Schaum
Im Chaos strahlt statt lichtbegabter Sterne.

Hinweg von dir! – die blütenreiche Luft,
Der Zauber in Elysiums Gefilden
Verführ mich nicht, der rosenfarbne Duft
Mag sich umsonst an deinem Ufer bilden.

Vergebens weht hier magisch süß ein Ton
Zu mir herab aus seliger Geister Chören,
Erschiene selbst Latones großer Sohn,
Sein Phöbusauge wird mich nicht betören.

Für Seligkeit, die ich noch nie genoß,
Sollt ich in Lethe meine Lust versenken?
Und Schmerzen, die ich lang in mir verschloß,
Für unbekannte Freuden hinzuschenken.

Nein! jed Gefühl, zur Qual und auch zur Lust,
Vom Hauch der Erdenluft in mich geboren,
Die Leidenschaft bekämpft in meiner Brust –
Den Siegerstolz! ich geh ihn nie verloren.

Es drückt das Herz, wenn eine fremde Macht
Ihm Gottheit gibt, es sträubt sich dieser Würde,
Mit höherem Stolz entsagt es dieser Pracht
Und schmiegt sich liebend seiner Erdenbürde.

Kann ich die Seligkeit auf jener Flur
Nur durch den Tod von diesem Ich erringen,
So leite fern von ihrer Zauberspur
Mich die Erinnerung auf ihren zarten Schwingen.

Ich trag im Busen mein Elysium,
Und dieses blühe mir auf Blumenmatten
Elysischer Gefild! ich bringe stumm
Es sonst zum Styx, zu ungeweihten Schatten.

Dich aber fleh ich an, Erinnerung!
O Göttin! die den Gram um Freuden tauschet,
Und wie ein Lilienduft mit leisem Schwung
Durch die Verzweiflungsnacht zum Troste rauschet.

Nimm deinen Wanderstab und schlage kühn
Der stolzen Lethe Flut, daß ihre Wellen
In Nichts verdurstend, ewig schüchtern fliehn,
Elysiums Strand nicht spottend mehr umschwellen.

Die Schatten jauchzen dann, im Götterglanz
Der Tugend Traum entfaltend, wie der Fehler Bürde,
Wo Lethe floß; umschwebt vom ewigen Tanz
Der Anmutschwestern, in ihrer Selbstheit Würde.


Der Kuß im Traum

          Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefes Schmachten,
Komm, Dunkelheit, mich traulich zu umnachten,
Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller Freuden Glanz verachten,
Weil mir die Nacht so süßen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen,
Und mich verzehren diese heißen Gluten.

Drum birg dich, Tag, dem Leuchten irdscher Sonnen,
Hüll dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluten.

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