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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dacht, vor dem hätt ich immer auf der Pappel können sitzen bleiben, und es tat mir schon leid, daß ich das Buch mit bekleckst hatte; aber weil der Clemens gesagt hatte, ich soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, so wollt ich's durchsetzen. Jetzt gefällt mir aber doch etwas in dem Gedanken, ich kann ihn ja zu was Großem machen, wenn ich einen großen Sinn hineinlege, und wenn ich alles, was ich so schreib, ohne zu wissen warum, mit Gewalt wahr mache. – Ja, ich fühl, es hängt mit dem ersten Gedanken zusammen, es ist die Genialität der Tugend, wenn der ganze Mensch in sich einverstanden ist, und es ist gewiß, was die meisten nicht tun. Ach, nun kommt mir gar die Moral in Weg, laß mich nur lieber die Gedanken weiter abschreiben, dann kleb ich den Deckel zu vom Buch, daß ich sie nicht mehr seh. – Dann fallen mir vielleicht bessere Sachen ein, die nicht so steifstellig sind. Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert, denn es ist mir grad, als kämen mir nur da oben Gedanken; aber kaum war ich droben, so mußt ich auch schon wieder herunter, und der kam mir ganz begeisternd vor, so daß ich mit großen Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam.

Den Geist nähren, das ist Religion.

Ja, wenn ich das könnt, dacht ich, wie ich wieder auf meiner Pappel saß und jetzt nicht mehr herunter wollt, denn es war so schön geworden der ganze Himmel, Abendrot, und der Luftkristalle unendlich viele, die schnell in Purpur anschossen, was hab ich alles gesehn von Farben und von wogenden Wipfeln, die sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne, und wie war die Natur so gütig gegen mich, grad als ob ich sie nicht verleugnet hätt gehabt mit meinem Aberwitz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor, wenn ich in der Natur bin; könnt man ihr nicht lieber zuhören? – ja, Du meinst, davon denkt man ja, daß man ihr zuhört, nein, das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich der Natur lausche, zuhören will ich's nicht nennen, denn es ist mehr, als man mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. – Siehst Du, da fühl ich alles, was in ihr vorgeht, ich fühl den Saft, der in die Bäume hinaufsteigt bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lausch – und dann – da empfind ich – ich denk aber nicht grad oder doch nicht, daß ich's wüßt, aber wart nur einmal, wie's weiter geht. – Alles, was ich anseh – ja, das empfind ich plötzlich ganz – grad als wär ich die Natur selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt, Grashalme, wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies fühl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen, alles fühl ich verschieden. – Seh ich den großen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte beinah schon abgeblüht, jetzt ist ein Nachschuß da, das betracht ich alles, das dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ich's Sprach nennen? – mit was berührt man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb, die die Seel berührt, wie der Kuß den Menschen berührt? – Vielleicht doch; nun, es ist das, was ich in der Natur erfahr, gewiß Sprache, denn sie küßt meinen Geist, – jetzt weiß ich auch was küssen ist, denn sonst wär's nichts, wenn's das nicht wär, jetzt geb acht:

Küssen ist, die Form und den Geist der Form in uns aufnehmen, die wir berühren, das ist der Kuß; ja, die Form wird in uns geboren,

und darum ist die Sprache auch küssen, es küßt uns jedes Wort im Gedicht, alles aber, was nicht gedichtet ist, das ist nicht gesprochen, das ist nur gegautzt wie die Hunde. Ja, was willst Du denn anders mit der Sprache, als die Seele berühren, und was will der Kuß anders, er will die Form in sich saugen und die Seele berühren, alles das ist eins, ich hab's von der Natur gelernt, sie küßt mich beständig, ich mag gehn und stehn, wo ich will; sie küßt mich, und ich bin auch schon so ganz dran gewöhnt, daß ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme, denn die Augen sind der Mund, den die Natur küßt; siehst Du, so fühl ich auch, daß mich eine Knospe anders küßt als eine Blume, denn warum? sie sind verschieden in der Form, dies Küssen ist aber Sprechen, ich könnt sagen: Natur, dein Kuß spricht in meine Seele hinein – ja, das ist auch ein Gedanke, den ich ins Buch geschrieben hab, aber den wollt ich stehenlassen, an ihn kann ich noch weiteres anknüpfen. Ach, wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich strecken und reden mit mir, das heißt küssen meine Seele, und alles spricht, alles, was ich anseh, hängt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen, und dann die Farbe, die Gestalt, der Duft, alles will sich geltend machen in der Sprache; nun ja, die Farbe ist der Ton, die Gestalt ist das Wort, und der Duft ist der Geist, so kann ich wohl sagen, die ganze Natur spricht in mich hinein, das heißt, sie küßt meine Seele, davon muß die Seele wachsen, es ist ihr Element, denn alles hat sein Element in der Natur, was Leben hat. Der Seele ihr Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist die Sprache der Natur. Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese Seele will auch geküßt sein und genährt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache genährt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr (denn es gibt Augenblicke, wo die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist, was sie in sich aufgenommen, nämlich Selbstsprache der Natur, da erkennt sie die Natur wieder als nahrungsbedürftig), so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder in sie hineingesprochen, ich hab sie geküßt mit meinen Seelenlippen. Sieh, das war Geist, der war nicht gedacht, der war ursprünglicher Lebensgeist ohne Erdform, Gedanken ist die Erdform des Geistes – aber mein Geist hat diese Form nicht angenommen, als er mit ihr sprach, es war nicht Gedanke, es war nicht Gefühl oder Empfindung, denn das deucht mir auch noch verschieden, es war Wille – ja Wille war's, der sah so rasch und fest die Natur an, als wolle er ihr nun wieder schenken alles, was sie ihm gab, nämlich Leben. – Das ist's, alles ist ein Wechselwirken, alles, was lebt, gibt Leben und muß Leben empfangen. – Und glaub nur nicht, daß alle Menschen leben, die sind zwar lebendig, aber sie leben nicht, das fühl ich an mir, ich leb nur, wenn mein Geist mit der Natur in dieser Wechselwirkung steht. – Da weiß ich auch, daß Tränen noch gar keine Folgen von Schmerz zu sein brauchen oder von Lust – sie können auch eine natürliche Folge sein, wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist. – Denn ich muß oft plötzlich weinen, ohne vorher gerührt zu sein, das ist also gewiß, wenn die Natur mich so erfaßt, heimlich meine Seele erschüttert, daß sie weinen muß. Und oft leg ich mich auch am Boden auf die sammetschwarze, aufgepflügte Erde, die so warm von unten auf dampft, und das wärmt mich, weil ich dann frier – ja, der Geist friert in mir, da leg ich mich am Boden hin, da wird gleich der ganze Geist wieder warm, da fühl ich's, wie's durch den Kopf zieht und durch die Brust, und da muß ich gleich die Hände betend zusammenhalten. Siehst Du, das ist alles nicht gedacht und ist doch Geist – Geist, der mit der Natur in Wechselwirkung ist. – Ich bin ordentlich froh, daß ich heut das Wort gefunden hab, ich hätt schon früher mit Dir davon gesprochen, aber ich fand die Worte nicht – aber ich könnt Dir noch ganz andere Sachen sagen – ach nein, ich fürcht mich gar nicht vor Dir, daß Du mich schelten solltest, Du wirst wohl auch mit mir einverstanden sein, daß, soweit der Geist seinen Flug erheben mag, so weit darf er auch; warum hat ihm Gott Flügel gegeben? Geist ist ja eigentlich Fliegen. – So muß ich lachen über die Lotte, wenn die von Konsequenz spricht, das ist kein Geist – Inkonsequenz ist Geist – im Flug hin und her schweben, alles, was er berührt, gleich mit ihm zusammenfließen, das ist Geist, daß er gleich sich verwandle in das, was er berührt, so verwandelt der wahre Geist sich in die Natur, weil die ihm begegnet allüberall, weil ihr Berühren mit ihm allein Geist ist, er wär nicht, wär die Natur nicht leidenschaftlich seiner bedürftig, das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben, Geist ist fortwährendes Lebendigwerden, um die Natur zu küssen, seine Formen in sie prägen; die Natur saugt die Geistesformen in sich, davon lebt sie, und Geist fließt durch alle Gestalten mit ihr zusammen; so faßt die Natur sich selber in ihren Formen, das ist eben der ganz göttliche Reiz an ihr. Reiz ist Zauber, wo kann Zauber her entstehen als durch das Sichselbsterfassen? – ja, das ist schon wieder was Neues, das wollen wir morgen besprechen. Heute abend tut mir der Nacken weh vom Schreiben – das wollt ich nur noch sagen: mein Geist, oder durch mich spricht der Geist mit ihr, und dabei bin ich ganz unregsam, ich besinn mich nicht, ich denk nichts, ich hab keine Betrachtung, aber nachher kann ich davon erzählen, wie Du siehst, heut zum erstenmal, also erzeugt das Ineinanderfließen des Geistes mit der Natur doch Gedanken, die man nachher hat. – Was sind das aber vor Gedanken, einer könnt sagen, es sind Lügen oder Dummheiten, Fabeleien und also keine Gedanken, denn was kann ich's beweisen, oder zu was frommen und führen diese Gedanken? Ja, das ist es eben, Geistesgedanken berühren nichts, was schon da ist, sie erzeugen neu, da siehst Du wieder, daß ich recht hab; weil der Geist und die Natur sich einander berühren, so sind sie fortwährend lebendig und erzeugen fortwährend neu, denn wir sollen übergehen in ein neu Leben nach diesem Leben, wie sollen wir's aber anfangen, wenn der Geist sich nicht selber hinübererzeugt in die andre Welt? – er muß sich also selbst wie ein klein Kind im Mutterleib tragen, er muß mit sich gesegnet (guter Hoffnung) sein und muß sich nähren, bis er selbst als Frucht in sich reif wird, dann bringt er sich zur Welt, wo, wie und wann – das ist alles einerlei; eine reife Frucht kommt allemal zur Welt, die Welt ist da vor der Frucht, sie kann nicht aus jener Welt, in das ihr Leben überstrebt, herausfallen, sie kann nur in sie geboren werden. Der Geist also, der fortwährend mit der Natur sich küßt, das heißt, der ihre Sprache trinkt, der nährt sich selbst in ihr, um sich zu gebären; die Natur tut das auch, sie reift sich für die künftige Frucht des Geistes, in ihrem Berühren mit ihm, und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer höher gereiften Natur übergehen, denn Gott läßt nie von der Natur, überall ist sie es, die der neugebornen Seele wieder begegnet, wieder ihr Formen ihr zu küssen gibt, das heißt ihre Sprache, die ihr in die Seele spricht, wovon die Seele sich nährt; so ist es gewiß mit allen lebenden Kreaturen, die so weit sind, daß der Geist schon gelöst ist und selbst denken kann. – Alle Menschen erleiden dieselbe Berührung von der Natur, sie wissen's nur nicht, ich bin grade wie sie, nur der Unterschied ist, daß ich bewußt bin, denn ich hab das Herz gehabt, dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen, andre Menschen lesen's wohl als poetische Fabel, daß die Natur um Erlösung bitte, andre Menschen empfinden wohl eine Unheimlichkeit, wenn sie so in der lautlosen, stillen Natur dastehen, es bedrängt ihr Herz, sie wissen weder den Geist zu wecken in sich noch zu bezwingen; da gehen sie ihr fühllos aus dem Weg, ihr Inneres sagt ihnen wohl, hier geht was vor, du solltest dich dem hingeben, dann überkommt sie eine Angst, und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben, wo eine Mahlzeit die andere verabschiedet, bis der Schlaf obendrauf sich einstellt, und dann ist der Tag und die Nacht herum; und dafür hätte man gelebt? – Nein, das ist nimmermehr wahr! – der Gedanke hat mich schon lang verfolgt: ›Warum lebst du doch?‹ – besonders eben, wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazieren ging – im Wald auf der Homburger Chaussee, da stand ich als still und fragte mich das, da hörte ich diese traurige Stille der Natur, da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr, da fühlt ich deutlich, daß ich nicht bis zu ihr drang; da dacht ich, wenn's nicht eine lebendige nähere Beziehung gab zu ihr, so würdest du das nicht so deutlich empfinden, du fühlst ja ordentlich in deiner Seele, wie sie traurig ist, also geht sie doch lebendig an dich heran, und du fühlst, daß sie einen Geist hat, der ihr allein angehört und der sich mitteilen will, da faßt ich mir einmal ein Herz und wollte sprechen, da wußt ich nicht, sollt ich laut mit ihr sprechen, wie mit den Menschen, denn ans Küssen ihrer Form und so mit ihr sprechen, das war mir nicht deutlich, obschon gewiß ich es unbewußt im Kloster getan, denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen. – Ich dachte an einem Sonntagmorgen, als wir den Weg von Bürgel aus der Kirche zurückkamen, heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen und wollt da mit ihr sprechen ganz laut, wie man mit den Menschen spricht, und es war mir ganz schauerlich, als ich aus einem großen Garten, wo wir zusammen mit andern waren, herausschlich und längs der Chaussee am Wald ging, dann den Bach verfolgte, der mir entgegengerauscht kam, und so kam ich an eine Stelle, wo Felssteine liegen, und der Bach teilt sich und muß Umwege machen und schäumt und braust; da blieb ich eine Weil stehen, das Brausen war mir grad so ein Seufzen, das lautete mir, als wär's von einem Kind; da redete ich auch zu ihr wie zu einem Kind. »Du! – Liebchen – was fehlt dir?« – und als ich's ausgesagt hatte, da befiel mich ein Schauer, und ich war beschämt, wie wenn ich einen angeredet hätte, der weit über mir stehe, und da legt ich mich plötzlich nieder und versteckte mein Gesicht ins Gras, und um Anfang war ich ganz betäubt, daß ich gar nicht wußte, warum ich dahergekommen war, aber nach und nach besann ich mich, und nun, wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht, da war ich einmal zärtlich; ach, ich sag Dir – – tausend süße Dinge drängten sich aus meinem Seelenmund, ein Begehren, sie zu lieben; ich weiß nicht, wie's nachher gewesen ist, ich konnt ungern vom Platz aufstehen, aber da ward mir so heiß auf dem Kopf, und wie ich ihn aufhob, schien die Sonne so kräftig, und nichts war mehr düster und traurig, alles lebendig, ich war in der Seele, als hab ich ein neu Leben empfangen, und die Wellen im Bach, die über die Steine sich teilten, schienen mir voller zu rieseln und lauter, und ich mußte alles so tief ansehen, und da lernt ich gleich ihre Formen fassen, ich sah sie viel kräftiger an, und ich hatte unter zwei Tannen gelegen, die ihre Äste noch bis zum Erdboden hängen hatten, und guckte die feinen Nadeln an, wie sie so gleichmäßig gereiht waren, und wie sie die klebrigen Knospen so schützend in ihrer Mitte tragen. Da dacht ich, ist doch kein Gedanke so kräftig und so wahr wie dieser Baum, und ich hab noch nichts gehört von Menschen sagen, wo der Gedanke gleich schon eine Knospe der Zukunft in sich bewahrte; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin, denn alles, was lebendig ist, das muß die ganze Zukunft in sich tragen, sonst ist es nichts, und alles Tun der Menschen muß so sein, sonst ist's Sünde, und da dacht ich, wie ist es möglich, daß jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in sich fasse? aber da wußt ich's gleich, nämlich jede Handlung muß den höchsten Zweck haben, und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft. Oh, ich wollt gleich die Welt regieren, und die Leute sollten sich verwundern, das hab ich in jenem ersten Moment gelernt von der Natur, wie ich das machen soll, und glaub nur, ich würde nie fehlgehen, im Anfang würde es viel Staub setzen, wenn ich gegen das alte Gemäuer anrennen ließ, wenn aber erst die Staubwolken sich gelegt hätten, dann um so schönerer, hellerer Himmel. – Aber als ich am Boden lag, da mischten sich auch meine Träume mit dem Erdreich, aber der Nacken tut mir so weh, ich kann nicht mehr schreiben, und ich wollt Dir doch noch so viel sagen! – Es ist schon Morgen, die Sonn kommt schon, gute Nacht.


Montag

Ich hab heut im Schlaf gedacht, ich bin doch recht glücklich; alles, was ich Dir gestern aufgeschrieben hab, das war in meinem Buch mit folgendem ledernen Gedanken bezeichnet:

Alle Form ist Buchstabe, wisse die Formen zusammenzusetzen, so hast Du das Wort (Kuß), und durch dieses den Sinn (Gedanken), Liebesnahrung des Geistes. –

Nein, daraus würde wohl keiner klug werden! – und auch keiner sich drum kümmern, so ein Gedanke, den man aufbewahrt, ist wie eine gedürrte Pflaume, ganz verhutzelt und verkohlt. Nein, es ist eine Unmöglichkeit, ein Buch zu machen aus dem, was mir durch den Kopf geht, es ist ungehobeltes Zeug, was sich sperrt, wenn's in Gedanken soll gefaßt werden. – Und kein Mensch kann's brauchen, selbst der Clemens würde fürchten daß ich übergeschnappt sei, von Dir erwart ich, daß Du mich ungestört anhörst, es ist doch einmal nicht zu ändern, Ihr gebt Euch Mühe, meine Gedanken zu konzentrieren (auf etwas fest richten soll das, glaub ich, heißen), das ist aber grad, was nie geschehen wird, denn ich selbst kann's nicht erzwingen von mir, ich sag mir oft, nur jeden Tag eine halbe Stunde Geduld, so wirst du gewiß Herr über alles, was du lernen magst. – Aber wenn ich das denk, so schaudert's mich, als ob ich gesündigt hätt mit dem Gedanken. Gestern nahm mich die Großmama ins Gebet über meine vermöglichen Fähigkeiten, sie sagt: »Wer den Most nicht fassen kann in Gefäße, der kann ihn nicht bewahren«; da hielt sie mich mit beiden Händen und sah mich groß an, da versprach ich ihr alles; da sagte sie: »Lern doch Latein«, und ich versprach's ihr, aber gleich befiel mich eine frevelige Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld, daß sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und wie sie sah, daß meine Wangen so brannten, da sagt sie: »Geh hinaus, liebs Mädele, in die Luft, und morgen wollen wir weitersprechen.« – Gleich klettert ich aufs Dach von der Waschküch und erwischte so einen Akazienzweig und kletterte hinüber auf den Akazienbaum und hab in umhalst und wieder abgebeten, daß ich gesagt hab, ich wollt Latein lernen.

Bettine

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