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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode nach Würzburg

Weil ich jetzt weiß, daß Du außer der Welt bist, so hab ich ein ganz ander Leben angefangen, und mein Sinn hat sich geändert. – Ich möcht auch fort in die Welt, ja, ich möcht fort! – Ich bin doch in meinem Leben noch auf keinen Berg gestiegen, von wo aus man die ganze Welt übersieht, und in meiner Seel überseh ich doch die Welt. – Du zankst, daß ich alles besser wissen will, und ich weiß doch alles besser, und ich kann doch nichts davor, daß mir's anders und besser einfällt. – Ja, mir kömmt vor, als sei mein Bewußtsein ein Gesang meiner Seele, dem ich mit Vergnügen zuhör, denn wenn ich einmal etwas nicht weiß, so ist es nur, als hätt ich's vergessen gehabt, aber ich hatte es doch schon einmal gewußt. – Nur bei kleinen Dingen steht mir manchmal der Verstand still, zum Beispiel gestern bei einer wilden Kastanie, die ich aus ihrer grünen Hülse losmachte, da lagen drei Kastanien ineinander gefügt, noch unreif, blendend weiß, da mein ich immer, ich müßt mit Gewalt wissen lernen, was alle diese Formen sprechen; denn gewiß ist's, alles Geschaffene ist durch den Heiligen Geist erzeugt. Es ist unmöglich, daß eine Form sei, sie ist denn durch Gottes Wort ›Es werde‹ hervorgegangen. Nun, was durch den ewigen Erzeugungswillen hervorgeht, das muß doch eine Selbstsprache haben, das muß sich nämlich aussprechen und sich auch beantworten. Dein Leben muß doch eine Sprache führen, denn sonst ist es ja nichts. Also, wen Gott liebt, mit dem führt er Gespräche, also bloß Liebesgespräche – ja, was ist auch Gespräch als bloß die Liebe – so ist denn alle Form in der Natur ein Ausdruck der Liebe. Die Sprach der Lieb ist also Sprach Gottes. Gott ist der Liebende – ist denn Gott persönlich? – hat er ein Antlitz? – kann ich ihm die Hand reichen? – wo find ich ihn, daß ich Liebesgespräch mit ihm führ? – Meine Lieb zu Menschen ist Mitleid, ich muß um sie trauren, daß es so und nicht anders ist. – Liebe ist, glaub ich, nur Göttergespräch. – Weil ich weiß, daß ich alles weiß, nur kann ich's nicht finden, so such ich alles in mir, das ist ein Gespräch mit Gott. Das ist also Liebesgespräch, wenn ich mich aufs Gesicht leg im Schatten und hör den Bach rauschen neben mir, was der redet alles, und Antwort drauf geben muß! und streck die Arm aus im kühlen Gras überm Kopf und frag in meine Seele hinein alles, was ich wissen will. Da wird mir Antwort, ich kann sie aber nicht gleich in Worte übertragen. Aber es gibt auch ein Gespräch ohne Worte. Aber Liebe ist wohl doch bloß Gottheitsgespräch? – Ja, was soll sie anders sein? – Frage und süße Antwort; könnt ich aufhören danach mich ewig zu sehnen? – ich wär mir selber gestorben. Und die Seele, die mich am tiefsten versteht – mir am sehnsüchtigsten Antwort gibt, mich wieder frägt um Antwort, die muß ich lieben. – Wissen wollen ist ja schon Wissen, es ist Anschauen; und wenn ich anschaue, so nehm ich ein Bild in mich auf, und das ist Wissen. Wie kann sich doch der Mensch nicht enthalten, irgendwas anders sein zu wollen als ein Liebender? – Wie komm ich doch darauf? – das ist von heut früh auf der Gerbermühl unser Gespräch; – ich sag Dir, wenn ich geschwiegen hab, so ist das, weil mir die Worte nicht wohltönend genug vorkamen, ich seh mich im Geist um nach Klang, wenn ich etwas sagen will, da find ich keinen Ton, der stimmt, und Du kannst mir's glauben, manches laß ich ungesagt, weil ich's nicht edel genug auszusprechen vermag, durch Musik hab ich's herausgefühlt, daß aller Geist im Menschen liegt, daß er aber nicht die Melodie dazu findet, ihn auszusprechen. Denn jeder Gedanke hat eine Verklärung, das ist Musik, die muß Sprache sein, alle Sprache muß Musik sein, die erst ist der Geist, nicht der Inhalt, der wird nur Liebesgespräch durch die Musik der Sprache. – Geist ist größer wie der Mensch, immer will der an ihm hinaufragen, spricht er ihn aus, so hat er selber sich in den Geist übersetzt; Geist ist Musik, so muß auch die Sprache, durch die er uns in sich aufnimmt, Musik sein. Wie könnten wir ihn begreifen mit den Sinnen zugleich, in unwürdiger Gestalt! – Nein! – Geist ist verinnigt mit Schönheit, er ist nur dann Geist, wenn er Schönheit ist. – Durch den Dichter spricht er sich aus, denn der hat's Gefühl, daß Geist nur Schönheit ist. Alle schöne Handlung, alles Große ist ein Gedicht des Geistes – Ach, ich streck die Händ zum Himmel und möcht was anders, als was die Menschen tun. Denn ich fühl wohl, mein Nichtstun ist Sünde. – Aber was soll ich tun, was mich weckt? – Die Kunst, meint der Clemens! – so ist's bloß, weil er mich innerlich nicht kennt, mit was ich alles zu tun hab. – Denn das muß wohl meine größte Anlage sein, was mich am schnellsten aufregt und mich ganz mit sich fortnimmt. – Nun, obschon ich keine Weltgeschicht studieren mag und bei dem Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusammennehmen kann, so ist's doch die Welt, die ich regieren möcht, und mich reißt's hin, darüber nachzudenken. Wenn Du an den Clemens schreibst, so sag ihm's, das scheine mir mein entschiedenstes Talent, die Welt regieren; weiß er Gelegenheit, mich darin zu üben, so will ich fleißig sein Tag und Nacht. Schon jetzt nehmen mir die Regierungsgedanken den Schlaf, von allen Seiten, wo ich die Welt anseh, möcht ich sie umdrehen. Eine Zeitlang hat alles, was ich im Leben erfahren hab, wie eine hölzerne Maschine auf mich gewirkt. So der ganze Religionsunterricht, der machte mich völlig dumm. – Z. B. die Lehre, mit welchen Waffen die Ketzer zu bekämpfen, mit welchen Grundsätzen sie bekämpfen? – da kam mir Ketzer und Waffe und Glaube alles wie ein Unsinn vor, und hätt ich nicht meine Zuflucht dazu genommen, gar nicht zu denken, so wär ich ein Narr geworden. – Wie denn wirklich alle Menschen Narren sind, mein großer Courage, dies zu glauben und ohne viel Sperenzien sie auch danach zu respektieren, das hat mich frei gemacht von der Narrheit. – Und wie sollt doch einer aus dem Schlamm des Philistertums herauskommen, als von frischem sich in die Hände Gottes geben, der hat nicht umsonst den Menschen aus Lehm gemacht, da er ihn nur anzuspeien braucht, daß er wieder feucht wird, um ihn von Grund auf neu durchzukneten und seine erste reine Gestalt wiederzugeben. – Woran erkennt man einen katholischen Christen? – am Zeichen des heiligen Kreuzes! – dies schlug mir den ersten widerspenstigen Funken aus dem Geist. Denn was braucht doch der natürliche Mensch ein katholischer Christ zu sein und sich bekreuzigen? – ist das der nächste Weg, Gott ähnlich zu werden? – ist Gott ein katholischer Christ? – oder ist er wie Du ein Ketzer? – und warum machen wir doch das Kreuz, als bloß, um wie die Hunde dem Ketzer die Zähne zu fletschen? – Als wir aus dem Kloster zurückgeholt wurden ins väterliche Haus, da ließ uns die Frau Priorin vor sich kommen und schärfte uns ein, ja nicht den katholischen Glauben zu verlassen, wenn wir zu unsrer Großmutter kommen, die eine lutherische Dame sei, sondern wir sollten alles dran wenden, sie zu bekehren. Sie sagte das mit so viel Herzenswärme, ich hätte ihr die Hand drauf geben wollen, aber ich wußte nicht, was katholisch sei – ich half mir; alles, was nicht lutherisch ist, das sei katholisch. Alles, was man lernen muß, hüllt den Verstand in eine Nebelkappe, daß die Wahrheit uns nicht einleuchte. Alles, was wir zu tun bewogen sind, ist Eselei. – Meinungen von geistreichen Männern zu hören, was der Großmama ihre Passion ist, das scheint mir leeres Stroh, liebe Großmama – »Du kannst doch nicht leugnen, liebes Kind, daß sie die Welt verstehen und dazu berufen sind, sie zu leiten?« sagte sie gestern. – »Nein, liebe Großmama, mir scheint vielmehr, daß ich dazu berufen bin.« – »Geh, schlaf aus, du bist e närrischs Dingle.« Bei der Großmama wird jetzt abends allerlei Politisches unter den Emigranten verhandelt, da wird die Umwälzung des großen Weltkürbis von allen Seiten versucht, er deucht ihnen angefault. Außer Choiseil, Ducailas, d'Allaris, die immer das Wort führen, kamen gestern noch ein Herr von Marcelange und Varicourt, dieser letztere besonders schön von edler Haltung, ritterlich, ich könnt keinen Augenblick glauben, daß ihm je etwas Unebenes in den Sinn komme; er wendete sich immer zu mir, als ob er um meinen Beifall werbe – Ai-je raison? Seine Reden machten mir Eindruck, er war in Begleitung einer Herzogin von Bouillon (Hessen-Rotenburg) und einer Prinzeß Biron, die mittags auch die Großmama besucht hatten, durch Frankfurt gekommen; ein Graf Catalan hat ihn zur Großmama geführt, die litt nicht, daß die Emigranten wie gewöhnlich Politik sprechen, weil sie meistens geteilter Gesinnung sind; später erzählte sie, daß sein Bruder jener Varicourt sei, der als Garde du roi am 6. Oktober 1790 in Versailles an der Tür der Königin ermordet wurde, als er ihr zurief: Königin, retten Sie sich, es ist der letzte Dienst, den ich Ihnen leiste! Die Großmama erzählte mir von seiner Mutter, die sie kurz nachher in der Schweiz auf einem verfallenen Landsitz bei Nyon getroffen hatte in einer düstern, großen Vorhalle, die zugleich Küche war, mit alten wollnen Tapeten so faltig behangen, ein altes Ruhebett, auf dem der Hut ihres Sohnes mit weißer Kokarde lag, ein paar Strohstühlchen, ein ungeheuer großer Kamin mit einem kleinen Feuer von einigen Rebenreiser, wo ein Kesselchen mit Teewasser für die kranke alte Frau kochte, eine schlafende Katze zu ihren Füßen, ein einziges schmales, hohes Fenster in diesem zerfallenen Wohnsitz einer ausgestorbenen Familie, da habe die Frau den Hut ihr gezeigt und gesagt: es war eine Zeit, wo das weiße Band ganz Frankreich zum Gehorsam für seinen König aufrief etc. – Ich hörte der Großmutter gern zu, solang sie dies erzählte; dabei brachte sie aber noch so manches andre vor, was keinen Zusammenhang damit hatte; so sprach sie von einer Herde mehrerer hundert Kühe, die man damals an einem Ort zusammengetrieben, wo sie wegen einer Seuche alle totgeschossen wurden; – sie jammerten und tobten bei den ersten Schüssen, als aber der Bulle niedergeschossen war, hat keine Kuh sich mehr gewehrt, alle haben ruhig den Tod erwartet, vergleiche: Emigranten und ihren König – dann hat die Großmama noch Unendliches von unschätzbaren Leuten erzählt; von Seidespinnerei, von 360 Kokons eine Unze Seide, von 2893 ein Pfund, so viel Simmer Seidenwürmer spinnen an 5 Pfund Seide – fraßen zu viel Maulbeerblätter, man gab ihnen Latuk, Spinat und Blätter von Johannistrauben, welches sie mit Vergnügen fraßen, recht gut Seide spannen, nur daß sie etwas grüngelb wurde; zuletzt erzählte sie mir noch aus dem Leben der heil. Jutta, welche Naturgeschichte und Seelenlehre studiert hatte, und dies führte sie auf den Mirabeau; als ich zu Bett ging, war ich ganz verwirrt und konnt an nichts Liebes mehr denken, ich mußt gleich einschlafen. – Wie's doch in der Großmama ihrem Kopf aussehen mag? – So viel aneinander gehängt, wozu kein Mensch die Lösung fände; ob ich wohl auch so bin? – Das Haus wird jetzt nicht leer an merkwürdigen Leuten, alle französische Journale werden gelesen und besprochen, ich muß wider Willen Anteil nehmen an ihren Witzen über Hof und Hofstaat, Kostüm, Livreen, Uniformen, Schmuck und Spitzenbehänge des weiblichen Personals, alles wird durchgemustert, dann die allgemeine große Ablaßannonce von dreißig Tagen, um die Franzosen aus des Teufels Sklaverei zu befreien. Ich stehe unter den Disputierenden wie unter einer Traufe; Protestant, Philosoph, Enzyklopädist, Illuminat, Demokrat, Jakobiner, Terrorist, Homme de sang, alles regnet auf mich herab, worunter man immer dasselbe versteht. »Von oben herab verkennen sie alles«, sagte der Varicourt, »von unten ist alles Bosheit und Lüge der Hinanklimmenden« und sprach noch über die ungeheuren Schmeicheleien, die Bonaparte einschlucke: »Ce n'est pas du bon style que d'avaler de si gros mensonges, la véracité est le seul moyen de cultiver la nature humaine; pour la grandeur il y fait faute, il n'a point le sens céleste pour l'avenir pour lequel seul s'immolera un grand coeur; il est le grand monstre de la médiocrité encombrant un monde qui s'ignore soi même.« Die Emigranten hörten ihm feierlich zu, als spreche er von der Kanzel herab. »Nous n'avons que trop bien pu comprendre ce que c'est que l'esprit régénérateur, ce n'est que lâcheté que de nous soumettre à une tyranie, qui a recours aux moyens puérils dont se sert Buonaparte pour captiver une nation qui a sacrifié son meilleur sang pour la liberté. C'est une juste punition pour avoir attenté au sang inviolablement sacré de rois, que de n'avoir pas reconnu ce que le grand génie de Mirabeau nous avait prophétisé. La révolution faite, la première des lois était d'honorer la loi, mais point cet expédient des têtes bornées, qui pour maintenir leur pouvoir, ne font que faire trembler; il faut gagner les coeurs, et puis c'est si facile! – le peuple est déjà reconnaissant si ses supérieurs ne lui font pas tout le mal qui est en leur pouvoir; ce n'est que la bêtise qui punit, la véritable grandeur prévient les fautes; c'est abuser du pouvoir que d'agir autrement, il est maladroit de ne point se servir des hommes tels qu'ils sont, c'est la sagesse qui est souveraine, elle exploite le bien du mal, mais non pas en tranchant les têtes!! – Les lois doivent être tracées par la génie de l'humanité, ce que Buonaparte ne sera jamais.« – Und ich möchte auch über allen Plunder von menschlichen Zurüstungen hinausstiefeln können, ihre Zankäpfel ihnen aus den Händen winden und ihnen dafür Selbstbeschauung, Selbsterzeugung empfehlen. Ja! ist's nicht der einzige Zweck der menschlichen Natur, daß sie lerne sich selbst erzeugen? – Und ist die Wahrheit nicht das Geheimnis, aus der die Selbsterzeugung hervorgeht? Und wenn ein Herrscher aus sich hervorgehen könnte ins reine Licht der Wahrheit, würde er nicht die ganze Menschheit regenerieren? – Ich frag Dich! Besinn Dich – hab ich nicht recht? es schwebt mir so dunkel vor, als ob aus dem Geist des einen die Wiedergeburt aller hervorgehen müsse. – Ach, ich würde gar nicht drum verlegen sein, dies keck anzugreifen, denn verderben kann man nichts, alles, was noch grünt und zu blühen scheint, steckt doch im Sumpf der Dummheit, und ist es eine so große Sache, klüger zu sein. – Wie soll einem da nicht der Verstand aufgehen, wenn man rund um sich her sieht, wie alles Narrheit ist. – Und liegt es nicht in der gesunden Menschennatur, die Idee einer göttlichen Menschheit in sich zu entwickeln? – Und was ist doch alles Denken als bloß diese ideale Richtung? – Und ist doch ein Mensch geboren, dessen Aufgabe es nicht wär, sein eignes Ideal zu erzeugen? – Und wenn das ist, wie soll mir da nicht jeder unschuldige Mensch wichtig sein, ihm meine Gedanken mitzuteilen? – Man braucht mich auch nicht zu beschuldigen, daß ich alles durcheinander werfe und von einem zum andern spring, es gibt etwas, was andre gar nicht fassen, von dem spring ich eben nicht ab, mein Geist bildet sich selbst seine Übergänge. – Sobald der reine Wille in uns liegt, das Göttliche zu suchen, so ist die Religion da, von der ich meine, daß sie den Menschen allein entwickeln könne, denn ohne sein Zutun ist es der ihn erfüllende Gott, der aus ihm redet, und dies eine ist es allein, was mir Religion deucht; und wie aus einem edlen Samen alles sich bildet, wie es organisch muß, so bin ich gewiß, daß aus einem Geist, der bloß das Göttliche denkt um sein selbst willen, auch alles folgerecht sich entwickelt und in der menschlichen Handlung nichts mir ein Anstoß sein würde. Denn gegen Denken ist das Handeln nichts, denn der Gedanke selbst ist Gott, hingegen Handeln ist nur sich nach Gott richten; wenn ich also Gott durch mein Denken suche, empfinde, erlebe, wie sollt ich da verlegen sein ums Handeln, ums Regieren? – Ei nein! das ging ganz von selbst, ich würd mich auch keinen Augenblick besinnen, denn wer den Geist der Wahrheit einatmet, wie sollte der ihn nicht auch aushauchen? – Nebenabsichten muß der Menschengeist gar nicht haben, er muß eine heilige Richtung haben. – Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenabsicht, drum muß er sich ganz verleugnen, sonst erreicht er sich selber nicht; das lautet zwar ganz verkehrt und ist doch wahr. Das wahrhafte Ideal des Menschen ist die lautere Selbstverleugnung, aus ihr auch allein kann alle Weisheit hervorgehen in allen Handlungen, die das Schicksal erheischt; zu derselben Selbstverleugnung sind wir berechtigt, alle Menschen aufzufordern, denn sei das Resultat eines solchen Tun, was es wolle – sie handeln in Gott, und das ist Religion, und da mach's Kreuz, oder sei Ketzer oder Heid oder Jud. – – – Himmlischer Sinn fürs Unsichtbare, Unendliche, aus dem allein die wahre Religion hervorgeht, weil dies allein zur Gottheit führt. – Das alles fällt mir so ein, wenn ich meine Gespräche mit dem Franzosen in Gedanken weiterführe. – Ich brauch mir auf eine Natur zu treffen, die mir liebreizend scheint, so bin ich gleich voller Gedanken, die mich belehren, als seien sie geweckt von jenem; so jagt der Franzose in seinem adeligen Wesen jetzt eine Begeistrung nach der andern in mir auf, und ich glaub: keine Frage, die ich nicht beantworten könnte, sobald ich mir innerlich denke, er höre mir zu, keine Handlung, die ich nicht kühn genug wäre zu vollbringen, wenn er mir zusähe, und was das auch sein möge, was mich so anreizt – gewiß ist es was Großes, was ganz Göttliches, daß der Mensch, wo er das Göttliche ahnt, das Schöne und Große gewahr wird, gleich harmonisch mit einstimmt und alle Feuer in ihm aufflammen. Ach, ich denk mich schon in eine Schlacht, auf einem Schimmel neben ihm herreitend zwischen allem Donner der Geschütze, Rauch und Pulverdampf, in der Verwirrung großer entscheidender Momente, wie seinem sicheren Blick vertrauend ich alles glücklich vollende, ich denk noch mehr, alles, was glühender Ehrgeiz nur zu unternehmen wagt, das fährt durch meine Seele, ich erleb's – ich bin glücklich, freudig, jauchze im Gelingen, und alles Volk umringt mich mitjauchzend und harrt meiner, daß ich ihm Labung zutröpfle heiliger Freiheit. All dies erleb ich mit dem Franzosen, der sich vor meinen Augen zum Heros entwickelt. – Ich möchte doch wissen, wenn man alle Erlebnisse sich zusammenrechnet, ob da nicht diese eingebildeten auch gelten, sie glühen und damaszieren doch die Seele durch diesen feinen Stahl der Begeistrung, der mit ihr zusammengeschweißt, gebeizt und geätzt wird und mir edler deucht wie jede andre Politur und besser zu benützen, zäher, fester, der Kraft des Willens nachgebend und ihr folgend. Kühne, feste Handlung, Tatkraft muß doch auch einen Samen haben in die Seele geborgen, ist dies nicht Same? mich deucht, etwas gedacht zu haben, ist Samen im Boden der Seele, der ans Licht dringt und sich erschließt, heute oder morgen.

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