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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Montag

Jetzt hab ich schon drei Tage an diesem Brief geschrieben, und heute will ich ihn abschicken; ach, ich mag ihn nicht überlesen, geschrieben ist er, wahrheitsvoll ist er auch, wenn Du die augenblickliche Stimmung der Wahrheit würdigest, wie ich sie deren würdige und nur sie allein, obschon die Philister sagen, sie sei die Wahrheit nicht, nur was nach reiflichem Überlegen und wohlgeprüft vom Menschengeist sie angenommen, das sei Wahrheit. Ach, diese Stimmungen, sie bauen das Feld, und was uns zukommt, als sei die Seele mit im Abendrot zerschmolzen oder als löse sie sich frei vom Gewölk und tue sich auf im weiten Äther – das bringt uns auch wie das fruchtbare Wetter Gedeihen. Ist mir's doch, da ich meinen Brief schließen will, als ob das schönste Leben uns bevorstehe, wenn Du nur willst, und willst so viel mich würdigen, daß Du ruhig Deine Hand in der meinen liegen lässest, wenn ich sie fasse. – Ich war heut morgen drauß und hab mir den Aschenkranz zum Ball bestellt – wie Du's gesagt hast – aber gelt, der Moritz hat Dir's gesagt, ich soll den Kranz aufsetzen? – Ich kam hin zum Gärtner, er stand zwischen der Tür vom Boskett und dem Blumengarten gelehnt; gewiß, er hat auf mich gewartet, denn ich war schon zwei Tage nicht dagewesen. Aber gestern abend, wie ich schlafen ging, da hatt ich mir fest vorgenommen, ich wollt gewiß keinen Menschen unglücklich machen, oder besser, ich wollt gewiß jedem geben an Glück, was ich kann. – Und mir soll nichts zu gering sein, und was ist ehrender, als wenn Du mit einem Blick oder Wort wohltun kannst? – Nun hör nur mein lieb Gespräch mit dem Gärtner an. – Weil ich kam, so sagt ich: »Ich hätt wohl eine Bitte an den Anton. (Denn ich rede ihn nicht anders an, denn ich mag ihn nicht Gr. nennen.) Ich geh auf den Ball heut, und da möcht ich einen Kranz, und weil ich gar nicht vergnügt bin, daß ich zum Tanz soll gehen, so wollt ich einen traurigen Kranz gern haben von Aschenkraut, und keine Blumen wollt ich gar nicht. Ist wohl so viel Aschenkraut da, daß wir einen Kranz können machen, ohne die Büsche zu verderben?« – da ging er voran und brach mir eins nach dem andern, und ich band's am Draht fest. Er hatte mir doch noch kein Wort gesagt und legte mir die Sprossen nacheinander auf den Schoß, ich saß auf der Blumenbank am Treibhaus, er rückte die Blumen über mir und um mich her zusammen, während ich meinen Kranz flocht, und holte noch mehrere aus dem Treibhaus, daß ich wohl merkt, ich war ganz eingerahmt, und da war eine große purpurrote Passionsblume, die hing herab an meiner Seite, der schnitt sie ab und legte sie schweigend an das Geflecht, ich band sie auch schweigend mit ein, ich probierte ihn auf, er war weit genug, er nahm ihn mir aus der Hand, streifte sich den Ärmel auf, maß am Arm die Länge vom Kranz und band ihn selber fest, schnitt die überflüssigen Stiele und Blätter ab und gab ihn mir. Das alles war schweigend geschehen. »Es ist heut so schönes Wetter«, sagte ich – »find ich Euch morgen im Garten – wenn ich früh komme?« – »Oh, das werden Sie wohl verschlafen, weil Sie die Nacht durchtanzen.« – »O nein, um halber zwölf fahr ich schon wieder zurück, und Ihr könnt mich heimfahren hören an Eurer Wohnung vorbei – ich fahr im Kabriolett, nur mit einem Pferd hier vorbei , da könnt Ihr hören, ob ich Euch nicht Wort halt, da! ich geb Euch meine Hand drauf.« – Er ward rot, der Gärtner, als ich ihm die Hand reichte und's Schnupftuch fallen ließ, das er mit der andern Hand auffing und mir reichte; ich sah es an, nahm's ihm aber nicht ab. – Ich sagte: »Der Kranz ist unbezahlbar, Ihr habt ihn aus der Mitte von jedem Busch geschnitten – wie werd ich's Euch lohnen, ich werd ihn Euch wiedergeben müssen!« – »Ja«, sagt er plötzlich – »der Kranz gehört mein« – »Nun«,sagt ich, »verlaßt Euch drauf, ich bring ihn wieder.«

Gestern um halb acht Uhr fuhr ich mit der Tonie auf den Ball; auf dem Weg nach dem Forsthaus waren die Leute vom Moritz mit Fackeln zu Pferd und begleiteten die Wagen; von weitem war's ergötzlich, all die Fackeln galoppierend durch den hochstämmigen Weg im Wald. Das Wäldchen war mit bunten Lampen erleuchtet. Ach, wie schön war's! – und dazu lächelten die unendlichen Sterne! – der Moritz empfing uns – ich sagte: »Ach, wie schön ist's hier!« – »Ja? – gefällt dir's? – du bist auch schön!« – und so ging er wieder. – Ach, ich war so vergnügt – ich mußte lächeln mit mir – es weckte mich aus dem Traum, als ich tanzen mußte, und der Traum war so schmeichelig selbstvergessen – mitten im Getümmel ein Wonnegrab, da kamen die Grabesschauer mir nachgeflogen und weckten Gedankenseelen, in der Brust begraben, die gaukelten über mir im Blauen, und der Tag heut spiegelt die Nacht und die Nacht wieder den Tag, die ist so hellglänzend, daß die Sterne erblassen, und der Tag so schattig, so kühl, daß die Sonne nichts vermag. –

Beim Nachtessen kam der Moritz, wir saßen an kleinen Tischen, ich am allerletzten mit der Pauline Chameau und Willig. Der Moritz setzte sich neben mich, er fragte: »Wer hat heut Ihre Toilette besorgt, so einfach, so originell? – die blaue Schärpe! was bedeuten die blauen Bänder? – und der graue Kranz! – wer hat den aschgrauen Kranz besorgt?« – ich sagte: »Der Widerhall.« – »Gris de cendre, joyeux et tendre, so muß denn der Widerhall freudiger Zärtlichkeit an Ihr Ohr geschlagen haben?« – er ging. – So ein Liebesgespräch, mitten an offener Tafel, von keinem verstanden, nur von mir, so leicht – so luftig – wie nimmst Du's? – ist's nicht Blütenstaub, vom lauten Westwind Dir ins Gesicht geweht! – ja, alles müssen wir der Natur vergleichen, was voll heiteren Entzückens uns durchdringt, nichts anders kann's aussprechen noch wiedergeben im Bild. Will ich mir von jenen Worten die Regung im Herzen lebhaft wieder in die Sinne rufen, so muß ich doch an Blütenbäume denken, die ihre Geschenke dem Morgenwind auf die Flügel laden für mich, und dann schauert's mich so frühlingsmäßig, wenn ich das denke. – Als wir alle wegfuhren, die Schwägerinnen im Stadtwagen zuerst und ich ins hohe luftige Gig vom George, da ließ der Moritz seinen Mantel holen, mir auf die Füße werfen, weil's kühl sei; er fragte, ob ich froh gewesen sei? – »Ja!« sagte ich, alles war schön und stimmte ineinander, der Rasenteppich und die bunten Lichter und die Sterne am Himmel, rauschende Bäume und die Musik der Geigen und Flöten, und auch die der süßen Reden. – Er drückte mich an sich und sagte: »Du warst die Königin vom Fest, dir hab ich die Lichter angezündet und die Flöten rufen lassen, es schmeichelt mir unendlich, daß du Gefallen hattest dran, und schenk mir was zum Lohn und zur Erinnerung der schönen Nacht.« – »Ich hab nichts, was soll ich Ihnen geben?« – »Der Kranz steht dir zu gut, den will ich nicht, gib mir die blaue Schärpe, ich will sie heut nacht um den Hals schlingen.« Ich gab sie ihm – er hob mich ins Gig, warf mir seinen Mantel über, vier Reiter jagten mit Fackeln voran durch den Wald. Wie war mir's doch? ein Zauber – so schnell die Schatten der Bäume – im Flammenschein verschwindend – und wieder da gleich, im stillen Nachthimmel; ich freute mich – es dauerte so eine Weile, daß die Sterne mit den Fackeln um die Wette mich auffingen, und als wir vor den Wald kamen, da war der Mond aufgegangen, da waren die Reiter ebenso schnell wieder in den Wald zurück und jagten wie die Pfeile, ich sah ihnen nach, mein Blick war ganz trunken vom Flammenwind, der da durchbrauste. Schreib dir's ins Herze, sagt ich mir heimlich, das ist dein Leben, wie ein fliegender Feuerdrache ist dein Geist, er leuchtet die heilige Natur an, ihre dunklen Räume; mit heißer, durstiger Zunge leckt er an ihr hinauf, aber er versehrt sie nicht – der Drache ist nicht wild und giftig, nein! zahm und sanft auch; er schwingt sich in zärtlicher Unruh im Kreis und strömt seine Feuer in sanften Laven in die Bäche am Weg, und sein glühender Atem erlischt in den Nachtnebeln. Ja, der Drache ist zärtlich und liebend auch, nicht giftig und tötend; nur will ihn keiner verstehn, und alle fürchten sich vor ihm, aber nicht Du, meine Günderode, Du scheust den Drachen nicht, Du kosest ihn und legst seinen Flammenrachen zärtlich in Deinen Schoß. – Jetzt war ich aufgewacht aus meinen Träumen, nahm dem Reitknecht an meiner Seite die Zügel und jagte durch die breite Ebne, ganz im Mondlicht schwimmend. – Ach, wie lustig! – allerlei Glücksempfindung! – Mit Dir hab ich den Pindar gelesen, Du hast auf Deinen Lippen die Begeistrung aufgefangen und mir auf die Seele geträufelt. Wenn der Sänger mit sausenden Schwingen dahinflog, an uns vorüber! – Weißt Du's noch? – ›dahin raste der heißbrausende Hymnensturm, Latonens Sohn zum Preis!‹ – Weißt Du's, Günderode, noch? – das Licht war ausgebrannt, Du lagst auf dem Bett, die Seele voll Klang, und wiederholtest die Verse in festerprägenden Rhythmen, wo ich das Versmaß sinken ließ, und bei der Nachtlampe las ich weiter:

›Hört mich, ihr Söhne stolzer Helden und der Götter! –
Denn ich verkünde diesem meergepeitschten Land,
Einst werde Epaphus Tochter eine Städtewurzel pflanzen
Auf des Hammoniers Boden, den Sterblichen zur Wonne,
Die kurzbefiederten Delphine vertauschen alsdann
Mit schnellen Rossen werden sie, die Ruder mit Zügeln, –
Und fahren auf sturmfüßigen Wagen dahin.‹

Ich nahm diese letzten Zeilen zwischen die Lippen von Zeit zu Zeit und stieß sie im Gesang hinausrufend in die weit schlafende einsame Weite, und der Mond eilte mit hinter leichtem Gewölk hervor. Hörst du auch wieder die alten Hymnen, Latone, deinen Söhnen gesungen? rief ich – und so füllten sich allmählich meine Sinne und rauschten auf, als seien sie von einem Harfenrührer erschüttert mit goldnem Plektron und jugendbrausendem Mut. – Glückliche Nacht, wo die Gedanken wie Blüten im Südwind sich auftun fröhlicher Hoffnung voll – und ein Gefühl heitern Geschickes wie glänzende Strahlen aus den feurigen Blitzen sich ergießt, die der Drache in die kühlen Mondlüfte spie!

So kamen wir nach Offenbach; ich wendete links ab, statt in die Domstraße zu fahren, der Reitknecht wollt mir in die Zügel greifen, weil ich den Weg verfehle, ich wehrte ihm, und so fuhr ich rasch am Boskett vorüber, wo die Pappeln so anmutig sich neigten, so schüchtern rauschten, als wollten sie mich grüßen. Ich lenkte in den engen Weg nach des Gärtners Haus; ich hatte gesagt: um halb zwölf Uhr, es war drei Uhr in der Nacht, der Tag war im Aufwachen, der Gärtner stand vor seiner Tür und nahm die Mütze ab, als er mich kommen hörte. »Guten Morgen«, sagte ich, »heut werd ich nicht in den Garten kommen, ich will ausschlafen, da ist Euer Kranz« und lenkte wieder um voll Vergnügen, daß ich's durchgeführt hatt mit dem Kranz, denn ich war unterwegs voll Zweifel, ob ich's tun solle oder nicht. – Dem Moritz den Gürtel, dem Gärtner den Kranz, sagte ich mir immer; aber eine innere Stimme sagte mir, warum soll der Gärtner den Kranz entbehren, er gehört doch sein, und er war ihm früher versprochen, und dann fühlt ich, wie weh es ihm tun werde, wenn ich mein Versprechen nicht halten würde, und wie das ohne Lüge nicht abgehen könne, ich müsse ihm sagen, der Kranz sei verloren oder zerrissen, und das wäre eine doppelte Unachtsamkeit und müsse ihn doppelt verletzen, nein, ich mußt ihn ihm geben. Meine Seele war ordentlich leicht, als er hingeworfen war und er ihn mit der Hand auffing; er errötete so freundlich, grad mit der Morgenröte! – die aufstieg. – Dem Moritz den Gürtel, ihm den Kranz! ja, beiden gehört's. – Denn beide sind freundlich gesandt vom Dichter-Genius, der in der lautlosen Stille, wenn's von Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht, mir durch's Labyrinth der Brust schweifet in der Nacht. –

Zu Haus im Bett, wie war mir's da? – Letzt sah ich dem Franz sein Kindchen an der Amme trinken, da mußte es so schnell schlucken, es konnt nicht eifrig genug trinken, so strömte ihm die Milch zu. Grad so war mir's im Herzen, ich schluckte süße Milch, alle süße Erinnerung strömte, sowie meine Gedanken nur einen Augenblick wollten an ihr saugen, und wie's Kindchen sich von einer Brust zur andern wendet, weil sie zu voll strömen, bis es vor Ermüdung des Saugens einschläft, so wendete ich mich von einer Seite zur andern und schlief auch endlich vor Ermüdung des Genießens ein. – So hab ich geschlafen bis Mittag, da brachten sie mir einen Strauß, der war mir aus dem Boskett geschickt worden. – Hör nur, was das für ein Strauß war und wie witzig der Gärtner ist; und wie gebunden und was das bedeuten mag – in der Mitte eine Moosrosenknospe, da herum Vergißmeinnicht und Heidekraut, die einen Kranz bilden, dann rundherum höher herauf Wacholderzweige und Nesseln, die schirmt wieder allerlei Dornwerk und Laub, was höher steigt, so zierlich gebunden wie ein Kelch, in dessen tiefster Mitte die Moosrose glüht. Das lese ich so: Die Moosrose ist mein Geschenk, der Kranz, das Heidekraut, was die Rose schirmt, das ist der bescheidne Gärtner; eine Blume, wie sie unzählig sich auf dem Feld ausbreitet, die Vergißmeinnicht, das ist das ewige Andenken; er wird's nimmer vergessen, daß ich ihm den Kranz geschenkt hab; der Wacholder ist der schlichte Weihrauch, den er meiner Gabe als Opferrauch duftet; die Nesseln bedeuten, daß es ihm im Herzen brennt und schmerzt; das Dornwerk und das Laub, was rundum in Kelchform aufsteigt, die Rose zu verbergen, die sagen, daß es in seinem Herzen soll geheim bleiben und daß er es im Herzenskelch vor aller Augen still bewahren wolle. – Der St. Clair ist wieder zurück, hat mir die Tonie gesagt. War er bei Dir? – Was hat er vom Hölderlin erzählt?

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