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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Heut seh ich, daß ich Dir von nichts geschrieben hab, was Du mich frägst, und bin aus Mangel an Logik ins Geschwärm geraten. Und doch will ich Dir nur sagen, ich studier noch Geschichte fort, nur wollt ich Dir keine trocknen Auszüge mehr davon in meinen Briefen machen, dafür zeichne ich Landkarten und hab andre Spekulationen; so studier ich die Woche zweimal mit Hofmann Musik, nicht mehr Generalbaß, er meint, ich werd den von selbst in mich kriegen, ich soll lieber meine Melodien aufschreiben, auf die er einen Wert legt und mir gern zuhört, wenn ich abends sing, auch hat er mehrere Gänge mir abgehört und sie aufgeschrieben, und letzt hat er im Konzert phantasiert bloß auf Thema, die er von mir erlauschte; drum, es war mir auch so wunderlich, es stand mir die ganze Musik so spöttisch gegenüber, ich wußt gar nicht, was ich dazu sagen sollt, ich hatte es nicht erraten; am Morgen frug er, wie mir's gefallen hätte, ich sagt, es sei mir gewesen, als müsse ich ihm immer voranlaufen und wisse schon alles, wie's kommen werde; es sei gewesen, als haben seine Phantasien einen Verstand, den ich begreife. – »Ja, das war, weil es Ihre eignen Wege waren, die Sie gegangen sind«; und seitdem will er, daß ich aufschreiben lerne, das ist mir viel schwerer als alles andre, kein Gedanke hält eine Minute fest, und gelingt mir's, an einem Ende ihn zu fassen, dann reißt er mitten entzwei, und ich kann das andre nicht dazu finden, so wie es anfänglich aus meinem Geist hervorgegangen war; dann find ich wohl ein ander End, aber weil es nicht das erste war, was von selbst aus meinen Sinnen hervorgegangen, dann bin ich unruhig, als sei es falsch, und den Takt zu finden, das ist mir ganz unmöglich – der Hofmann will mir oft Taktteile zusammenrücken, das kann ich nicht wollen, oft geb ich's zu, dann will's mein Gefühl wieder anders; der Hofmann hat eine unsägliche Geduld mit mir und meint, dies alles werd sich finden, sowie ich erst gewohnt sei aufzuschreiben, da werde ich der Sache schon Meister werden; wenn er mir das sagt, das macht mich ganz traurig – ich mag nicht Meister werden, ich will mich bemeistern lassen von diesen Musikfluten, von denen ich nicht weiß, ob sie Wert haben können für ein ander Ohr, das schadet nicht, sie reden mit mir und sagen mir volle Lebensakkorde, die ich erkenne als eins mich machend mit der Natur, das ist's, was mich hindert. Es ist mir, als wolle ich in Weissagungen pfuschen. – – Ja, es wird schwer gehen mit dem Lernen. Und doch! – ich hab den Willen und tue das mögliche in dieser Einöde von Talentlosigkeit; – und von dem Geist, der Leben in mir ist, da muß ich Abschied nehmen, wenn ich lernen will; da sag ich mir, es sei nur auf Zeiten, er werde wiederkehren, der Geist, und dann fühl ich mich reif zum Abschied und sterb, wenn ich lernen will. Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der gemeinen Frau; das war, kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam, da war ich allein von dem Bockenheimer Tor aus dem Garten, wo die Tonie wohnt, hereingegangen in die Stadt. Da begegnete mir eine Frau, der war das Band aufgegangen am Schuh, und sie konnte sich nicht bücken, denn sie ging mit einem Kinde und seufzte sehr unter ihrer Last; ich ließ sie ihren Fuß auf meine Knie stellen, um das Schuhband ihr zuzubinden, dann aber führte ich sie nach ihrer Wohnung, weil sie so sehr jammerte über Schmerzen; es war schon dämmerig, als wir in die Stadt kamen, da begegnete mir eben auch die Frau Euler, welche unser beider böser Dämon zu sein scheint, ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu meinem Pläsier und schleppte die Frau weiter, die fing aber an mir bang zu machen, denn sie seufzte so schwer und ward so blaß, und der Schweiß trat ihr auf die Stirn; da kam der gute Doktor Neville, dem übergab ich die Frau, und als ich auf den Roßmarkt kam, da begegnete mir der Moritz, der sagte: »Ach, wie blaß sehen Sie aus, es fehlt Ihnen was.« – »Ich habe so großen Hunger«, sagte ich – und es war auch wahr, die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht; der Moritz griff in die Tasche, die hatte er voll getrockneter Oliven, die esse ich gern, er leerte seine Tasche in meinen Handschuh aus, den ich ausgezogen hatte, um sie hineinzufüllen, da führt der Kuckuck die Lotte vorbei; der Moritz ging, die Lotte kam an mich heran und fragte, wie kannst du nur auf offner Straße mit dem Moritz Hand in Hand stehen, das ärgerte mich, ich ging ins Stift zu Dir herein, wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs Fensterbrett, Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die Dämmerung, und endlich sagtest Du: »Warum bist du heute so schweigsam?« Ich sagte: »Ich esse meine Oliven, das beschäftigt mich, aber du bist doch auch stille, warum bist du still?« – »Es gibt ein Verstummen der Seele«, sagtest Du, »wo alles tot ist in der Brust.« – »Ist es so in dir?« fragte ich. – Du schwiegst eine Weile, dann sagtest Du: »Es ist grade so in mir, wie da draußen im Garten, die Dämmerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen Büschen, sie ist farblos, aber sie erkennt sich – aber sie ist farblos«, sagtest Du noch einmal und dies letztemal so klanglos auch, daß ich Dich im Nachtschimmer ansah verwundert und verschüchtert, denn ich traute mich nicht mehr zu reden, ich sann auf Worte, wie ich mit Dir anheben sollt; – ich suchte in weiten Kreisen umher, nichts schien mir geeignet, diese Stille zu unterbrechen, die immer tiefer und tiefer sich wurzelte und mir wie ein Schlummer durch den Kopf strömte, dem ich nicht mehr widerstand – ich legte mich träumend auf die Fensterbank mit dem Kopf, und so wer weiß wieviel Zeit verging; da kam Licht ins Zimmer, und als ich aufsah, da standst Du über mir gebeugt und sahst auf mich, und als ich Dich fragend ansah, da gabst Du zur Antwort: »Ja, ich fühle oft wie eine Lücke hier in der Brust, die kann ich nicht berühren, sie schmerzt«; ich sagte: »Kann ich sie nicht ausfüllen, diese Lücke?« – »Auch das würde schmerzen«, sagtest Du; da reicht ich Dir die Hand und ging, und lang verfolgte mich Dein Blick, der so still war und so innerlich und doch nur wie über mir hinstreifte. Oh, ich hatte Dich im Heimgehen so lieb, ich schlang meine Arme um Dich so fest in Gedanken, ich dacht, ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans End der Welt und dort Dich an einen schönen moosreichen Platz niedersetzen, da wollt ich Dir dienen und nichts Dich berühren lassen, was Dir weh tun könne; ja, so war's in meinem kindischen Herzen, mit Gewalt wollt ich Dich fröhlich machen und dachte einen Augenblick, es solle mir gelingen, aber ich weiß wohl, daß mir so was nicht gelingen kann und daß es nur Verwechseln ist von meinen Sinnen, die wie Kinder Fernes und Nahes nicht unterscheiden können, die auch meinen, sie können den Mond herablangen mit der Hand und können den Spielkamerad damit trösten, wenn er stumm und traurig ist. – Als ich nach Hause kam, da waren alle beim Tee versammelt, und ich war stumm, weil ich an Dich dachte, und setzte mich auf einen Schemel am Ofen, und da ging ich tief in mein Herz hinein, wie ich doch ein inneres Leben aus meinem Geist wecken wolle, das Dich ein bißchen berühre, da Du mir bisher alles allein gegeben hast, und ich hab nie die Stimme in meiner Brust können vor Dir laut werden lassen; da dacht ich, wenn ich fern von Dir wär, da würd ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen, weil das vielfältige, ja das tausendfältige Getümmel in mir mich verstummen macht, daß ich nicht zu Wort komme vor mir selber. – Und ich erinnerte mich, daß, wie wir einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen, die mir nicht gefielen, so warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir: »Und wenn er auch nur das einzige Wort gesagt hätte: der Mensch solle alles Innerliche ans Taglicht fördern, was ihm im Geist innewohne, damit er sich selber kennenlerne, so wär Schleiermacher ewig göttlich und der erste größte Geist« – da dacht ich, wenn ich von Dir fern wär, da würd ich in Briefen Dir die ganze Tiefe meiner Natur offenbaren können – Dir und mir; und ganz in ihrer ungestörten Wahrheit, wie ich sie vielleicht noch nicht kenne, und wenn ich will, daß Du mich liebst, wie soll ich das anders anfangen als mit meinem innersten Selbst – sonst hab ich gar nichts anders – und von Stund an ging ich mir nach wie einem Geist, den ich Dir ins Netz locken wollt. Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freundliche, aber doch mahnende Worte darüber gesagt, daß ich mit dem Moritz auf der Straß gestanden hatte und geplaudert; – die Lotte hatte es der Schwägerin gesagt; – ich antwortete ihm nicht darauf, denn verteidigen schien mir nicht passend, wie denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist, daß ich solche Irrtümer aufklären möchte, und am Ende schien mir der Moritz doch wert, daß man freundlich mit ihm Hand in Hand stehe, obschon er mir bei jener Vermahnung sehr schwarz gemacht wurde; er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz, und ich sah mich um, ob niemand mich erspähen könne, und zog ihn in die Ecke, wo die Wendeltreppe hinaufführt zu meinem Zimmer; da küßte ich ihn auf seinen Mund, zwei-, dreimal, und daß er meine Tränen auf seinem Gesicht fühlte, denn er wischte sie mit der Hand ab und sagte: »Was ist das? – was fehlt dir, Kind, was ist dir?« Ich riß mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnen – und war sehr schnell oben, daß er's nicht sah; er glaubte mich in meinem Zimmer und kam herauf und klopfte an, und weil er keine Antwort bekam, so machte er leise auf und weilte einen Augenblick im Zimmer; als er herauskam, sah er nach der Altan; mir war recht bang, er würde mein weiß Kleid erblicken, denn das schimmerte durch das dünne Bohnenlaub. Ich weiß nicht, ob er mich sah und mein Verbergen achtete, aber ich glaub's, und das gefiel mir so wohl von ihm; als ich ins Zimmer kam, fand ich auf meinem Tisch im Kabinett am Bett ein Fläschchen in zierlichem Brasilienholz mit Rosenöl; am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter sprach er nichts zu mir – wie sonst – aber er kam in meine Nähe, und weil das Fläschchen so süß duftete hinter dem Strauß von Aschenkraut und Rosen, da lächelte er mich an, und ich lächelte mit, aber ich fühlte, daß gleich mir die Tränen kommen wollten; ich mußte mich abwenden, er merkte es und ging zurück und stellte sich unter die andern, er mußte auch tanzen mit den Prinzessinnen und hatte viel Geschäfte sind mußte eine Weile mit dem König von Preußen sprechen, aber ich sah doch, daß er mich im Aug behielt den ganzen Abend, und selbst während er mit dem König sprach, sah er herüber, sehr ernsthaft immer, ich war heimlich vergnügt, aber doch hätt ich jeden Augenblick weinen mögen; als wir weggingen, flüsterte er mir ins Ohr: »Du gleichst der Sophie.« Was war das alles, was mir durch die Seele ging? – ich weiß es nicht. Am andern Tag, wo ich nicht wie gewöhnlich zu Dir kam, da hatte Moritz am Morgen seinen Gärtner geschickt mit einem Wagen voller schöner seltner Blumen, die stellte er ohne mein Wissen hinter der Bohnenwand auf und als ich sie sah, war ich erst gar erschrocken und verstand nicht, wie die Blumen dahergekommen waren; aber bald verstand ich, er mußte mich doch wohl gesehen haben hinter der Bohnenwand am vorigen Tag. – – Ach, ich war während diesen Stunden so wunderlich bewegt gewesen: von Dir, von Kränkungen, von Mitleid, daß er verleumdet war; von seinem feinen Wesen zu mir und dann, daß er mir gesagt hatte so leise: »Du gleichst der Sophie«, die ihm doch gestorben war – daß ich nicht mehr wußte, was ich wollte. Am Nachmittag kam Christian Schlosser, vom Neville geschickt, der der Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Mädchen, denn das war gleich in der Stunde auf die Welt gekommen; der ließ mich fragen, ob ich nicht wolle zur armen Frau kommen, die sei sehr krank und auch das Kindchen, und ich solle es aus der Tauf heben, der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein; ich ging mit, da war der Pfarrer, der taufte das Kind, und die Frau war sehr krank; wie der Pfarrer weg war, so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm und sagte: »Es wird gleich sterben«, da war mir so bang, ich hatte niemals jemand sterben sehen, und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind, die Hebamme sagte: »Eben stirbt's« und schüttelte es, da war's plötzlich tot. – Ach, wie ich nach Hause kam, war ich so traurig – der Franz sagte: »Du siehst seit einiger Zeit so blaß aus, deine Gesundheit scheint mir gar nicht fest«, und als am Abend wieder das Gespräch auf den Moritz kam, wobei er gar nicht geschont wurde, da schrieb ich an die Großmama, sie solle mich vom Franz zu sich begehren nach Offenbach. Das war allen recht und mir auch; so war ich ihrer Meinung nach dem Moritz aus dem Weg geschafft, und ich, meiner Meinung nach, brauchte doch nichts Böses von ihm zu hören, denn ich will nichts Böses von ihm hören, nein, nimmermehr will ich was Böses von ihm hören. Aber hier in Offenbach war ich gleich wieder ruhig, und da ward mir mein Gelübde gleich wieder klar, das ich an jenem Abend vor Deiner Tür noch aussprach, als Du so kalt warst und so traurig – daß ich eine Gabe Dir wollt geben von meiner Seele, daß ich mein Innerstes wollt Dir zulieb zutage fördern, weil Du das so hochschätzest wie jener Schleiermacher. Und da hab ich in meinem Innersten Wege geschritten und bin dahin geraten, wo Du jetzt stockst und willst nicht weiter und fürchtest Dich, mich anzuhören; denn ich hab's wohl gemerkt an Deinem Brief, Du fürchtest Dich vor meinen Abwegen. Oh, fürcht Dich nicht, ich gab Dir treulich wie's Echo, was widerhallte aus mir. Ach! – Ich bin jetzt glücklich, sei Du's auch! – schöne Träume hab ich, und das ist ein Zeichen, daß die Götter mit mir zufrieden sind. – Im Herzen ist mir's, wenn ich erwache am Morgen, als ob ich von Dichterlippen geküßt sei, ja, merk Dir's, von Dichterlippen. Nein, ich fürchte mich nicht mehr vor der Zukunft! – ich weiß, durch was ich sie mir zum Freund mache, ja, ich weiß es. Ich will auch wie die Großmama einen Ewigkeitskreis mit meinem Leben schließen, nicht, wie Du gesagt hast, jung sterben. Viel wissen, viel lernen, sagtest Du, und dann jung sterben, warum sagst Du das? – mit jedem Schritt im Leben begegnet Dir einer, der was zu fordern hat an Dich, wie willst Du sie alle befriedigen? – Ja, sage, willst Du einen ungespeist von Dir lassen, der von Deinem Brosamen fordert? – nein, das willst Du nicht! – Drum lebe mit mir, ich hab jeden Tag an Dich zu fordern. Ach! – wo sollt ich hin, wenn Du nicht mehr wärst? – Ja dann, gewiß vom Glück wollt ich die Spur nimmer suchen. Hingehen wollt ich mich lassen, ohne zu fragen nach mir, denn nur um Deinetwillen frag ich nach mir, und ich will alles tun, was Du willst. – Nur um Deinetwillen leb ich – hörst Du's? – Mir ist so bang – Du bist groß, ich weiß es – nicht Du bist's – nein, so laut will ich Dich nicht anreden – nein, Du bist's nicht, Du bist ein sanftes Kind, und weil's den Schmerz nicht tragen kann, so verleugnet es ihn ganz und gar – das weiß ich, so hast Du Dir gar manchen Verlust verschleiert. Aber in deiner Nähe, in Deiner Geistesatmosphäre deucht mir die Welt groß; Du nicht – fürchte Dich nicht – aber weil alles Leben so rein ist in Dir, jede Spur so einfach von Dir aufgenommen, da muß der Geist wohl Platz gewinnen, sich auszudehnen und groß zu werden. – Verzeih mir's heut, ein Spiegel ist vor meinen Augen, als hätte einer den Schleier vor ihm weggezogen, und so traurig ist mir's, lauter Gewölk seh ich im Spiegel und klagende Winde – als müßt ich ewig weinen, weil ich an Dich denk – ich war drauß heut abend am Main, da rauschte das Schilf so wunderlich – und weil ich in der Einsamkeit immer mit Dir allein bin, da fragt ich Dich in meinem Geist: »Was ist das? redet das Schilf mit Dir?« hab ich gefragt. Denn ich will Dir's gestehen, denn ich möchte nicht so angeredet sein, so klagvoll, so jammervoll, ich wollt's von mir wegschieben! – Ach, Günderode, so traurig bin ich, war das nicht feige von mir, daß ich die Klagen der Natur abwenden wollt von mir und schob's auf Dich – als hätte sie mit Dir geredet, wie sie so wehmutsvoll aufschrie im Schilf. – Ich will ja doch gern alles mit Dir teilen, es ist mir Genuß, großer Genuß, Deine Schmerzen auf mich zu nehmen, ich bin stark, ich bin hart, ich spür's nicht so leicht, mir sind Tränen zu ertragen, und dann sprießt die Hoffnung so leicht in mir auf, als könnt wieder alles werden und besser noch, als was die Seele verlangt. – Verlaß Dich auf mich! – wenn's Dich ergreift – als wollt es Dich in den Abgrund stoßen, ich werde Dich begleiten überallhin – kein Weg ist mir zu düster – wenn Dein Aug das Licht scheut, wenn es so traurig ist. – Ich bin gern im Dunkel, liebe Günderode ich bin da nicht allein, ich bin voll von Neuem, was in der Seele Tag schaffet – gerade im Dunkel da steigt mir der lichte, hellglänzende Friede auf. – Oh, verzweifle an mir nicht, denn ich war in meinen Briefen auf einsamen Wegen gegangen, ja zu sehr, als such ich nur mich selbst, das wollt ich doch nicht, ich wollte Dich suchen, ich wollt vertraut mit Dir werden, nur um mit Dir die Lebensquellen zu trinken, die da rieseln in unserm Weg. – Ich fühl's wohl an Deinem Brief, Du willst Dich mir entziehen – das kann ich nicht zugeben, die Feder kann ich nicht niederlegen – ich denk, Du müssest aus der Wand springen, ganz geharnischt, wie die Minerva und müßtest mir schwören, meiner Freundschaft schwören, die nichts ist als nur in Dir. – Du wollest fortan im blauen Äther schwimmen, große Schritte tun, wie sie, behelmt im Sonnenlicht wie sie, und nicht mehr im Schatten traurig weilen. Adieu, ich geh zu Bett, ich geh von Dir, obschon ich könnt die ganze Nacht warten auf Dich, daß Du Dich mir zeigst, schön wie Du bist und im Frieden und Freiheit atmend, wie's Deinem Geist geziemt, der das Beste, das Schönste vermag. Eine Ruhestätte Dir auf Erden, das sei Dir meine Brust. – Gute Nacht! – sei mir gut – ein weniges nur. –

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