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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Gott sei die Poesie, hab ich in meinem letzten Brief gesagt, und die Weisheit, sagen die Kirchenväter, ich hab's geleugnet und gesagt, Gott sei die Leidenschaft, die Weisheit, die kommt ihm zugut, das Leidenschaftsall zu bestehen, aber sie ist nicht er selber; meine Gründe: was sollte Gott mit aller Weisheit, wenn er sie nicht anbringen kann? Wenn aus allem, was geschaffen ist, sich Neues erzeugt, wenn keine Gewalt, keine Kraft überflüssig ist, sondern grad um ihrer höchsten Entwickelung willen sich ewig selbst anregend steigern muß, so kann die Weisheit Gottes nicht selbst die Hände in den Schoß legen wollen. – Himmel und Erde regieren, wo Sonn und Mond und alle Stern schon für die Ewigkeit angepappt sind, das kann der Weisheit kein Reiz sein; sich in Menschenangelegenheit mischen, ihre Gebete erhören, die alle verkehrt sind, das muß bei himmlischer Hofhaltung doch wohl von selber gehen. Sollte Gott sich des Dings selber annehmen – es wäre unweise – denn der Hauch Gottes überwiegt alles geistige Wehen der Menschheit, wo würde diese denn nimmer der eignen Weisheit Keim lösen können in sich. Unser Geist ist feuermächtig, er soll sich selbst anfachen; wir haben die Leidenschaft, sie soll im Geistesfeuer gen Himmel steigen zum ewigen Erzeuger, in seiner Leidenschaften Glut mit allem übergehen; nicht umsonst steigt in der Leidenschaft der mächtige Geist der Unsterblichkeit auf, jeder Hauch, jeder Blick soll ewig währen, das sagt eine innere Stimme. Alles, was mich entzückt in der Natur, dem schwör ich ewige Treue, der Lüfte Liebkosungen, wie könnt ich ihnen den heißen Atem weigern, der heiß nur ist, um in der Lüfte Liebe sich zu kühlen. Die klaren schwankenden Wässer, wie sollt ich ihnen nicht vertrauen, die mich tragen, ruhig gebettet, auf ewig regem Leben, wie die Liebe das Geliebte trägt, und die sanfte, weiche Erde, wie sollten die Sinne ihr sich abwenden, die keine Regung ungeboren lässet, jeden Keim in die Lüfte trägt und Flügel gibt, heimlich in die Wiege alles Geschaffnen, die der Geist mächtig zum Himmel einst entfalte, wenn er gereift ist durch ihre Spende – sie, die himmlische Erde – auf der frohlockend sich alles Leben tummelt und alles trägt im Busen und über ihm – die sie auf sich herumtrappeln läßt all die Lebendigen – und gibt ihnen die Milch ihrer Kräuter und Früchte, die in so großer Fülle aus dem Busen ihr springen – ja, wie sollt ich nicht mit heißer Liebe sie lieben, die Doppelliebige? – Und dann – das Licht, das niedersteigt ins Dunkel, einsam drin zu spielen; – und der Einsamkeit Odem einbläset und der Erde Kräfte nährt und tränkt, die dann den Geist umspielen, daß er im verschlossenen Dunkel seiner selbst, des Lichtes Leidenschaft für ihn sich erinnere und auch ihm zuwachse, sich mit ihm zu küssen. Wenn Ihr alle dichtet von jenen Wahrheiten, so mächtig, so selbstlebend, daß sie dem Dichter den Busen bewegen, daß er ihr Element werde und sie ewig ausspreche, oh, so lasset sie für mich geboren sein, daß ich ihnen traue, daß ich mich ihnen hingebe und sie genieße; für was drängten sie sich ewig in Euren Geist, für was rührten sie Eure Lippen, die Ihr sie aussprecht, wenn sie nicht wahrhaftig lebendig Leben wären, das durch Euch wiedergeboren soll werden in die Sinne der Menschen. Nun, meine Sinne sind fruchtbarer Acker, sie haben Euren Samen aufgenommen; oh, denket, daß nichts von Euch geahnet war, nichts, was Ihr nur in den Wolken gelesen, was mir nicht lebendig geworden. Das ist's! – Und was wollt ich doch sagen? – Ach, wie weit hab ich mich verlaufen und wollte doch nur sagen von dem Gott, und daß er nicht die Weisheit könne sein, sondern die Leidenschaft, die der Weisheit bedürfe, um kühn und tapfer zustande zu bringen, was in ihr gärt. – Wie sag ich Dir's doch, wenn Du's nicht von selbst verstehst, wenn Du nicht verstehst, daß alles Wesen durch Leidenschaft ausgesprochen sein wolle, ja selbst die Ruhe nichts anders sei als nur Leidenschaft, daß der Mensch nur mit einem Götterbusen geschaffen sei, in dem die Leidenschaften ihren Herd haben, dem Göttlichen ewig lebendige Glut zu opfern. – Wenn Du nicht dazu ja sagst, wie kann ich's Dir abdringen? – Drum komm und lasse uns Weisheit sammeln, um unserer Leidenschaften Glut damit zu schüren. –

Daß Gott die Weisheit sei, das haben wir protestiert, aber daß Weisheit und Tapferkeit ineinander verliebt seien – aber nicht die der Kirchenväter –, das ist unsere Lehre; sie sind der Herd, auf dem die Leidenschaften flammen; ohne sie kann Leidenschaft nicht atmen. – Und wenn es keine brennenden Leidenschaften zwischen der Kraft und dem Geist gäbe, wo sollt ihr Feuer herkommen? denn um nichts ist wieder nichts – wie würden sich schlafen legen und absterben, die Kräfte und der Geist – aber der heiße Trieb, ineinander zu schwelgen, einander zu besitzen, die schüren das Lebensfeuer in ihnen, da ist fortwährend innerlich Bewegen zueinander. Gefühl in jeder Regung, sie sei empfunden von der andern – das ist das innere lebendige Leben, und alles andre ist nicht lebendig in uns. Für was würde man sich vor sich selber schämen, wär nicht diese innerliche Liebesdespotin, die das Gefühl zur Rechenschaft forderte, daß man einem inneren Mächtigen die Treue gebrochen oder einer Schwäche sich hingegeben vor dem Geliebten. Was ist das Gewissen anders als der Minnehof des Geistes mit den Sinnen – wo sie sich einander hingeben und Opfer, Heldentaten füreinander tun und innerlichen Minnesold empfangen. Und dann jene Stimme, die jegliche Stimmung prüft; je tiefer und weiter sich dies Leben ausbildet, je fester gründet sie die Ansprüche und Berechtigungen, je leichter verletzbar. Ach, ich sag Dir, es liegt ein Adel, ein steigender Trieb in der Seele, der auf die Außenseite des Lebens zurückstrahlt, alles aus leidenschaftlicher Berührung der Sinne mit dem Geist; wenn Du schreitest, wenn Du Dich wendest, wenn Du die Stimme erhebst – was auch des geringsten nur Dich einen Augenblick aus der Gegenwart (Einwirkung) jener Lebensregungen entfernt, fühlst Du nicht Vorwürfe? – ein Stocken, eine Ohnmacht in Dir? schlägt nicht Dein Herz in Pein, als müsse es rückkehren? – dahin, wo die Sinne sich geliebt wähnen vom Geist, sich zärtlich umarmen mit ihm. – Ach, ich muß solchen Unsinn reden – mit Tränen, denn ich bin so tief bewegt von etwas, wie soll ich Dir das sagen? Der edle Mensch ein Tummelplatz von Leidenschaften, lauter Kräfte, die aufstreben ins Leben durch die Liebe untereinander! – Die regt jene auf, zärtlich oder feurig alle mitsamt glühen füreinander durch den Geist, und da glüht's und da sprüht's, und da scheint endlich der Alletagstag so nüchtern hinein und reißt die Feuer auseinander und löscht die Brände und macht den Alltagsmenschen aus einem; das ist Eure Not um mich, und diese Schicksale schweben mir in der Brust indessen und fordern Antwort jeden Augenblick. Ach, da gibt's Streit, Versöhnung, heimlich Glückspenden, und dies alles ist wie der laue Abendwind, der von selbst herübergeklettert kommt; ich hör ihn schleichen, sacht an mich heran, und mir am Herzen flattern, und dann bin ich schmerzzerrissen; von was? – ich kann's nicht sagen; – mein Herz – zu schwach ist's. – Daß es geliebt wär von einer höhern Macht, süß begehrend! es kann's nicht tragen. – Den Geist außer mir, in der Luftwelle oder im Mondglanz oder sonst – spricht der mit mir, das ertrag ich nicht – dann bitt ich, laß mich schlafen – Dir im Schoß. Denn ich kann ihm nicht ins Antlitz schauen und sag ihm, ich wolle sterben, er soll mich zudecken – mit grünen Zweigen, Er, der neben mir steht oder über mir und mich ansieht so still. Was ist Vernichtendes in der Liebe? – daß ich sag, ich wolle sterben? – denn ich hab nichts anders in der Seel als diese Sprach ; denn meine Hände können nicht hinlangen. Wollt ich in die Luft reichen? – nein, ich darf nicht, er verschwindet, und mein Blick, der sieht nur auf, wenn's Nacht ist, nicht bei hellem Tag. – Aber in der Nacht im Finstern, da geh ich ihm entgegen, da treibt mich's oft eilig in die dunklen Laubgänge, und ganz am End da seh ich, wie wenn ich überzeugt sein dürfte, Er sei es. – Nicht freudig, nicht traurig – tiefe Stille in mir, manchmal schlägt's Herz bang, dann seh ich den Schatten vor ihm herstreifen über den Rasen. Dann ruf ich mich auf: laß mich doch denken können! – und sammle meine Sinne, und immer so vorwärts schreit ich, eilig und immer näher, dann am Baum leg ich mich nieder auf die Wurzeln, – die küß ich, diese Wurzeln – es sind die Füße des Dichtergeistes über mir. – Aber ich muß schlafen gehen, zu müde bin ich – schon zweimal eingeschlafen während dem Schreiben.

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