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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ich schreib nicht den Ball ab, ich freu mich recht drauf. Ich bin jetzt schon vier Wochen recht vergnügt hier und will auch durchaus noch bei der Großmama bleiben, bis die Tante aus dem Bad kommt; wir haben uns gar sehr ineinander gewöhnt, die Großmama und ich, ich hab sie um Erlaubnis gefragt, ob es ihr nicht unlieb sei, wenn ich auf den Ball gehe. Sie sagt: Nein, gut Mäuschen, hast lang genug hier ausgehalten, wann kommst Du wieder? – Denn Du wirst doch wohl den andern Tag in Fr. bleiben? – ich sagte, ich wolle noch in der Nacht wieder herauskommen, denn ich sah ihr an, daß sie fürchtete, ich möchte in der Stadt bleiben, und das könnt leicht kommen, daß die Brüder mich dann nicht wieder herauslassen, und ich will doch nicht eher fort, bis die Großmama selber will und nicht mehr allein ist; richte es also mit Tonie und Marie so ein, daß die zusammen fahren und ich mit dem George seinem Gig herausfahren kann, denn ich fürcht mich nicht vor der Nachtluft, das weißt Du ja, daß das ein Gesetz ist in unserer schwebenden Religion. – Und Dein fürchterlich Gebrummel, davor fürcht ich mich gar nicht, denn ich weiß doch, daß es Dir grad so gefällt, und mach dem Clemens weis, was Du willst, aber sag ihm nichts wieder aus meinen Briefen; wer's ihm gesagt hat, daß ich Dir so lange Briefe schreib, das war der St. Clair, dem hast Du ein Stück aus meinem längsten Brief gezeigt und abgeschrieben; wenn er ihm nur nicht auch vom Inhalt gesprochen oder ihm gar mitgeteilt hat, dann weiß ich gewiß, daß mich der Clemens lang ansehen wird und wird mit Fragen hintenherum kommen; ich weiß gewiß, er wird allerlei Kuriosigkeiten fragen und so lang über mich hinausfahren ins Kreuz mit Segensprüchen, um mich von der Behexung loszumachen. Wie ich Dir sag, mit dem Clemens führ ich ein ganz ander Leben, es ist ein ander Register, das da aufgezogen ist, wenn ich an ihn schreib, es hat gar denselben Ton nicht wie mit Dir.

Es ist noch nicht aus mit der Musik, es sind noch keine erstarrten Grillen. Ich bin aufrichtig, und die einzige Tugend der Wahrheit geht durch mein Nervensystem, alles ist in ihr aneinandergereiht wie's menschliche häusliche Leben in meinem Geist. Wenn ich Dir den großen Einfluß, den die Musik auf mich hat, zu verschiedenen Malen mitgeteilt hab, so kannst Du denken, daß ich dabei nicht stehenblieb; allein wenn man Wege betritt, die noch zu keinem Ziel geführt haben, wo alles noch wüste ist, noch keine Lösung hat, noch selber mir nicht einleuchtet, was kann ich da viel sprechen. – Die Bekanntschaft mit dem innern Leben einer Musik wird von den Virtuosen ganz auf eine Weise gemacht, die bloß auf Auseinandersetzung ihrer einzelnen Teile geht, und sie wissen sich recht viel mit ihrer gelehrten Unterhaltung darüber; sie wirbelt mir auch nicht wie ein blauer Dunst durch den Kopf – mir geht noch zugleich ein romantisch oder geistig Bild dabei auf, das eine gibt mir Stimmungen, das andre wohl Offenbarungen – erst gestern wurde im Boskett unter verschiedner neuer Musik, die mich gar nicht anregte, eine Symphonie aufgeführt von Friedrich dem Zweiten. Gleich vorne steigt er mit klirrenden Sporen in Steifstiefeln mutig auf; von allen Seiten her tönt's ihm wieder, er müsse keck über die schüchterne Menschheit weggaloppieren, und bald macht er sich kein Gewissen mehr draus; nur die einzige Muse, die Tonkunst, tritt ihm fest entgegen, sein Roß hat ihn in die einsamste Öde getragen, fern von den Menschen, die er wie eine Koppel Hunde mit einem Pfiff lenkt. Hier sinkt er vor der einzig Übermächtigen nieder, hier bekennt er die weite Leere seines Gemüts, hier will er Balsam auf alle Wunden gelegt haben, ungeduldig und zärtlich, demutsvoll küßt er die Spuren ihres Wandels, und mit Vertrauen beugt das gekrönte Haupt sich unter ihrem Segen. – Gereinigt, getröstet, wie wenn nichts geschehen wär mit ihm, kehrt er aus diesem Flöten-Adagio wieder zu den Seinigen in das brillante Geklirre der Violinen und Hoboen zurück. – Ich aber spür's, was die Kunst für Weisheit übt. Wo keine Hand hinreicht, wo keine Lippe sich öffnet, kein Gedanke sich hinwagt, da tritt sie als Priesterin auf, und das Herz bricht vor ihr, legt flehend seine Bekenntnisse dar, will jedes Fehls sich zeihen, will ganz im Busen ihr aufgenommen sein. Ja, Musik – sie schrotet Gold und Stahl, kein Helm sitzt so fest auf dem Haupt und kein Harnisch auf der Brust, sie dringt durch, und es gelobet sich ihr der König wie der Vasall.

Wie aber ist's mit der Symphonie von Beethoven, die gleich drauf folgte? – Willst Du mit hinüber unter jenes Ölwalds gleiche Stämme mit Laub wie Samt, schwimmend im Wind, der Wellen schlägt in ihren grünen Schleiern und sanft auf fleckigem Rasen den einsam lautlosen Tritt Dir umflüstert! – Komm! – schau die Sonne im Feuerpanzer, ihre Pfeilstrahlen vom Bogen strömend ins ewige Blau. – Bald vom Wechsel der Wogen getragen schwankt unter Dir das unendliche Meer. Der Wind fährt daher zwischen türmenden Wellen – bahnt Weg silbernen Göttern, die aufrauschend sich umschlingen mit Dir nach himmlischen Rhythmen, Dir aus der Brust geboren. So nah ist alles verwandt Dir. – Doch ohne End wechselnd dies Meer, fährt es dahin, in seiner Launenverzückung durchschlüpft Färbung auf Färbung sein Wellenspiel, fesselt Dein Schauen – durchdringt Deine Sinne, schmachtend und dann feurig, lächelnd, weinend, blendend und verhüllt wieder – so rasch vorüber streift's wie von geliebten Augen der Begeistrung Blick; kannst ihn nicht fassen, nicht lassen von ihm. – – Rein von Gewölk der Himmel, sein Hauch sanft jagt vor sich her Wellchen – unzählige – eins ums andere, und sterben am Ufer alle mit leisem Geseufz. – Ach! – süßer Moment, herrschend über der Leidenschaften Meer! – Da stockt Dein Atem, und möchtest halten – ganz und immer, was jeden Augenblick ohne Aufhören Dir alles entschwindet. –

Was ist's, die Seele im Meer der Musik? – fühlt sie Schmerzen? – hat sie Wonnen, die wunderbar bewegliche? – Kein Gedanke mag ihr folgen – fühlt sie mit durch Rückwirkung alle Regungen? – Liebt sie, wenn wir lieben? – Schmeichelt's ihrem Schäumen, wenn unsre Tränen hinein sich mischen? – Oh, ich möcht hinein mich werfen in die smaragdnen Lagunen, über die leise hingetragen durchs ungeheure Meer bis zu seiner Höhe uns zwei verwandte Seelen harmonisch der Kahn wiegt bis zum letzten Ton – und dann – dieselbe Luftstille, dieselbe Himmelsreinheit, derselbe Atem, süß – unberührt – dasselbe Sonnenlicht im Geist – trunken von süßem Schwanken der Töne, die durch den Busen wühlen. Doch bald erhebt sich's! Der große Geist des Erschaffens – Du hörst im Brausen seine Stimme, der alles sich schmiegt, veratmen – dann hebt im Schauer Deiner Brust ihr Hauch sich wieder – und jetzt – gewaltig – in unermüdlichem Steigen und Sinken strömt sie schäumend den Winden entgegen, die dröhnen – in Abgrund sich wühlend – sie zurück. – Ja, das ist Beethovens Meer der Musik, von Himmel zu Himmel steigen die Töne und kühner, je öfter hinab sie wieder strömen, und fühlst hoch über diesem Doppelschall Dich geborgen auf freiem Fels, umkreist von jenen wütenden Orkanen, jenen Wogen, die ohne Ende Dir ans Herz steigen und ohne End zurückgeworfen, ohne Aufhören wiederkehren mit erneuter Macht, Dich umschmettern einander überwogend und doch sich wieder teilend im Sonnenozean der Harmonie. Und endlich die sehnenden Stimmen all, tummelnd in fröhlicher Verwirrung des Jauchzens der Wehmut und der tausend Gefühle, die von seiner Meisterhand ein einzig leises Zeichen – alle zugleich einstimmen: jetzt ist's genug! –

Ach, wie ist's doch da in der Brust? – ja, gesteh! – ist sie nicht das Meer, die Musik? – und er, der Beethoven, ist er es nicht, der ihm gebietet? – Und fühlst nicht auch hier: das Göttliche, was den Geist des Erschaffens gibt, sei die ungebändigte Leidenschaft? – Und glaubst nicht, daß Gottes Geist sei nur lauter Leidenschaft? – Was ist Leidenschaft als erhöhtes Leben durchs Gefühl, das Göttliche sei Dir nah, Du könnest es erreichen. Du könnest zusammenströmen mit ihm? – Was ist Dein Glück, Dein Seelenleben, als Leidenschaft, und wie erhöht sich Deines Wirkens Kraft, welche Offenbarungen tun sich auf in Deiner Brust, von denen Du vorher noch nicht geträumt hattest? Was ist Dir zu schwer? – welches Deiner Glieder würde sich nicht regen in ihrem Dienst – wo bleibt Dein Durst, Dein Hunger? – siehst Du wohl, da fängst Du schon an, von der Luft zu leben; leicht wie ein Vogel übersteigst Du Unersteigliches, und in die Ferne hinüber sendest Du Deiner Unsterblichkeit Flammen, und die entzünden Ewiges, und es weiht sich Deinem Dienst, ergießt sich auch in Leidenschaftsströmen in den großen Ozean, über dem die ewigen Sterne Dir leuchten und die Nacht in ihrem Glanz erbleicht und die Morgenröten freudig aufwachen. – Ja, drum! – der Irrtum der Kirchenväter, Gott sei die Weisheit, hat gar manchen Anstoß gegeben; denn Gott ist die Leidenschaft. – Groß, allumfassend im Busen, der alles Leben spiegelt wie der Ozean, und alle Leidenschaft ergießt sich in ihn wie Lebensströme. Und sie alle umfassend ist Leidenschaft die höchste Ruhe.

Jetzt will ich Dir was sagen: ich will nicht mehr haben, daß Du voll Angst seufzest um mein Nichtstun! ich weiß wohl – und wenn ich's beim Licht betrachte, so konnt ich meine Zeit besser zubringen als sie zu dem verdammen, was mein Herz nicht erfüllt; so hätt ich mir selbst mehr gewonnen, und meine Liebe zum Besten, zum Höchsten hätt die Ungerechtigkeit nicht zur Stütze gehabt; ich weiß wohl, daß ich im Eifer allem, was mir nicht unmittelbar Lebensnahrung war, unrecht getan hab. Ich hab mich immer im voraus gewaffnet, da ich nicht wußt, ob es Streit geben werde; ich hab hundertmal die Wahrheit selbst über die Klinge springen lassen, wenn ich sagte, dieses oder jenes rege meinen Geist nicht an, denn alles regt ihn an, ja alles, und ich fühle Deinen Beruf, mich zu leiten, mich zu lehren, mit einer innern Stimme zusammentönend, die mich eben mahnt wie Du; aber der Drang, mich meiner Leidenschaft zu überlassen, ist so mächtig in mir, daß ich glaub, eine so starke Stimme überwinden zu wollen, ist Unsinn! Nicht möglich – nein, nicht möglich ist mir's, auf irgend etwas auch nur mehr acht zu geben als nur im Vorüberschiffen, so wie man die Ufer kommen und schwinden sieht; – mein Blick fängt sie auf und fasset sie scharf, daß ich sie fest mir einpräge, aber im innern Gefühl nur vorüberstreifend. Das Weiterziehen liegt mir im Herzen, das Abschiednehmen, wo ich kaum anlange, liegt schon im Willkomm; und das Geringste, was meine Fahrt belangt, sei's nur ein Schiffsseil teeren, tu ich mit mehr Genuß, als an jenen Ufern der Kunst und des Wissens mich aufhalten, sollte ihr Sand auch lauter Gold sein, ihre Felsen Diamant und ihr Tau Perlen. – Und wo will ich hin? – auf die Insel, wo's Äpfel und Birn gibt, hätt ich bald gesagt. – Aber ja, freilich – dorthin, wo's Moos duftet, wo's Blüten regnet, wo die Himmelslüfte sprechen, wo der Sommerwind die Äste schüttelt, wo die Wälder die Nacht in ihren Schatten hüten, daß sie sich gefangen gibt, solange der Tag weilt, wo auf blühender Wiese die Adler niederfahren und holen die Jünglinge hinan zum Allvater, daß er ihnen kose einen Augenblick und wieder sie entlasse zum Spiel am Bach. – Wo die Bienenscharen von Dichterlippen und in seinen blumensprossenden Tritten Honig sammeln und wo Geister lichte Berggipfel umtanzen, wo die Seele sich aufschließt leis wie eine Knospe und des Geistes Strahlen, in ihrem Kelch eingebettet wie die goldnen Staubfäden in der Rose, ihr Leben entwickeln und auch beenden. Dort will ich hin, das liegt mir im Sinn, nichts wie Blütenmeer, Duft einatmen, Birn speisen und reife Trauben und süße Pfirsich, geteilt mit mir von Doppellippen, ich die Hälfte und die er, der heute noch am Scheideweg meiner harrte, als die Sonne hinunter war. Was ist's? – es wird mich schon erziehen, Tränen wird's geben, das weiß ich, aber auch Lust, so ist's immer, wo Schönheit reifen soll, und das ist alles, was ich verlang vom Schicksal, es soll mich scheiden vom Schlechten, es soll keine Sünde in mir dulden – in meinen unaufhörlichen Träumen nur möcht ich eine Vollendung empfinden – der Liebe, der Schönheit – das ist mein Ziel, und mein Geist strebt, eine Natur da herauszufinden, in dem ich dem Schönen fortwährend begegne. Das ist's und nichts anders. Und alles, was ich erfahre von der Kunst, von Poesie und Wissen, das schlägt an wie Echo in den unbekannten Tiefen meiner Brust, da erschreck ich, daß es doch wohl wahr sein möge, was manchmal nur wie Traum in mir wogt, da toben alle Pulse vor Hoffnung, es sei ein Doppelleben, was wirklich auch Doppelliebe kann haben, und daß, wenn ich heiß mich sehne, verstanden zu sein, daß ich dann verstanden sei, wo? – wie – ach, was weiß ich's! – vom Nebel, der dort flattert, vom Wind in der Ferne, vom letzten Lichtstreif, wenn die Nachtkuppel schon sich senkt über mir – kurz, ich weiß nicht, alles, was ich anseh, das müßte Geist haben, liebenden Geist – wahrlich, sonst tut mir's unrecht. Welche Wege übernehme ich doch? – Welche Gefahren besteh ich im Geist? – – da schwimm ich im Dunkel in uferlosen Fluten, eine Woge stürzt mich auf die andre, aber ich vertrau, und eine Stimme in mir, daß ich dem Genius zulieb so kühn bin! – oh, das lebendige Feuer, und trotz dem Stürmen halt ich die Palme hoch und eile dem leisen Schein des Morgenrots entgegen, weil das Er selber ist. –

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