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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ach, lasse doch ja nicht zur Ader, aus tausend Gründen, denn (vielleicht): wenn einer nur einmal zur Ader gelassen hat, so kann er kein Soldat mehr sein, kein Held! man kann gar nicht wissen, was so ein Eingriff in die Natur für Veränderung im menschlichen Geist macht und wozu er als die Fähigkeit verlieren kann. Ich bitte Dich, lasse nicht zur Ader; im Kloster, da, wenn der Tag kam, wo das Aderlaßmännchen im Kalender steht, ich glaub, es war grad in der heißen Zeit wie jetzt, da ließen die Nonnen alle am linken Fuß zur Ader, da kam ein Chirurg, ich war immer im Anstaunen seiner Häßlichkeit verloren, er hieß Herr Has. – Eine alte Nonne sagte einmal, man könne in seine Pockengruben, in denen sehr viel erdiger Schmutz war, Kresse säen, so würde er einen grünen Bart bekommen; ich hielt also immer Kresse bereit und paßte auf die Gelegenheit, ihm den Samen einzustreuen, und habe auch einen Augenblick, wo er über dem Warten auf die Nonnen eingeschlafen war, benutzt, und Du magst's glauben oder nicht, die Kresse hatte einen sehr günstigen Boden, sie begann mit Macht emporzuschießen, man brauchte, ihn nur mit Essig und Öl einzuseifen, so hatte man den trefflichsten Salat von seinem Bartschabsel. Aber gelt, du gläubest nicht? – Aber hör, da fällt mir ein, esse doch eine recht tüchtige Schüssel voll Salat, das kühlt das Blut ab; aber wenn Du bei einer Entzündung noch Blut verlierst, so wird natürlich diese verstärkt, denn wenn Du ein Dippen mit Wasser kochend hast und schüttst einen Teil davon weg, so kocht's viel stärker. – Die Hahnen krähen, es ist schon Mitternacht, und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen früh, daß Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Krankenlagerchen; gleich fang ich von der neu Religion an, aber erst will ich Dir noch was erzählen; wie der Jud kam mit Deinem Brief, das war vier Uhr, da dacht ich auf was, was Dir recht gut wär, da dacht ich gleich, die Aprikosen in der Großmama ihrem Garten müßten Dir gesund sein; da ging ich um die Bäume herum und erspähte die besten und lernte sie alle auswendig, wo sie hingen, und so spazierte ich in einem Wiederholen meiner Lektion, bis die Sonne unterging; denn bei Tag konnt ich sie nicht stehlen, ich mußte warten, bis alles am Spieltisch saß; es war Dir das schönste Pläsier, diese Aprikosen zu stehlen; erstens die Angst ist ein wahrer Spaß, das Herz klopfte mir so, ich mußte so lachen vor Freud; Herzklopfen ist so was Angenehmes, und denn war's grad, als ließen sie sich recht gern stehlen, sie fielen mir in die Hand, ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden, da warf ich sie hinein, zwanzig! – ich war recht froh, wie ich sie all hatte und glücklich auf meiner Stube war; da hab ich sie alle in die jungen Weinblätter gepackt, die sind vom zweiten Schuß und haben einen so weichen Samt auf der linken Seite. Da liegen sie in der Schachtel und gucken mich an, als hätten sie Appetit auf einen Biß von meinem Mund; aber da wird nichts draus, sie sind all für Dich, sie müssen sich's vergehn lassen, von mir gespeist zu werden. Esse sie, Günderod, sie sind gut, Gott hat sie geschaffen für Entzündungen, damit die aus dem Blut wieder in den Geist zurückgehen soll, aus dem sie eigentlich nur ausgetreten war ins Blut. Laß nur nicht zur Ader, denn, wie gesagt, es ahnt mir, daß dadurch etwas im Menschen zugrunde gehen könne, vielleicht das echte Heldentum; wer weiß, ob nicht einer, der einmal Ader gelassen hat, hierdurch nicht seine ganze Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat, und daß diese Tugend eben darum jetzt so rar ist. – Das Aderlaßmännchen ist der Teufel, der hat sich so ganz sachte in den Kalender geschlichen, um die Menschen um das einzige zu betrügen, was ihm Widerstand leisten kann, um den Stahl im Blut, der übergeht in den Geist und den fest macht, daß er tun kann, was er will. Weisheit und Tapferkeit! der Mensch will immer die Weisheit, er hat aber den Mut nicht, sie durchzusetzen. Eins bedingt das andere, denn wenn der Mut dazu wäre, so wär auch die Weisheit da. Denn es ist nicht möglich, daß, wenn Kraft in der Seele ist, das Höchste zu tun, daß in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufblühen sollte, der das höchste Tun lehrt. Wer zum Beispiel Mut hat, das Geld zu verachten, der wird bald auch Weisheit haben, zu erkennen, welch fürchterlicher Wahnsinn aus diesem grausamen Vorurteil hervorschießt und wie Reichtum und Macht so sehr, sehr arm sind. Weisheit und Tapferkeit müssen einander unterstützen. Ach, in unsrer Religion soll die Tapferkeit obenan stehen – denn wenn wir nur darüber wachen, daß wir kühn genug sind, das Große zu tun und die Vorurteile nicht zu achten, so wird aus jeder Tat immer eine höhere Erkenntnis steigen, die uns zur nächsten Tat vorbereitet, und wir werden bald Dinge beweisen, die kein Mensch noch glaubt. Zum Beispiel: man kann nicht von der Luft leben! – Ei, das könnt doch sehr möglich sein, und es ist eine sehr dumme Behauptung, die der Teufel gemacht hat, um den Menschen an die Sklavenkette zu legen des Erwerbs, daß man nicht von der Luft leben könne, daß er nur recht viel habe. Wer viel hat, der kann vor lauter Arbeit nicht zur Hochzeit kommen; und von der Luft lebt man doch allein, denn alles, was uns nährt, ist durch die Luft genährt, und auch unsere erste Bedingung zum Leben ist das Atemholen. Und Gott sagt damit: du teilst die Luft mit allen, so teile auch das Leben mit allen, und wer weiß denn, wie sehr die Natur sich noch ändern kann, und kann sich dem Geist anschmiegen, wenn er einmal die Seele mehr regiert, ob dann der Leib nicht auch mehr Luft bedarf und weniger andere Nahrung. Alle alberne Gedanken, Begierden und verkehrte Einbildungen, die machen so hungrig nach tierischer Nahrung; ich weiß an mir, daß, wenn mir etwas durch den Geist fährt, dem ich nachgehen muß, aus Ahnung, daß es Lebensluft enthalte, so hab ich gar keinen Hunger, und die Franzosen, wenn sie witzig sind, so haben sie immer auf was Petillantes oder Gewürztes Appetit; es käme also sehr auf den Geist an, daß wir am End gern von der Luft leben. – Und unser Tischgebet soll heißen: Herr, ich esse im Vertrauen, daß es mich nähre, und die alten Küchenzettel und Bratspieß- und Backgeschichten all dem Teufel in die Garküch geschmissen, daß er den Hals drüber bricht; wir haben keine Zeit, uns dabei aufzuhalten, geh zum Nachbar und nehm Brot von ihm und nehme die Frucht vom Baum dazu und vom Opfermahl ein weniges und dulde nicht, daß sich Bedürfnisse des Mahls bei Dir einnisten zu dieser oder jener Stunde oder sonst Dinge, die den Leib abhängig machen. Da fällt mir noch etwas ein, mit dem verdammten Zugwind oder mit der Nachtluft, alle Augenblick heißt's: »Hier zieht's!« – und dann reißen die Leute aus, als ob ihnen der Tod im Nacken säß, oder der Nachtwind hindert sie, die nächtliche Natur zu genießen, oder der Abendtau ist ihnen gefährlich, und doch – hat man je bei einem Gefecht in der Schlacht gesehen, daß ein Held vor dem Nachttau ausreißt? – also auch, über die Verkältung hinweg im Nachtwind wie im Sonnenschein sein eigner Herr bleiben, das muß ein Gesetz unsrer schwebenden Religion sein. – Ich weiß nicht, es duftet mir ordentlich im Geist, als würden wir auf sehr wunderbare Entdeckungen kommen. Jetzt haben wir schon entdeckt, daß man nicht Aderlassen muß, damit der Stahl im Blute nicht abgelassen werde, der die Begeisterung der Tapferkeit erzeugt – da könnte einer sagen, durch eine Wunde im Krieg könne auch dieser Geist des Stahls entfliehen, so daß ein Tapferer könne zu einem Feigen werden – dem ist aber nicht so, denn bei einer Wunde, die in der Begeistrung selbst empfangen wird, da haucht das Blut selbst Unsterblichkeit aus. Wenn nämlich die Tugend (die Tapferkeit) wach ist in dem Menschen, das heißt: wenn der Genius in sein Blut gestiegen ist und kämpft, und er geht auf die Wunde los, die empfangen soll, da ist die Kühnheit so Herr, daß keine sklavische Entweichung stattfinden könne, denn dann ist grad aller Stahl im Blut in den Geist übergegangen – denn wie Gott immerdar in jedem Hauch erzeugt, weil er ganz Weisheit ist, so erzeugt auch das Genie, weil es mit Gottes elektrischer Kette verbunden ist, ewig seine Schläge empfängt und wieder einschlägt ins Blut. – Ich bitte Dich, wie willst Du denn die elektrische Kraft erklären, anders, als daß durch Gottes Geist die Natur zuckt und bis ins Blut geht, wo sie im Menschen wieder den Weg in die Begeistrung findet, weil der Geist hat. – Und siehe da! – die Kraft empfängt den Blitzstrahl, und so erzeugen Weisheit und Tapferkeit sich ineinander. – Was hab ich im vorigen Brief gesagt: – Gott sei die Poesie, und heute, daß er die Weisheit ist – das ist schon eine alte Geschichte, das haben, glaub ich, die Kirchenväter herausgestellt und haben deswegen großen Respekt vor Gott. Aber heute haben wir herausgekriegt, daß Gott die große elektrische Kraft ist, die durch die Natur fährt und ins Blut des Menschen und von da sich als Genius in den Geist des Menschen hinüberbildet. Der Genius steigt aus dem Stahl auf im Blut, und dort dringt er auch wieder ein, wenn er wirkend ist in den Sinnen. Wer keinen Stahl im Blut hat, kann auf die Weise Gott nicht empfangen. Es ist schon drei Uhr; wenn ich so fortschreib, ich glaub, ich brächt allerlei kuriose Sachen heraus, die mich selbst verwundern. – Ich wittre schon den Tag, mein Licht brennt ganz nüchtern. Ich sollt schlafen gehen, aber ich will Dir doch für einen ganzen Tag zu denken geben, weil Du allein bist. – Aber jetzt muß ich erst von der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzählen. – Du schreibst, der Moritz hat Dich im Kabriolett begegnet, ich bedanke mich, aber ich hab grad auf vierzehn Tag, wo ich noch hier bin, ein Gelübd getan und kann also Deiner Mahnung kein Gehör geben; sag's ihm, wenn Du ihn siehst. – Der Bernhards Gärtner ist ein junger, schlanker Mann, er hat eine feingebogne Nase, blaue Augen, schwarze Wimpern, schwarze Haare und hat eine sanfte Stimme – zum wenigsten gegen mich, denn wie er letzt den Hund wollt zurückhalten, der mich anbellte, da hatte er eine sehr kräftige Stimme. – Dem Moritz wird das wunderlich vorkommen, aber mir ist es keine Scheidewand, weil er von der gebildeten Klasse übersehen wird. Ein Mensch von Rasse müßte seine Rasse auch unter der Sklaventracht wittern, aber das ist die Unechtheit des Adels; denn gewiß ist, daß das echte Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumläuft, und doch will man nur das gelten lassen, was gestempelt ist, aber das sag ich Dir, ich halte alle Menschen für unadelig, die ihre Rasse nicht erkennen auch im Kittel. – Der Gärtner also, der mir immer Arbeit gibt morgens früh, Du weißt – ich hab ihm die abgeblühten Federnelken von den Rabatten geschnitten, ich hab die Erdbeeren umgesetzt, ich hab die Reben ausgelaubt, ich hab das Geißblatt binden helfen, ich hab die Pfirsich spaliert, ich hab die Nelken gestengelt, ich hab die Melonenräuber ausgebrochen, und noch mancherlei anders hab ich immer morgens früh tun helfen, wenn ich in der Früh zum Mainufer lief, weil ich schreiben wollt oder dichten für den Clemens, und es wollt nicht gehen, weil mir nicht einfiel, weil die Natur zu groß ist, als daß man in ihrer Gegenwart sich erlaubte zu denken; da hab ich denn mit dem Gärtner lieber Erbsen gepflückt, als auf der Lauer nach großen Gedanken – da hat mir der Gärtner als immer einen Strauß verehrt, erst recht schön voll und seltne Blumen, dann weniger und einfacher, ich denk, weil ich alle Tag kam, es wär ihm zuviel, aber zuletzt – es war grad am Tag, wo ich Zuckererbsen brach, da gab er mir bloß eine Rose und – – –


Morgens

Da hab ich so nachgedacht und bin drüber eingeschlafen. Die Rose hab ich mit ins Bett genommen. – Was soll sie im Glas langsam welken – überall sollt man ein Heiligtum der Natur mit herumtragen, das frei macht vom Bösen; wer kann in Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfüllt sein, ich hab's lieb, das Röschen, mit dem ich geschlafen hab – es war matt; nun hab ich's ins Wasser gestellt, es erholt sich. – Ich bin so dumm, ich schreib so einfältig Zeug – der arme Gärtner. –

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