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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Oder am besten können wir sagen: Denken ist beten, damit ist gleich was Gutes ausgerichtet, wir gewinnen Zeit, das Denken mit dem Beten und das Beten mit dem Denken. Du willst ungereimtes Zeug vorbringen, Du bist ungeheuer listig und meinst, ich soll es reimen. Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig wie eines Seiltänzers, der sich darauf verläßt, daß er balancieren kann, oder einer, der Flügel hat und weiß, er kann sie ausbreiten, wenn der Windsturm ihn von der Höh mit fortnimmt. Übrigens hab ich Dich wohl verstanden, trotz der vielen süßen Lobe, die Du einstreust wie Opfergras, daß ich das Opfer bin, was Du geschächtet hast, um mit dem Jud zu reden. Ich fühl's, daß Du recht hast, und weiß, daß ich zu furchtsam bin, und kann nicht, was ich innerlich für recht halte, äußerlich gegen die aus der Lüge hergehalten Gründe verteidigen; ich verstumme und bin beschämt, grade wo andre sich schämen müßten, und das geht so weit in mir, daß ich die Leute um Verzeihung bitte, die mir unrecht getan haben, aus Furcht, sie möchten's merken. So kann ich durchaus nicht ertragen, daß einer glaube, ich könne Zweifel in ihn setzen; ich lache lieber kindisch zu allem, was man mir entgegnet, ich mag nicht dulden, daß die, welche ich doch nicht eines Bessern überzeugen kann, noch den Wahn von mir hegen, ich sei gescheuter als sie. Wenn sich zwei verstehen sollen, dazu gehört lebensvolles Wirken von einem dritten Göttlichen. So nehm ich auch unser Sein an, als ein Geschenk von den Göttern, in dem sie selber die vergnüglichste Rolle spielen; aber meine innere Fühlungen folgelosen Behauptungen ausstellen, dazu leiht mir weder die blauäugige Minerva noch Areus der Streitbare Dem die Jungfrauen einen Widder opferten, wenn sie öffentlich einen Wettlauf hielten. Beistand. Ich gebe Dir aber recht, es wäre besser, ich könnte mich mannhafter betragen und dürfte diesen großmächtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen lassen. Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen, die sich immer noch fürchtet, im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen. – Lasse mich und vertrage mich, wie ich bin; hab ich das Herz nicht, meine Stimme zu erheben gegen allen Unsinn, so hab ich auch dafür an diesem harten Fels keine kleinste Welle Deiner brausenden Lebensfluten sich brechen lassen. Er steht trocken und unbeschäumt von Deinen heiligen Begeisterungen, so kannst Du auch unbekümmert darum Dein Leben dahinfließen. – Ich weiß, daß es Dir weh tut, weil wir den Hölderlin nicht besuchten. St. Clair ist gestern abgereist; er war noch vorher bei mir, er sah Deinen dicken Brief, er war so sehnsüchtig, etwas daraus zu vernehmen, und die Zaghafte war kühn genug auf ihr richtiges Gefühl hin, ihm die Stelle zu lesen, wo die Bettine über den Ödipus spricht. – Er wollte es abschreiben, er mußte es abschreiben, seine Seele wär sonst vergangen, und die Zaghafte war zu mutlos, es ihm abzuschlagen. Er sagte, »Ich lese es ihm vor, vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele, und wo nicht, so muß es doch so sein, daß die höchste Erregung, durch seine Dichternatur erzeugt, auch wieder an ihm verhalle, so wie er verhallte. Ich muß es ihm lesen, es wird doch zum wenigsten ihm ein Lächeln abgewinnen.« – Nun sieh mich schon wieder voll Zagheit, daß Dir meine Kühnheit mißfalle, aber doch – betrog mich mein Ohr nicht, so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen, daß er solle dort mit in sein zerrißnes Saitenspiel eintönen.

Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnot, ich muß diese Woche schon zum zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen; auch dahinein verfolgt mich meine närrische Feigheit, ich komme mir so fremd drin vor, es ist mir so ungewöhnlich, eine angelehnte Würde öffentlich zu behaupten, daß ich immer den Kopf hängen muß und muß auf die Seite sehen, wenn ich angeredet werde. Gestern haben wir in corpore beim Primas zu Mittag gespeist; da verlor ich mein Ordenskreuz, es lag unterm Stuhl, ich fühlte es mit der Fußspitze; das machte mich so konfus, und denk nur, der Primas selbst hat es aufgehoben und bat um Erlaubnis, es anzuheften auf die Schulter; dazu kam unsere Duenna und nahm die Mühe auf sich, Gott sei Dank – ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der Geschichte schlafen, ich muß rot werden, wenn ich dran denke – dann war ich bei der Haiden – der Moritz im Kabriolett ist mir begegnet, von da in der Komödie in Eurer Loge, George führte mich hinein. Die Geschwister. – Es war sehr leer wegen der Hitze, George war fortgegangen, die Frau Rath saß ganz allein auf meiner Seite, sie rief aufs Theater: »Herr Verdy, spielen Sie nur tüchtig, ich bin da«; es machte mich recht verlegen; hätte er geantwortet, so wär ein Gespräch draus geworden, in dem ich am Ende noch eine Rolle hätte übernehmen müssen. – Im Parterre saßen keine fünfzig Menschen, Verdy spielte recht gut, und die Rath klatschte bei jeder Szene, daß es widerhallte; Verdy verbeugte sich tief gegen sie; es war gar wunderlich, das leere Haus und die offnen Logentüren wegen der Hitze, durch die der Tag hereinschien; dann kam Zugwind und spielte mit den lumpichten Dekorationen, da rief die Goethe dem Verdy zu: »Ah, das Windchen ist herrlich«, und fächelte sich, es war doch grad, als spiele sie mit, und die zwei auf dem Theater so gut, als wären sie allein in vertraulich häuslichem Gespräch; dabei muß ich an den größten Dichter denken, der nicht verschmähte, so prunklos seine tiefe Natur auszusprechen. – Ja, Du magst recht haben, es ist was Großes darin, und es ist schauerlich und daher tragisch gewesen diese Leere, diese Stille, die offnen Türen, die einzige Mutter voll Ergötzen, als habe ihr der Sohn den Thron gebaut, auf dem sie weit erhaben über den Erdenstaub sich die Huldigung der Kunst gefallen läßt. – Sie spielten auch recht brav, ja begeistert, bloß wegen der Fr. Rath; sie weiß einen in Respekt zu setzen. Sie schrie auch am Ende ganz laut, sie bedanke sich und wolle es ihrem Sohn schreiben. Darüber fing eine Unterhaltung an, wobei das Publikum ebenso aufmerksam war, die ich aber nicht mit anhörte, weil ich abgeholt wurde. Morgen wird sie wohl in der ganzen Stadt herumkommen.

Ich bin nicht wohl, sonst wär ich heut hinausgekommen – so sehr interessiert mich Dein Brief; Du hängst Dich an die Gipfel der Lebenshöhen wie das junge Gefieder und siehst Dich gleich um, wie am besten nach der Sonne zu steuern sei, dann zerstreust Du Dich ebenso leicht wieder. Wenn ich wohl bin, so komme ich die Woche noch; ich glaube, die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank, ich kann mich nicht dreinfinden; wenn ich denk, daß ich Blut vergießen soll, so wird mir übel. – Schreibe mir doch heute noch von der Schwebe-Religion, was das heißen soll, daß ich was zu denken und zu faseln hab, weil ich nichts anfangen kann und das Zimmer hüten muß.

Karoline

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