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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Gestern hab ich vergessen, Dir zu schreiben, daß ich Dein Gedicht an den Clemens geschickt hab nach Marburg; ich hab mir's aber erst abgeschrieben, ich wollt Dir auch sagen, wie schön ich's find. Aber vor Dankbarkeit, daß ich Dich als Freundin hab, hab ich's versäumt. Aber Du siehst's doch im Brief gespiegelt, daß es Dein groß Herz ist, das mich rührt, und daß ich mich unwert halt, Deine Schuhriemen zu lösen. – Du wählst Dir einen schönen Gedanken und fügst ihn in Reime zu einem Ehrenmantel für den Clemens; ach, was hast Du da für eine schöne Tugend, hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben. – Gott schuf die Welt aus nichts, predigten immer die Nonnen – da wollt ich immer wissen, wie das war – das konnten sie mir nicht sagen und hießen mich schweigen; aber ich ging umher und schaute alle Kräuter an, als müßt ich finden, aus was sie geschaffen seien. – Jetzt weiß ich's, er hat sie nicht aus nichts geschaffen, er hat sie aus dem Geist geschaffen, das lern ich vom Dichter, von Dir; Gott ist Poet – ja – so begreif ich ihn – heut las ich bei der Großmama aus dem Hemsterhuis vor: der Choiseil sagte, il faut que Dieu ait la figure de l'homme comme il l'a créé d'après son immage, der d'Allaris meinte: C'est fort singulier monsieur de se figurer la figure de Dieu avec un visage humain, comme celui-la est fait pour des besoins et des fonctions terrestres au quelles dieu ne doit avoir aucun rapport, en raison de sa force et de son grand courage le monde entier devrait s'en aller en poussière si par exemple le bon Dieu s'amusait une seule fois à eternuer de bon coeur. – Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, so begreife ich dies so, Gott hat eine Persönlichkeit, die kann aber er selbst nur fassen, denn er steht sich selbst allein gegenüber, aber als Poet verschwindet ihm seine Persönlichkeit, sie löst sich auf in die Erfindung seiner Erzeugung. So ist Gott persönlich und auch nicht. Der Dichter stellt dies dar – der ist persönlich und auch nicht, eben ganz nach Gottes Ebenbild, denn er erschafft mit dem Geist, was ganz außer dem sinnlichen Dasein liegt, und doch ist es sinnlich, da es die Sinne fassen und sich hierdurch gewiegt fühlen und genährt, und da doch Nahrung der Sinne nur ihre höhere Entwicklung ist, so löst der Dichter, wie Gott, seine Persönlichkeit auf, durch sein Denken in eine höhere Form und bildet sich selbst in eine höhere Entwicklung hinüber. – Was sag ich Dir da? – Ach, ich hab's einen Augenblick verstanden, was Gott ist, als könnt ich's in den Wolken lesen, und da sah ich am Himmel, wie der Mond hervorschwippt und zerstreut mir die Gedanken, daß ich eben gar nicht mehr lesen kann; alles ist zerflossen, und die Worte da oben, in denen ich's festhalten wollt, die sind verschwommen; ich hab's mit andern Worten müssen reden, es ist nicht recht, wie ich's gemeint hab. Ja, Gott läßt sich nicht fangen; ich dacht, ich hätt ihn schon. – Aber das eine hab ich behalten, daß Gott die Poesie ist, daß der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen ist, daß er also geborner Dichter ist; daß aber alle berufen sind und wenige auserwählt, das muß ich leider an mir selber erfahren; aber doch bin ich Dichter, obschon ich keinen Reim machen kann; ich fühl's, wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an den Bergen hinauf, da liegt ein Rhythmus in meiner Seele, nach dem muß ich denken, und meine Stimmung ändert sich im Takt. – Und denn, wenn ich unter Menschen bin und lasse mich von ihrem Takt oder Metrum, was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht, mit fortreißen, da fühl ich mich erbärmlich und weiß nichts mehr als lauter dumm Zeug; fühlst Du das auch, daß dumme Menschen einen noch viel dummer machen als sie selber sind, – die haben nicht so unrecht, wenn sie sagen, ich sei dumm. Aber, Herz, was mich versteht, komme nur, und ich will Dir ein Gastmahl geben, was Dich ehrt. – Aber hör doch nur weiter: – Alle große Handlung ist Dichtung, ist Verwandlung der Persönlichkeit in Gottheit, und welche Handlung nicht Dichtung ist, die ist nicht groß; aber groß ist alles, was mit dem Licht der Vernunft gefaßt wird – das heißt: alles, was Du in seinem wahren Sinn fassest, das muß groß sein, und gewiß ist es, daß jeder solcher Gedanke eine Wurzel muß haben, die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist, und eine Blume, die blüht im göttlichen Licht. Hervorgehen aus dem Seelengrund, nach Gottes Ebenbild, hinüber, hinauf in unsern Ursprung. Gelt, ich hab recht; – Und wenn es wahr ist, daß der Mensch so sein kann, warum soll er anders sein? – ich begreif's nicht, alle Menschen sind anders, als wie es so leicht wär zu sein; – sie hängen an dem, was sie nicht achten sollten, und verachten das, an dem sie hängen sollten.

Ach, ich hab eine Sehnsucht, rein zu sein von diesen Fehlen. Ins Bad steigen und mich abwaschen von allen Verkehrtheiten. Die ganze Welt kommt mir vor wie verrückt, und ich schußbartele immer so mit, und doch ist mir eine Stimme, die mich besser belehrt. – Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im stillen, und streng danach leben und ihre Gesetze entwickeln, wie sich ein junger Königssohn entwickelt, der einst der größte Herrscher sollt werden der ganzen Welt. – So muß es sein, daß er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise und die ganze Welt umfasse und daß sie müsse sich bessern. Ich glaub auch, daß Gott nur hat Königsstämme werden lassen, damit sie dem Auge den Menschen so erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der König hat Macht über alles, also erkennt der Mensch, der seinem öffentlichen Tun zusieht, wie schlecht er es anfängt, oder auch, wenn er's gut macht, wie groß er selber sein könne. Dann steht grade der König so, daß ihm allein gelinge, was kein andrer vermag; ein genialer Herrscher reißt mit Gewalt kein Volk auf die Stufe, wohin es nie ohne ihn kommen würde. Also müssen wir unsere Religion ganz für den jungen Herrscher bilden. – Oh, wart nur, das hat mich ganz orientiert, jetzt will ich schon fertig werden. Ach, ich bitt Dich, nehm ein bißchen Herzensanteil dran; das macht mich frisch, so aus reinem Nichts alles zu erdenken, wie Gott, dann bin ich auch Dichter. Ich denke mir's so schön, alles mit Dir zu überlegen; wir gehen dann zusammen hier in der Großmama ihrem Garten auf und ab in den herrlichen Sommertagen oder im Boskett, wo's so dunkle Laubgänge gibt; wenn wir simulieren, so gehen wir dorthin und entfalten alles im Gespräch, dann schreib ich's abends alles auf und schick Dir's mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst es nachher in eine dichterische Form, damit, wenn's die Menschen einst finden, sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben; es ist ein schöner Scherz, aber nehm's nur nicht für Scherz, es ist mein Ernst, denn warum sollten wir nicht zusammen denken über das Wohl und Bedürfnis der Menschheit. Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht, was andre nicht überlegen, als weil's der Menschheit fruchten soll; denn alles, was als Keim hervortreibt aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten, daß es endlich Frucht bringe; ich wüßte also daher nicht, warum wir nicht mit ziemlicher Gewißheit auf eine gute Ernte rechnen könnten, die der Menschheit gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. – Ach Gott, ich schlaf gar nicht mehr, gute Nacht; alleweil fällt mir ein, unsre Religion muß die Schwebe-Religion heißen, das sag ich Dir morgen.

Aber ein Gesetz in unserer Religion muß ich Dir hier gleich zur Beurteilung vorschlagen, und zwar ein erstes Grundgesetz. Nämlich: Der Mensch soll immer die größte Handlung tun und nie eine andre, und da will ich Dir gleich zuvorkommen und sagen, daß jede Handlung eine größte sein kann und soll. – Ach hör! – ich seh's schon im Geist, wenn wir erst ins Radschlagen kommen, was wird das für Staubwolken geben. –

Wer nit bet, kann nit denken,

das laß ich auf eine erdne Schüssel malen, und da essen unsre Jünger Suppe draus. – Oder wir könnten auch auf die andre Schüssel malen: Wer nit denkt, lernt nit beten. Der Jud kommt, ich muß ihm eilig unsere Weltumwälzung in den Sack schieben; auch wir werden einst sagen können, was doch Gott für wunderbare Werkzeuge zum Mittel seiner Zwecke macht, wie die alt Nonn in Fritzlar. Siehst Du den St. Clair? – grüß ihn.

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