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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Ich hab mir's nicht gedacht, daß ich so sein könnt in diesen schönen Tagen. In Deinem Brief, Zeile für Zeile, lese ich nichts Trauriges, und doch macht er mich schwer. – Du redest von Dir, als seist Du anders wie ich, ganz anders, ach, und stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenüber, und alles, was wir miteinander besprachen, da waren wir nicht eins, Du warst anders gesinnt und ich anders, und doch hast Du mich immer vertreten; ja gewißlich, ich bin anders wie Du, ich fühl's auch heut aus jeder Zeile Deines Briefs, die mir doch so wahr sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten. Wie ist doch jeder Mensch ein groß Geheimnis, und bis alles ins Himmlische sich verwandelt, wieviel bleibt da unverstanden. Aber ganz verstanden sein, das deucht mir die wahre alleinige Metamorphose, die einzige Himmelfahrt. – Im Gartenhäuschen, wo wir vorm Jahr um die Zeit uns zum erstenmal gesehen haben – also ein ganz Jahr sind wir schon gut Freund miteinander???!!! – – – und so könnt ich fortfahren, Zeichen zu machen der Verwunderung, des Stummseins, des Denkens – Seufzens; ja, wenn ich ein Zeichen des Schauderns, der Tränen zu machen wüßte, so könnte ich die Blätter voll der merkwürdigsten Gefühle bezeichnen, denen ich keine Namen zu geben weiß. – Das Geißblatt, das da herabschwankt über die Latten, blüht dies Jahr viel üppiger. Weißt Du, das war unser erst Wort; ich sagte zu Dir: »Es war ein recht kalter Winter dies Jahr, der Hahnenfuß hat seine meisten Zweige erfroren; die Laube gibt wenig Schatten«; da sagtest Du: »Die Sonne gibt, und die Laube nimmt; was sie nicht fassen kann vom Licht, das muß sie durchlassen zu uns«, und dann sagtest Du, diese Pflanze sei schöner benannt Geißblatt als Hahnenfuß, weil man dabei eine schöne Ziege sich denke, die mit Anmut gewürzige Blumen fresse, und daß die Natur für jedes Geschöpf ein idealisch Leben darbiete. – Und wie die Elemente in ungestörter Wirkung das Leben erzeugen, tragen, nähren und vollenden, so bereite sich im Genuß einer ungestörten Entwicklung abermal ein Element, in dem das Ideal des Geistes blühen, gedeihen und sich vollenden könne. – Und dann sagtest Du, ich solle mich doch weiß kleiden der Natur zulieb, die rund um uns her so herrliche Blumen aussprieße; dabei ein Kleid tragen zu wollen mit gedruckten Blumen, das sei geschmacklos, und man müsse im Einklang leben wollen mit der Natur, sonst könne die Knospe des Menschengeistes nicht aufblühen. – Ich dachte ein Weilchen über Deine Reden, so waren wir beide still – die Antwort war an mir – ich getraute mich gar nicht, Du kamst mir so weisheitsvoll vor; es schien mir Dein Denken wirklich mit der Natur übereinzustimmen, und Dein Geist rage über die Menschen hinaus, wie die Wipfel voll duftiger Blüten im Sonnenschein, im Regen und Wind, Nacht und Tag immer fortstreben in die Lüfte. Ja, Du kamst mir vor wie ein hoher Baum, von den Naturgeistern bewohnt und genährt. Und wie ich meine Stimme hörte, die Dir antworten wollte, da schämte ich mich, als sei ihr Ton nicht edel genug für Dich. – Ich konnt's nicht heraussagen, Du wolltst mir helfen und sagtest: »Der Geist strömt in die Empfindung, und die geht aus allem hervor, was die Natur erzeugt; der Mensch habe Ehrfurcht vor der Natur, weil sie die Mutter ist, die den Geist nährt mit dem, was sie ihm zu empfinden gibt.« – Wie sehr hab ich an Dich gedacht und Deine Worte und an Deine schwarzen Augenwimpern, die Dein blau Aug decken, wie ich Dich gesehen hatt zum allerersten Mal, und Dein freundlich Mienenspiel und Deine Hand, die mein Haar streichelte. Ich schrieb auf: Heut hab ich die Günderode gesehen, es war ein Geschenk von Gott. – Heut lese ich das wieder, und ich möcht Dir alles zulieb tun, und sag mir's lieber nicht, wenn Du mit andern Menschen auch gut bist. Das heißt: sei mit andern, was Du willst; nur laß das uns nichts angehen. Wir müssen uns miteinander abschließen; in der Natur, da müssen wir Hand in Hand gehen und miteinander sprechen nicht von Dingen, sondern eine große Sprache. Mit dem Lernen wird nichts, ich kann's nicht brauchen, was soll ich lernen, was andere schon wissen, das geht ja doch nicht verloren, aber das, was grad nur uns zulieb geschieht, das möcht ich nicht versäumen, mit Dir auch zu erleben, und dann möcht ich auch mit Dir all das überflüssige Weltzeugs abstreifen, denn eigentlich ist doch nur alles comme il faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die große Stimme der Poesie in uns, die weist die Seele auf alles Rechte an. Einmal ist mir die Höflichkeit zuwider, die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat; als ob das unhöflich wär, dem auszuweichen, der einem nichts angeht; – wär die Natur so verkehrt, so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind, es könnt kein Erdapfel reifen, viel weniger denn ein Baum blühen; alles ist die reine Folge der Großmut in der Natur, jede Kornähre, die den Samen doppelt spendet, gibt Zeugnis. Engherzigkeit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht, sie verkeimt. Jetzt fang ich an zu fühlen, zu was ich da bin. Alle Morgen bet ich, wenn ich aufwache: »Lieber Gott, warum bin ich geboren«, und jetzt weiß ich's – darum daß ich nicht so unsinnig sein soll, wie die andern sind, daß ich den reinen Pfad wandle in meinem Herzen bezeichnet, für was hätt ihn der Finger Gottes mir eingeprägt und meine fünf Sinne in die Schule genommen, daß ein jeder ihn buchstabieren lerne, wenn es nicht wär, diesen Weg zu bekennen. – Ja, man muß dem Menschen Weisheit zumuten und sie ihm als den einfachen Weg der Natur vorschreiben, aber das Verleugnen eines großen mächtigen Weltsinnes in uns ist immer Folge unseres Sittenlebens mit andern; das hängt sich einem an, daß man keinen freien Atemzug mehr tun kann, nicht groß denken, nicht groß fühlen aus lauter Höflichkeit und Sittlichkeit. Groß handeln, das dank einem der Teufel, das müßte von selbst geschehen, wenn alles natürlich im Leben zuging. Es ist eine Schande, was die Menschen alles mit dem Namen Großmut belegen, als ob nicht ein rasches selbsttätiges Leben immer das als elektrisches Feuer ausströmen müsse, was man große Handlung nennt. – Das mühselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern, es versteht nicht das Stöhnen der Liebe, das muß ich sagen, weil die Nachtigallen so süß stöhnen über mir. Vier Nachtigallen sind's, auch im vorigen Jahr waren's vier. Ja, lieben werd ich wohl nie, ich müßt mich vor den Nachtigallen schämen, daß ich's nicht könnt wie die. – Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust, in die Musik – und in einen Ton hinein, so rein, so unschuldig – so wahr und tief – was keine Menschenseele weder durch die Stimme noch durch das Instrument hervorbringen kann. Warum doch der Mensch erst singen lernen muß, während die Nachtigall es so rein, so ganz ohne Fehl versteht, tief ins Herz zu singen; ich hab noch gar keinen Gesang gehört von Menschen, der mich so berührt wie die Nachtigall – eben dacht ich, weil ich ihnen so tief zuhör, ob sie mir wohl auch zuhören wollten, wie sie eine Pause machten; kaum heb ich die Stimm, da schmettern sie alle vier zusammen los, als wollten sie sagen, lasse uns unser Reich. Arien, Operngesänge sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen Welt, es ist die Deklamation einer falschen Begeisterung. Doch ist der Mensch hingerissen von erhabner Musik; warum nur, wenn er nicht selbst erhaben ist? – Ja, es ist doch ein geheimer Wille in der Seele, groß zu sein. Das erquickt wie Tau, den eignen Genius die Ursprache führen zu hören – nicht wahr? – Oh, wir möchten auch so sein wie diese Töne, die rasch ihrem Ziel zuschreiten, ohne zu wanken. Da umfassen sie die Fülle, und dann in jedem Rhythmus ein tief Geheimnis innerlicher Gestaltung, aber der Mensch nicht. Gewiß, Melodien sind gottgeschaffne Wesen, die in sich fortleben, jeder Gedanke aus der Seele hervor lebendig; der Mensch erzeugt die Gedanken nicht, sie erzeugen den Menschen. – Ach! Ach! Ach! – da fällt mir ein Lindenblütchen auf die Nas – und da regnet's ein bißchen; was schreib ich doch hier dumm Zeug hin und kann's kaum mehr lesen, jetzt dämmert's schon stark – wie schön doch die Natur ihren Schleier ausbreitet – so licht, so durchsichtig – jetzt fangen die Pflanzenseelen an umherzuschweifen und die Orangen im Boskett. Und der Lindenduft – es kommt Well auf Well herübergeströmt – es wird schon dunkel – Nachtigallen werden so eifrig – sie schmettern recht in die Mondstille; – ach, wir wollen was recht Großes tun – wir wollen nicht umsonst zusammengetroffen haben in dieser Welt – laß uns eine Religion stiften für die Menschheit, bei der's ihr wieder wohl wird – ein Sein mit Gott – dein Mahomed hat's mit ein paar Ritt in den Himmel auch zuwege gebracht. – Ein bißchen Spazierenreiten in den Himmel.

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