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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Vor ein paar Jahren wohnte hier nebenan in dem jetzt leerstehenden Haus ein Mann, der war aus der Fremde gekommen, ich glaub, es war die Schweiz, der tat Wunder mit seiner Willenskraft; bei Tisch war viel die Rede, er könne mit seinem Blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen, daß die ihm dann über ihre Krankheit im Schlaf mitteilen, wie man sie heilen könne, und daß sie auch hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit, beim Erwachen aber nichts mehr davon wissen – dieser Mann hatte mir was Geheimnisvolles, da die Leute so unheimlich von ihm sprachen. Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnt ich in seinen Garten sehen, wo er im Mondschein auf und ab wandelte; er kam auf mich zu und reichte mir ein paar Erdbeeren über die Wand und sagte: »Esse sie mit Bedacht und koste sie recht, so hast du mehr davon, als wenn du einen ganzen Korb voll unbedachtsam ißt.« – Ich stieg von der Bank mit meinen Erdbeeren und aß eine nach der andern, verwundert über den freundlichen Mann. Und am andern Tag, wie ich ihn im Garten wandeln sah, ging ich wieder hin; er kam und reichte mir die Hand, die hielt ich fest und sagte: »Die Erdbeeren hab ich geschmeckt.« – »So? – Nach was schmecken sie denn?« – Nach schönem Wetter und ganz fruchtbarem Erdboden. – Dem Mann gefiel die Antwort, er sagte: »Jetzt ist's zu dunkel, aber morgen bei Tag nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von einer Blume und halte es so, daß die Sonnenstrahlen durchschimmern, da wirst du eine Menge Gefäße drin erkennen, die vom Licht durchströmt sind; so ist es auch mit deinem kleinen Kopf, er ist geeignet, daß das Licht leichtlich durchströme und dich reife, daß du auch dann schmeckst wie die Erdbeere, nach schönem Wetter, nach Sonnen- und Mondstrahlen.« – Ich sagte ihm, daß ich gehört habe, er schaue mit seinem Willen in die Menschen, daß sie denken müssen, was er wolle. – Er sagte: »Ja, ich will immer, daß sie die Wahrheit denken von sich – und da folgen sie ganz leicht, weil es ihrer Natur gemäß ist; von dir will ich auch, daß du die Wahrheit denkst, die dir gemäß ist; wenn du dem folgst, wirst du so manches in dir erleben, was dir vollauf genügt.« – Ich redete noch mehr mit ihm – er sagte ein paarmal: »Du tust recht wunderliche Fragen, aber ich muß immer ja dazu sagen, denn sie sind wahr.« Er ehrte mich noch mit manchen freundlichen Lehren, ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehört, er war wenige Tage darauf weggezogen, man wußte nicht wohin. – Es wurde noch mancherlei von ihm gesprochen, als sei er ein Betrüger; ich nahm mir das nicht an, ich hielt am Wort, was er mir gesagt hatte, daß die Sonne und Mond mich wollten wohlschmeckend machen, obschon es mir beinah so ging wie den andern, die beim Erwachen nichts mehr wissen; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen, was ich mir doch gewiß vorgenommen hatte, nicht zu vergessen. Aber wenn mir so Gedanken kommen, die mich belehren, da denk ich manchmal auf den Mann zurück; ich möchte sie zwar gern behalten oder aufschreiben, aber sie ziehen mich immer weiter, und um den nächsten nicht zu versäumen, muß ich den früheren aufgeben; so ist's, daß ich nicht anders kann; es muß doch so in der Natur des Lichts liegen, was den Menschen durchströmt und ihn nährt, wie die Sonnenstrahlen die Pflanze – daß das frische Licht immer das frühere verdrängt wie im Strom eine Welle die andere; so mag es denn hingehen, daß ich kein Buch schreiben kann wie der Clemens will; ich müßt ein Herbarium machen und sie trocknen, daß ich sie könnt nebeneinander hinlegen; unterdessen würden so manche Blumen verblühen, das will ich nicht; weil ich aber auf Dich gerichtet bin, fliegen so manche Gedanken auf zu Dir von selbst. Ja, sie kommen sogar zwischen uns, wenn ich mit Dir bin. Du bist eben gar nicht wie ein Mensch, der mich fassen und halten will, Du bist wie die Luft, der Sonnenstrahl fährt nieder durch Dich in meinen Geist, so hell bist Du.

Die Eule, die Jungfer Salome, der weise Meister im Abendschein, eine Vision des Philistertums, in dessen Geist sie versammelt waren.

In der Bibliothek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden; der blecherne lackierte Kerl, der heut aus Homburg herüberkam, der G.r.g., der die Welt durchs Perspektiv beguckt, um alles zu durchschauen (zufällig passiert nichts vorm Guckloch), erklärt den Stein für antik; sonst wollt die Großmama mir ihn schon schenken für Dich. – Daphnis vom Apoll verfolgt, wurzelt fest mit der flüchtigen Sohle und sprießt in Lorbeer auf. Das paßt so schön auf Dich. Dein Schicksal, Du siehst's vor Augen. Geliebt, verfolgt, umfangen vom Gott der Musen und dann ewig immerdar goldne Keime aufschossend und der Dichter reiner Orden, der Dich umwandelt, mit Dir sich zu berühren, das ist kein Philistertum; solche, Geschicke, wie heilige Gefäße, umfaßten ein Menschenleben zur Zeit der Griechen. (Ist mir doch, als spräch ich mit Deinen Lippen.) Aber heut! aber ich – Mein Kopf ein Feld, das brachliegt – ich wandle zwischen Hecken, seh jede Erdscholle benutzt, der Salatkopf in der Mitt, die Bohnenstangen oben drüber, und mir bangt, daß ich nicht angepflanzt bin; ich denk, daß Du Dir Müh gibst mit mir, daß es nichts hilft. Nachts denk ich als, wenn die Sonn aufgeht, will ich lernen; am Tag wollt ich, die Nacht käm doch, daß ich allein wär und könnt mich selbst verstehen, ich armes Käuzlein kleine.

Und stiftete das große medopersische Reich. – Da sind wir geblieben, da hab ich ein groß Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem Rachen; fräß es doch die ganze alte Geschichte mitsamt dem Arenswald auf. Ich war so froh über die Pfingsttage – eine ganze Woche war er ausgeblieben, ich hatte mich so schön entwöhnt! – Die Perser, von den Griechen Cephonen genannt, von Cepheo, dem Sohn Belli, dessen Tochter Andromeda Perseus, der Sohn Jupiters und der Danae, geehelicht; ich glaub, der Kerl hat gefautelt, ich mein den Geschichtslehrer. Wird ein Götterjüngling ein Philister sein und ehelichen. Indes meldet Arenswald einen Sprößling dieser Ehe, der das Cephonenland beherrscht unter dem Namen Persien; Cyrus vereint's mit Medien, erobert Babylon, Kleinasien, bleibt in der Schlacht gegen die Königin der Masageten. Ich frag gar nicht mehr, wer und woher – wer kann das Volk all im Kopf behalten. – 3458, Cambyses erobert Ägypten, bekriegt die Äthioper, der Magier Smerdis schwingt sich auf den Thron und hätt das Land bezaubern können; die Großen des Reichs, zu eselhaft, von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen, entthronten ihn durch Mord. – 3462, Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr, erobert Thrazien, Mazedonien, Indien. – Sein Sohn Xerxes bezwingt Ägypten im Aufruhr, zieht gen Griechenland, wird besiegt – heimkehrend ermordet. Artaxerxes schließt Frieden; sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn, wird vom II. Xerxes unterjocht; Sogdian aber mordet seinen Bruder Xerxem; Ochus aber mordet seinen Bruder Sogdian, beherrscht als II. Darius Persien; der zweite Artaxerxes aber mordet seinen Bruder Ochus, zerstört das Reich; der dritte Artaxerxes aber mordet seine Brüder alle, erobert Ägypten; Togoas aber ermordet den III. Artaxerxem. – Togoas aber mordet dessen Sohn Aestes und den größten Teil der königlichen Familie, damit's gleich in einem hingeht (Bemerkung des Lehrers); der Statthalter aber mordet den letzten Königssprößling Darius Codomanus. Zweihundertfünfundzwanzig Jahre bestand die Fürstenschlachtbank von Persien. Alexander kommt und beherrscht's 3654. – Der Lehrer sieht mir den Ärger über seine lederne Geschichte an, reißt aus; Gott weiß, wie's zuging, daß die Tür seine Hosen faßte, es blieb ein Fetzen dran hängen; jetzt muß ich ihm für seine Mordlitanei noch eine Gratifikation geben, damit er sich ein Paar neue kaufen kann. – Clemens verfolgt mich mit Bitten, daß ich Bücher oder Verse oder Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Kloster aufschreiben soll. – Da hast Du seinen Brief. – Der Abgrund der vermoderten Geschichte unter mir, der unerreichbare Sternenhimmel über mir – und nachts Gedanken, die mir den Kopf zerbrechen.

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