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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst, wo ich am Weg sitze, und streust mir Salz auf mein trocken Brot. – Ich hab Dich lieb! pfeif in der schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster, und ich reiß mich aus meinem mondhellen Traum auf und geh mit Dir. – Deine Schellingsphilosophie ist mir zwar ein Abgrund; es schwindelt mir, da hinabzugehen, wo ich noch den Hals brechen werd, eh ich mich zurechtfand in dem finstern Schlund, aber Dir zulieb will ich durchkriechen auf allen vieren. – Und die Lüneburger Heid der Vergangenheit, die kein End nimmt, mit jedem Schritte breiter wird; – Du sagst im Brief, der mir zulieb so lang geschrieben ist, sie sei mir notwendig zum Nachdenken, zur Selbsterkenntnis zu kommen; ich will nicht widersprechen! – Könntest Du doch die neckenden, grausenerweckenden Gespenster gewahr werden, die mich in dieser Geschichts-Einöde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahinwallest, und mir die Zaubergärten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre tausendfarbigen Schatten aufnehmen. – Tut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mammutsknochen der Vergangenheit ausspeit und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht blühen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. – Indes brennt mir der Boden unter den Füßen, um die Gegenwart, um die ich mich bewerben möcht, ohne mich gerad erst der Vergangenheit auf den Amboß zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du sprichst von meinem Wahrnehmungsvermögen mit Respekt; hab ich's aus der Vergangenheit empfangen, wie Du meinst? Wenn ich Dich nämlich recht versteh, so weiß ich's doch nicht, wie's zuging. – Ist's der Genius, der dort herübergewallt kommt? – das willst Du mir weismachen! – feiner Schelm! – Mein Genius, der blonde, dem der Bart noch nicht keimt – sollte aus dem Schimmel herausgewachsen sein wie ein Erdschwamm! – Wahrlich, es gibt Geister, die drehen sich um sich selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin, sie tanzen auf dem Platz, Taumeln ist ihr Vergnügen; der meinige ist ganz berauscht davon, ich lasse mich taumelnd dahintragen. Der Rausch gibt Doppelkraft, er schwingt mich auf, und wenn er mich auch aus Übermut den vier Winden preisgibt, es macht mir nicht Furcht, es macht mich selig, wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der Luft! – und dann komm ich doch wieder auf gleiche Füße zu stehen, mein Genius setzt mich sanft nieder – das nennst Du schlafen in träger Luft, das nennst Du feige? – ich bin nicht feige; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken, meinst Du – und daß ich dann lieber schlafe, meinst Du, – ach, Gott! – Denken, das hab ich verschworen, aber wach und feurig im Geist, das bin ich. – Was soll ich denken, wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunkeln; wie kann ich sie an den Morgen knüpfen, der mit mir vorwärts eilt? – Das ist die Gegenwart, die mich mit sich fortreißt ins ungewisse Blaue, ja ins Ungewisse, aber ins himmlische, blonde, goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen, der die Rosse gewaltig antreibt, und weiter nichts. Aber Abend fängt mich auf in seinem Schoß, sinnend lieg ich ein Weilchen, lausch in die Ferne! größere Helden deucht mir da auf der vollen Heerstraße der Geschichte am heutigen Tage ihre mutigen Rosse tummeln zu hören; ja, ich will, ich möcht hin, das Banner vor ihnen hertragen; wie wollt ich mich des Lüftchens freun, das drin flattert, wie wollt ich mich der eignen Locken freun, die getragen im jauchzenden Galopp mich umspielen mit leisem Schlag auf meine Wangen, wie kühn ins Leben hineingejagt, wie rasch hinter ihm drein, über die Heid! – Wie lustig! aufwärts, vorwärts, hinab durch den Dampf. – Der auf dem Berg winkt, sein Aug ruht auf mir, seine Trommeln lenken, seine Trompete ruft! – und dann in der Nacht – vor seinem Zelt! – und schlaf fest, denn er, der Zeiten Genius, weckt zur rechten Stund, und im Schutz seines Gefieders schau ich die Gefilde ihn überwallen, die Völker wecken, sie anglühn mit seinem Feuerblick, daß sie freudig Hochzeit machen mit dem Tod, auf lorbeerumsproßten Bett; – nun, Kamerad, willst Du mit? Heute hat die Vergangenheit ausgespien, so kurz wie möglich, denn ich saß ihr auf dem Dach, das assyrische Reich von Asser gleich nach dem babylonischen Reich gestiftet; das Wort ›gestiftet‹ macht mir immer Zerstreuung, vom Kloster her noch, wo ich so oft hab vorlesen müssen, der heilige Bonifacius stiftete den heiligen Orden der Benediktiner, oder der Antonius von Padua oder Franciscus etc.; es gemahnt mich an jene Kämpfe, die diese heiligen Feldherrn mit der Legion Teufel zu bestehen hatten, und da denk ich mir gleich alle Völker, mit denen sie im Kampf waren, gehörnt, mit Bocksfüßen, feuerspeiend und pestilenzialischen Gestank verbreitend, den mir die Vergangenheit herüberweht. – Die heiligen Assyrer aber in Kutten, die ihnen das Kämpfen erschweren. – Ich denk, ich denk – alle Teufel, unterdes Ninus der Eroberer von Mittelasien herüberwitscht, Ninive, die Hauptstadt von Assyrien, erbaut, mit Tod abgeht, seinem kriegs- und baulustigen Weib Semiramis noch ein Stück Babylonien zu bauen übrigläßt, worauf sie glänzende Feldzüge macht; – das alles versäumt über dem Kloster und Waldteufel samt heiligen Ordensmännern. – Durch Winkelzüge und Fragen kriegt ich's aus dem Lehrer noch heraus, daß weiter nichts passiert war. Über der Geschichte der Semiramis hat Vergangenheit so dicken Schimmel wachsen lassen, daß sie noch eben mit dem blauen Aug der Unsterblichkeit ihres Namens davonkommt, sonst wüßten wir gar nichts. In der Folge beherrschten die Meder Assyrien; es machte sich wieder frei, bis der Babyloner, König Nabopolasar, (unter welchem ich mir einen Zentaur denk, der Silbenfall seines Namens hat etwas Ähnliches mit dem Galopp eines leichten arabischen Renners) es erobert und mit den Persern teilt. – Damit hat die Vergangenheit für heute noch nicht genug, sondern meldet ferner: Die älteste Geschichte der Meder ist unbekannt; Arbazes, ihr Statthalter, befreit sie durch Überwindung des Sardanapals vom assyrischen Joch im Jahr der Welt 3108, genau gemessen, des Lehrers Phantasie erstreckt sich lediglich aufs Jahr der Welt. Dejozes erbaut Ekbatana (lies Tians Offenbarungen über diese herrliche Stadt). – Astyaches (wo kommt der her?) vermählt seine Tochter dem Perserkönig Kambyses, dessen Sohn Cyrus seinen Großvater vom Thron stieß (der also zu lang sitzen geblieben war) – er vereinigt Medien, Assyrien und Persien und stiftet das große Medopersische Reich, der Jud Hirsch vom Geschlecht Esau streckt seine rauhe Hand herein, es in Besitz zu nehmen; er wird's unterjocht halten in seinem alten Sack, bis Du's befreist; schmeißt Du's ins Ofenloch mit dem alten Papier, so bringst Du mich um einige schwer eroberte Vergangenheit.

Schreib vom Märchen. –

Schreib dem Clemens nichts von mir, sag ihm nur nichts von meiner Ausgelassenheit, er meint gleich, ich wär besessen, er tut mir tausend Fragen, er ist ganz verwundert, daß ich so bin, er forscht, er sucht eine Ursach und frägt andre Leut, ob ich verliebt sei, wo ich doch nur im heiligen Orden meiner eignen Natur lebe. Zum Beispiel, wenn er wüßte, daß ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag sitz und der untergehenden Sonne auf dem Flageolett vorblase, würde er's gutheißen? – Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts versagen. – Red nichts von mir, laß die Leute bei ihrer herzlich schlechten Meinung von mir, es ist meine beste Freud; ich geh mit meinem Dämon um, der sagt: Du sollst dich nicht verteidigen. – Ich tu, was er will, alles andre ist mir einerlei; einmal hab ich Visionen von ihm; so gut ward's der Psyche nicht, sie sah doch nicht seinen Widerschein, denn es war stockfinstre Nacht um sie, ich aber, wenn ich's im Herzen fühl, so seh ich's auch, was mich entzückt, warum ich leben mag, himmlisch feucht Leben im Jugendstrahl, vortretend, ein bißchen auf die Seit geneigt, steht er immer vor mir, nicht den Blick mir gerade zuwendend, nein, bescheiden zeigt er sich in meiner Brust, der Gott, dem ich mich einschmeichle, mit süßen Tränen, der mich morgens vom Lager schüttelt, wo's kaum tagt, ich soll mich aufmachen, vielleicht begegne ich ihn bei Tagesanbruch; so eil ich flüchtig vorwärts, ich fühl mich schön im Herzen, ich fühl meine Schönheit, mein Geist ist ein Spiegel, der ist voll himmlischem Reiz – jeder Tautropfen am Weg sagt mir, ich gefalle meinem – ihm, was braucht's mehr, wem sollt ich noch gefallen wollen außer ihm? – Nein, glaub's doch nur, er ist wirklich! er schreitet so leicht, er entschwindet mit jedem Tritt, aber er ist gleich wieder da! – Wie sich das Licht im Auge spiegelt, mich blendend deckt es sich im Schatten, dann faßt es wieder Licht, dann schwindelt's, es sieht den Strahl vorschweben, doch leuchtet der fernhin wieder auf, das Auge sucht ihn, es hat ihn schon gefunden, dann schließt sich's und siehet innerlich, das ist ein still Genießen. – Oh, ich weiß alles! – ich weiß zu lieben, aber nur den Genius. – Keiner darf wissen das Geheimnis, was sich im Feuerkreis um mich schwingt. – Wenn ich so dasteh, still – mit geschlossenen Armen. – Und der Blick, den nennt die Großmama starr; – »Mädele, was starrst, – sollt man glauben, du wärst außer der Welt entrückt.« – Ich fuhr auf – da lacht sie. – »Gutes Kind, wo bischt? – bischt beim Schutzengel?« – und zieht meine Hand an ihre Brust – »so sagen die Schwaben, wenn einer so in sich verstummt.« – Ich wollt's bejahen und konnt doch nicht. – Der ruft mir: Schweig! – und sollt ich einen Laut tun? – ? Nein, er sagt: Schweig! das schließt mir den Mund auf ewig. – Ewig, Günderod. – Du bist der Widerhall nur, durch den mein irdisch Leben den Geist vernimmt, der in mir lebt; sonst hätt ich's nicht, sonst wüßt ich's nicht, wenn ich's vor Dir nicht ausspräch. – Dem Clemens sag nichts, daß ich brav studier, wie's vom Himmel regnet, und daß nichts dabei herauskommt, das sage auch, aber von mir – von uns sag nichts. Er braucht's nicht zu wissen, daß wir so himmlische Kerle sind, heimlich miteinander, wo er nicht dabei ist und keiner. Schau auf, Günderod, gleich wird ein himmlischer Tänzer aus den Kulissen hervorschweben. Tanz ist der Schlüssel meiner Ahnungen von der anderen Welt. Er weckt die Seel, sie redt irr wie ein Kind, was in Blumenlabyrinthen sich verliert; da schwankt's Kindchen, und die Ärmchen streckt's aus, nach blühenden Zweigen, weil's taumelt, weil's so lang im Kreise sich drehte; – und schaut's auf, da steht der Mond über ihm und sänftigt den Schwindel – mit angehaltnem, stillem Blick; an dem erholt's sich wieder. – Was meinst Du, was ich Dir da vorschwindel und muß die Tränen verbeißen? – Ich mein als, ich könnt die ganz Welt auf die Welt bringen mit meinem Mund, wenn der nur sprechen wollt, wie's Gott ihm auf die Zung legt, aber wenn sie heraus damit soll, dann stockt sie. Aber dabei bleibt's, wir mögen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen, wir wollen's einander alles still verborgen abhören, nicht wahr? – wie auf der grünen Burg im Abendrot, wo wir im Feldgraben lagen; da war ich freudig mit der Zung, da war's immer, als wär einer hinter mir, der mir's einflüstre; Du frugst, was ich mich denn umdreh so oft? – ich sagt: hinter mir tanzt's – denn ich wollt nicht sagen: spricht's; denn es war mehr so getanzt und flüchtig geschwungen im Kreis, Nymphen, die sich bei der Hand hielten, hinter den drei großen Zypressen hervor, schmiegten sich anmutig, die Füßchen zusammen und die Köpfchen; Du gucktst mich an und sagtest: sei kein Narr! – haha, ich muß lachen – das war zu spät, freilich bin ich ein Narr! – denn was ich Dir da vorplaudre, das ist eine Weise, nach der wird getanzt hinter mir, und so war unser tiefer Philosophentext in die Luft gesprengt, was war's doch? – von der innerlichen Wahrnehmung und von der Anschauung im Geist, ob die verschieden wären und wo sie herkämen, aus der Empfindung oder aus dem Gefühl, und wo diese Quellen sich herleiten, ob links, ob rechts; das alles wolltest Du da im zunehmenden Dämmerlicht aus mir herauspumpen. Schwernot! – das war zu arg, ich möcht Dir heut noch eine Ohrfeig geben drüber – aber das war gerad mein Himmlischstes, daß Du nicht bös geworden bist und hast die geschlagne Wange sanft an mich gelehnt und hast gegirrt wie eine Taube und sagtest: »ja«, wie ich fragte, tut's weh, »aber es tut nichts.« – Hier hab ich's hingeschrieben, denn wenn so viel unnütz Zeug geschrieben steht, so kann auch geschrieben stehen, daß ich Dir eine Ohrfeig gab. – Aber die große schöne Versöhnungsstille über uns – die Dämmerung, die immer breiter ward und größer, und der Nebelvorhang vor dem Weidengang vom Feldberg herab – und der Feuersaum längs dem ganzen Horizont, wie werd ich's vergessen! – erst hingen wir einander im Arm, ganz still, und dann lag ich quer über Deinen Füßen; so dacht ich, Du schläfst, weil ich Dich hart atmen hörte, und wollt eben auch einschlafen. – Da fingst Du an zu reden (da hast Du's in Musik gesetzt):

Liebst du das Dunkel
Tauichter Nächte,
Graut dir der Morgen?
Starrst du ins Spätrot,
Seufzest beim Mahle,
Stößest den Becher
Weg von den Lippen,
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
Schlachtengetümmel,
Welken dir Blumen
Schneller am Busen,
Als sie sonst welkten,
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen –

Ach, Du stocktest. Das hab ich meiner Ungeduld zu danken – zu hören, nein, zu fühlen Deinen süßen Wörtertanz, wie er sich mit vollem Busen sanft hinablehnte zu den Wellen, die ihn umfassen wollten und kühlen. – Ich konnt's nicht erwarten, daß Du weitertanztest Deiner Seele Tanz. – Und da war's vorbei: da macht ich einen Vers dazwischen, um Dich in Trapp zu bringen, Du sagtest: »Geh, du Esel« – da war's aus. – Ach, wieviel Melodien hab ich auf diesen Vers gesungen, alle Stimmungen hat er müssen aufnehmen; heut noch längs der Gartenwand schlug ich mit einem Stock ans Eisengitter, das dröhnte mir im Herzen wider, als wär's Herzpochen, und sang dazu so kühn, so laut, so schreivoll, als stünd mein Herz mitten in Flammen und eilte sich mit Pochen über alle Maßen. Weißt Du nicht weiter zu singen, was passiert, wenn sich das Blut pochend zum Herzen drängt? – oder willst mir's nicht sagen? – ich bin Dir dazu auch noch zu jung? – wenn du das meinst, dann will ich Dir beweisen, daß ich weit drüber hinausgreif und daß ich mehr weiß als viele, denen das Herz schon gepocht hat wie mir nicht. – Einmal erregt sich das Herzpochen durch Anlächeln – das hab ich aus eigner Wahrnehmung; gestern abend erst auf der Bank vor der Hoftür, da saß ich – es war elf Uhr, alles schlief, beim Nachbar brannte ein Nachtlämpchen.

Adieu, schlaf recht wohl, denn es ist elf Uhr, alles schläft wieder; ich will wieder mich auf die Bank setzen vor die Hoftür; es ist Vollmond, geht gleich auf, will ihn steigen sehen. Gute Nacht.

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