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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer, daß er Dir möglichst kurz die Physiognomien der Völkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du weißt jetzt, daß Ägypten mit Babylonien, Medien und Assyrien im Wechselkrieg war; fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung sein. Regsam und zu jeder Aufgabe kräftig – waren ihre Unternehmungen für unsre Fassungsgabe beinah zu gewaltig; sie zagten nicht, bei dem Beginn das Ende nicht zu erreichen, ihr Leben verarbeitete sich als Tagwerk in die Bauten ihrer Städte, ihrer Tempel; ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in ihren Plänen, das wenige, was wir von ihnen wissen, gibt uns den Vergleich von der Gewalt ihrer Willenskraft, die stärker war, als die jetzige Zeit zugibt, und leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein könnte, wenn sie fort und fort wüchse, im einfachen Dienst ihrer selbst. Es ist mit der Seelennatur wohl wie mit der irdischen, ein Rebgarten, auf einen öden Berg gepflanzt, wird die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen; so auch wird die Seele auf Deine Sinne wirken, die vom Geist durchdrungen den Wein Dir spendet der Kunst oder der Dichtung oder auch höherer Offenbarung. Die Seele ist gleich einem steinichten Acker, der den Reben vielleicht gerade das eigentümliche Feuer gibt, verborgne Kräfte zu wecken und zu erreichen, zu was wir vielleicht uns kein Genie zutrauen durften. Du stehst aber wie ein lässiger Knabe vor seinem Tagwerk, Du entmutigst Dich selbst, indem Du Dir den steinichten Boden über den Dorn und Distel ihren Flügelsamen hin und her jagen, nicht urbar zu machen getraust. Unterdes hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte Steppe gebettet, der aufgeht, um tausendfältig zu prangen. – Dein scheuer Blick wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen. Du gehst trutzig an Deiner eignen Natur vorüber, Du dämpfst ihre üppige Kraft mit mutwilliger Verschwörung gegen ihren Wahrnehmungsgeist, der Dir's dann doch wieder über dem Kopf wegnimmt, denn mitten in Deiner Desolationslitanei sprühst Du Feuer, wo kommt es her? – haben Dich die Erdgeister angehaucht? – fällt Dir's vom Himmel? – schlürfst Du's mit der Luft in Dich? – ich weiß es nicht, soll ich Dich mahnen, soll ich Dich stillschweigend gewähren lassen? – und vertrauen auf den, der Dir's ins Gesicht geschrieben hat? ich weiß es wieder nicht. – Ich möchte wohl, aber dann wird mir zuweilen so bange, wenn ich, wie in Deinem letzten Brief, das Vermögen in Dir gewahr werde, wie das lässig in sich verschränkt keinen Mucks tut, als ob der Schlaf es in Banden halte, und wenn's sich regt, dann ist's wie im Traum, nur Du selber schläfst um so fester nach solchen Explosionen! – Ob ich recht tue, Dir so was zu sagen? – das quält mich auch; man soll den nicht wecken, der während dem Gewitter schläft! – Du kommst mir nun immer vor, als entlüden sich elektrische Wolken über Deinem verschlafenen Haupt in die träge Luft, der Blitz fährt Dir in die gesunkne Wimper, erhellt Deinen eignen Traum, durchkreuzt ihn mit Begeisterung, die du laut aussprichst, ohne zu wissen, was Du sagst, und schläfst weiter. – Ja, so ist's. Denn Deine Neugierde müßte aufs höchste gespannt sein auf alles, was Dir Dein Genius sagt, trotzdem daß Du ihn oft nicht zu verstehen wagst. Denn Du bist feige – seine Eingebungen fordern Dich auf zum Denken; das willst Du nicht, Du willst nicht geweckt sein, Du willst schlafen. Es wird sich rächen an Dir – magst Du den Liebenden so abweisen? – der sich Dir feurig nähert? – ist das nicht Sünde? – ich meine nicht mich, nicht den Clemens, der mit Besorgnis Deinen Bewegungen lauscht, ich meine Dich selbst – Deinen eignen Geist, der so treu über Dir wacht und den Du so bockig zurückstößt. – Je näher die Berge, je größer ihr Schatten, vielleicht daß Dich die Gegenwart nicht befriedigt; was uns näher liegt, wirft Schatten in unsre Anschauung, und daher ist gut, daß der Vergangenheit Licht die dunkle Gegenwart beleuchte. Darum schien mir die Geschichte wesentlich, um das träge Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen; in ihr liegt die starke Gewalt aller Bildung – die Vergangenheit treibt vorwärts, alle Keime der Entwicklung in uns sind von ihrer Hand gesäet. Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit, die in dem Menschengeist wogt, die andere ist die Zukunft; daher kömmt jede Gedankenwelle, und dorthin eilt sie! Wär der Gedanke bloß der Moment, in uns geboren? – Dies ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er zu Dir heran durch die Vergangenheit, die eilt in die Zukunft hinüber, sie zu befruchten; das ist Gegenwart, das eigentliche Leben; jeder Moment, der nicht von ihr durchdrungen in die Zukunft hineinwächst, ist verlorene Zeit, von der wir Rechenschaft zu geben haben. Rechenschaft ist nichts anders als Zurückholen des Vergangenen, ein Mittel, das Verlorne wieder einzubringen, denn mit dem Erkennen des Versäumten fällt der Tau auf den vernachlässigten Acker der Vergangenheit und belebt die Keime, noch in die Zukunft zu wachsen. – Hast Du's nicht selbst letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt, wie der Distelbusch an der Treppe, den wir im Frühling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwärmen sehen, seine Samenflocken ausstreute: ›Da führt der Wind der Vergangenheit Samen in die Zukunft.‹ Und auf der grünen Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht schlafen konnten – sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine Stimme töne herüber aus der Vergangenheit, und sein feines Pfeifen sei der Drang, in die Zukunft hinüberzueilen. – Unter dem vielen, was Du in jener Nacht schwätztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten und kann Dir nun auch zum Dessert mit Deinen eignen großen Rosinen aufwarten, deren Du so weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust. – Du gemahnst mich an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur daß ich armes Füchslein ganz unschuldig die flache Schüssel Geschichte Dir anbot; Du aber, Langschnabel, hast Dir mit Fleiß die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbaß und Harmonielehre erwählt, wo ich denn freilich nüchtern und heißhungrig dabei stehe. Den Blumenstrauß hat der Jude Ein Briefbote, der alle Tage von Offenbach nach Frankfurt ging. abgegeben, den Wacholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt; sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadeln sticheln auf ihn. – Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windöfchen in meiner Kammer und alle böse Omen mit; drum sei nicht ungehalten, wenn ich Dir manchmal ein wenig einheize, ich freu mich aufs lustige Feuerchen.

Karoline
 

Sei mir ein bißchen standhaft, trau mir, daß der Geschichtsboden für Deine Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja notwendig ist. – Wo willst Du Dich selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? – Kannst Du Dich nicht sammeln, ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen? – Vielleicht weil, was Du zu fassen hast, gewaltig ist, wie Du nicht bist. – Vielleicht weil der in den Abgrund springt freudigen Herzens für sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit für Zukunft begeistert, während Du keinen Respekt für Vaterlandsliebe hast – vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt für die Wahrheit, während Du Deine phantastischen Abweichungen zu unterstützen nicht genug der Lügen aufbringen kannst, denen Du allein die Ehre gibst, und nicht den vollen, süßen Trauben der Offenbarung, die über Deinen Lippen reifen.

Ob Hofmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand begreifen wird, bin ich begierig zu erfahren. – Wenn er verstehen soll, ob Du recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. – Das ist es eben – die heilige Deutlichkeit – die doch allein die Versicherung uns gewährt, ob uns die Geister liebend umfangen. – Wenn's nur nicht bald einmal aus wird sein mit der Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikalischen Eruptionen und Deinen philosophischen Aufsätzen, und dies alles als erstarrte Grillen in Dein Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen können, ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen. –

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