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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Geld liegt im Pult am großen Spiegel, in der dritten Schublad links; in den andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch; zieh alle Schubladen ganz heraus, ob etwas dahintergefallen ist. Der Schlüssel liegt unter dem Blumenkasten auf der Altan, wo die Kapuzinerblumen stehn; den Apoll halt rein vom Staub, und daß ihm die Fliegen nicht bedippeln mitsamt dem Lorbeerkranz, und vom Stil weiß ich nichts als von Dir; nichts Überflüssiges, nur was zur Sach gehört, sollt ich schreiben. Ich hab meinen Brief verputzt wie beim Apfelbaum, alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen, bis er ganz kahl war. – Man soll von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben; geschrieben kann man nicht ableugnen, so muß man sich zusammennehmen. Der Mensch empfängt den Geist mit Gedanken und Worten; es sind die Gemächer, in denen er ihn beherbergt, die Ehrengewande, die er ihm umlegt; aber die müssen durchsichtig sein und knapp anliegen und die Räume einfach; denn was er nicht ausfüllt, das verbaut ihn. Ich merk als, daß die Menschen sehr dumm sind und fürchterliche Umwege machen ums Zentrum; ja mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein, das wir nur umkreisen, nie berühren. Gestern mußt ich der Großmutter aus dem Hemsterhuis vorlesen, sie sagte: »Das ist ein herrlicher Gedanke«, und legte mir eine Pfeffernuß drauf, da kam mir dieser Gedanke.


Am Montag

Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, eingeklammert hinten und vorn in zwei Faulenzer, Freitag, Samstag am End, Sonntag, Montag am Anfang. – Er unterrichtet mich so, daß ich wahrscheinlich der Zukunft ewig den Rücken drehen werde und so auch um die liebe Gegenwart geprellt wär, wenn die unreifen Aprikosen in der Großmutter Garten nicht meinen Diebssinn weckten, mit dem ich doch für meinen Verstand etwas Handgreiflicheres zu erbeuten gedenke als: ›Die Geschichte Ägyptens ist in den ersten Zeiten dunkel und ungewiß.‹ Das ist ein Glück, sonst müßten wir uns auch noch darum bekümmern; – ›Menes ist der erste König, von dem wir wissen‹ – mir auch recht, wenn wir nur was Gescheutes von ihm erfahren haben. – ›Er erbaute Memphis und leitete den Nil in ein sicheres Bett. Möris grub den See Möris, die schädlichen Überschwemmungen des Nils zu hindern. – Dann folgt Sesostris der Eroberer, der sich selbst entleibte.‹ – Warum? – war er schön? – hat er geliebt? – war er jung? – war er melancholisch? – auf all dies erfolgt vom Lehrer keine Antwort, nur die Bemerkung, er möge wohl eher alt zu denken sein. – Ich demonstriere ihm vor, daß er jung war, bloß um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen, das im Geschichtskot der Langenweil immer steckenbleibt. – Es rumpelte auch noch über den Busiris, der Thebä erbaute, Psamtichus, der die geteilten Staaten unter seine Flügel nahm, dann die Kriege mit Babylonien, Nebukadnezar, dem's der Cambyses, Cyrus' Sohn, wieder abnimmt. Die Ägypter vereinen sich mit Libyen, machen sich wieder frei, kriegen mit den Persern, bis Alexander dem Streit und zu meinem Vergnügen dieser Geschichte ein End macht. – Das ist der Inhalt der ersten Stunde; Du siehst, daß ich aufgepaßt hab. Hätt ich aber den Sporn nicht gehabt, Jagd auf die Langeweile zu machen und Dir zu zeigen, wie unnütz es ist, die Asche, von der die Natur nicht einmal das Salz verbrauchen kann, wieder anzufachen, es gibt doch keine Glut mehr; ich dächte, wir ließen einstweilen die alten Herrscher in ihren Pyramiden fortschimmeln. – Frühling schwellet die Erde, ringsum drängt er die Keime – und grünt in entfallenen Blättern – drängt auch wohl meinen Sinn, berauschet mir schwellend die Lippe, daß in erneuerter Sonne die spröden Hüllen und Knospen meiner Gedanken zerbersten. – Ich war heut morgen im Wald, an der Chaussee schon mit der Morgenröt, die eine Safranbinde um den Wipfel legte, der feuchte Grund wechselte die blauen Vergißmeinnichtbeete mit den goldenen Butterblumen; es war so feucht, so warm, so moosig, es war so brennend im Gesicht und so kühlig am Boden.

Der Tau war so stark, ich war ganz naß geworden; als ich nach Hause kam, da trat mir der Lehrer schon mit dem achtzehnhundertsten Jahr der Welt entgegen, wo Nimrod Babylonien gestiftet. Ich wollte nicht fragen, wer der Nimrod war, aus Furcht, er möcht mir's sagen: und es wär eben auch unnütz, es zu wissen. Wenn nun der Nimrod ein guter Kerl war, um den es schad wär und der mir besser gefallen könnt als die jetzigen Menschen, so wollt ich ihm wohl die Dauer der Unsterblichkeit gönnen; aber der Lehrer jagte gleich den Assyrer Ninus hintendrein, der das Reich erobert, von wo er Mittelasien beherrscht; ich jagte also ohne Aufenthalt mit, bis das Reich wieder befreit wird durch Nabopolasar, von dem ich auch nicht weiß, woher er geflogen kam. – Nebukadnezar erobert Ägypten; Babylonier, Assyrer, Meder führen Krieg – bis Cyrus der Perser alle Reiche wieder erobert. – Babylonische Geschichte umfaßt 1600 Jahr, hat um elf Uhr angefangen und Glockenschlag zwölf Uhr aus; ich spring in Garten.


Freitag

Heut morgen war der Geschichtskerl nicht da, da hab ich Generalbaß studiert; von dem könnte ich eher sagen, daß ich was gelernt hab, über den hab ich Gedanken, er spricht mich an wie Geheimnis, obschon der Hofmann sagt: Alles ist klar wie der Tag – ich geb's zu – deswegen ist der klare Tag mir auch ein Geheimnis so gut wie der einfache Harmoniensprung, von dem Hofmann heut sagte: »Betrachtet man die Tonika nicht allein als solche, sondern auch in bezug auf jede andre Tonika als eine ihr verwandte Tonart, wo sie vermöge und in dem Grade ihrer Verwandtschaft wieder Beziehung hat auf alle Seitenverwandtschaften und daher immer wieder als solche sich geltend machen kann, so sieht man leicht, wie alle möglichen Gattungen von Dreiklängen vermittelst einfacher Harmoniensprünge aufeinanderfolgen können.« Ich glaub's, aber begreif's nicht; – betrachten? – kann man denn alles betrachten, wie man will? – kann ich die Wolken da oben betrachten wie mein Daunenbett, so werden sie doch nicht herunterkommen, mich zudecken. Der kleine Hofmann sieht mich an, erstaunt über meine Dummheit, und wird selbst ganz dumm, denn er verstummt. Endlich sagt er ganz freundlich, das nächste Mal werde er gewiß eine Form gefunden haben, um mir's begreiflich zu machen, er ging in die Musikprobe, wo er tausend Harmoniensprünge mitspringen wird. Käm doch bald die nächste Stund; am Tanz der Dreiklänge möcht ich erproben, ob mein Geist auch einen kühnen Sprung tun kann oder ob ich geboren bin, kriechend zu lernen wie die Raupe. – Wahrlich, ich möchte gern wissen; – nicht wie mit der alten raupenfräßigen Geschichte. – Ach Gott! – ich hab keine Aussicht! – Gestern abend ging ich noch nach dem Nachtessen hier im Garten; da hört ich ordentlich das Gras wachsen, aber so was gilt nicht für Gescheutheit oder Verstand. Die grünen Äpfel am Spalier unterm grauen Laub, die bepelzten Pfirsich muß ich respektieren, die kommen vorwärts, aber ich – da wollt ich mich besinnen, auf was ich von je an gelernt hab; da kann ich doch nicht die Gebetchen mehr, die ich vier Jahr lang jeden Tag hersagte. Das Vaterunser, den Glauben, den englischen Gruß kann ich nur noch bruchstückweis; den ganzen Sommerabend, auf den ich so lüstern war, hab ich versimuliert, um den Glauben wieder zusammenzuflicken; ›Aufgefahren zu den Himmeln‹ – so weit – schreibe mir's im nächsten Brief, was folgt. – Aber im Grund: – Aufgefahren zu den Himmeln, wär ein gut End; wenn Du's also auch vergessen hast, so schadet's nichts, so brauchen wir beide es nicht zu wissen; aber nachkommen tut noch was, das weiß ich. –


Samstag

Ach, gestern war ein Tag voll Sonnenschein; die Mückchen und Käfer haben ihn vertanzt und versummt, die verstehn das Schwelgen im Genuß; ich hab sie belauscht, im hohen Gras, überbaut von der Leinwand, die da auf der Bleiche liegt. Die alte Cousine begoß sie ein paarmal in der Mittagsglut; es dauerte eine Weile, bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benetzten; ich hörte da unten der Musikprobe zu von den Symphonien, die aus dem Boskett herüberschallten in mein ungebildet Ohr und es in Erstaunen setzten über alles, was es nicht fassen konnt. Musik – in Tönen dahergetragen, durch die Lüfte, die ganze Gewalt der Offenbarung über uns ausströmend und dann verschwebend – wer kann sie wieder wecken, wenn sie verhallt ist; ich bin so närrisch, mir deucht, ich müßt verzweifeln, daß sie verklungen ist, und hab ihr nichts abgewinnen können. So wird's noch manchmal gehen, es wird klingen, und ich werd's nicht fassen. Gestern sprach ich mit der Großmutter, die sagte: »Was der Verstand nicht faßt, das begreift das Herz.« – Ich begreif das wieder nicht.

Heut morgen sagt der Hofmann: »Der einfache Harmoniensprung ist, wenn zwischen zwei aufeinanderfolgenden Akkorden eine Harmonie im Verstande gehört wird.« – Ich hör nicht im Verstand diese Harmonie; ich bin ganz durchdrungen von dem, was ich fühle, nicht, was ich versteh. – Glaub's, Musik wirkt, begeistert, entzückt, nicht dadurch daß wir sie hören; sondern durch die Macht der übergangnen dazwischenliegenden Harmonien; diese halten den hörbaren körperlichen Geist der Musik durch ihre unhörbare geistige Macht verbunden mit sich. – Das ist das ungeheure Einwirken auf uns, daß wir durchs Gehörte gereizt werden zum Ungehörten; denn wir sind durch einen Ton mit allen verwandt und durch alle mit jedem einzelnen besonders; allein ich kann's sagen – gewiß, ich bin während der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen, wie Gott die Welt erschaffen hat. – Das große Wort: Es werde, leuchtet mir ein. Ohne das eine ist alles nichts; ohne alles ist nicht das eine. Im Atemzug wallt die ganze Schöpfung: Feuer, Erde, Luft und Wasser, und alles Leben und alles Sein ist Vermählung dieser vier Geister, die das Leben des Weltalls sind. Diese vier schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist, den sie ineinander vereinigen. Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente ineinander. In jedem Wesen, das lebt, erzeugen sich die Elemente; das ist Geist, der ist Musik. Auch das Tier hat Musik, es ist sinnlich durchdrungen von Wasser, Luft, Erde und Feuer, von ihrem Geist, der in ihm sich erzeugt; darum wird's so aufgeregt durch Musik, weil seine Sinne in ihr schlummern, träumen; und alles hat gleiche Rechte an die Gottheit, was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm zu Geist erhoben wird. – Ich hab's aufgeschrieben; ich starr diese Zeilen an und weiß nicht, was ich sagen wollte. – Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Gedanken; aber dort unter der Leinwand, wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte, wo ich im Netz gefangen lag all der blühenden Gräser, dort war mir's klar: Nicht, was wir mit den Sinnen vernehmen, ist wahre Wollust – nein! – vielmehr das, was unsere Sinne bewegt – zum Mitleben, Mitschaffen, das ist Leben, das ist Wollust – wirkend sein! – Genug, die Geister waren mächtig in mir während der Musik; deutlich riefen sie mir zu: Eine Geige nimm und fall ein, so wie du fühlst, daß du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst, und kannst ihn heben und dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung – und dort auf der Höhe dich ausdehnen, dich fühlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner Stimme mit. – Sollte einer Harmonielehre verstehen und mit Verstand anwenden, er müßte heimlich die Welt beherrschen, ohne daß es einer merkt; und das ganze Universum kläng ihm wie eine Symphonie, und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff und schalmeite zu seinem großen Weltpläsier.

Ja, ich versteh's; dem Hofmann werd ich's zwar so nicht sagen, dem werd ich den ersten, zweiten und dritten Grad aller Verwandtschaften darlegen, und wie alles mir unterworfen ist zu dienen, wie ich jedem die Herrschaft übertragen kann und wieder abnehmen, und wie ich also immer herrsche, solang ich im Strom göttlicher Harmonie mitschwimme.

Adieu! ich strecke wie ein Krebs meine Scheren aus dem seichten Grund meiner Wahrnehmungen und packe, was ich zuerst erwische, um mich aus dem eignen Unverstand loszuwinden.

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