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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Günderode

Offenbach, Mai 1805

Sorg nicht um meine Gesundheit; im Dachstübchen bin ich ganz fidel; ich muß mit meinem Schatten an der Wand lachen. Drei Sätz die Trepp herauf und die Flügel gespreizt und herunter hinter die Pappelwand, wo was Weißes flattert. – Da, wo wir vorm Jahr den Spitz begraben haben, spielte der Wind im Mondschein mit einem Papier; es flog aber gleich über die Gartenwand, wie ich's haschen wollt. Mit dem guten Spitz fürchtete ich mich nicht in der Nacht; er bellte mir als immer die Geister aus dem Weg. Der Klavier-Hofmann ist noch immer unser Nachbar; heut nacht, wie ich im Bett lag, da jagte er wieder wie sonst seine enharmonischen Läufe im gestreckten Galopp auf und ab; ich gab meinen Schlaf auf und meine Sinne freudig drein, die jagten mit. – Mit dem Verstand Musik fassen wie die musikalischen Philister, das geht nicht – ich muß empfinden. – Sinne-gewiegt von der Musik – mich hingeben wie schlummernd, dann hab ich Gedanken, schnell – wie die Sterne dahinfahren, oft – am Himmel. Ich bekümmre mich als, daß ich nicht denken kann, was ich will, und muß von allem mich irren lassen, wie auf dem Markt, wo man hin und her läuft vom Guckkasten zum Puppenspiel, zum Bär, der tanzt, oder mit den Zigeunern mich ergötzen am Mainufer, wenn's Marktschiff Philister ausspeit, und die betrunknen Musikanten schmettern sie hinaus. Allerlei geht mir im Kopf herum, aber wenn ich schreiben will, ist die Luft leer von Gedanken, und die meisten Worte sind überflüssig, ich muß sie wieder wegstreichen wie hier im Brief. Bei Musik bin ich gesammelt, die Gedanken fahren nicht herum, sie sind still und schauen innerlich Ding, was mich vergnügt. Die Seel wächst, die Knosp springt auf und saugt Mondlicht. – Eine Weil hört ich zu im Bett; wie's Gewitter kam, sprang ich heraus und setzte mich aufs Fenster. – Musik bringt alles in Einklang, sie donnert durch die hellsternige Nacht ihren gewaltigen Strom, dann tanzt sie hin und grüßt mit jeder Well die Blum, die da heimlich blüht am Ufer. Wenn dann die Wolken vom Windsturm dahergejagt kommen, dann werden sie als gleich als von ihrem Hauch bezaubert; der Regen rollt Perlen unter ihren tanzenden Schritt, beim leuchtenden Blitz vom Donner durch die schwarze Nacht geschnellt, die er mit schallenden Schwingen durchrast, das ist alles ein Hymnus mit der Musik; – nichts widerspricht, noch stört's das stille Brüten der Sinne. So hab ich die halbe Nacht verlebt, ein Leben, wie's nicht besser ist noch sein wird mit der Zeit. – Jetzt steh ich in der Blüt, Honig bis an Rand voll, alles aus dem Innern. Mit den andern hab ich kein Verstehen; ich schäm mich, vor ihnen anders zu sein wie sie. Du bist mir gut, und der Clemens, mit dem kann ich doch nicht sein, wie ich bin, er fürchtet sich und kann nicht vertragen, daß ich mich ausström; bald ist's zu feurig, bald zu wehmütig, wo ich doch gar nicht traurig bin, aber weil er schön ist wie ein Gedanke aus meiner Seel, so muß ich liebvoll zu ihm sein. – Das weiß er nicht, daß es Musik ist in mir, die ihn liebt; ich muß es so gehnlassen, alles muß reifen mit der Zeit. Mit Dir ungestört sein, da fühl ich das junge Grün, wie das aus mir hervorkeimt; Du machst kein Wesen davon, daß im Frühjahr die frischen Grashalme und Kräuter duften; – so bin ich zufrieden und blüh all meine Gedanken heraus vor Dir.


20. Mai

Gestern war Sonntag; heut morgen war ich gar nicht ärgerlich, wie mich die Hühner aus dem besten Traum gegagst haben, wie als in Frankfurt, wo die Lisbeth als grad Holz in Ofen geworfen hat, wie eben ein goldner Vogel mir wollt auf die Hand fliegen. Die Akazien im Hof sind recht gewachsen, sie schneien im Sonnenschein ihr letzt Silber aufs Grün. Der Garten lag so morgentrunken vorm Fenster; ich ging hinab, meinen alten Weg nach der Bretterwand hinter den Pappeln, und kletterte herüber ins Boskett, wo ich Dir hier schrieb. – Daß doch immer meine Kleider reißen, wenn ich recht jauchzend bin. Zank nur nicht, daß ich mein Gewand nicht geschont habe. Dornenröschen hat mir ein Fetzchen davon behalten, wie ich versucht hab, ob ich noch zwischen dem Eisengeländer vom Boskett durchwitschen kann; es geht noch, ich hab noch nichts zugenommen an Erdenballast – da sitz ich auf der Terrass am Main, auf dem die Wasserspinnen lustig in der Frühsonne herumfahren. Käm der Genius doch dahergewandelt; ich könnt ihm mehr nicht sagen, als was die Bienen summen. – Ist mir doch, als gehör ich zu dem blühenden Zitronenbaum; ist so still alles – wie am Feiertag, und der reinliche Kies mir unter den Füßen klirrt schüchtern – alles voll Schauer und Harren, daß Er komme, Der, auf den ich auch harre; oder war Er schon hier? – und hat es früher so geordnet für mich, daß ich merke, Er sei's gewesen, dem die sonnebelasteten Äste sich gebeugt und die Welle nachmurmelt zu meinen Füßen. Ich wollt's besingen, aber's Lüftchen, das nach ihm sucht im Gebüsch, kehrt wieder und hat ihn nicht gefunden und schweigt und regt sich nicht mehr; so muß ich auch stumm sein.

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