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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Am Montag

So ernsthaft hab ich geschrieben, ich weiß selbst nicht, wie ich darzu komme, doch ist's der Nachklang von vor Mitternacht. Ich weiß selbst nicht, wenn ich's ansehe, warum's dasteht. Du gehst weit über mich hinaus im reinen Schauen, denn Du bist ein Seher; ich betrachte nur die Schatten des Geistertanzes in den Lüften, die Dich umschweben. Was soll das alles vor Dir; ich fühl, daß ich von einer viel niederen Stufe zu Dir hinanrufe, ob dies und das so ist; ich ahne auch, daß Du mit einem leisen Zauberschlag mich strafen kannst, daß ich bei solchen Nachgedanken mich aufhalte. Ich weiß und weiß nicht. – Im Tau baden, in den Mond schauen bei nächtlicher Weile ist schöner als sich wenden und den Schatten messen, den man in die beleuchtete Ebene wirft; ja, ich war auch traurig, wie ich gestern schrieb, und aus der Traurigkeit steigt mir immer solcher Qualm von Hyperklugheit auf, Philistergeist! – Ich schäme mich – es ist eine schlechte Sonate, deren Thema man bald auswendig kann, und die einem abgeleiert vorkommt, wenn man sie wiederholen wollt; das kommt vom Einsamsein her, da meint man, man müsse was Bessers vorstellen, wenn man mit sich selber spricht. Ich merkt es, als beim Schreiben das selbstgefällige Geschwätz, was sich so schön fügte, mich verführte, und nun auf einmal bin ich's satt. Wie anmutig und scherzend hast Du alles ausgesprochen und mit Deinem Zauberstab Dir spielend einen Kreis gemacht, mit mir drin zu scherzen, und ich hab mit Dornen und Nessel und Disteln um mich gepeitscht; ach, ich fühl einen Widerwillen gegen meine Schreiberei von gestern. – Hätt ich Dir nicht besser den wunderlichen Abend beschrieben, die seltsame Nacht, die ich mit der Tonie erlebt habe. – So eine Wundernacht vergeht nicht, sie besteht ewig mit ihren leisen Schattenbildern, mit ihren Lichtdämmerungen und eiligen Luftzügen, und wie sie den Schlummer Woge auf Woge wälzt; gewiß, wie die Welt geboren wurde, da war es Nacht, und da stiegen die Gipfel der Unsterblichkeit, die stillen, von denen Du sagst, zuerst auf aus den Wassern, und da drängte sich die Welt ihnen nach und liegt nun, und über ihr strömen die Sprachen jener Einsamen durch den Nachthimmel. – Ja, ich find mich nicht zurecht, wenn in einer solchen Nacht alles schläft weit und breit und der Geist mächtig mit seinen Flügeln die Luft durchsegelt. – Und alle die Philosophen, die die Menschheit erwecken wollen, schlafen doch so fest und fühlen's nicht. – Und ob bloß, wenn's einem gegönnt wär, in jeder Nacht die Augen zu öffnen und ihren tiefen Faltenmantel zu durchschauen, den sie über die Natur ausbreitet, und dann ihre heimlichen Geister umherschweifen, anhauchen – alles Lebende; ob der nicht hierdurch ein Seher würde himmlischem Wissen. Es ist doch so Seltsames in der Nacht; man sollte meinen, der Tag sei einmal schon in Beschlag genommen von der Verkehrtheit, aber die Nacht sei noch ganz frei davon; man fühlt sich in der lautlosen silbernen Mondzeit aufgezogen wie die rankende Pflanze, die hinausstrebt in die Lüfte – den vorüberschweifenden Geistern sich anzuhängen und hier und dort von ihrem Hauch zu trinken. – Aber was steig ich und schwindel ich denn immer noch, als lief ich am Waldrand hin? – ja, in der Nacht war's so klar in meinem Sinn, daß ich laut lachte, und nun schweift's von Berg zu Tal und betastet die Erinnerung. – Und all mein Denken solcher Nachhall, wie wär ich in eine Kluft gefallen. Wir waren am Nachmittag zum weiten Spaziergang fortgewandert und wußten wohl nicht genau die Zeit, die später war, als wir glaubten, und weil überall der Pfad an etwas Neugierigem sich hinzog, bald ein brausend Bächlein zwischen Klippen, bald sonnenhelles Grün und Hügel und Gemäuer und dann ein Wald mit mächtigen Kronen, da kamen noch Scharen von Vögeln über uns hingezogen, denen wir nachsahen; da war's bald gar aus, wir wußten nicht, wo wir hergekommen waren und wo wir hinwollten; gern wären wir wieder umgewendet, wenn wir nur ahnen konnten, wo der Heimweg war. Wir machten einander Mut, durch den Wald auf einem breitern Weg, der quer lief, fortzuwandern; weil frische Spuren da waren, so mußte er dort zu Menschen führen; noch hielten wir den Wind, die allmählich sinkende Helle für vorüberziehende Wolken, aber es war der Abendwind, der das Laub vor uns herwehte; wir sagten es einander nicht, aber merkten es bald, schritten immer fort und sahen bald zwischen den hohen Wipfeln durch den roten Himmel glänzen, und wie der sich verzog in ein dämmerndes Gold, aber ohne Schein, und endlich ein Blau, schweigende Sternchen glitzerten und der Pfad lief immer fort im Wald, und die Sterne sahen hoch herab, und keins wagte die Stille zu unterbrechen, schweigend, ein Tritt nach dem andern raschelte durchs Laub. – Ach, sagt ich, laß uns einen Augenblick ausruhen, du wirst sehen, dann wird der Wald auf einmal sich auftun. »Ach«, sagte die Tonie leise, »was wird das werden, wo kommen wir hin?« – Statt zu klagen, mußte ich laut lachen. – »Um Gottes willen, wie kannst du so schaurig lachen; schweig still, es können böse Leute in der Nähe sein, die uns hören.« Ich meint aber, wenn wir so sacht redeten und wanderten, das könnt noch viel gefährlicher sein, und die Tonie ließ sich überreden, daß ich ein Lied sang. – Das schallte! – Das machte mich so glücklich, und der schweigende Wald – und dann ich wieder, und dann er wieder. Die Tonie hatte sich auf dem Pfad so gesetzt, um die Richtung nicht zu verlieren, der wir schon die ganze Zeit gefolgt waren, ich aber lag rückwärts und sah in die Höh; auf einmal entdeckte ich, daß der Wald links lichter ward und daß der Himmel ganz frei war; ich sagte, dort müssen wir hin, da sind wir gleich aus dem Wald. »Um Gottes willen, verlaß den Pfad nicht, denn so im Dickicht herumzustolpern in der Nacht, da können wir in Gruben fallen; laß uns ruhig auf dem Weg fortgehen.« Ich war aber schon vorwärts geschritten und stolperte wirklich und raffte mich auf und fiel wieder und kletterte über Stock und Stein, und die Tonie rief von Zeit zu Zeit, ich antwortete, und da war ich plötzlich im Freien auf der Höhe, die sich abflachte in eine weite Ebene, die ich nicht ermessen konnt, aber ganz in der Ferne sah ich's glänzen, ich rief: Hier steh ich und seh den Rhein, du mußt aus dem Wald heraus, denn auf dem Waldpfad kannst du noch stundenlag unnütz fortwandern. Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch die Nacht, doch rückt ich nicht weit herein, aus Furcht, den Weg zu verlieren; endlich reichten wir einander die Hand, und nun zog ich sie hinter mir her. Es ist ein dumm klein Abenteuerchen, aber es machte mich doch so froh, so aus dem finstern Wald herausgefunden zu haben. Da standen wir und guckten uns um – ob das dort ein Dorf ist; oder dort, ob das ein Licht ist? – Wir setzten uns am Waldrand hin und lugten, es ließ sich nichts hören, kein Vögelchen; es war gewiß schon spät, vielleicht bald elf Uhr, und da brennte auch kein Licht mehr in den Örtern, drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen; wir ruhten gelassen ein Weilchen, und da war es so groß um uns her, und das tat so wohl, und dann ward es heller, der Mond mußte bald kommen; da wußten wir, daß es um elf Uhr war. – Jetzt sah die Tonie einen Ort für ganz gewiß, sie sah das Kirchdach deutlich glänzen; wir schlenderten, rutschten, kletterten und kamen in die Ebene. Die Tonie behielt das Kirchdach im Aug, ich war zu kurzsichtig; aber ich lief voran, denn einen Weg zu bahnen, das kann ich besser. – Links! – rechts! – rief sie, und so ging's über abgemähte Felder, endlich an einen Graben mit Wasser, den wir glücklich übersprangen, dann über Zäune, dann Wiesen, dann Gärten, und der Mond war auf, beleuchtet einen breiten Weg, der nach dem Ort führt; aber ein großes festes Tor schließt diese verwünschte Stadt, die in ihrem Mondschein in Totenstille versunken liegt, daß nicht ein Hund bellt, nicht eine Katz mauzt. Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Tor an, das war mir schon sehr lächerlich; ich sag: »Ob ich versuch, hinüberzuklettern?« – denn es war oben offen, aber unmöglich, denn es war sehr hoch, von eichnen Bohlen, in ein paar glatte dicke Pfähle die Angeln eingefügt. »Da seh mal«, sagt die Tonie, »da ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz – handbreit« – wenn ich die Oberkleider abwerf und den Atem anhalt, so kann ich durch; und nun geschwind alles, was mich hinderte, an die Erd geworfen, und durch war ich; ich setzte mich aber erst auf den Eckstein am Tor und lachte, und das schallte die Straße hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf. – »Ach, ich bitte dich, lach nicht, du weckst alle Leute auf, und die können uns wer weiß was tun«, flehte sie durch den Ritz; ich nahm mich zusammen, besichtigte das Tor, fand, daß es mit zwei starken eisernen Riegeln zugebumst war, nahm einen Stein und klopfte die Riegel zurück. »Mach keinen Lärm, poltere nicht so« – aber das half nicht, ich war im heißen Eifer, das Tor mußte weichen; auf einmal gingen beide Flügel auseinander, und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug; jetzt wanderten wir schweigend durch die Straßen und musterten die Häuser, wir klopften an den Türen, an den Laden, kein Laut gab Antwort; endlich öffnet sich ein Giebelfensterchen, ein Männchen guckt heraus, mit einem brennenden Kienspan in die Luft leuchtend, bei dessen Flamme wir ein bebartetes Kinn entdecken und also auf ein ungetauftes Mitglied der Menschheit schließen, welches seine Stimme auch nicht leugnet. »Wir sind Kurgäste aus Schlangenbad, die sich verirrt haben, und hätten gern einen Führer.« – Er bedeutet, daß gegenüber der Torwächter wohnt. Wir klopfen an – eine Weile dauert es, auf einmal tut sich ein Loch am Boden auf, und unter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz eingehüllter Riese mit einem Baum in der Hand; ein Stock war's nicht, dazu war's zu groß; er setzt sich in Trab und treibt uns vor sich her zum Tor hinaus, immer zu, den Pfad am Berg hinauf – bald aber sagt mir die Tonie ins Ohr: »Wenn der gewaltige Mann dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gäbe, es ist mir recht bang« – »Nun, wir lassen den Mann vor uns gehen, da sehen wir doch, wenn er uns was tun will.« So marschierte denn der Goliath vor uns her: ach, wie rauschten die Birken neben uns her und malten ihren Schatten uns unter die Füße, wie quoll das Dunkel aus dem Wald dem Mondlicht entgegen, und die kleinen Wässer rauschten von den Bergen nieder und wallten zwischen Weiden fort, und an manchem schlafenden Dorf ging's vorüber, und dann auf der Höh, noch einmal mußt ich mich noch umsehen nach dem Silberstreifen des Rheins im Mondglanz, und Berge in der Ferne sanken und stiegen, aber am meisten war doch das Regen in der Luft, was umherschwirrte und flüsterte in den Zweigen, und Träume, kindische, die mir das Herz beben machten, und dunkle Bilder, die aus dem Wald nebenan hervortraten, das hielt mir die Seele wach, und doch war's, als schlummre ich sorglos und wandle nur im Traum, und die Himmelssterne erblaßten allmählich – und die einzelnen Hütten im Tal waren noch unbewußt des Tags, der sich ahnen ließ, aber die Wachteln schlugen im Feld und kündeten ihn an; da sahen wir Schlangenbad. Wer war froher wie wir, ich aber über alles; mich freut die herrliche Nacht. Die Schatten am Weg, die unsern beleuchteten Weg still umstanden, und der Abschied der Nacht, wie sie noch einmal die Wipfel schüttelte, das alles ist mir lieb, es ist ein Geschenk von den Göttern, wie so manche andre Stunden, wo's war, als wollten sie mich beschenken mit süßem, schwärmerischem Gefühl von innerlicher Kraft des Entzückens. – Das war's, was ich Dir erzählen wollt und was viel schöner ist wie alles Denken und Urteilen: sich dem Leben der Natur nahen und still und stumm ihre Vorbereitungen mit ansehen, und wie sie weiht und reinigt in feierlicher Nachtstille.

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