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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Am Samstag

Den Kanarienvogel schenk ich Dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud verketzern? Ich bin aber kein Kanarienvogel, und Du kannst mich nicht hingeben wollen, denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben. – Meine Altan ist doch schön, nicht wahr? – als Kinder hat uns da der Herr Schwab die biblische Geschichten vorerzählt; abends, eh wir zu Bett gingen, da hab ich den Mond zum erstenmal scheinen sehen. Wie wunderlich war's doch, und die Fenster von den Stuben nebenan, wenn da abends Licht drin war, die malten den Schatten von den Sträuchern auf den Boden, da saß ich so gern allein auf dem Boden und sah den Schatten rund um mich sich bewegen. Ich hab mich wohl immer gefürchtet als Kind, aber mehr bei Tag, wenn ich allein war und im Zimmer, wo alles so nüchtern aussah; aber in der Nacht war was Vertrauliches, was mich lockte, und noch eh ich was von Geistern gehört hatte, war die Empfindung in mir, daß etwas Lebendiges in der Umgebung sei, dessen Schutz ich vertraute; so war mir's auf der Altan als Kind von drei oder vier Jahren, wo beim Sonnenuntergang immer alle Glocken den Tod des Kaisers einläuteten, und wie's da immer nächter ward und kühler, und es waren keine Leute um mich, und als ob die Luft lauter Geläute sei, was mich umfing, da kam eine Traurigkeit über mein kleines Herzchen und dann wieder so rasches Zusammennehmen, ich fühl's noch, wie wenn der Schutzengel mich auf den Arm nähm. Jetzt muß ich aber sagen: Was ist doch das Leben für ein groß Geheimnis, das so dicht die Seel umschließt wie die Puppe den Schmetterling; kein Licht strahlt durch den Sarg, aber die Sonnenwärme empfindet die inwendige Seele und wächst und wächst unter schweren Ahnungen, unter Tränen. Ach verzeih's, daß ich gleich traurig war, aber die Altan! – Dort hab ich ganz sehnsüchtige Augenblicke schon gehabt, die mir wie Schwerter durch's Herz gingen, und ich wußte nicht, was es war, und weiß es noch nicht. – Grad in der schönen blühenden Zeit war mir's immer so traurig, grad am hellen Mittag, wenn da so ein Bienchen eine Weile herumschwärmte. – Ach was! – ich will lieber was anders denken. – Du bist recht gut, daß Du allerlei so sub rosa hervorleuchten läßt, was mich heimlich freut. – Was mir doch noch wird? – ob ich je aus dem Licht heraustrete, was Dein lebendig Aug auf mich strahlt? – denn Du kommst mir vor wie ein ewig lebender Blick – und als wenn von ihm mein Leben abhing. – Aber davon will ich auch nicht reden. – Von der Eselspartie gestern nach Rauenthal, sie ist zu Wasser geworden, aber erst am End; es kam ein ungeheurer Platzregen, wie wir noch eine halbe Stunde von der Heimkehr entfernt waren; das zusammenlaufende Wasser von den Bergen herab ins Tal gab ordentlich Seen, die der Wind wellig kräuselte. – Und wie die Esel mitten durchs Wasser pfatschten mit uns, kam ein ungeheurer Donnerschlag; die meisten schrien auf, die Esel schrien nicht, aber sie warfen uns alle mit einemmal herunter in die Pfützen, und da konnt keiner sich halten, nur der Engländer wollte es zwingen mit seinen langen Beinen; der Esel warf sich nieder und bäumte sich, und so galoppierten alle Esel fort, daß sie im Nu aus den Augen waren, die Eseltreiber hintendrein, denen nachgerufen wurde, uns Laternen zu schicken. Der ganze Haufe konsultierte in der Pfütze, setzte sich nach wiedererlangter Besinnung in Bewegung, auf das verwirrte Untereinanderschreien folgte bald Stille; der Weg war zu beschwerlich, als daß man auf etwas anders denken konnte als nur, wie man den Fuß mitsamt dem Schuh wieder aus dem Morast heben wolle, dies aber war nicht möglich, die meisten Schuhe blieben stecken; die Laternen kamen uns bald entgegen, die beschwichtigten Esel wurden wieder herangeführt, und so kamen wir zwar beritten an, aber in welchem Zustand? – Alle Strohhüte hatten im Morast gelegen. Die Schuhe fehlten, die Damengewande so naß, als sollten sie zu Statuen Modell stehen, und die Herren nicht minder: man verfügte sich in die Bäder und kam neugeboren und neugestrählt heraus, ein Gesamt-Abendtee, in Pantoffel und Schlafröcken und Pudermäntel eingenommen, machte den Beschluß, alles beschrie des Unfalls Jammer und lachte sich halbtot drüber. Mstr. Haise, dessen natürliche Haarfarbe jetzt zutag kam, war nicht mehr zu erkennen; aber seine Schönheit wurde allgemein bewundert, sein braunrotes Haar stand ihm so viel schöner als der Puder, womit er's hatte verbergen wollen, daß man schrie: jetzt könne er erst interessieren, was man vorher für unmöglich hielt. Wer war vergnügter wie er, der feierlich dem Puder abschwor und mit himmlischer Selbstzufriedenheit bei den Frauen herumspazierte, sich bewundern zu lassen. – Ich und die Lisett haben noch bis Mitternacht die Strohhüte renoviert; ich schlug sie alle auf der einen Seite mit einer Kokarde auf; wenn man nun im Schatten sein will, so setzt man die Schippe nach vornen, wo die Sonn nicht scheint, dreht man sie herum; die Verwandlung fand allgemeinen Beifall und sieht nach Voigt malerisch aus. Heut morgen kamen die Eseltreiber mit den verlornen Schuhen auf ihren Stecken in Prozession angerückt; sie hofften ein Trinkgeld, es mußte auch bezahlt werden, obschon die Schuhe besser wären geblieben, wo sie begraben waren; man war ärgerlich, daß sie die beschmutzten Schuhe so öffentlich zur Schau trugen. Das war die gestrige Geschichte. Voigt hatte schon lange darum gebeten, die ganze Gesellschaft zu Esel in sein Skizzenbuch zeichnen zu dürfen; heut morgen war ein schöner heller Himmel, und doch war's abgekühlt vom Gewitter; wir machten uns so malerisch wie möglich, ließen Bänder flattern, Schleier wehen, die Herren steckten Sträucher auf den Hut, gaben sich nachlässige Posituren, schaukelten mit den Beinen, so ging's langsam vorwärts; Voigt war voran mit seinem Malkasten, hatte die Palette aufgesetzt, saß auf einem Zeltstuhl vor der Höhe, wo wir herabkamen, und beobachtete den Zug mit dem Fernglas; auf einmal rief er: halt! Ich war voran mit einer grünseidnen Fahne, die ich mir gemacht hatte, die stemmt ich in die Seite und hielt recht feierlich still, die Gitarre hing auch am Sattel. Voigt malte eifrig auf ein Stück Wachsleinwand, das auf ein Brett genagelt war. Es dauerte ein Weilchen, die Esel hingen die Ohren und waren eingeschlafen, die Sonne brannte, die Mücken stachen, die Schleier und Bänder hingen schlaff, sie glaubten alle, sie könnten's nicht länger aushalten; ich hätte doch dem guten Voigt so gern das Pläsier gegönnt, daß seine Skizze fertig wurde; ich nahm meine Gitarre und stimmte den Kosiusko an, Crothwith begleitete mich auf dem Flageolett, mehrere Maultrommeln der Eseltreiberjungen fielen ein, es erhob die Stimme Baß und Diskant, andere pfiffen, Haise neben mir an gab einen Ton von sich, mit dem er eine Pauke nachmachte, die mit einer Rute und einem Klöppel geschlagen wird, pfitsch, pfitsch, bum bum. Die Esel wachten auf und spitzten die Ohren wieder, die Lüftchen regten sich wieder in den flatternden Bändern alles war begeistert, und Voigt malte schneller als eine Windmühle, in die der Sturmwind bläst; die Eseljungen hatten sich auch in nachlässigen Stellungen postiert; bald war's so weit, daß wir umwenden konnten; Voigt bestieg seinen Esel, und wir zogen vergnügt und singend zurück. Die Skizze ist allerliebst kräftig, er will sie zu Frankfurt fertig malen; wärst Du doch auch dabei gewesen. – Im Nachhausereiten sah ich die Birke von fern, die so leise wehte, in der ich, ohne daran zu denken, wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte. Ich dacht daran, ob ich's doch versuchen wollte, Dich hier zu besuchen; wenn man allein ist, da kann man viel besser klettern, und wie heut nachmittag alles Siesta hielt, bin ich hierhergekommen und hab gesehen, was der Herzog für Buchstaben in den Baum geschnitten hat: ZDF und seinen Namen drunter; ich weiß, was es heißt, grade was er unter Dein Manuskript von der Immortalita geschrieben hat. – Der Voigt sagt mir, sein Buch sei sehr witzig, und hat mir noch manches Schöne erzählt von ihm und auch Sonderbares. – Das Buch müssen wir zusammen lesen den Winter. Heut nachmittag war alles versammelt beim Tee auf der Terrasse. Die Lust auf weite Partien ist gedämpft; wir spielten Federball und machten Seifenblasen, die flogen zwischen die Bäum und bald hier- oder dorthin, auch eine auf dem Haise seine Nas, glaub ich.


Sonntag

Heut morgen war man zum letzten Frühstück versammelt, denn morgen geht alles fort; der ganze Vormittag verging mit Spaziergängen von Paar und Paar im Wald; ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grünen Platz und las ihm vor aus Deiner Brieftasche, ich las ihm die ›Manen‹ vor und knüpfte allerlei Ideen dran, die ich nicht recht aussprechen konnt; ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir, ich fühl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir, und was ich Dir auch sag, oder wie es herauskommt, so spür ich, daß etwas sich in mir regt, als ob meine Seele wachse; und wenn ich's auch selbst nicht einmal versteh, so bin ich doch gestärkt durch Deine ruhigen, klugen Augen, die mich ansehen, erwartend, als verständen sie mich und als wüßten sie, was noch kommen wird; Du zauberst dadurch Gedanken aus mir, deren ich vorher nicht bewußt war, die mich selbst verwundern; andre Leute haben mit mir keine Geduld, auch der Voigt nicht, der sagt: ich weiß schon, was Sie wollen, und sagt etwas, was ich gar nicht gewollt hab. – Dann mach ich's aber wie Du und hör ihm zu, und da hör ich allemal was Kluges, Gutes. – Heut sagte er: die Vernunft sei von den Philosophen als ihr Gott umtanzt und angebetet, wie jeder seinen Gott anbete, nämlich als ein Götze, der zu allem gelogen werde; was man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung allein finden könne und solle, die würden zu Sätzen, die auf keiner empfundenen Wirklichkeit beruhen, nur als willkürliche Einbildung gelten und wirken. – Philosophie müsse nur durch die Empfindung begriffen werden, sonst sei es leeres Stroh, was man dresche; man sage zwar, Philosophie solle erst noch zur Poesie werden, da könne man aber lange warten; man könne aus dürrem geteerten Holz keinen grünen Hain erwarten, und da möge man Stecken bei Stecken pflanzen und den besten Frühlingsregen erbitten, er werde dürr bleiben, während die wahre Philosophie nur als die jüngste und schönste Tochter der geistigen Kirche aus der Poesie selbst hervorgehe; dies sagte er dem Mstr. Haise, der studierter Philosoph ist, der war darüber so aufgebracht, daß Voigt die Poesie die Religion der Seele nenne, daß er mit beiden Füßen zugleich in die Höhe sprang – und nachher mir allein sagte: ich möge dem Voigt nicht so sehr trauen, denn seine Weisheit sei ungesund und könne leicht ein junges Herz verführen; sonst war alles ganz gut, wir tranken Nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum, bis die letzten Flammen aus waren, und alle waren wie die Kinder so vergnügt, und mir kam vor, als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen wäre. Ein freies Gemüt ist doch wohl das Höchste im Menschen. Nie eine Periode des Menschenlebens verlassen, so, wie sie rein erschaffen ist, um in eine andre überzugehen, dabei nie eine derselben vermissen, ewig Kind sein, als Kind schon Mann und Sklave des Guten sein, Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen und spielen in seinen Werken die selbst ein Spiel seiner Weisheit, seiner Liebe sind, sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr. Haise, und der war zufrieden und reichte ihm die Hand. Gute Nacht.

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