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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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An die Bettine

Dein Brief, liebe Bettine, ist wie der Eingang zu einem lieblichen Roman, ich habe ihn genippt wie den Becher des Lyäus, der ein Sorgenbrecher ist; es tat mir auch sehr wohl, mich bewegten gerade Sorgen um Dinge, die eine notwendige Folge des Lebens und daher nicht unerwartet sind, die ich Dir nicht mitteile, weil sie in Deinen Lebensgang nicht einstimmen. Ihr war eine Schwester gestorben. Du bist mein Eckchen Sonne, das mich erwärmt, wenn überall sonst der Frost mich befällt. Ich werde die Stadt auf ein paar Wochen verlassen; ein Brief wird mich am Donnerstag noch treffen, dann aber den nächsten find ich, wenn ich zurückkomme, und dann sind wir bald wieder ganz beisammen. Lasse Deine Briefe recht heiter sein, ohne schwermütigen Nachklang; Deiner Natur ist eine freie ungehemmte Lebenslust gemäß; die trüben, mißmutigen Regungen, mit denen Du zuweilen prahlst, sind nur Zeichen geheimnisvoller Gärungen, denen der Raum zu eng ist, sich zu läutern; das muß ich glauben, wenn ich Deine jetzige natürliche Stimmung vergleiche mit jener gereizten, die Dich zuletzt hier befiel, wo mir ganz bange um Dich war. Es war Dir nichts weiter nötig, als die beengende Stadtluft nicht mehr zu atmen. Du bist wie eine Pflanze, ein bißchen Regen erfrischt Dich, die Luft begeistert Dich, und die Sonne verklärt Dich. – Die Tonie schreibt hierher, daß du gesund aussähest und keine Spur von der interessanten Blässe übrig sei; – rate, wer darüber seinen Ärger nicht verhehlen kann? – »Elle ne sera plus ce qu'elle a été« gab er mir auf alle Trostgründe zur Antwort. Indessen hoffe ich, daß unsereins auch noch bei Dir gilt, und mir ist's lieber, daß Du auf Kosten jener interessanten Blässe zunimmst, als daß ich immer hören muß, Deine Lebendigkeit werde Dich noch töten, was komisch klingt und auf mich gestichelt ist. Ich habe mir selber die Vorwürfe nicht erspart. – Was Du Schlaftrunkenheit nenntest, das war nach Sömmering Nervenfieber; er sagt, Du habest keinen Sinn für Krankheitszustände, Du habest die Kinderkrankheiten wie lustige Spiele durchgemacht, diesmal sei es von überspanntem Studieren gekommen. Die philosophischen Ausdrücke Absolutismus, Dualismus, höchste Potenz etc., mit denen Du in Deinen Fieberphantasien spieltest, zeugten wider mich. Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Winter nur solche Sachen mit Dir zu treiben, die Dir recht von Herzen zusagen. – Ich bin zwar nicht so ganz allein an diesem Mißgriff schuld; andre, denen ich vertraue, die, wie mir schien, nicht mit Unrecht Dir viel philosophischen Sinn zusprechen, meinten, er müsse entwickelt werden; ich folgte unschuldig diesen Weisungen und nahm Deinen Widerspruch für die gewohnte Unbequemheit, Dich etwas Ernstem zu fügen. Der Hohenfeld sagte mir, Ebel erzähle, Du habest aus überreiztem Widerwillen gegen die Philosophie starkes Erbrechen gehabt, daraus sich ein galliges Nervenfieber gebildet habe; er warnte mich und sagte, Du seiest ein unbedeutendes Mädchen und kein philosophischer Kopf, der Deine könne zwar übermütig und überspannt, weiser aber nicht werden etc. – Ich erriet, daß er ein diplomatischer Abgesandter sei von klugen Leuten, die viel von einem wissen und von denen man nichts weiß; seine Zitationen von überspannten Reden und absurden Behauptungen, die hier unter den Philistern in Umlauf sind, ergötzten mich; Dein eigner Brief, der wie der junge Strauch das kränkelnde Laub abwirft und in frischen Trieben ergrünt, macht mich mit dem guten Hohenfeld einverstanden über Deine Unbedeutenheit, auch gefällt sie mir besser, als was ich an Gelahrtheit Dir zuschanzen könnte; Du bist gefühlig für die Alltäglichkeit der Natur, Morgendämmerung, Mittagschein und Abendwolken sind Deine lieben Gesellen, mit denen Du Dich verträgst, wenn kein Mensch mit Dir auskommt. – Wenn Du willst, so können wir umtauschen und ich Dein Jünger werden in der Unbedeutenheit, so wie Du Dich für meinen Schüler hieltest, als ich einen starken Geist aus Dir bilden wollte. Jetzt, wo es rückwärts geht, mußt Du mein Lehrer sein; ein Zaghafter kann sicherer bergauf gehen, aber einen steilen Weg hinab, dazu gehört Entschlossenheit, die hast Du, Du schwindelst nicht und hast Dich noch nie besonnen, über Hecken und Gräben zu setzen. Es dämmern mir schon ganz glückliche Spekulationen über den Geist der Unbedeutenheit auf; ich hatte unsägliche Lust, dem Domdechant, der mich so hochstellt, als Überläufer ein paar Dummheiten zu sagen, die ihm Zweifel in sein Urteil gäben; ich habe ihm auch eine gesagt, worüber er die Hände zusammenschlug und meine Behauptung, daß ich viel von Dir empfange und Dein Umgang mich belehre, auf mein Unvermögen, mich selbst zu schätzen, schob, das mir da einen absurden Streich spiele; alle Welt wundere sich, daß ich meine Zeit mit dem Sausewind verbringe und ihm vor andern solche köstliche Minuten schenke. – Nun, es wird mir nicht fehlen, daß mir nächstens die ergötzliche Unbedeutenheit aus diesen meinen Verkehrtheiten zuerkannt werde, um die mich keiner beneiden wird, weil man eben das Bedeutende nicht zu schätzen weiß. Ich ahne sehr hell, daß, wenn in dem bescheidenen Knospenzustand Unbedeutenheit verborgen, nicht der volle innere Lebensbetrieb wirkte, das Bedeutende nie ans Licht blühen würde, am wenigsten, wenn diebischer Eigennutz sich der Zeit verdrängt, bloß um auf der Höhe zu stehen, wo die andern zu seinen schimmernden Phantomen aufsehen müssen. Wie die Titanen mit großem Gepolter ihre Treppe zu der Götter Burgen auftürmten und die stillen Gipfel des Olympos als unbedeutend hinabstürzten. Eins empfinde ich in Dir, daß die Natur das Ideal des Menschengeistes gleichwie das Pflanzenglück unter warmer, nährender Decke vorbereiten muß, sonst werden die Menschen davon nicht wachsen und reifen und im Sonnenglanze grünen.

Deine Begebenheiten, Deine Bemerkungen, alles macht mir Freude; sorge, daß mir nichts verlorengehe; wenn's nur Deiner Gesundheit nicht schadet, so schreibe doch jeden Abend; darum bittet der Dämon, der mir's zuflüstert und gern alles von Dir bewahren will.

Wo soll ich mit Deinem Kanarienvogel hin? Ich nehme ihn mit in fremde Lande, es wird nicht viel Mühe machen, ich kann ihn niemand anvertrauen, so wenig wie Dich. – Apropos! Wenn ich nun auch eifersüchtig sein wollte auf die Prinzeß, mit der Du immer Hand in Hand gehst? Hast Du Dich je von mir an der Hand führen lassen, wenn wir draußen waren? – summtest umher wie eine wilde Hummel durch alle Gebüsche und ließest mich allein nachsteigen? Was vermag doch diese Fürstlichkeit über Dich, daß Du Dich so zahm an der Hand führen läßt im Freien? – Dein Vogel ist mir ebenso zahm geworden, daß er mir in den Mund pickt, das ist nicht anders als Liebe zu mir; ich weiß nicht, ob er mir jetzt nicht mehr zutunlich ist wie Dir, gerad wie Du mit der Kurprinzeß. – Ich war in Sorgen um ihn, denn wie ich einmal zur Gartentür hinausging, flog er mir nach in den Garten; aber wie er eine Weile unter den Bäumen herumgeflattert war, setzte er sich mir auf den Kopf und ließ sich ruhig wieder hineintragen; ich war recht froh, denn ich hätte nicht gewußt, wie ich bestehen solle, wenn Du ihn nicht wiederfandst. Der Feigen waren elf an Deinem Baum; ich habe am Montag Ernte gehalten, drei davon habe ich vom Baum verspeist, drei habe ich in Gesellschaft verzehrt mit dem Jemand, der mich in der Tür begegnete; er begleitete mich nach Haus und schien sich zu freuen, daß der Baum, der von ihm stammt, so süße Früchte bringt. Nun liegen noch fünf Früchte, die noch etwas härtlich waren, unter der Glasglocke beim Apoll, die ich in die Sonne gestellt habe; sie haben auch schon nachgereift; ich werde sie vor meiner Abreise in Kompanie verzehren, aber mit niemand, der sie allenfalls wie eine unbedeutende Frucht mit Stumpf und Stiel hinunterschluckte, sondern mit jemand, der Deiner Pflege für den Baum die Süßigkeit der Frucht zuschreibt und sie dankbar genießt. –

Karoline

Eine Merkwürdigkeit muß ich Dir noch melden von Deiner Altan; die Spinnen haben eine große Brabanter Spitze gewoben von einem Ende zum andern, von der kleinen Edeltanne über den Orangenbaum, über die Bohnenlaube, in die man nicht hinein kann, wenn man dies Kunstwerk nicht durchbrechen will, dann über den Granatbaum zum Feigenbaum; ich habe alles geschont beim Brechen der Früchte. Dein Bruder Dominikus kam herunter und spritzte im Kreis sie alle an mit der kleinen Gießkanne, die Mittagssonne schien sehr hell. Da spiegelten die kristallnen Tropfen allerliebst in den Netzen; Dein Bruder meinte, wenn die Netze noch weitergingen, so könne das eine Voliere für Schmetterlinge sein, die er vergeblich sich bemüht, als Raupen zu zähmen, denn wenn sie aus der Puppe ausflögen, so hätten sie aller Pflege und Nahrungssorgen, die er für sie als Raupen getragen, vergessen. – Mich amüsierte sehr seine ernsthafte Behauptung, bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen. Ich meine, die ungeheuren Spinnen würden wohl alle Dankbaren und Undankbaren verzehren, die in dieser Voliere eingefangen wären. – Noch soll ich Dir sagen von ihm, daß der Hopfen übers Dach hinaufgewachsen ist in die offnen Fenster herein. – Du hörst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten, in dem alles so schön ist und kein Baum, von dem man die Äpfel nicht essen darf.

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