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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Der Clemens mit seinen Warnungen? – Ich hab ihm heut geschrieben. Die Linden blühen wohl noch und hauchen einen süß an, aber keine Menschen, und die Natur ist schöner und gütiger und größer als alle Weisheit der Welt. Was einer mit mir spricht, darauf möcht ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen, den ich ihm in die Hand drücke, oder eine Schnecke, die am Weg kriecht, oder einen angebißnen Holzapfel, es wär immer noch gescheuter als die Antwort, die mir einfällt. Mich geht kein Erdenschicksal was an, weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab. – Wär ich auf dem Thron, so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwälzen, sagte ich gestern abend zum Voigt. »Meinetwegen«, sagte er, »schad ist's nicht drum; auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die mühseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes Zeugnis von ihrer lächerlichen Autorität; solche haben so großen Respekt vor ihrer hohen Tendenz, daß sie sich nicht getrauen, sich ins Gewissen zu reden; sie meinen, was durch sie geschähe, wäre der Schicksalsschlüssel, der durch sie die Zukunft aufschließt, die schon fertig daläge und nicht erst durch ihren Unsinn verkehrt gemacht wird, sie würden sich nicht getrauen, vollkommne Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedürfnisse der höheren Menschenrechte vor sich selber zu vertreten; o nein! je dringender die Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rücken, je mehr glauben sie sich mit Philistertum verschanzen zu müssen und suchen sich Notstützen an alten, wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Räte aller Art, geheime und öffentliche, die weder heimlich noch öffentlich anders als verkehrt sind – denn das rechte Wahre ist so unerhört einfach, daß schon deswegen es nie an die Reihe kommt. Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie.« – So politisiert mir der Voigt gewöhnlich unterm Sternenhimmel noch eine Stunde vor, wo ich bei schönem Wetter auf der menschenleeren Terrasse mit ihm wandle; er sagt: »Hören Sie mir immer zu, Sie sind noch jung und haben mehr Energie im Judizium vor den andern allen, oder vielmehr: wo ist's geblieben, könnte man die andern fragen, denen die Ohren nach Fabeln jücken und die sich von der Wahrheit abwenden oder sie nach eignem Gelüst auslegen, daß sie ihnen zur Fabel wird.« – Den Voigt will kein Mensch anhören, jedermann schreit über ihn, ich aber fühl mich sehr geehrt, daß er mir gern das ernste Große seines Geistes darlegt, ich hör ihm begierig zu. Er ist so kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht, daß man keine Zeit im Schwanken verliert und daß man einen Heldencharakter bedarf, ihm zu folgen. »Für einen Freund muß man in den Tod gehen können. – Wer nicht alles hingibt, den eignen Genuß, die selbsterworbne Größe, um den Freund zu stützen, gehört nicht zu der Gattung Geschöpfe, die Freundschaft empfinden. – Was ist Gefühl? – Farbe, die nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl, der ist die Liebe – also braucht man vor keinem Sentiment Respekt zu haben, es ist lauter eingebildet Zeug. – Es gibt tausend Handlungen, die man niemand verargen kann, wer aber Hochsinn hat, der wird selbst aus Demut solche Handlungen töten, zum Beispiel: einer, der seinem Freund alles Böse, was in seiner Natur ihm widerspricht, offenbarte, tötet der nicht auf der Stelle alle Pharisäer?« – Das war noch gestern abend, was ich von seinem Gespräch behielt, nicht der zehnte Teil, denn er ist rasch, wie ein Schmied beim glühenden Eisen; ich frug ihn, warum er vor andern nicht auch so spreche; er sagte: »Wenn ich mit einem Wein will trinken, so muß ich einen Becher haben, in den ich ihn eingieße; Ihre Seele ist ein Becher.«


Montag

Zwei-, dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichtem Gebüsch, bergauf, bergab – da kommt man an einen Fels, glatte glänzende Basaltfläche, die die Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauberspiegel auffängt, dazwischen grüne Moossitze; heute morgen war ich hierher gegangen, es ist mein gewöhnlicher Spaziergang, wenn ich allein bin, nicht zu weit und doch versteckt – da sah ich noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen, und über mir ward's immer goldner, die Morgenschatten zogen ab, die Sonne krönte mich, sie prallte scharf vom schwarzen Stein zurück, sie brennte sehr stark, sie drückte doch nicht meine Stirn, ich wollte eine Krone schon tragen, wenn sie nicht schärfer drückt als die heiße Augustsonne; so saß ich und sang gegen die Felsen hin und hörte aufs Echo, und die Regierungsgedanken stiegen mir in den Kopf. So nach Grundsätzen die Welt regieren, die in innerster Werkstätte meiner Empfindung erzeugt wären und alles Philistertum um und um stoßen, das sind solche Wünsche, die an einem so heißen Sommermorgen mir in den Kopf steigen und wozu Voigts Sternengespräche einen starken Reiz geben; er sagte, alles Gefühl, aller Begriff werde zu einem Vermögen, es ziehe sich wohl zurück, aber zur unerwarteten Stunde trete es wieder hervor – und da setze ich mich an einsame Orte und simuliere so ins Blaue hinein und komme zu nichts, zu keinem hellen Augenblick, nur daß mir oft das Herz unbändig klopft, wenn ich dran denke, daß ich das Geschrei der Philister, die des Geistes Stimme mit Grundsätzen bedrängen, durch das bloße Regiment meiner Empfindung ersticken wolle; ja, es wär eine himmlische Satisfaktion für die Rutenstreiche, womit sie blind alle Begeistrung verfolgen. Günderode, ich wollt, Du wärst ein regierender Herr und ich Dein Kobold, das wär meine Sach, da weiß ich gewiß, daß ich gescheut würde vor lauter Lebensflamme. Aber so! – ist es ein Wunder, daß man dumm ist? – Und so war ich bald im Sonnenbrand ganz träumerisch versunken und jagte im Traum auf einem Renner wie der Wind nach allen Weltgegenden und richtete mit hoher, übertragner Begeisterung von Dir die Welt ein und kommandierte wohl auch hier und da mit einem Fußtritt, mit einem Fluch dazwischen, damit es geschwind gehe – aber Dein Dramolett zu lesen, was ich mitgenommen hatte, mich recht hineinzustudieren, das hab ich versäumt durch die vielen heftigen Bewegungen meiner Seele; ich mußte mich beschwichtigen mit Schlafen, was mich immer befällt, wenn mir die Schläfen so brennen vor heißem Eifer in die Zukunft. O Seelenbecher, wie kunstreich und göttlich begabt ist dein Rand geformt, daß er die brausenden Lebensfluten faßt, wie unrettbar wär ich sonst über dich hinausgebraust. – Mein Freund, das Windspiel, hatte mich aufgespürt, es weckte mich mit seinem Bellen und wollte mit mir spielen, es bellte, daß alle Felsen dröhnten und echoten, es war, als wenn eine ganze Jagd los wär, ich mußte jauchzen vor Vergnügen und Lust mit dem Tier; es hatte mir meinen Strohhut apportiert, den ich den steilen Fels hinabgeworfen hatte, mit so zierlichen langhalsigen Sprüngen – so ist's, wenn man einem gut ist, da mißt man nicht die Gefahr des Abgrunds, man vertraut in die eignen Kräfte, und es gelingt. – Ach, Günderode, es wär viel, wenn der Mensch nur erst so weit wär, seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel; es legte mir seine Pfoten um den Hals, wie es mir meinen Hut gebracht hatte, ohne ihn zu verderben; ich nannte es zum Scherz Erodion und dachte, so müsse der an der Göttin Immortalita hinaufgesehen haben, denn es ist so edel und schien und kühn, und Menschen sehen nicht leicht so einfach, groß und ungestört aus in ihrer Weise, wie Tiere es oft sind. Der Herzog war dem Bellen seines Hundes nachgegangen und kam hinter den Bäumen hervor; er fragte, warum ich den Hund so nenne, dem er Cales ruft, und sagte, es sei der Name eines Wagenführers vor Troja, den der Diomedes erschlagen; ich zeigte ihm Dein Gedicht, um zu erklären, wo mir der Name Erodion herkomme; er setzte sich auf den Fels und las es teilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen, die send ich Dir; Du siehst, er hat es mit Sammlung gelesen und dann sogar mit Liebe. Ich weiß nicht, wie oft Dich der Zufall begünstigen wird, die feineren Saiten der Seele zu rühren, so wird's Dich freuen. – Er frug mich, ob ich denn das Gedicht verstehe? – ich sagte nein! aber ich lese es gern, weil Du meine Freundin seiest und mich erziehst. Er sagte, eine Knospe ist dieses kleine, sorgsam vor jeder fremden Einwirkung geschützte Erzeugnis, die die große Seele der Freundin umschließt; und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch unentwickelten Sprache schlummern Riesenkräfte. Die Inspiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die Schwingen in Dir; und weil die Welt zu schmutzig sei für so kindlich reine Versuche, Deine Ahnungen auszusprechen, so werde sie diesen anspruchslosen Schleier, der Deine weitausgreifende Phantasie und Deinen hohen philosophischen Geist umschlinge, nicht entfalten. – Ich ließ mir dieses Lob verwundert gefallen; er begleitete mich, ich mußte ihm auf dem Weg von Dir erzählen, von unserm Umgang, von Deinem Wesen, von Deiner Gestalt; da hab ich mich zum erstenmal besonnen, wie schön Du bist, wir sahen eine vollsaftige weiße Silberbirke in der Ferne mit hängenden Zweigen, die mitten am Fels aus einer Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Tal sich neigt; unwillkürlich deutete ich hin, wie ich von Deinem Geist sprach und auch von Deiner Gestalt; der Herzog fragte, die Freundin werde wohl jener Birke gleich sein, auf die ich hinweise? – Ich sagte ja. So wollte er mit mir zusammen hin und Dich von nahem beschauen, aber es war so glatt und steil da hinan, ich meinte nicht, daß wir hinkommen würden – er vertraute auf den Cales, der werde uns schon einen Weg ausfinden. »Was hat sie denn für Haar?« – »Schwärzlich glänzend braunes Haar, das in freien, weichen Locken, wie sie wollen, sich um ihre Schultern legt.« – »Was für Augen?« – »Pallasaugen, blau von Farbe, ganz voll Feuer, aber schwimmend auch und ruhig.« – »Und die Stirn?« – »Sanft und weiß wie Elfenbein, stark gewölbt und frei, doch klein, aber breit wie Platons Stirn; Wimpern, die sich lächelnd kräuseln, Brauen wie zwei schwarze Drachen, die mit scharfem Blick sich messend, nicht sich fassend und nicht lassend, ihre Mähnen trotzig sträuben, doch aus Furcht sie wieder glätten. So bewachet jede Braue, aufgeregt in Trotz und Zagheit, ihres Auges sanfte Blicke.« – »Und die Nase, und die Wange?« – »Stolz ein wenig und verächtlich, wirft man ihrer Nase vor, doch das ist, weil alle Regung gleich in ihren Nüstern bebet, weil den Atem sie kaum bändigt, wenn Gedanken aufwärts steigen von der Lippe, die sich wölbet frisch und kräftig, überdacht und sanft gebändigt von der feinen Oberlippe.« – Auch das Kinn mußt ich beschreiben; wahrlich, ich hab nicht vergessen, daß Erodion dort gesessen und ein Dellchen drin gelassen, das der Finger eingedrückt, während weisheitsvolle Dichtung füllet ihres Geistes Räume; und die Birke stand so prächtig, so durchgoldet, so durchlispelt von der Sonne, von den Lüftchen, war so willig sich zu beugen, hold dem Strom der Morgenwinde, wogte ihre grünen Wellen freudig in den blauen Himmel, daß ich nicht entscheiden konnte, was noch zwischen beiden liege, jenem zukömmt und dem andern nicht. – Cales fand mit manchen Sprüngen erst den Weg zur Birke, dann der Herzog, ich blieb zurück; ich hätte leicht nachkommen können, aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart. Er schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fuß und sagte, er wolle, sie solle die Freundschaftsbirke heißen; und er wolle auch unser Freund sein. Ich war bereitwillig dazu; ach laß ihn, er kommt den Winter nach Frankfurt, erstlich vergißt ein Prinz leicht so was über vielen andern Zerstreuungen, denn er glaubt gar nicht, daß es möglich wär, daß, wenn man sich ganz an etwas hingäbe, daß dadurch grade allein der Scharfblick die Wägungskraft der Allseitigkeit entspringe, nach der sie alle jagen und sich drin verflattern, und dann ist er auch krank und hat wenig gesunde Tage; einem solchen muß man alle heilende Quellen zuströmen. – Adieu. Morgen nachmittag ist eine große Partie zu Esel, und morgen vormittag geht die gute Kurprinzessin weg. – Und in aller Früh, um drei Uhr, wollen die Engländer mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen sehen; die andern wollten den Voigt nicht mit haben, ich hab's ihm aber doch gesteckt, sonst langeweile ich mich, so wie die andern behaupten, daß er sie langeweilt. Morgen früh kommt die Botenfrau, ich schicke diesen Brief mit, obschon er noch nicht so gefährlich lang ist wie mein erster, aber Du bist maulhängolisch, und da will ich Dich ein bißchen kitzeln mit der anmutigen Geschichte vom Herzog, daß Du mit Gewalt lachen mußt, wenn Du auch noch so sehr den Mund zusammenziehst. Gelt, es macht Dir doch Pläsier? Ich hab mir seine Liebeserklärung abgeschrieben an Deine Immortalita, die von seiner Hand gehört Dein – er hat's geschrieben für Dich, Du kannst Wert darauf legen; ich hör, daß er sehr berühmt ist, großartig, witzig und sehr gefürchtet deswegen von manchen Menschen; er wär aber auch sehr großmütig und gutmütig, aber viele wollen doch nicht gern mit ihm zu tun haben aus Furcht, seine beste Freundlichkeit wär doch ein heimlicher Witz. Was das für eine Narrheit ist; über mich möcht einer sich lustig machen, soviel er wollt, es wär mir recht angenehm, wenn's ihm Pläsier macht.

Bettine

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