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Die Günderode

Bettina von Arnim: Die Günderode - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Günderode
authorBettine von Arnim
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32402-X
titleDie Günderode
pages5-522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Heut sind die Früchte angekommen und die Blumen all noch frisch, Dein Brief duftet mit dem Heliotrop und gelben Jasmin in meiner Brust, wo ich ihn hingesteckt hab. Was Du mir sagst, scheint mir auch vom Dämon durch Dich gemeldet, Du kleidest seine Weisheit in Balsam hauchende Redeblüten – ich soll und muß Dir recht geben, nicht wahr? – Meinst Du, es wird den Dämon verdrießen, wenn ich ihm nicht nachgebe mit der Eifersucht? – und daß meine Leidenschaft in so stolzen Flammen aufsprüht und will ihn gefangennehmen, wo er sich verborgen hat in Dir? – Eifersucht fährt heraus aus dem Geist der Liebe, als wär's der Dämon selber; sie ist eine stark bewegende Kraft, ich weiß, was ich ihr zu danken hab; – ja, vielleicht ist sie eine Gestalt, in die sich der Dämon kleidet; wenn ich eifersüchtig bin, ist mir's immer göttlich zumut, alles muß ich verachten, alles seh ich unter mir, weil es so hell in mir leuchtet, und nichts scheint mir unerreichbar, ich fliege, wo andre mühselig kriechen; und während mir's im Herzen ängstlich pocht, da rauscht's im Geist so übermütig, ich biete Trotz, so arg Trotz, daß ich ohnmächtig werden muß, aber mein Mut sinkt nicht, der ist noch stärker, wenn ich mich erhole; nach was verlang ich denn? – was will ich mir erzwingen? – Ja, es ist gewiß der Dämon, den ich wittere; als ich Dir in die Hand biß und an zu weinen fing, so war es doch der Dämon, der mich neckte, nicht Deine Geheimnisse, die Du mit andern hast, die mich nichts angehen; ich weiß, daß die nicht zwischen uns treten, und Du, wo willst Du hin? – Ich und Du, uns berührt nichts in unserer Eigentümlichkeit miteinander. Aber es schlägt Feuer aus mir, daß ich ihn fassen will und will mich an ihn klammern, denn er war gewiß oft zwischen uns beiden; meine Ahnung war nicht falsch, und ich wollt ihn gern an mich reißen, als ich von Dir ging; drum biß ich Dich und schrie. – Ja, es ist Eifersucht – wie soll ich aber nicht eifersüchtig sein, es ist ja die einzige Möglichkeit meines Gefühls; schmeicheln kann ich ihm nicht, ihm vertrauen, wie kann ich das; ich weiß ja nicht, ob er mir lauscht. Aber daß meine Eifersucht rege wird, wo ich ihn ahne, daß ich da mächtig mit den Flügeln schlage um ihn, der mich selber dazu reizt, das ist die Stimme der Wahrheit heißer Liebe. Ja! ja! ja! – da brauch ich mich nicht zu erschöpfen in Vorbereitungen, da bin ich nicht mehr zerstreut und zaghaft gar nicht. Ach, Günderode! und nun antwortet er mir so sanft in Deinem Brief, Du bist ganz mitleidig geworden durch ihn, er hat dich so gestimmt und verkündet mir in Deinen Worten, wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken werde und daß ich nicht verzage. – Ja, ich glaub's, daß er mir alles sagt, was Du mir schreibst; er versüßt mir die Pausen mit Träumen von ihm und verheißt mir, daß er allen Raum ausfüllen werde mit Geistesblüten, wie das Meer mit Wellen ausgefüllt ist. Ewigkeit ist allumfassendes Empfinden, nicht wahr, das sagte die Narzisse zur Viole, und die senkt den Blick in den eignen Busen und beschränkt sich in die Unumgrenztheit der Liebe, die sie da ahnt und fassen lernt. – Nicht alles ist der Liebe fähig, aber wenn ich dem nachgehe, was ihrer fähig ist, dann werd ich's durchdringen. Wo soll mein Geist den Fuß aufsetzen, überall ist er fremd, wenn es nicht selbsterobertes Eigentum der Liebe ist. – Versteh ich mich? – ich weiß selbst nicht. – Die Augen sind mir vor Schlaf zugefallen so plötzlich über dem Besinnen, ich muß morgen früh um sieben Uhr den Brief dem Boten mitgeben; überdies brennt mein Licht so düster, es wird bald ausgehen; gute Nacht, Brief! Der Mond scheint so hell in meine Stube, daß die ganz klingend aussieht – die Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in den Mond. Alleweil will das Licht den Abschied nehmen, ich will aber sehen, ob ich nicht im Mondschein schreiben kann. – Ich bin so vergnügt wie die Blätter, wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht, und der Himmel wird wieder hell, und sie schlafen dann ruhig ein, weil's Gewitter vorbei ist. Da hör ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien; sollte das ein Käuzchen sein, das die Frau Hoch einen Totenvogel nennt? Er schreit ganz dicht vor meinem Fenster; ach, Günderödchen, ich schäm mich ein wenig, weil ich mich ein wenig fürchte. Meine Stube ist so düster, das Licht wird gleich ausgehn, die Berge da üben sind so grausend, man sieht sonderbare Gestalten, die kleine Quell unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedächtig wie ein alt Hausgespenst. Was bin ich so dumm? – Da fällt mir der Dämon ein, und sollt mich fürchten vor dem Käuzchen; siehst Du, so albern bin ich, und doch macht die inwendig Seel solchen Anspruch, der Geist soll sie heimsuchen, und fürcht mich vor dem Käuzchen! – gleich mach ich's Fenster auf und seh nach ihm, da fliegt's weg; die Sterne funkeln zu Tausenden am Himmel; da unter meinem Fenster steht meine alte Invalidenschildwach und paßt vermutlich auf ein Ständchen von meiner Gitarre, was er gewohnt ist, alle Nacht zu hören; ich werd ihm ein Lied von der heiligen Jungfrau Maria singen, denn es ist heut Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag, wie ich irrigerweise sagte; ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben, Du wirst nicht lesen können; nun, es schad nichts, es steht auch nichts drauf, was Du notwendig wissen müßtest; es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauerchen von Furcht, ich hab auch keinen Schlaf mehr. Der Mond schwimmt so eilig hinter den weißen Wölkchen hervor, daß es mir ordentlich im Herzen Gewalt antut. Ich muß singen, sonst muß ich weinen.

Gute Nacht. Bettine

Günderödchen. Die Engländer sind recht närrische Passagiere, sie brachten mir einen Brief vom L'ange mit, der mich warnt, mich nicht in sie zu verlieben. – Der mit dem gepuderten Haupte, Mr. Haise, ließ sich gestern in einem Nanking-Morgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln; die Tonie sah zum Fenster hinaus, sie wollte nicht hinunter, sie schämte sich vor den Leuten, wenn er mit ihr spreche, weil er so absonderlich aussieht. – Ich sah aber, wie er herauflugte nach unsern Fenstern, und wie er die Tonie erblickte, da rief er sie an, bei dem herrlichen Wetter herunterzukommen; ich mußte mit; er spannte einen grünen Parapluie über ihr auf, um sie vor der Sonne zu schützen; so mußte sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandeln, ich lief herauf und machte eine Zeichnung davon, die ich der Tonie ins Arbeitskästchen legte, was sie immer mitnimmt auf die Terrasse zum Tee, und freute mich schon auf die Bewundrung, wenn es erblickt würde. Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte Seide drauf; sie wollte nachher schmälen, ich hatte ihr aber einen so schönen Kranz gemacht von Farnkraut, der ihr so gut stand und ihre Wunderschönheit noch erhöhte, daß wir ganz kontent auf den Ball kamen, der beinah aus so viel Karikaturen bestand, als Menschen da waren. Der Clemens hat mir aus Weimar geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben – überflüssig! – wär er doch auf dem Ball gewesen – höchstens daß man einem Rippenstoß ausgesetzt ist, sonst ist keine Gefahr. – L. H. war auch da mit seinen Schwestern, wird alle Tage blauschwärzer von seinen Stahlbädern; sein extraweißer Jabot und Halsbinde machten dies in die Augen fallend; er war sehr fein und elegant gekleidet, denn da er eine diplomatische Ambition hat, so versäumt er keine Gelegenheit, sich standesmäßig auszuzeichnen. Solange wir am Eingang saßen, wo viele Menschen sich drängten, merkte keiner was; als L. H. aber vortrat, um irgendwem sein Kompliment zu machen, entdeckte man, und Franz, der an meiner Seite saß, zuerst, daß er statt eines Fracks einen Joppel anhatte ohne Schößen, rund wie ein Fleischerwams; dies sah gar zu närrisch aus, mit schwarzseidnen Beinkleidern, weißseidnen Strümpfen und Schnallenschuh, kurz, vollkommene Hofetikette und Federclaque unterm Arm. – Er hatte, während die Familie sich zum Ball fertig machte, den Überrock angezogen, dann lief er in sein Zimmer, wo ihm der Wind das Licht auslöschte, um den Frack anzuziehen, und ergriff statt dessen einen englischen Halbrock, den die Herrn nach neuster Mode bei kühler Witterung über den Frack anziehen. – Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem großen Publikum präsentiert und noch mit dem Rücken gegen uns gewendet; es wurde in Eile Konzilium gehalten und beschlossen, zwei Damen, Lotte und die B., sollten ihn gesprächsweise sanft rückwärts schreiten machen, ohne ihm das verfänglich Dilemma, in welchem er sich befinde, zu entdecken, bis er gerettet sei; dabei sollten Tonie, Franz und Voigt eine kleine Hintertruppe bilden, um seinen Rückzug zu decken; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition, weil ich vor Lachen über die unerschöpflichen Witze von Franz untauglich dazu war. Der Zug rückte aus und drängte sich schon zwischen manchen verwunderten Blick, der auf dem schößlosen Rücken haftete; sie schlichen immer behutsamer heran, je näher sie kamen; so schleicht man sacht hinter einem Vogel her, dem man Salz auf den Schwanz streuen will, um ihn fangen zu können, aber er fliegt weg, ehe man nah genug kommt; so kam es auch hier; als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu haschen meinten, wendete er sich plötzlich am. Ach! ich sprang hinter den Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein und biß in den Vorhang vor Lachvergnügen und ging nachher auch fort, denn mir war's zu übermütig für den Gesellschaftssaal; der Voigt begleitete mich und erzählte mir, daß die Arrieregarde ihn durchpassieren lassen, sich dann dicht angeschlossen und wie einen vornehmen Staatsgefangenen transportiert bis zum Eingang, dort habe er sich niedergelassen, wo man ihm seine ästhetische Fatalität mitteilte sind er sich, umgeben von seinen Getreuen, zurückzog; jetzt würden sie wohl die ganze Nacht kein Auge zutun, denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein möchte, so ist ihm gewiß bange, sein Schicksal untergraben zu haben durch den zipfellosen Aufzug. Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse, wo es so still war; man hörte die Violinen vom Ball; die Wolken überzogen prophezeiend (ein Gewitter nämlich) das Sternenheer und senkten sich auf unsere Berge; die Bäume standen so erwartungsvoll still den Gewittersegen erwartend; die ganze Gegend sah aus, als ob sie sich zu ihrem Schöpfer wende; Voigt vergaß darüber seine unzähligen Witze, mit denen er mich überschwemmt hatte; die entfernten Lichter und Feuer, die in den umliegenden Hütten brennten, funkelten durch das Grün der Bäume wie Opferfeuer zum Alliebenden; so weit man sehen konnte, sah die Welt aus, als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle für alle, für Dich und für mich, für unser ganz Leben, bis an die letzte Nacht. – So ist die Natur süße Fürbitterin, immerdar; alle Seufzer wiegt sie ein; so wollen wir ihr denn danken dafür und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht.

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